Anlaß und Vorbemerkungen
Anlaß zu dieser kritischen, d.h. alle
Voreingenommenheiten möglichst abscheidenden Lektüre und
deren im folgenden mitgeteilten Aufzeichnung
- Anlaß dazu war ein mir
zur Kenntnis gekommener und, wie mir schien, besonders prekärer
Fall, bei dem ein noch jüngerer Mann, allem Anscheine sowie
nach eigenem Selbstverständnis frommes Mitglied einer
christlichen Kirche, seine ebenfalls fromme, aber im
Unterschied zu ihm wohl echt gläubige Frau wie sein Eigentum,
gelegentlich fast wie einen Gegenstand behandelte, der
jederzeit seinem Willen unterworfen und ihm gefügig zu sein
habe. Jede von ihr versuchte Gegenwehr habe er durch
Bibelzitate, die sein Handeln und Verhalten angeblich
legitimierten, jeweils zu lähmen verstanden.
Daß so etwas in unserer Zeit und
Gesellschaft möglich sein könnte, noch dazu unter Berufung
auf maßgebliche biblische und christliche Glaubenszeugen
- das wollte mir nicht in
den Sinn.
Bekannt war mir zwar, daß Männer
untereinander, aber durchaus auch in Gesellschaft von Frauen
schon öfter einmal die angebliche Überlegenheit des Mannes
mit dem Hinweis auf die angebliche Entstehung der Frau aus
einer Rippe Adams zu belegen versuchten. Aber solche Aussagen
erfolgten meist zu später Stunde, dazu in geselliger Runde.
Und weder der solches zitierende Mann noch die Anwesenden,
Frauen eingeschlossen, s c h i e n e n
solche Aussagen wahrhaft ernst zu nehmen. Es war eher wie das
Mitteilen einer allen als fragwürdig bekannten
gesellschaftlichen Norm, die man, augenzwinkernd, bespöttelte.
Aber dieser Eindruck von humoriger
Harmlosigkeit hat wohl doch eher getrogen. So, wie man, je
weiter man sich zeitlich von den unseligen Zeiten
antidemokratischer, inhumaner totalitärer Regime entfernt,
das merkwürdige Phänomen beobachtet, daß trotz aller
sogenannter Erziehung zum
freiheitlich-demokratisch-rechtsstaatlichen Geiste die
praktischen menschlichen Verhaltensweisen im Alltag sich
darstellen, als hätte es niemals geschichtliche Erfahrungen
und niemals die große Anstrengung zur sog. deutschen
Re-Edukation gegeben. Ja -
man stellt plötzlich, oft gerade bei jüngeren Menschen fest,
daß sie alles das, was sie bei einer Beteiligung an einer
Demo möglicherweise so lautstark und zungenfertig
herunterzubeten –oder –leiern-
in der Lage sind, in ihrem persönlichen praktischen Leben
kaum verwirklichen, ja nicht einmal beachten und oft genug
geradezu grausam dagegen verstoßen.
Das betrifft auch das Prinzip von der
Gleichberechtigung der Frau. Und es will mir scheinen, als
verhalte es sich mit dem so harmlos wirkenden Scherz von der
Entstehung der Frau aus einer Rippe des Mannes eher um eine
Art von untergründigem Meinungs-Geflecht, einem Myzel, das
alle an der Oberfläche der menschlichen Welt bestehenden
gesellschaftlichen Ordnungen unterwächst und immer in der
Lage ist, zu jeder Zeit und an jedem Ort denselben heimtückischen
Pilz in die Wirklichkeit der Oberflächenwelt durchbrechen zu
lassen.
Hier stoßen wir auf ein Phänomen, das größter
Aufmerksamkeit bedürfen sollte. Denn der wirkliche und
nachhaltige "Fortschritt" der Menschheit wird nicht
nur abhängen von den E r k e n n t n i s s e n
unserer Wissenschaftler und Philosophen, sondern vor allem
davon, wie es gelingt, diese Erkenntnisse ins Bewußtsein der
Masse der Menschen zu bringen, noch mehr aber davon, mit
welcher Bereitschaft jeder einzelne dieser Menschen sein
praktisches Leben davon bestimmen lassen wird.
Zwar sind Mann wie Frau -
Menschen. Aber das Verschieden-Geschlechtliche begründet wohl
eben doch einen Unterschied zwischen ihnen. Der ist
biologischen Ursprungs, kann daher nicht bestritten werden und
- hat gewisse
Verschiedenheiten in den Denk-, Empfindungs-, Einstellungs-
und Verhaltensweisen zur Folge.
Völlig unabhängig davon ist dagegen die
Tatsache, daß beide, Mann wie Frau, M e n s c h e n
sind. Und daß beiden, jedem von ihnen, demzufolge die
gleichen Rechte als Mensch zustehen. Es geht nicht an, daß
einer von ihnen, ob nun der Mann oder - auch
d a s gibt es - die
Frau, ein Vorrecht für sich beansprucht, nämlich z.B. den
anderen zu dominieren, die Unterordnung unter den eigenen
Willen zu verlangen, diese ggf. sogar durch Anwendung
irgendeines Druckmittels, vielleicht sogar mittels Gewalt zu
erzwingen.
Eine derartige Verhaltensweise ist weder
vor den für uns geltenden i r d i s c h e n
Gesetzen, so z.B. vorm Grundgesetz der Bundesrepublik
Deutschland, noch vor dem g ö t t l i c h e n
Gesetz rechtens. Nach der bei uns heute geltenden irdischen
Gesetzeslage verstieße eine derartige Verhaltensweise gegen
das Gebot zur Achtung der Würde des Menschen wie auch gegen
das Gebot der Gleichheit des Anderen. Wie anhand der einschlägigen
Grundgesetz-Artikel leicht nachzuweisen ist. Auch die der
Verfassung nachgeordnete Gesetzgebung stellt eine solche
Verhaltensweise unter Strafe bzw. macht sie zum Grund einer
Aufhebung der Ehe (vgl. die Pflicht zur ehelichen
Lebensgemeinschaft nach BGB § 1353 (2) oder die Aufhebung
einer Ehe wegen Irrtums über die persönlichen Eigenschaften
des anderen Ehegatten nach Ehegesetz § 32), ganz abgesehen
von den strafrechtlichen Bestimmungen zum Schutze des
Individuums, die für jeden Menschen, also auch für die Frau
gelten.
Die auf unser Thema bezogene mögliche
Annahme, eine derartige Gleichstellung der Frau sei das
Ergebnis moderner historisch-politischer Entwicklungen
- und könnte möglicherweise,
rückwärtsgewandt, ungerechtfertigt in frühere Zeiten
hineininterpretiert werden, die hinsichtlich der
Gleichberechtigung der Frau weniger modern gewesen seien
- diese Annahme vermag
nicht zu überzeugen, wenn man bedenkt, daß unsere gesamte
heutige säkulare Kultur insbesondere auf dem Christentum
beruht. So daß viel eher anzunehmen ist, daß es von den
Zeiten Christi und seiner direkten Nachfolger bis heute
gebraucht hat, ehe sich die im Christentum vorgezeichnete und
ausgesprochene Gleichheit der Frau auch in der politischen
Kultur und Gesetzgebung hat durchsetzen können
- ohne deshalb allerdings,
und da sind wir bei unserem Problem, schon zur Maxime des
Handelns jedes potentiell freien Individuums in dessen persönlichem
Lebensbereich geworden zu sein.
Bleibt bei allem die interessante Frage,
wie die Ehe - und damit das Verhältnis von
Frau und Mann - in den christlichen
Glaubensgrundlagen, dem Alten und Neuen Testament, dort
besonders in den Evangelien und später in den paulinischen
Briefen, gesehen wird. Ich bin aus diesem Grunde diese
genannten Schriften unter diesen Stichworten und
Gesichtspunkten durchgegangen und habe bei dieser Lektüre das
nun Folgende ermittelt.
Das Verhältnis von Mann und Frau in den
vor-paulinischen biblischen Quellen
Beim Evangelisten Markus im Kapitel 10
lesen wir : seit Anbeginn der Schöpfung habe Gott sie
als M a n n u n d
W e i b geschaffen. Deswegen werde
der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem
Weibe anhangen, und die zwei sollen z u
e i n e m F l e i s c h e
werden, so daß sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch
seien.
Ganz ähnlich und im wesentlichen mit
Markus übereinstimmend äußert sich der Evangelist Matthäus
in 19, 3.
Hier wird also - und zwar
ganz e n t g e g e n
einem weit verbreiteten, angeblich aus dem Alten Testament
stammenden und bis ins verflacht-säkulare Denken
nachwirkenden Mythos - davon gesprochen, daß
Gott ganz am Beginn seiner Schöpfung Mann u n d
Weib geschaffen habe. Keinen früher, keinen später, sondern
beide g l e i c h z e i t i g .
Das widerspricht a n g e b l i c h
dem aus dem Alten Testament stammenden Mythos, daß Gott
zuerst den Mann - und erst
danach, aus dessen Rippe, das Weib erschaffen habe. So, wie es
Männer bis heute nicht nur gern nacherzählen, sondern wie
es, vielerorts offenbar, im Bewußtsein und Selbstverständnis
wie -wertgefühl von Männern als geglaubte Wahrheit lebendig
ist und - ihre Haltung und
Verhaltensweise bestimmt.
Wie verhält es sich nun wirklich mit
diesem angeblichen Mythos ?
Mann und Weib in der Genesis
In der Genesis, der Schöpfungsgeschichte,
Kapitel 1, heißt es wörtlich, und zwar in der Übersetzung
Luthers : "Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf s i e
e i n e n M a n n
u n d e i n W e i b .
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen : Seid fruchtbar
und mehret euch und füllet die Erde, und macht sie euch
untertan …".
Doch dann, kaum war‘s gesagt, findet sich
im 2. Kapitel Mosis, Vers 21 ff. die folgende Erzählung :
"... aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden,
die u m (gesperrt von mir) ihn wäre. Da ließ
Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und
er entschlief. Und nahm seiner Rippen eine, und schloß die Stätte
zu mit Fleisch. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der
Rippe, die er von dem M e n s c h e n
(gesperrt von mir) nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der
Mensch : Das ist doch Bein von meinem Beine und Fleisch
von meinem Fleisch …".
Wie geht das beides zusammen ? Wird
hier, und das so kurz nacheinander, ein Widerspruch erzählt ?
Oder hat, vermutlich derselbe Erzähler, schon im 2. Kapitel
vergessen, daß er die Erschaffung auch des Weibes eben gerade
im 1. Kapitel berichtet hatte ?
Gar keinem Zweifel kann unterliegen, was da
im 1. Kapitel Mosis steht : Gott schuf d e n
Menschen. Den Menschen als eine Einzahl. Er schuf ihn als
Abbild seiner, Gottes, selbst. D.h. aber nicht als Abbild
seiner göttlichen Totalität, Allmacht, seiner sog. ontischen
Erscheinung, sondern als Abbild der in ihm, Gott, enthaltenen
Schöpferkraft. Als ein Wesen, das seinerseits, wenn auch auf
einer niederen ontischen Qualitätsstufe, fähig und mächtig
sein sollte, Neues, neues Leben hervorzubringen. Als Abbild
Gottes wie dieser fähig, aus sich Abbilder seiner, des
Menschen, selbst hervorzubringen. Und Gott bewerkstelligte das
dadurch, daß er den Menschen in diesem selbst als eine Dualität
erschafft. Im Text (Übersetzung Luthers) wird das so ausgedrückt :
er schuf "i h n", den Menschen. "...
u n d " (= indem, in der Weise)
"schuf sie einen Mann und ein Weib". Was nur
bedeuten kann : da ist eine Einheit : d e r
M e n s c h . Und diese
Einheit M e n s c h ist
i n s i c h eine
Dualität, nämlich "ein Mann und ein Weib". D.h.
also ein - Hermaphrodit.
Ein Wesen, wie es interessanter- und aufschlußreicherweise
auch die griechische Mythologie kennt, nämlich dort ein
Zwitter aus dem Gott Hermes und der Göttin Aphrodite. Wir
kennen inzwischen längst aus der Bio- bzw. Zoologie solche
Lebewesen, die sogar in bzw. mit sich fruchtbar sind, also in
der Lage, Nachkommen zu zeugen.
Genau so wird dieser von Gott ursprünglich
geschaffene Mensch von ihm dazu gesegnet, also befähigt,
fruchtbar zu sein und sich zu vermehren, d.h. Abbilder seiner
selbst zu schaffen.
Aber dann tritt etwas Unerwartetes
- wenn man das bezogen auf Gott sagen kann -
ein : diese Einheit M e n s c h
ist offenbar mit seiner Dualität in sich selbst nicht glücklich.
Es "ward keine Gehilfin gefunden, die u m
ihn wäre". D.h. man vermißt ein Gegenüber, den äußeren
Partner, Gesprächs-, Miterlebens-, Miterleidens-Partner um
sich herum. Als Mit-Mensch wie als Gegen-Part. Man vermißt
jemanden, in dessen Augen man sich selber sehen, selber
finden, wieder-finden, wohl auch : e n t d e c k e n
kann.
Und Gott, dem nichts verborgen ist,
beschließt, diesem vom Menschen empfundenen Mangel
abzuhelfen, indem er diese in einer Einheit beschlossene
Dualität - t e i l t.
Teilt in zwei Einheiten, von denen die eine das männliche,
die andere das weibliche Prinzip und Geschlecht v e r k ö r p e r n
soll.
Die Erzählung im 2. Kapitel Mosis ist also
nicht die Erzählung von der E r s c h a f f u n g
des Weibes - denn die ist ja bereits im 1.
Kapitel geschehen - sondern diejenige von der
T e i l u n g von
Mann und Weib aus der bereits zuvor entstandenen und
bestehenden Einheit. Was da von Rippe und Fleisch erzählt
wird - ist nichts anderes
als der Versuch des Erzählers, seinen menschlichen, an körperhaftes
Denken gewöhnten Lesern bzw. Zuhörern diese ungewöhnliche
Teilung anschaulich und damit verständlicher zu machen.
Dieses Lektüre-Ergebnis wird auf eine sehr
überzeugende Weise bestätigt durch einen Blick in "The
Holy Bible", nämlich der aus den Original-Sprachen übersetzten
und mit früheren Übersetzungen sorgfältig verglichenen, in
Oxford "at the University Press" verlegten und in
den USA gedruckten "Oxford Self-pronouncing Bible".
Dort heißt es in "The First Book of
Moses, called Genesis, Chapter I.", Vers 27 :
"So God created man in his own image, in the image of God
created he him; male and female created he them".
Da ist vom geschaffenen " m a n "
= "Menschen" die Rede, von einem Singular. Dieser
Singular, also die E i n - Zahl,
wird nochmals aufgegriffen : nach seinem, des Gottes,
Bilde "created he h i m ". Und
danach erst heißt es : "male and female created he
them". Was, alles zusammengelesen, bedeutet : Gott
schuf nach seinem Bilde d e n Menschen,
als einen Singular. Jedoch dieser M e n s c h
war kein M a n n . Sondern diesen
e i n e n Menschen gestaltete
er in diesem selbst als Mann u n d Weib,
als männlich u n d weiblich.
Nun könnte man noch meinen, der Verfasser,
hier Moses genannt, habe an dieser Stelle sprachlich nicht
exakt, nicht sorgfältig formuliert, habe dort, wo er vom
M e n s c h e n
spricht, eigentlich den Plural, nämlich d i e
Menschen gemeint, nämlich einen "male"- und einen
"female"-Menschen. Wäre es so, dann wäre
allerdings auch damit die zeitgleiche Erschaffung von Mann und
Weib bewiesen. Doch diese Vermutung wird in "Chapter
2", Vers 19 ff. widerlegt : dort bringt Gott die von
ihm geschaffenen Tiere und Vögel vor -
A d a m , vor den von ihm
geschaffenen Menschen, eine E i n - Zahl,
damit dieser ihnen Namen gebe : "… and brought
them unto A d a m to see what he
would call them …".
Und dann heißt es : "… but for
Adam there was not found an help meet for him." Wieder
ist nur d e r Mensch, Adam, genannt,
eine Einzahl.
Und Gott versetzt Adam in Schlaf, entnimmt
ihm eine Rippe u n d d a z u
das im ursprünglich geschaffenen Menschen enthaltene
weibliche Prinzip - und
schafft aus ihnen das W e i b , nun
als e i g e n s t ä n d i g e s
Lebewesen erscheinend.
Eine der Ursachen für das weithin und oft
aufgetretene Mißverständnis liegt im Englischen in der
Doppelbedeutung von "man". Dieses Wort bedeutet
einmal "Mensch", und zwar hier, in der Genesis, den
ersten und einzigen Menschen. Es bedeutet zum anderen
"Mann", und zwar als das n a c h
der Verselbständigung von "male" und "female"
aus dem M e n s c h e n
entstandene eigenständige Lebewesen.
In der Luther-Übersetzung führt eine
weitere sprachliche Unklarheit, wohl Unkorrektheit, zu Mißverständnissen.
Nachdem Gott Eva zum eigenständigen Wesen gemacht hat, bringt
er sie vor Adam. Und jetzt heißt es bei Luther :
"Da sprach der M e n s c h
…". Es müßte aber nach erfolgter Teilung des Menschen
Adam in Mann und Weib heißen : "Da sprach der
M a n n …". Und es sollte
eigentlich weiter heißen : "Das ist doch Bein von
unserem gemeinsamen menschlichen Beine …".
"Mann" ist also niemals v o r
"Weib" : V o r beiden ist
nur "Mensch", der ursprünglich beide in sich enthält.
Und auch bei der Verselbständigung von "Weib"
entsteht dieses nicht aus "Mann", sondern aus
"Mensch". Und "Mann" und "Weib"
entstehen bei der Trennung dieser zuvor in einer Einzahl
enthaltenen Dualität g l e i c h z e i t i g ,
nicht eines n a c h , schon gar
nicht eines a u s dem anderen :
denn das Weib wird nicht aus dem "Manne", sondern
aus dem "Menschen"; und der bisherige Mensch wird im
selben Augenblick ausschließlich zum "Mann", in
welchem Augenblicke Gott dem Menschen das weibliche Prinzip
entnimmt - und es um die
Rippe des Menschen herum zum eigenständigen Lebewesen
"Weib" macht.
Diese Genesis der beiden verschieden
geschlechtlichen "Menschen" wird in der Oxford-Bibel
sprachlich klarer, als sie aus der Luther-Bibel logisch
allerdings ohnehin zu erschließen ist.
Die Genesis-Rezeption in der
nach-mosaischen Zeit
Spätere, patriarchalische Zeiten haben
dieser zweiten, allerdings falsch gelesenen Erzählung der
Genesis eine größere Bedeutung gegeben, indem sie diese als
die Erzählung von der eigentlichen Entstehung des Weibes
begriffen. Und dabei offensichtlich nur die eine Unterlassung
begingen, die Erzählung im 1. Kapitel der Genesis zu
vernichten. Doch dafür reichten, Gott sei Dank, ihre Möglichkeiten
nicht.
Denn dieses 1. Kapitel Mosis widerlegt ganz
eindeutig die Macho-Interpretation von der Erschaffung des
Weibes a u s dem Manne. Denn der M a n n
entstand, wie wir im vorigen Kapitel darlegen konnten, als ein
e i g e n s t ä n d i g e s
Wesen erst genau in dem Moment, in welchem das W e i b
entstand. Heißt es doch in Mose 1 nicht : Gott schuf den
Mann und danach das Weib, sondern : er schuf den M e n s c h e n.
Er aber, der Mensch, war s o w o h l
ein Mann als auch ein Weib. D.h. Mann und Weib bzw. Weib und
Mann entsprangen gleichzeitig dem Schöpfungswillen Gottes.
Und g l e i c h z e i t i g
entstanden sie, nun geteilt, als die eigenständigen Wesen
Mann und Weib.
Der Evangelist Markus geht, entgegen dem späteren
Versuch, das Weib als abhängig vom Manne erscheinen zu
lassen, beinahe in die entgegengesetzte Richtung, indem er dem
Manne eine gewisse Abhängigkeit vom Weibe nachsagt :
denn e r ist es ja schließlich, der
- in der Übersetzung "Mensch"
genannt - Vater und Mutter u m
d e s W e i b e s
w i l l e n verläßt.
Aber - die Gleichheit und
Gleichwertigkeit beider wird dann wieder betont, indem Markus
es als die Schuldigkeit ("sollen") beider
bezeichnet, b e i d e zu
e i n e m Fleische zu werden,
d.h. die denkbar engste, innigste Verbindung miteinander
einzugehen, so daß eine Trennung eigentlich nicht mehr als möglich
erscheint. Im Grunde eine Rückbesinnung auf die Genesis, wo
es in Mose 1 ja heißt, Gott habe den Menschen geschaffen,
indem er einen Mann und ein Weib schuf, aber zuerst noch
- bis zu des Menschen Wunsch, sich seiner in
einem Gegenüber ansichtig zu werden - zuerst
also noch ungetrennt, in konkreter Bedeutung als "ein
Fleisch".
Die Ehe, die Mann und Weib eingehen, wird
in Markus 10 zur S c h u l d i g k e i t
beider (die zwei s o l l e n …),
gewissermaßen mittels freien Willens wieder zu dem zu werden,
was sie infolge Gottes ursprünglicher Schöpfung bereits
einmal waren.
Und hier tritt übrigens das zutage, was
die christliche Theo-logie charakterisiert und
- auszeichnet : das
Phänomen der Freiheit des Menschen, dem es im vorliegenden
Falle aufgetragen ist, aus der Trennung mittels freien
Entschlusses zur ursprünglichen, gottgewollten Einheit zurückzukehren
- oder es zu lassen. Dann
allerdings in der aus Freiheit getroffenen Entscheidung, auch
die von Gott bestimmten Konsequenzen dafür zu tragen.
Im übrigen erinnert die von Mose erzählte
Genesis des Menschen ganz erstaunlich an den griechischen
Mythos vom Kugelmenschen, wie er von Plato in seinem
"Gastmahl" erzählt wird. Dort heißt es von diesem,
nachdem Zeus den anmaßenden Übermut und die überschießend.e
Kraft der Kugelmenschen durch deren Zerschneiden zu dämpfen
versucht hatte : "Seit so langer Zeit ist demnach
die Liebe zueinander den Menschen eingeboren und sucht die
alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und
die menschliche Schwäche zu heilen. Jeder von uns ist demnach
nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten
…, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig
seine andere Hälfte …".
Deutlich erkennbar liegt hier, im
Evangelium des Markus, wie in ähnlichen Aussagen anderer
Evangelisten die christliche Auffassung von der Ehe und ihrer
Unauflösbarkeit vor, aber eben auch von der gleichzeitigen
und voneinander unabhängigen Erschaffung von Mann und Weib
und von ihrer Gleichwertigkeit.
Von Beginn an steckt allerdings in der göttlich
gewollten Wieder-Einswerdung von Mann und Frau nach ihrer
Trennung - also zweier gleich ursprünglich
und gleichwertig, aber andersartig Geschaffener -
auch das Problem ihrer Freiheiten und deren Abgrenzungen
gegeneinander, d.h. das Problem des reibungslosen
Miteinanderlebens, der Verteilung und Organisation ihrer
Kompetenzen in - nach Markus -
gottgewollter Einheit -
bei gleichzeitiger Berücksichtigung ihrer gottgegebenen
Gleichwertigkeit. Wenn man so will -
und um es modern und säkular zu sagen : das Problem der
Gleichberechtigung der Geschlechter.
Man wird - schon vor einer
Prüfung, was das Neue Testament in bezug auf dieses Problem für
Antworten anbietet - bereits an dieser Stelle
die Überlegung anstellen dürfen : daß eine
Gleichberechtigung zum logischen Korrelat die
Gleichverpflichtung haben muß. Jedem Recht steht eine Pflicht
gegenüber. Wer sich ein Recht nimmt, muß bereit sein, sich
in eine Pflicht nehmen zu lassen. Wobei an dieser Stelle unerörtert
bleiben soll, ob die Rechte eines jeden beider
Gleichberechtigter in einer Gemeinschaft wie der Ehe immer
gleicher Art, gleichen Inhalts oder gleicher Form, also
deckungsgleich sein müssen -
und ob es bei den Pflichten ebenso sein muß. Ob nicht
stattdessen nur die Bilanz stimmen muß, d.h. die
nachweisliche Gleichgewichtung aller Rechte wie Pflichten.
Wobei jedoch, grundsätzlich, die Gleichwertigkeit der beiden
eine Einheit Bildenden nie in Frage gestellt oder gar verletzt
werden darf. Und wozu auch unverzichtbar gehört, daß die
Verteilung der Rechte und Pflichten in gegenseitigem
Einvernehmen geschieht.
Sehr schwierige Fragen, worauf die
Evangelien im Neuen Testament im einzelnen keine detaillierten
Antworten geben. Es steht nirgendwo geschrieben, wie sich
Rechte und Pflichten im Vollzug der alltäglichen Aufgaben auf
Mann und Weib zu verteilen hätten. Man war es offensichtlich
zufrieden, den G e i s t
benannt zu haben, in und aus dem die jeweils zeitabhängigen,
historisch-gesellschaftlich bedingten Alltagsaufgaben im davon
betroffenen Miteinander von Mann und Weib zu verteilen und zu
lösen seien.
Das Verhältnis von Mann und Weib in der
Ehe - in den
nach-evangelischen Schriften des Neuen Testaments,
insbesondere in den Briefen des Apostels Paulus an christliche
Gemeinden
Erst mit dem Hinaustragen des Christentums
in die Ökumene traten derartige Fragen verstärkt an die
Verbreiter des Christentums, die Apostel, heran, allen voran
an Paulus, den man nicht ohne Grund den zweiten Schöpfer des
Christentums genannt hat.
Dieser wurde, besuchte er auf seinen
weitgespannten Reisen eine Gemeinde, häufig um Rat gefragt
auch bei Ehe-Problemen, bei Streitigkeiten zwischen Mann und
Frau. Liest man nun seine Antworten, Ratschläge und Gebote
dazu in seinen überlieferten Briefen an diverse Gemeinden
nach : welche Fülle von Aussagen und Argumenten auf den
ersten Blick ! Dem Anscheine nach kaum eine
Eindeutigkeit, sondern stattdessen Widersprüche, stellenweise
in ein und demselben Kapitel, ja fast im selben Vers.
Verwirrend für jeden, der eine klare Antwort sucht
- doch welch ein Labsal für
den, der in einem Text - wie in einem
Steinbruch ausschließlich eine besondere Art von Stein -
nur d a s sucht, was seine bereits
feststehende Meinung - jedenfalls auf den
ersten Blick - zu bestätigen vermag. Wer
z.B. die Bestätigung dafür sucht, daß das Weib dem Manne
untergeben sei - er findet
sie. Ja, selbst derjenige, der - in mißverständlicher
Auslegung der Genesis von der Erschaffung des Weibes -
nach der Bestätigung für die Entstehung der Frau a u s
dem Manne sucht : er wird im anscheinenden Kaleidoskop
der Aussagen des Paulus auch dafür eine finden.
Wie denn -
P a u l u s , der höchstangesehene
Apostel in der Nachfolge Christi, klug, bereits in seiner
vorchristlichen Lebenszeit hoch gebildet, von der Gestalt, dem
Wirken und der Lehre Jesu Christi so tief getroffen wie kaum
ein anderer in dessen Nachfolge -
d i e s e r Paulus wäre
unverständig, nicht fähig gewesen, sich bezüglich einer
Sache klar im Sinne Christi zu äußern ? Doch wohl kaum.
Aber seine Aussagen ! Was liegt hier vor ? Wie läßt
sich das irritierend Widersprüchliche anders verstehen, als
was es uns anscheinend vor Augen tritt -
eben als Widerspruch ? Gibt es eine Auflösung dieser
offenen Frage?
Zuerst einmal müssen wir uns die
besondere, im Vergleich zu den Vertretern des Christentums
v o r Paulus völlig neue Situation der
Apostel, insbesondere dieses Apostels vor Augen führen. Schon
das Wort "Apostel" deutet darauf hin. Es setzt sich
zusammen aus den griechischen Wörtern "apo" =
"von, weg" und "stellein" =
"senden", bedeutet also etwa "Entsandter,
Abgesandter, Gesandter, Bote". D.h. die christlichen
Apostel, allen voran Paulus, hatten die Aufgabe, die Sendung
übernommen, den christlichen Glauben, beruhend auf der
Botschaft Christi, aus einem engbegrenzten Raume Palästinas
in die damalige Welt, den mediterranen Raum, ins sog. Römische
Weltreich hinauszutragen und in ihm zu verbreiten.
Hierbei stieß Paulus nun auf in
Jahrhunderten patriarchalischer Tradition verfestigte
Strukturen menschlichen Miteinanderlebens, auch und besonders
in der Familie, und somit auf das Verhältnis von Mann und
Frau, in Rechtsvorschriften verfestigt, insbesondere aber im
internalisierten Rechtsdenken und -bewußtsein der Menschen
als das Selbstverständliche und Gewohnte vorhanden und
herrschend.
So fällt denn bei seinen Antworten bzw.
Ausführungen - in den Briefen an die Römer
(7), die Korinther (I,7), die Galater (5), die Epheser (5),
die Philipper (2), die Kolosser (3), die Thessalonicher (I,4),
Timotheus (I,2) - auf den ersten, raschen
Blick zweierlei auf : erstens stellt Paulus die Ehe und
die Gleichwertigkeit der Ehepartner, also von Mann und Weib,
ganz in der Tradition der Evangelien dar, also besonders des
Markus und damit, indirekt, der Genesis. Zweitens aber bringt
er - jedenfalls dem ersten Anscheine nach -
eine neue, so bisher in der christlichen Überlieferung wohl
nicht vorhandene Auffassung ins Spiel -
als eine gewissermaßen von ihm legitimierte christliche, auf
die konkrete Lebenswirklichkeit bezogene Lehrmeinung : nämlich
die Untergebenheit des Weibes unter den Mann, das Weib als
Abglanz des Mannes, ja -
des Weibes Abstammung vom Mann.
D a s ist neu. Derartiges
findet sich, wie gesagt, so in den Evangelien nicht, und die müssen
ja wohl als die originären Überlieferer des Christentums
gelten. So daß man, andere mögliche Ursachen bei einem Manne
wie Paulus ausschließend, mit aller Vorsicht vermuten darf,
daß Paulus dort, wo er den Menschen Derartiges anriet, ganz
bewußt auf die seit eh und je in solchen Gemeinden
verwurzelten vorchristlichen Lebensgewohnheiten Rücksicht
genommen hat.
Zuverlässige Belege für diese These müßten
durch genauere historische Untersuchungen, z.B. über die an
jenen Orten tradierten familien- bzw. zivilrechtlichen Verhältnisse
v o r und z u Zeiten
der Mission des Paulus beigebracht werden.
Das dürfte nicht allzu schwerfallen. Läßt
sich doch vorderhand, auch schon ohne eine solche
Untersuchung, mit Sicherheit sagen, daß, die Römer
betreffend, das Ius Romanum z.B. den Mann als den "pater
familias" mit herausragenden, unvergleichlichen Rechten
gegenüber allen Familienmitgliedern, auch der Ehefrau,
ausstattete. Der römische Mann war, interessanterweise, genau
d a s , was Paulus ihm in seinem Römerbrief
(7), in den Briefen an die Kolosser (3) und an die Korinther
(I,7) bescheinigt : das H a u p t ,
dem das Weib, vorzugsweise das Eheweib, u n t e r s t e h e.
Bevor wir uns jedoch des näheren mit
Paulus‘ Aussagen beschäftigen, d.h. also sie k r i t i s c h
lesen wollen, seien die für unser Thema einschlägigen
Text-Teile wörtlich zitiert. Wir werden dabei diejenigen
Stellen und Begriffe, die uns bezüglich unseres Themas einer
besonderen Aufmerksamkeit für wert erscheinen, mittels
gesperrten Drucks hervorheben.
Es sei noch angemerkt, daß unsere Überlegungen
im Vertrauen darauf erfolgen müssen, daß alle benutzten
Bibel-Übersetzungen s p r a c h l i c h
und s e m a n t i s c h
den ursprünglichen Überlieferungen, auf denen sie beruhen,
adäquat sind. Das gilt insbesondere für die Übersetzungen
der Genesis.
Da sich jedoch die bedeutendsten Philologen
und Theologen vieler Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag
immer wieder um möglichst ursprungsnahe Übertragungen der
biblischen Texte bemüht haben, dürfen wir wohl den heute
vorliegenden Versprachlichungen vertrauen.
Die Zitate der thema-relevanten Stellen
in den Briefen des Paulus
Aus dem Brief an die Römer, Kapitel 7 :
"Denn das Weib, das dem M a n n e
u n t e r s t e h t ,
ist an den Mann gebunden, solange er lebt …". Ebenda,
Kapitel 8 : "Denn das Gesetz d e s
G e i s t e s d e s
L e b e n s i n
C h r i s t u s
J e s u s hat dich freigemacht
vom Gesetz der Sünde und des Todes … Das Trachten des
Fleisches ist ja F e i n d s c h a f t
g e g e n G o t t
… die aber im Fleisch sind, k ö n n e n
G o t t n i c h t
g e f a l l e n
…".
Aus dem ersten Brief an die Korinther,
Kapitel 7 : "Der Mann soll gegen das Weib
s e i n e P f l i c h t
e r f ü l l e n ,
e b e n s o a b e r
d a s W e i b
g e g e n d e n
M a n n.
Das Weib verfügt n i c h t
über den e i g e n e n
L e i b , sondern der M a n n,
e b e n s o aber auch
verfügt der Mann n i c h t über
den e i g e n e n
L e i b , sondern das Weib.
Entzieht euch einander nicht, es sei denn
m i t g e g e n s e i t i g e m
Ü b e r e i n k o m m e n
für eine Zeit, um euch dem Gebet zu widmen und dann wieder
zusammenzusein …".
Ebenda, Kapitel 11 : "…
will euch wissen lassen, daß der Christus das Haupt jedes
Mannes ist, Haupt des Weibes aber der Mann, Haupt des Christus
aber Gott … … das Weib aber ist des M a n n e s
A b g l a n z .
S t a m m t doch der Mann
nicht vom Weibe, s o n d e r n
d a s W e i b
v o m M a n n e
… Doch i m H e r r n ,
gilt w e d e r das Weib ohne
den Mann n o c h der Mann ohne das
Weib. Denn wie das Weib a u s d e m
M a n n e stammt, so ist
a u c h d e r
M a n n d u r c h
d a s W e i b;
a l l e s aber ist a u s
G o t t …".
Aus dem Brief an die Galater, Kapitel 5 :
"Denn das ganze Gesetz hat seine Erfüllung gefunden in
einem einzigen Wort; in dem : L i e b e n
sollst du deinen Nächsten w i e d i c h
s e l b s t . Wenn ihr
einander aber beißt und zerfleischt, dann seht zu, daß ihr
nicht voneinander verschlungen werdet."
Aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus,
Kapitel 5 : "Und seid e i n a n d e r
u n t e r t a n
i n d e r F u r c h t
C h r i s t i. Die Frauen
seien untertan ihren Männern -
wie dem Herrn. Denn der Mann ist d a s
H a u p t d e s
W e i b e s , wie Christus
das Haupt der Kirche ist. Er als Retter des Leibes. Wie aber
die Kirche Christus untertan ist, so auch d i e
F r a u e n d e n
M ä n n e r n
i n a l l e m.
Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie auch
Christus die Kirche geliebt und s i c h
f ü r s i e
dahingegeben hat, um sie zu heiligen, nachdem er sie gereinigt
durch das Wasserbad im Wort, um sich die Kirche herrlich zu
bereiten, ohne Flecken oder Runzel oder dergleichen, sondern
daß sie heilig sei und makellos.
So sollen die Männer ihre Frauen lieben
w i e i h r e n
e i g e n e n L e i b.
W e r s e i n
W e i b l i e b t ,
l i e b t s i c h
s e l b s t . Denn niemand
hat je sein eigenes Fleisch gehaßt. S o n d e r n
e r h e g t u n d
p f l e g t e s ,
wie auch Christus die Kirche, weil wir Glieder seines Leibes
sind. Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und
s e i n e m W e i b e
a n h a n g e n ,
und die beiden werden sein zu e i n e m
F l e i s c h e.
Dieses Geheimnis ist groß, ich sage aber a u f
C h r i s t u s
und die Kirche hin. Jedoch sollt auch ihr, jeder einzelne sein
Weib so lieben w i e s i c h
s e l b s t, das Weib aber soll
d e n M a n n
f ü r c h t e n."
Aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi,
Kapitel 2 : "Seid E i n e s
S i n n e s, habet gleiche
Liebe, seid e i n m ü t i g
a u f d a s E i n e
bedacht, tut n i c h t s
a u s S t r e i t s u c h t
und e i t l e r R u h m s u c h t ,
sondern haltet i n D e m u t
e i n e r d e n
a n d e r e n f ü r
v o r z ü g l i c h e r
a l s e u c h
s e l b s t. Keiner sei nur auf
s e i n e Sache bedacht,
sondern alle auch auf d i e d e r
a n d e r n."
Aus dem Brief an die Gemeinde in Kolossä,
Kapitel 3 : "Was droben ist, habet im Sinn,
nicht was auf Erden …
Tötet die Glieder, d i e
d e r E r d e
g e h ö r e n :
Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und die
Habsucht, die G ö t z e n d i e n s t
ist, um deren willen kommt der Zorn Gottes über die Söhne
des Ungehorsams …
… z i e h e t
a u s den a l t e n
M e n s c h e n
s a m t s e i n e n
W e r k e n. Und ziehet an den
n e u e n M e n s c h e n,
d e r z u n e u e r
E r k e n n t n i s
g e l a n g t i s t,
d e m B i l d e
d e s s e n g e m ä ß,
d e r i h n e r s c h a f f e n
…
Über all dem aber habet die L i e b e,
die ein Band der Vollkommenheit ist, und der F r i e d e
C h r i s t i
herrsche in euren Herzen, zu dem ihr ja b e r u f e n
w u r d e t i n
E i n e m L e i b e
…
Ihr Frauen seid den Männern untergeben,
wie es sich ziemt i m H e r r n.
Ihr Männer liebet die Frauen und laßt euch n i c h t
e r b i t t e r n
gegen sie …".
Aus dem Brief an die Gemeinde in
Thessalonich, und zwar dem ersten, Kapitel 4 :
"Enthaltet euch der Hurerei, jeder von euch soll wissen,
sein Gefäß zu besitzen in Heiligkeit und in Ehrfurcht und
n i c h t i n
l e i d e n s c h a f t l i c h e r
B e g i e r d e, so
wie die H e i d e n, d i e
G o t t n i c h t
k e n n e n …".
Aus dem ersten Brief an Timotheus, Kapitel 2 :
"Ein Weib lerne in der Stille mit aller U n t e r t ä n i g k e i t.
Einem Weibe aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch
nicht, daß s i e d e s
M a n n e s H e r r
s e i, sondern stille sei.
Denn A d a m ist
a m e r s t e n
gemacht, d a n a c h Eva.
Und A d a m ward n i c h t
verführet; das Weib aber ward verführet, und hat die Übertretung
eingeführet …".
Die kritische Lektüre der Zitate aus
den Briefen des Paulus
Jeder tatsächliche oder potentielle Macho
wird beim Ansichtigwerden solcher Zitate, dort wo es um das
Verhältnis von Mann und Weib geht, etliche Male triumphierend
sich und seinen unstillbaren Selbstwert-Anspruch bestätigt
finden. Bestätigt w ä h n e n
- möchten wir sogleich
hinzufügen, ohne die Behauptung, die im Begriff "wähnen"
steckt, schon an dieser Stelle zu begründen.
Nennen wir zuerst einmal solche Aussagen,
welche die Auffassung von der Untergebenheit des Weibes unter
den Mann zu bestätigen scheinen. Gewissermaßen eine
Legitimation des Anspruchs männlicher Überlegenheit und
Befehlsgewalt über das Weib von der höchsten Instanz in der
Nachfolge Christi : vom Apostel Paulus selbst.
Wir greifen dazu in die mitgeteilten Zitate
aus seinen Briefen hinein und fördern folgende Aussagen
zutage :
"Denn das Weib, das dem Manne
untersteht …" (Römer 7).
"… Haupt des Weibes aber (ist) der
Mann … … das Weib aber ist des Mannes Abglanz. Stammt doch
der Mann nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne … (I. Korinther
11).
"Die Frauen seien untertan ihren Männern
… Denn der Mann ist das Haupt des Weibes … … das Weib
soll den Mann fürchten… (Epheser 5). "Ihr Frauen seid
den Männern untergeben, wie es sich ziemt im Herrn".
(Kolosser 3).
"Ein Weib lerne in der Stille mit
aller Untertänigkeit. Einem Weibe aber gestatte ich nicht, daß
sie lehre, auch nicht, daß sie des Mannes Herr sei, sondern
stille sei. Denn Adam ist am ersten gemacht, danach Eva. Und
Adam ward nicht verführet, das Weib aber ward verführet, und
hat die Übertretung eingeführet…" (I. Timotheus 2).
An der Klarheit dieser Aussagene, nimmt man
sie so, wie sie j e d e f ü r
s i c h da stehen, sind wohl kaum
Zweifel erlaubt. Und so mögen sich nicht nur Machos unserer
Zeit - wenn sie denn überhaupt zur Bibel
greifen - sondern wohl auch schon manche der
Männer in ihrem Herrschaftsanspruch bestätigt gefühlt
haben, zu denen Paulus in seinen Briefen sprach.
Ja -
aber eben von Aussagen, wie sie jede für sich,
zusammenhanglos da stehen. Doch die Brief-Texte des Paulus
bestehen beileibe nicht nur aus jenen wenigen und dann noch
aus dem Zusammenhang ihres Kon-Textes herausgerissenen,
isoliert dastehenden Sätzen. Wie verhält es sich denn mit
ihnen im K o n - T e x t
g e l e s e n? Das wollen
wir im folgenden überprüfen.
Die Aussage von der Untergebenheit der
Frau im Römer-Brief, Kapitel 7
Paulus weist im Vers 2 auf die i r d i s c h e
Gesetzeslage hin : d i e s e s
Gesetz stellt die Frau rechtlich unter den Mann und bindet sie
an ihn, solange er lebt. Stirbt er, ist sie von der Geltung
dieses Gesetzes frei.
Und nun tut Paulus im Vers 4 etwas Merkwürdiges
und Unerwartetes : er benützt die eben genannten
Auswirkungen des irdischen Gesetzes auf die Frau gewissermaßen
als erläuterndes, veranschaulichendes G l e i c h n i s
für die Situation der Christen in der vom irdischen Gesetz
beherrschten Welt überhaupt : "A l s o
a u c h" (= ebenso, auf
vergleichbare Weise), "meine Brüder, seid i h r
g e t ö t e t
d e m G e s e t z"
(= seid ihr nicht mehr betroffen von dem irdischen
Gesetz, was da heißt : es gilt nicht mehr für euch)
"durch den Leib Christi, d a ß
i h r e i n e s
a n d e r n s e i d,
nämlich des, der von den Toten auferweckt ist, a u f
d a ß w i r
G o t t Frucht bringen".
Und Paulus steigert diese Aussage noch in
Vers 6 : "Nun aber sind wir vom Gesetz (Anmerkung :
vom i r d i s c h e n
Gesetz) los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, also
daß wir dienen sollen im n e u e n
W e s e n d e s
G e i s t e s, und n i c h t
im a l t e n W e s e n
d e s B u c h s t a b e n s".
Mit diesem Gleichnis und Vergleich ist nun
etwas Ungeheuerliches geschehen : Paulus hebt gewissermaßen
die Geltung des irdischen Gesetzes auf -
und setzt an seine Stelle das neue, nämlich das Gesetz des
G e i s t e s
anstelle des Gesetzes des B u c h s t a b e n s
und des F l e i s c h e s
und der S ü n d e (Vers 23
und 25).
Ist Paulus damit etwa ein staats- und
gesetzesfeindlicher Revolutionär, ein gefährlicher Umstürzler
der bestehenden irdischen Ordnung ? Jedenfalls nicht so
direkt und unmittelbar. "Ist das Gesetz (Anmerkung :
das irdische Gesetz) Sünde ?" -
so fragt er selbst. Und er beantwortet sich diese Frage
wiederum selbst : "Das sei ferne !" Denn
er kennt sich selbst als einen Menschen dieses irdischen
Lebens, dieses Lebens im "Fleische", wie er es
nennt. Kennt die Menschen und weiß, wie schwach in des Lebens
irdischem Alltag sie sind -
und deshalb ein Buchstaben-Gesetz als Halt benötigen :
"…ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen
Menschen. Ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern,
das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte, und nimmt
mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen
Gliedern".
Aus all dem geht hervor : die
Untergebenheit des Weibes unter den Mann in der Ehe ist ein
Ausfluß der i r d i s c h e n
Gesetzlichkeit. Darauf berufen dürfen sich deshalb nur
solche, die vom Geiste Christi nicht berührt und nicht
wahrhaft von ihm erfaßt sind. Diejenigen aber, in denen der
Geist Christi lebt, sind diesem irdischen Gesetz entwachsen. Für
sie ist es kein Gesetz des geistigen Lebens, sondern ein
solches des toten Buchstabens. Dort, wo solche Menschen
wohnen, ist dieses Gesetz des Buchstabens allerdings unerläßlich,
ist unbedingt, leider, notwendig, sollen Menschheit und Welt
nicht im Chaos der Unordnung versinken. Für C h r i s t e n
aber, solche, die das, unentwegt danach strebend, wirklich
sind und nicht nur vorgeben, es zu sein -
für solche sind "Untergebenheit des Weibes unter den
Mann" und ähnliche Ordnungsgebote beschämend. Wer als
- angeblicher - Christ
Derartiges fordert, der entlarvt sich damit selbst als jemand,
dem ein Leben im Geiste Christi in Wahrheit unbekannt oder,
viel schlimmer, gleichgültig ist.
Jemand also, der sich hinstellt und
- sich auf Paulus berufend, indem er ihn
zusammenhanglos zitiert - seinem Weibe
weiszumachen versucht, das "Weib sei unter dem Mann"
- ein solcher also
entlarvt sich damit als unverständig, heuchlerisch oder
- zynisch.
So stellt sich denn einem kritischen Lesen
des Textes der besagte Satz im 2. Vers des 7. Kapitels
des Briefes an die Römer als das genaue Gegenteil dessen dar,
was ein männlicher Macho meint, daraus lesen zu dürfen. Nämlich
als eine verurteilenswürdige unchristliche Auffassung des
Verhältnisses zwischen Mann und Weib.
Und Paulus bekräftigt seine Aussage im 7. Kapitel
sogar noch mit den ersten Versen des nun folgenden großartigen
8. Kapitels. Da heißt es "…das Gesetz des Geistes
des Lebens in Christus Jesus hat dich freigemacht vom Gesetz
der S ü n d e und des T o d e s"
- und jetzt folgt eine
ganz schwerwiegend-entscheidende Aussage, nämlich :
"Das Trachten des Fleisches ist ja Feindschaft gegen
Gott… die aber im Fleisch sind, können Gott nicht
gefallen…".
Das Gesetz der Sünde und des Todes ist
also auch das des Fleisches und alles dessen, was an Regungen
und Verhaltensweisen aus jenem hervorgeht. Unter dem Begriffe
"Fleisch", der hier metaphorisch, im übertragenen
Sinne verstanden werden muß, unter "Fleisch" ist
also alles zu verstehen, was dem Gesetze des Lebens im Geiste
Jesu Christi widerspricht. D.h. alle gegen Gott gerichteten
Gedanken, Verhaltensweisen, Taten, z.B. jede Selbstsucht,
Selbstgerechtigkeit, jede Lieblosigkeit, Verständnislosigkeit
gegen bzw. für den Anderen; jede grobe Verletzung der Würde
und des Werts des Anderen, die ihm als Geschöpf Gottes
zustehen; jede Herrschsucht, Gewalttätigkeit, jedes
Zerbrechen der aus Gott kommenden Eigenwertigkeit des Anderen.
Bei einem derartigen "Trachten des
Fleisches" und demzufolge Nichtbefolgen "des
Gesetzes des Geistes des Lebens in Christus Jesus" ist es
eigentlich nicht nur fraglich, ob ein Weib an einen Mann
gebunden ist, solange er lebt, sondern im Falle der Geltung
des Gesetzes des Geistes anstelle dem des Buchstabens darf das
Gebundensein eigentlich gar nicht gelten. Denn
- wie soll, kann oder darf
eine Verbindung, die Bestand allein dadurch hat, daß alle
ihre Glieder im Sinne des Gesetzes des Geistes des Lebens in
Jesus Christus miteinander leben -
wie kann eine solche Verbindung für dasjenige Glied noch
Verpflichtung sein, das erleben muß, daß das andere Glied
diese Verbindung dauernd bricht, indem es dauernd gegen jenes
Gesetz des Geistes verstößt, ja dieses mißachtet ?
D.h. -
selbst diejenigen Aussagen des Paulus über das Unterstehen
des Weibes unter den Mann stehen unter dem Vorbehalt der
Beachtung des christlichen Gesetzes des Geistes. So auch in
dem uns überlieferten ersten Brief des Paulus an die
Korinther. Dort heißt es, der Mann solle gegen das Weib seine
Pflicht erfüllen - ebenso
aber auch das Weib gegen den Mann. D a s
ist die Feststellung und die Forderung einer klaren
Gleichwertigkeit beider. Doch danach wird, scheinbar, wieder
des Mannes Vorrecht und Überlegenheit behauptet :
"Das Weib verfügt nicht über den eigenen Leib, sondern
der Mann" - womit
allen angesprochenen Patriarchen eine Genugtuung verschafft zu
werden scheint. Doch - es
bleibt nicht dabei, denn sofort folgt die Antithese, die das
eben zuvor Gesagte zwar nicht generell, aber in seiner
Ausschließlichkeit und Alleingültigkeit aufhebt :
"… ebenso aber auch verfügt der Mann nicht über den
eigenen Leib, sondern das Weib".
Das aber ist ganz im Sinne der mosaischen
Genesis, die dieser christlichen Auffassung zu Grunde liegt,
wie auch die Evangelien sie überlieferten. Denn
- wie Mann und Weib ursprünglich
in e i n e m Leibe, nämlich
dem des ersten Menschen, vereinigt waren, dann aber getrennt
wurden, so hat jeder von ihnen in sich noch die gespeicherte
Ur-Erinnerung an die Teilhabe an einem gemeinsamen Ganzen,
mithin auch am Anderen, da dieser in jenem Ganzen ja mit
enthalten war.
In Konsequenz dessen weist Paulus auf eine
dementsprechende Art des gegen- und wechselseitigen Umgehens
christlicher Eheleute miteinander hin, die eine andere Qualität
darstellt, ja : i s t
- als der Umgang
miteinander im Verhältnis von Unter- und Überordnung :
nämlich das gegenseitige Übereinkommen. Mann und Weib
entscheiden in freier Übereinkunft darüber, was sie tun oder
lassen und wie sie miteinander umgehen und leben wollen. Da
gibt es keinen direkten oder indirekten Zwang oder gar die
Gewalt des einen gegen den andern -
als allerhöchstens diejenige Gewalt, die ein jeder beim
Beherrschen des Gesetzes des Fleisches gegen sich selber
anwendet und ausübt.
Die angeblich gottgewollte
Untergebenheit des Weibes in den anderen paulinischen Briefen
Zwar nennt Paulus im ersten Korinther-Brief
das Weib "den Abglanz" des Mannes - die
Luther-Übersetzung setzt für "Abglanz"
"Ehre", die Holy Bible sagt "glory" -
und behauptet, das Weib stamme vom Manne (ebenso im ersten
Brief an Timotheus, weshalb später noch gesondert darauf
eingegangen werden soll), aber er relativiert eigentlich diese
Behauptung sofort wieder, indem er sagt : im Herrn, also
i n oder v o r G o t t
gelte weder der eine ohne den andern noch der andre ohne den
einen. Eine ähnliche Relativierung der Untergebenheit des
Weibes gemäß irdischen Gesetzes nimmt Paulus in seinen
Briefen an die Epheser, Kapitel 5, und an die Kolosser,
Kapitel 3, vor. Und immer wieder, unüberseh- und unüberhörbar
für den, in dem wirklich und wahrhaftig der Anspruch für das
Gesetz des Lebens im Geiste Jesu Christi lebt
- immer wieder stellt
Paulus seine Aussagen über die Ehe u n t e r
d e n V o r b e h a l t
eines wahren Lebens in der Nachfolge Christi. So im Brief an
die Galater, Kapitel 5, wo er die echte Botschaft Christi
wiederholt : "Lieben sollst du deinen Nächsten wie
dich selbst". Oder in Epheser, Kapitel 5 : die
Männer sollen ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib usf.
Oder im Brief an die Philipper, Kapitel 2 : seid
E i n e s Sinnes, tut nichts
aus Streit- und Ruhmsucht, haltet in Demut den anderen für
vorzüglicher als euch selbst.
Und ganz intensiv und unmißverständlich
in den Briefen an die Kolosser, Kapitel 3, und im ersten
an die Thessalonicher, Kapitel 4, was hier zu wiederholen
und zu erklären nicht vonnöten ist, da der Text eindeutig
ist und für sich selbst spricht.
Der bedauerliche und letztlich schwer
erklärliche Irrtum des Paulus
Dieser heilige und geheiligte Mann Paulus,
unverdächtiger Zeuge und Apostel Jesu Christi, der
eigentliche Schöpfer des zur Welt-Religion verbreiteten
Christentums, einer der bedeutendsten Menschen der Geschichte,
eine der Säulen der entstehenden und bestehenden christlichen
Welt-Kirche - dieser Mann
Paulus hat in einigen seiner Aussagen geirrt. Das ist bei ihm
und seinen Qualitäten schwer verständlich, macht ihn
andererseits aber menschlich -
und eigentlich deshalb erst so besonders liebenswert,
menschlich nah und verehrungswürdig groß.
Bliebe für seine Rehabilitation noch die Möglichkeit,
er sei in Kenntnis von Aufzeichnungen der Genesis gewesen, die
u n s e r e r
gesamten Überlieferung nicht mehr zugänglich waren. Sind
dagegen u n s e r e Überlieferungen
des Textes der Genesis deren ursprünglicher Fassung
sprachlich adäquat -
d a n n ist ein Irrtum des Paulus
ausgeschlossen. Eines Irrtums, der sich im ersten
Korinther-Brief in der Aussage ausdrückt : das Weib sei
der Abglanz des Mannes - vergleichbar dem
Manne als Abglanz Gottes, womit gewissermaßen eine
ontisch-qualitative Graduierung ausgesprochen ist -
und das Weib stamme "vom Manne".
Diese Aussage wird wiederholt und
eigentlich noch überboten im ersten Brief an Timotheus,
Kapitel 2, wo es heißt, der "Adam" sei als
erster geschaffen worden, danach erst Eva. Und : nicht
Adam sei verführt worden, sondern Eva - woraus sich wieder eine Rangfolge ergibt, diesmal nicht nur
temporär, sondern moralisch.
Wir dürfen zwar auf unsere Ausführungen
im Eingang dieses Aufsatzes verweisen, möchten sie aber durch
die folgenden ergänzen.
Paulus unterliegt mit der Behauptung, das
Weib stamme vom Manne, demselben Irrtum wie viele andere. Über
die möglichen Ursachen dieses Irrtums bei Paulus zu
spekulieren wäre zwar reizvoll, erscheint uns jedoch als müßig
und führt zu nichts. Wichtiger erscheint uns der unverstellte
Blick auf die Genesis, wie sie uns überliefert ist, und zwar
um der Sache willen.
Das Weib stammt gemäß des überlieferten
Textes n i c h t "vom
Manne", sondern v o m, besser a u s
dem "M e n s c h e n".
Aus "Adam" -
denn das hebräische "Adam" bedeutet "der
Mensch". Am Anfang war das W e i b,
wie der Mann a u c h im M e n s c h e n,
in Adam also enthalten. Sie hieß demzufolge mit dem Mann
g e m e i n s a m
"Adam". Nach der Trennung der beiden in der Einheit
"Mensch" enthaltenen Prinzipien bzw. Geschlechter
wird das nun eigenständige Prinzip-Geschlecht
"Weib" - E v a
genannt, während das im vormaligen Menschen ebenfalls
enthaltene, nun ebenfalls eigenständige m ä n n l i c h e
Prinzip bzw. Geschlecht -
den Namen "Adam" beibehält. D a s
aber hat zu Mißverständnissen Anlaß gegeben (von manchen
sicher sogar geförderten Mißverständnissen), so als seien
die Namensträger, der Mensch "Adam" und der aus ihm
hervorgegangene M a n n
"Adam", ein und derselbe, identisch.
Eine vergleichbare sprachliche Ursache für
Mißverständnisse gibt es im Englischen, wo es für
"Mensch" und "Mann" nur e i n
Wort gibt, nämlich "man". Sprachlich etwas weniger
schwierig ist es im Deutschen, wo sich "Mensch" von
"Mann" erkennbar unterscheidet, was aber trotz allem
keine Sicherheit gegen ein inhaltlich-semantisches Mißverständnis
gewesen ist, und das bis auf den heutigen Tag nicht. Denn :
wer aus einem bestimmten Interesse etwas mißverstehen will,
der tut das auch gegen alle offen zutage liegende Wahrheit.
Ein Wort noch zu der Schuldzuweisung der
Verführtheit an Eva. Diese Schuldzuweisung erscheint uns vom
Standpunkte einer christlichen Ehe-Auffassung, wie Paulus sie
selber so überzeugend vertritt, als ungerechtfertigt. Denn in
einer Gemeinschaft, in der ein Glied für das andere steht, wäre
es die Pflicht Adams, also des Mannes, gewesen, Eva durch tätige
Beratung vor dem Veführtwerden zu bewahren.
Und schließlich und endlich : dem möglichen
Argument, es habe sich bei Adam und Eva ja noch um eine vor-
bzw. unchristliche Ehe gehandelt, so daß der Vorwurf an Adam
wegen unchristlichen Verhaltens noch nicht angewendet werden könne
- einem solchen Argument wäre
zu entgegnen, daß dann von Eva auch nicht auf eine moralische
Minderwertigkeit der Frau in c h r i s t l i c h e r
Ehe geschlossen werden dürfe.
Schlußbemerkung
Aus den von uns kritisch gelesenen
biblischen Texten, weder aus der alt-testamentarischen Genesis
noch aus den neu-testamentarischen Evangelien und den
paulinischen Briefen, läßt sich eine gottgewollte und
-gegebene Untergebenheit und Unterlegenheit der Frau erschließen.
Die Berufung von Männern gegenüber ihren Frauen auf diese
Texte zwecks Legitimierung ihrer Herrschsucht über sie ist
haltlos, zumal dann, wenn diese Männer sich selber als
christlich verstehen. In Wahrheit folgen sie auch bei einem
solchen haltlosen Versuch dem von Paulus so genannten Gesetz
des Fleisches - und
befinden sich damit im schärfsten Gegensatz zum Gesetze des
Lebens im Geiste Jesu Christi.
Benutzte Literatur:
Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift
Nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers
Privilegierte Württembergische Bibelanstalt
Stuttgart 1907
The Holy Bible
The Oxford Self-Pronouncing Bible
Oxford : at the University Press. Ohne Jahr.
Neues Testament. Psalmen, Sprüche
Internationaler Gideonbund in Deutschland e.V. Ohne Jahr.
Das Neue Testament
Neu übersetzt von Franz Sigge
Fischer Bücherei 1958
Platon : Sämtliche Werke
Phaidon Verlag GmbH, Essen. Ohne Jahr.
Brockhaus’ Konversations-Lexikon
F.A. Brockhaus
Leipzig, Berlin und Wien 1894, 14. Auflage
Bürgerliches Gesetzbuch
Wilhelm Goldmann Verlag
München 1978, 34. Auflage
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