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Hans-Günter Marcieniec
Von Karl Marx zu Friedrich von Hardenberg
Betrachtungen und Reflexionen
Gewidmet der höheren Schule in Greußen
(Thüringen) zum 70-jährigen Bestehen
am 23. Juni 2001
Vorbemerkung
Als ich Ende des vergangenen Jahres die
Einladung erhielt, an der Feier aus Anlaß des 70-jährigen
Bestehens der höheren Schule in Greußen teilzunehmen, wurde
ich plötzlich auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam, deren ich
mir bislang noch nie bewußt geworden war.
Als ich 1947, aus Kriegsgefangenschaft kommend und
heimatvertrieben dazu, in das mir bis dahin völlig fremde Greußen
"verschlagen" wurde - ein ähnliches
Schicksal wie dasjenige vieler durch die Kriegswirren entwurzelter
Deutscher - in der Absicht, meine einige Jahre
zuvor abgebrochene Schullaufbahn zu vollenden, da kam ich in eine kleine,
beinahe intime Schule, die den Namen "Karl-Marx-Oberschule" trug. Und
als ich nach vielen Jahren - als sog.
"politischer Flüchtling" längst im "Westen", nach Studium,
beruflicher Ausbildung und jahrzehntelanger eigener Berufsausübung und nach
endlich erfolgter Wiedervereinigung der beiden Teile
Deutschlands - für den Sommer 1998 aus Greußen
die Einladung zum feierlichen Begehen des vor 50 Jahren 1948 daselbst abgelegten
Abiturs erhielt und bei dieser Gelegenheit das beeindruckende neue Gymnasium
Greußens besuchen konnte, da las ich dessen Namen, der in großen Lettern über
seinem Eingang prangte: Friedrich von Hardenberg-Gymnasium.
Zuerst einmal nahm ich das einfach so hin, befangen in den
vielen neuen Eindrücken, die zugleich längst vergessen Geglaubtes in der
Erinnerung wiedererweckte. Doch schon wenige Tage später, über das Gesehene
und Erlebte nachsinnend und bemüht, es zu ordnen und zu verarbeiten, ging es
mir durch den Kopf: seltsam und des Bemerkens und des Nachsinnens wert das
Zusammentreffen dieser beiden Schul-Namen: Marx und Hardenberg.
Wert des Nachsinnens über die vergangenen Jahrzehnte und - ihrer Geschichte.
Über die eigene, persönliche Geschichte, verflochten mit derjenigen einer
kleinen thüringischen Stadt und - über diejenige ihrer höheren
Bildungsanstalt, in deren wechselnden Namen sich die größere Geschichte eines
ganzen Landes, ja sogar Europas und der ganzen Welt widerzuspiegeln schien.
Marx und Hardenberg - oder, um die geschichtlich richtige
Reihenfolge herzustellen: Hardenberg genannt Novalis - und Marx. Einen auf den
ersten Blick fast unvereinbaren Widerspruch bedeutend, wie er widersprüchlicher
gar nicht sein zu können scheint: der, wie man gängigerweise meint, in
Träumen lebende und webende Romantiker - und der harte, angeblich und
tatsächlich und ganz und gar in die Realität verbohrte, die bisherige
Gesellschaft gewaltsam umstürzende Revolutionär! Ist bzw. war der letztere dem
Novalis vielleicht im Grunde näher, als es vordergründig scheint - gar ein
verkappter Romantiker?
In solchen und ähnlichen Gedanken mich verfangend, beschloß
ich schließlich, sie locker zu ordnen und aufzuschreiben und - sie auf
irgendeine Weise denjenigen, die an der Greußener höheren Schule Anteil hatten
oder noch haben, zugänglich zu machen, auf daß sie, Interesse und Zeit
vorausgesetzt, an ihnen teilzunehmen - und sie, bei bestehendem Anlaß oder für
notwendig befundener Berichtigung, weiterzuführen vermöchten.
Im folgenden also meine Betrachtungen und Reflexionen, unter
dem folgend genannten Thema und den ihm nachfolgend genannten Schritten
abgehandelt:
Von der Karl-Marx-Oberschule zum Friedrich von
Hardenberg-Gymnasium. Zeitgemäße oder - je nach
Standort des Lesers - unzeitgemäße Betrachtungen eines
ehemaligen Schülers des Abiturjahrganges 1948 anläßlich des 70-jährigen
Bestehens der höheren Schule in Greußen (Thüringen): Schulnamen als Spiegel
einer wechselvollen Geschichte.
I.
Greußen und seine höhere Lehranstalt - zur Geschichte ihres Entstehens.
II.
Greußen - und seine höhere Lehranstalt: die Spiegelung der
deutschen politischen und Geistes-Geschichte in zwei Namen der Greußener
Schule.
-
Wer war Friedrich von Hardenberg genannt
Novalis?
-
Novalis in seinen Werken: Der "Heinrich
von Ofterdingen" und die "Poetisierung der
Welt".
-
Was ist also "Poesie"?
-
"Die Christenheit oder Europa" -
oder die Unerläßlichkeit der Religion für die Rettung der
Menschheit.
-
Wer war Karl Marx?
-
Karl Marx in seinen Werken: Das
"Manifest der kommunistischen Partei" - oder der
Posaunenstoß der Verkündung des unabänderlichen Gesetzes
menschlicher Geschichte: der Klassenkampf!
-
"Das Kapital" - oder die
gigantische Unvollendete über das Thema "Analyse
kapitalistischen Wirtschaftens".
III.
Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx:
Reflexionen zum kritischen Vergleich zweier "großer" Männer der
deutschen - wie auch der Geschichte der Menschheit.
-
Was versteht man eigentlich unter
"Romantik"?
-
Karl Marx - ein Romantiker?
-
Exkurs: Aufklärung und Religion, Ratio und
Glaube, sog. "exakte" Wissenschaft, insbesondere
Naturwissenschaft, und Gott.
-
Novalis - ein Romantiker im landläufigen
Verständnis?
-
Wie steht es also mit Novalis im Widerstreit
der Meinungen?
IV.
Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx:
Versuche einer kritischen Würdigung - bezogen auf die Wahl ihrer Namen für die
höhere Lehranstalt Greußens in deren 70-jähriger Geschichte.
-
War der Name "Karl Marx" für die
höhere Schule Greußens nichts als ein Mißgriff, gar ein
Unglück oder unverdientes Schicksal? Haben sich die heutige
Schule und ihre, insbesondere ehemaligen, Lehrer und
Schüler dafür zu schämen?
-
Der Name "Friedrich von
Hardenberg" - ein Name mit Zukunftsträchtigkeit.
-
Friedrich von Hardenbergs Universalität -
ein Exkurs über seine Einstellung zur Natur und ihrer
wissenschaftlichen Erforschung.
-
Zwei Namen in der Geschichte der höheren
Schule Greußens als Mahnung, sich ihrer angemessen bewußt
zu sein - und als ein didaktischer Anspruch an uns Heutige
mit Blick auf die Zukunft.
I.
Greußen und seine höhere Lehranstalt - zur Geschichte ihres
Entstehens.
Seit 1871 gab es im Deutschen Reich infolge des gewonnenen
Krieges von 1870/71 durch das Einströmen gewaltiger Geldmengen in Gestalt
französischer Kriegskontributionen eine gewaltige wirtschaftliche Bewegung,
insbesondere was den Ausbau der Industrie und der damit notwendig werdenden
Infrastruktur betraf. Das Eisenbahnnetz mußte erweitert werden, der Bedarf an
Eisen und Stahl stieg, die gesamte Montan-Industrie begann zu boomen. Es
bedurfte ausgebildeter Arbeits- und Fachkräfte in den stahlverarbeitenden
Branchen, so insbesondere im Eisenbahn- und im Schiffbau. Der Bestand der
Dampfschiff-Tonnage z.B. vermehrte sich bis 1893 im Vergleich zu demjenigen um
1885, also innerhalb von 8 Jahren, fast sprunghaft um das Doppelte. Der
Industrie-Rohstoffe-Verbrauch stieg im Zeitraum von 1871 bis 1892 im
Durchschnitt um das Doppelte. Hinzu kamen als allgemeine wirtschaftsfördernde
Maßnahmen die Gründung des deutschen Zollvereins und der Ausbau der deutschen
Kolonien. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und das damit steigende
Markt-Angebot provozierten die Notwendigkeit einer dementsprechenden
Güternachfrage und eines wachsenden Konsums.
Das alles bedurfte insbesondere auf dem industriellen
Arbeitsmarkt der Vermehrung ausgebildeter industrieller und wirtschaftlicher
Arbeits- und Fachkräfte sowie der Fachkräfte in Forschung und Wissenschaft.
Für die Hebung der Bildung sog. ärmerer Volksklassen sowie für die schulische
und berufliche Bildung überhaupt wurden demzufolge die finanziellen
Aufwendungen erheblich gesteigert, so z. B. in dem Jahr von 1887 bis 1888 allein
um 44%, von 25 auf 36 Millionen Mark damaliger Währung.
Alle diese Dinge weiter auszubreiten - das hat sich dieser
Aufsatz nicht zum Ziel gesetzt. Es kann hier nur darum gehen anzudeuten, daß es
zwingende Gründe dafür gab, daß in Gebieten mit bisher eingeschränkten
Bildungsmöglichkeiten das Bedürfnis nach gehobener und höherer Bildung wuchs.
Und daß es schließlich nicht nur um dessen Befriedigung um seiner selbst
willen und auch nicht nur um eine kleinstädtische Profilierungssucht ging,
sondern um eine solchen und ähnlichen Motiven übergeordnete Notwendigkeit.
Und so mag es denn, ohne die lokal-historischen Einzelheiten
und Verläufe wissen zu müssen, begonnen haben: von Greußen aus gesehen gab es
vor 1871 weiterführende Lehranstalten erst in einiger, für viele unzumutbarer
Entfernung. Bürger der Stadt, die ihren Kindern eine gehobene Schulbildung
ermöglichen wollten, mußten diese in andere Städte in der Umgebung schicken.
Nach Sondershausen vielleicht, nach Sömmerda, Bad Langensalza, gar nach Erfurt
oder Mühlhausen. Das bedeutete für die Kinder und Jugendlichen entweder die
Unterbringung am Schulort, z.B. in Internaten für Externe, sofern vorhanden und
zugänglich, bzw. privat - oder ein jahrelanges Leben als Fahrschüler. Von den
damit verbundenen Nachteilen, wie Zeitaufwand und möglichen Risiken mancherlei
Art, einmal abgesehen - bedeutete das auch Mehraufwendungen finanzieller Art und
war deshalb für so manchen unerschwinglich. So gab es von einem bestimmten
Zeitpunkt an wohl den immer stärker werdenden Wunsch und schließlich das
gezielte Bestreben, den Zugang zu weiterführender Schulbildung dadurch zu
erleichtern, daß in Greußen selbst eine dafür geeignete Schule errichtet
würde. Die sachliche Begründung für die Verwirklichung eines solchen Plans
wird schon durch einen nur flüchtigen Blick auf die Landkarte erwiesen: die
einzige "größere" Stadt inmitten des sog. Thüringer Beckens,
nämlich Sömmerda, war zu dieser Zeit für die Aufnahme der Bildungswilligen in
ihrer Umgebung noch gar nicht in der Lage, verfügte selbst für die eigenen
Schüler über keine ausgebaute höhere Bildungsanstalt. Zwar gab es am Rande
des Thüringer Beckens Städte mit höheren Lehranstalten, so
- von Greußen aus im Uhrzeigersinne bei Nord
begonnen und die jeweilige Entfernung in Luftlinie
gemessen - Sondershausen ca. 16 km, Frankenhausen ca. 18
km, Apolda ca. 42 km, Weimar ca. 40 km, Erfurt ca. 30 km, Gotha ca. 37 km, Bad
Langensalza ca. 25 km und Mühlhausen ca. 34 km. Bedenkt man, daß diese
Strecken in der Praxis nicht in Luftlinie, sondern per Bahn oder, sofern noch
gar keine derartige Verbindung bestand, per anderem Verkehrsmittel zurückgelegt
werden mußten - und daß die Bahnstreckenführung oder der Verlauf von Straßen
nicht geradlinig, sondern in durch mancherlei Notwendigkeiten bedingten
Windungen erfolgten, so erhöhen sich die oben angegebenen Entfernungen z.T.
beträchtlich. Es kam hinzu, daß, sofern vorhanden, nicht immer eine
Bahn-Direktverbindung bestand, sondern in vielen Fällen umgestiegen werden
mußte, womit nicht nur die realen Entfernungen, sondern der benötigte
Zeitaufwand größer wurde. Kurzum: es bestand die unbestreitbare Situation,
daß bei einem erhöhten Bildungsbedürfnis in der Bevölkerung die bestehenden
Möglichkeiten inmitten des Thüringer Beckens zu dessen Befriedigung nicht
ausreichten. So mag es, ohne die Einzelheiten dieser Entwicklung zu kennen und
hier nennen zu müssen, dazu gekommen sein, daß die Gründung und Errichtung
eines Schulstandortes in der Greußener Region nicht nur als wünschbar, sondern
als geboten und notwendig erschien.
Die Verwirklichung geschah Schritt für Schritt. 1871 wurde
eine Mittelschule mit zwei Klassen, nämlich Sexta und Quinta, begonnen, denen
ab 1887, nun als sog. Lateinschule, zwei Klassen angegliedert wurden, so daß
die weiterführende Bildung bis einschließlich Untertertia möglich wurde. Ab
1931 wurde in dem Gebäude in der Greußener Neustadt, dessen 70-jähriges
Bestehen in diesem Jahre gefeiert wird, die Schule, nun als sog. Realschule, auf
sechs Klassen erweitert, nämlich bis einschließlich Untersekunda. Nach dem
Zweiten Weltkriege wurde daraus schließlich eine Oberschule, an der nach Klasse
12 das Abitur abgelegt werden konnte, und bald danach eine sog. Erweiterte
Oberschule mit den Vorbereitungsklassen 9 und 10 und der Abiturstufe, nämlich
den Klassen 11 und 12. Diese höhere Lehranstalt bestand im Gebäude in der
Neustadt bis 1983. Sie wechselte danach in ein neu errichtetes Gebäude, das der
heutigen Hardenberg-Schule.
Daß nach dem Zweiten Weltkriege und nach dem
verbrecherischen Nazi-Regime ein politischer, insbesondere
gesellschaftspolitischer Neuanfang versucht wurde, das war geschichtlich nicht
nur verständlich, sondern notwendig und begrüßenswert. Daß dieser in ganz
Deutschland unternommene Neubeginn innerhalb der damaligen sowjetisch besetzten
Zone und danach im Gebiet der DDR kommunistisch geprägt war, das ist aus
heutiger Sicht zwar immer noch bedauernswert, war aber in der damaligen
Situation nicht zu verhindern. Und so ist es wohl auch zu erklären, daß man
bei der Suche nach einem Namen für die Oberschule Greußens auf den
programmatischen Namen desjenigen Mannes kam, dessen Wirken seit der
Oktoberrevolution in Rußland für das kommunistische System Grundlage wie
Verpflichtung war: Karl Marx.
Nachdem die höhere Schule aus dem Gebäude, dessen
70-jähriges Jubiläum wir nun begehen, in ein neu errichtetes umgezogen war,
erhielt sie einen neuen Namen. Er war gewissermaßen "moderner" als
der bisherige, auf die Geschichte der DDR zugeschnitten und deren etwas
verkrampfte Versuche nach eigener Identität und Profilierung ausdrückend,
nämlich "Beimler-Schule". Ein Name, der zwar zu jener Zeit
- außer in kommunistischen
Kreisen - kaum bekannt gewesen sein dürfte, dessen
Träger aber in jenen Kreisen als ein Vorbild für die kommunistische
Weltanschauung, ja - nach dessen Verständnis als Held
galt. Und in der Tat gebührt ihm, Hans Beimler, diejenige Achtung, die jedem
Menschen gezollt werden sollte, der für seine tiefste Überzeugung nicht nur
gelebt, gearbeitet und gelitten, sondern sogar sein Leben gelassen hat. Hans
Beimler, 1895 geboren, gelernter Schlosser, 1918 Mitglied des Spartakusbundes,
später der KPD, wurde 1919 Mitglied der bayrischen Räteregierung, 1920 des
bayrischen Landtages, 1932/33 des Reichstages. Von den Nazis inhaftiert und ins
KZ Dachau verschleppt, gelang ihm die Flucht. Als Freiwilliger nahm er an der
Seite des spanischen Volkes an dessen Freiheitskampf gegen die Franco-Faschisten
teil, war politischer Kommissar des Thälmann-Bataillons und schließlich
Divisionskommandeur. Er fiel am 1.12.1936 in Madrid und hinterließ Frau und
Tochter.
Doch auch dieser Name, bei aller Achtung für seinen Träger,
hatte mit der sog. Wende und dem 1990 erfolgten Anschluß der DDR an die
Bundesrepublik Deutschland ausgedient. Es versteht sich, daß sowohl der für
die wahre, nämlich un-ideologische Humanität und eine darin gründende Vorbildfunktion unpassende Name
"Beimler" wie auch der Rückgriff auf den Namen "Marx" nach
der vorangegangenen Geschichte keine Chance mehr hatten. Das Gymnasium in
Greußen suchte - insbesondere nach der
Desavouierung des Marxismus durch mehr als 70 Jahre Kommunismus in Europa und in
der Welt - nach einem Namen, der einerseits von der
Vergangenheit unbelastet, andererseits in der Lage war, die Offenheit der Schule
für eine humane Zukunft auszudrücken. Was lag bei einer solchen Suche da
näher, als auf einen Mann zurückzugreifen, der für Kenner der
Geistesgeschichte zwar nicht weniger berühmt war als Marx, wenn auch nicht von
vergleichbarer Breitenwirkung, dafür aber auf einen Mann, dessen Name ohne das
Odium zweifelhafter politisch-geschichtlicher Qualität war, einen Mann zudem,
der über mehrere Jahre - praktisch nur einen
Steinwurf weit von Greußen entfernt, nämlich in Grüningen -
häufig zu Gast gewesen war und sich schließlich mit der blutjungen Tochter des
damaligen Schloßherrn in Grüningen, Sophie von Kühn, verlobte. Sie wurde im
blühenden Alter von nur 15 Jahren ihm bereits 1797 durch den Tod entrissen.
Dieser Schicksalsschlag traf ihn tief und wurde Anlaß für eine der
berühmtesten Dichtungen deutscher Zunge: den Hymnen an die Nacht. Es war
Friedrich von Hardenberg, in der deutschen Literatur und Geistesgeschichte
besser bekannt unter dem Namen Novalis — einer der Begründer der
deutschen Romantik.
Wer aber war Hardenberg / Novalis wirklich?
II.
Greußen - und seine höhere Lehranstalt: Die Spiegelung der
deutschen politischen und Geistes-Geschichte in zwei Namen der Greußener
Schule.
Wer war Friedrich von Hardenberg genannt
Novalis?
Die Daten seines kurzen, kaum 29-jährigen Lebens lassen sich
rasch nennen: er wurde am 2. Mai 1772, zwei Jahre nach Hegel und Hölderlin, als
Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg auf dem Familiengut Wiederstädt in
der Grafschaft Mansfeld (Sachsen-Anhalt) geboren. (Die Überlieferung der
Vornamen Friedrichs von Hardenberg ist nicht einstimmig. In jüngerer Zeit
scheinen sich - möglicherweise auf Grund einer
gesicherteren Urkundenlage - statt der in diesem
Aufsatz gewählten die Vornamen Georg Philipp Friedrich Freiherr von
Hardenberg durchgesetzt zu haben. Da es jedoch nicht die Aufgabe dieser Schrift
ist, die Ursachen und Gründe für die widersprüchliche Überlieferung zu
untersuchen und zu klären, ist für uns allein wichtig festzustellen: es
handelt sich in jedem Falle um den in dieser Arbeit in Rede stehenden Friedrich
von Hardenberg genannt Novalis.) Friedrich von Hardenberg besuchte seit
1789 das Gymnasium in Eisleben, studierte von 1790 bis 1791, ein Verehrer
Schillers, Philosophie in Jena, danach Jura in Leipzig und Wittenberg und ging,
zur juristischen Ausbildung in der Praxis, 1794 nach Bad Tennstedt in
Thüringen. 1795 wurde er als "Auditor"
- ursprünglich ein beisitzender Richter, dem die
Vernehmung der Prozeß-Parteien oblag - in der
Rechts- und Verwaltungsabteilung der Salinen, den Salzwerken, in Weißenfels
angestellt. Um sich größere Kenntnisse im Bereich des Salzbergbaus zu
erwerben, ging er von 1797-1799 an die Bergakademie zu Freiberg (Sachsen) und
wurde danach Assessor, d.h. Beisitzer, des Beamtenkollegiums der Salinen in
Weißenfels. Kaum zu einem Amtshauptmann, d.h. dem leitenden Verwaltungsbeamten
eines Kreises, in Thüringen ernannt, starb Novalis, von zarter Natur und leicht
kränkelnd, am 25. März 1801 an der Schwindsucht.
Es muß, im Vorgriff auf noch folgende Ausführungen,
hervorgehoben werden, daß der sog. Romantiker Novalis leicht als der
realitätsferne Träumer mißverstanden wird. Dagegen wissen wir, und das ist
durch Zeitgenossen vielfach belegt, daß er nicht nur als dem Leben zugewandt,
sondern auch als ein junger Mann von scharfem Verstand bekannt war und gerühmt
wurde. Er war nicht nur für Kunst und Philosophie interessiert, für Herz und
Gemüt und alles Schöne, sondern ebenso für die sog. "exakten"
Wissenschaften, insbesondere für Mathematik, Physik und Chemie. Auch seine Wahl
einer beruflichen Laufbahn, gestützt auf Rechts- und Verwaltungswissenschaften,
Bergbau und Mineralogie, war durchaus keine Verlegenheitslösung. Man hat
- und das mußten sogar diejenigen anerkennen, wenn
auch einige spürbar widerstrebend, die keinen Sinn für die Inhalte seiner
Dichtungen und seines philosophischen Denkens hatten oder nicht haben
wollten - man hat seinen hellwachen, scharfen
Verstand zu Recht gerühmt. In einer Zeit, in der sich die Wissenschaften,
beginnend mit der sog. "Aufklärung", in einem unvereinbaren
Widerspruch z.B. zur Religion und zu allem, was den menschlichen Verstand
überstieg und mit ihm nicht zu be-greifen war, glaubten sehen und verstehen zu
müssen, war es gewissermaßen vorprogrammiert, daß man eine universale
Weltsicht wie die des Novalis, die Ratio und Glauben miteinander in Einklang zu
bringen versuchte, mißverstehen mußte und nur falsch zu beurteilen vermochte.
Doch dazu noch an anderer Stelle.
Uns interessiert vorerst zu dem von uns zu betrachtenden
Thema weniger die sog. bürgerliche Karriere des Friedrich von Hardenberg als
vielmehr diejenige des Dichters unter dem Namen Novalis. Wie kam es überhaupt
zu diesem Namen?
Die einen führen ihn auf eine Seitenlinie der Familie des
freiherrlichen Geschlechts zurück, die im 16. Jahrhundert
- andere sagen: im 13.
Jahrhundert - de Novali geheißen habe. Eine
zweite Gruppe von Erklärern dagegen meint, Novalis sei eine sinngemäße
Übersetzung des deutschen Namens "Harden-berg" - oder besser:
Hardenberg sei die ins Deutsche übertragene Bedeutung des lateinischen
Substantivs "novalis". Im Lateinischen bedeutet "novalis"
einen sog. "Neubruch", d.h. ein neu unter den Pflug genommenes,
umgepflügtes Waldland. Also "Hard(t)" = Wald - und "Berg" =
ein Stück Land, das in sich Fruchtbarkeit "birgt".
Sicher ist die in der Familie vorkommende Namensform "Novali"
nicht ohne Einfluß auf die Wahl dieses Künstlernamens gewesen, gleichwohl
neige ich dazu, die zweite Deutung als entscheidend anzusehen, weil:
1. das Endungs-"s" bei der Deutung aus "Novali"
keine Erklärung findet.
2. das, was Novalis wollte und erstrebte, ein Programm zu
einem Neuanfang der Menschheit war, gewissermaßen zu ihrer
Wesens-Verwandlung. Weshalb er, ein Dichter und Umsetzer seiner Visionen in
eine Sprache der Bilder und Vergleiche, seine Tätigkeit, sein ganzes Wollen
mit einem Umpflügen des menschlichen Denkens verglichen haben mochte.
Schon hier, als Verklammerung der Kapitel dieses Aufsatzes
miteinander, diese Vorausdeutung: welch ein qualitativer Unterschied zur "revolutio",
der gewaltsamen Umwälzung, Umstürzung des Marx! Dagegen hier: das zwar
beschwerliche, geduldige, jedoch alle Gewalt vermeidende "Kultivieren"
des Bodens - mit dem Ziele des evolutionären, friedlichen Hervorbringens einer
unterm Segen des Himmels gedeihenden Ernte.
Was wollte nun Novalis in seinen Werken?
Novalis in seinen Werken: Der "Heinrich von
Ofterdingen" - und die "Poetisierung der Welt".
Obwohl die "Hymnen an die Nacht", 1797 nach dem
Tode Sophies von Kühn geschrieben, von ihm selbst am höchsten bewertet und
über seine anderen Schriften gestellt wurden, wollen wir insbesondere zwei
seiner Werke, die man als "programmatisch" ansehen darf, unseren
weiteren Betrachtungen zugrunde legen: den unvollendeten Roman "Heinrich
von Ofterdingen" und den Aufsatz "Die Christenheit oder Europa",
beide im Jahre 1799 geschrieben.
Da es aus räumlichen Gründen und aus Gründen der
Konzentration aufs Thema unmöglich ist, die Inhalte ausführlich darzustellen,
und auch der Leser nicht über Gebühr beansprucht werden soll, beschränken wir
uns darauf, erstens den Inhalt beider Schriften nur stichwortartig zu umreißen
- und zweitens sie anrißhaft zu deuten bzw. ihren Sinngehalt in Erscheinung
treten zu lassen, im übrigen aber jeden intensiver Interessierten dazu
aufzufordern, das hier im weiteren Verlauf Ausgeführte bei der Lektüre der
originalen Texte auf seine Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen.
Nun aber zu: "Heinrich von Ofterdingen" - und die
Poetisierung der Welt.
Der von Novalis 1799 niedergeschriebene Text, nämlich als
erster Teil unter dem Titel "Die Erwartung" des projektierten Romans
mit dem Titel "Heinrich von Ofterdingen", wurde 1802, ein Jahr nach
Novalis‘ Tode, von seinem Freunde Ludwig Tieck als Fragment herausgegeben und
ist im selben Jahre noch im Druck erschienen.
Tieck war von dem Fragment tief angerührt und betroffen. Das
beweist eine seiner Äußerungen wie diese: "Vielleicht rührt manchen
Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie mich, der nicht mit
einer andächtigeren Wehmut ein Stückchen von einem zertrümmerten Bilde des
Raffael oder Corregio betrachten würde."
Diese tiefreichende Überzeugung Tiecks von dem geistigen wie
poetischen Werte des Roman-Fragments hat ihn nicht nur dazu veranlaßt, diesen
für den Druck herauszugeben, sondern sich auch einer wesentlich mühevolleren
Aufgabe zu unterziehen. Aus flüchtigen Notizen, Andeutungen und aus Gesprächen
mit dem Freunde vor dessen Tod hat er nämlich
- wenn auch nur umrißhaft, um nicht das original
Eigene des Novalis zu überfremden - den zweiten
Teil des Romans zusammengestellt, der nach Novalis‘ Vorstellungen und Absicht
mit "Die Erfüllung" überschrieben sein sollte. Tieck hat sich nicht
nur mit tiefem Verständnis für seinen Freund und mit einem von uns Späteren
nicht hoch genug zu würdigendem Eifer dieser Aufgabe unterzogen, sondern auch
mit der zarten Einfühlsamkeit und Zurückhaltung dessen, der das originale
Konzept eines Anderen nicht durch die ihm selbst eigene künstlerische Vision
unkenntlich machen wollte.
Worum geht es?
Der Roman läßt Heinrich, die Titelfigur, Sohn eines in
Eisenach lebenden und schaffenden Handwerksmeisters, in Form eines sog.
Entwicklungs- bzw. Bildungsromans zum Dichter werden. Heinrich, mit einem tiefen
Gefühl für alles Lebendige begabt und für alles Schöne aufgeschlossen
- wobei unter Schönem nicht nur Schönheiten der
Natur oder schöpferischer Werke des Menschen zu verstehen sind, sondern ebenso
menschliche Taten zur Beförderung menschlicher Geschichte, menschliches
Verhalten vorbildlicher Art u.a.m. - Heinrich wird
in seinen Vorlieben und Begabungen von seinen verständnisvollen Eltern
gefördert. Er erfährt auf einer Reise, die er größtenteils zu Fuß
zurücklegt, von Eisenach nach Augsburg, dem Herkunftsort seiner Mutter, in
abenteuerlichen, zum Teil ans Märchenhafte grenzenden Begegnungen und
Erlebnissen das menschliche Leben in seinen fundamentalen Möglichkeiten und
Gestalten. Das alles verdichtet sich in seiner empfindsamen Seele und sucht nach
einem Ausdruck im Gedicht und im poetischen Lied. "Heinrich war von Natur
zum Dichter geboren", heißt es im 6. Kapitel. "Mannigfaltige Zufälle
schienen sich zu seiner Bildung zu vereinigen... Alles, was er sah und hörte,
schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben und neue Fenster ihm zu öffnen. Er
sah die Weite der Welt in ihren großen und abwechselnden Verhältnissen vor
sich liegen."
Heinrich ist am Ende des ersten Teils des Romans zum Dichter
geworden. Der zweite Teil, das lassen die Bruchstücke erkennen, sollte das
Wirken des Dichters in der Welt zeigen und, schließlich, die Erlösung der in
Haß und Hader zerstückten Welt und aller sich fremd gewordenen Kräfte - durch
die Kraft und die Macht der alle Gegensätze aufhebenden Poesie
darstellen.
Beschäftigen wir uns sogleich mit der kardinalen Botschaft,
die der Roman-Text erkennen läßt. Zugegeben: wie schon Zeitgenossen, noch
stärker spätere Kritiker fanden: der Text ist in vielen seiner Partien
"dunkel" und schwer bis kaum verständlich, ins Märchenhafte, gar
Mystische übergehend - und eigentlich mehr ein Sprechen in Bildern und
Symbolen, als der alltäglich gewohnten Sprache angenähert, und doch von einer
merkwürdigen Anziehungskraft, die eigentlich nur Anderes enthalten kann - als Un-sinn.
Beschäftigen wir uns also mit der durchaus erkennbaren
Botschaft dieses Romans. Sie lautet: die Poesie ist nicht nur bedeutend, sie ist
vielmehr lebenswichtig für die Welt - weshalb es das Ziel sein muß, die Welt
ganz und gar und durch und durch zu – "poetisieren".
Damit ist nicht nur die tiefere Absicht des Novalis‘schen
Roman-Fragments, sondern im Grunde das vollständige Programm der sog.
romantischen Schule entdeckt.
Was aber heißt, was bedeutet das: poetisieren? Und was
bedeutet die im Roman an entscheidenden Stellen immer wieder erscheinende
"blaue Blume", nach der Heinrich eine nie mehr erkaltende Sehnsucht
erfaßt hat, so daß er sich in einer ständigen Suche nach ihr befindet?
Diese späterhin geradezu mystifizierte "blaue
Blume", in ganz dem Treiben der materiell gesinnten Welt hingegebenen
Zeiten geradezu zum Negativ-Symbol für alles belächelte Romantische geworden
und mit vernichtendem Mitleid und beißendem Spott bedacht - diese blaue Blume
bedeutet nichts anderes als die Novalis‘sche Poesie.
Die "blaue Blume", so steht es in einschlägigen
literarwissenschaftlichen Büchern, wurde der deutschen Sage entnommen und -
wurde schließlich zum Losungswort für die deutsche Romantik. Nach Jacob Grimm,
dem neben seinem Bruder einzigartigen deutschen Sprachforscher, der selber in
die große Bewegung der Romantik gehört, nach ihm ist sie eine Wunderblume, die
dem, der sie findet, plötzlich "die Augen öffnet", so daß er den
ihm bis dahin verborgenen Eingang zum Schatz entdeckt.
Aber was ist das, wofür diese blaue Blume steht? Was
bedeutet, was ist - Poesie? Selbstverständlich nicht das
- aber das wird man im vorliegenden Zusammenhang
wohl auch kaum annehmen - was das ansonsten aller
Ehren werte kleine Lieschen Müller darunter versteht, wenn sie ihre Glück- und
Segenswünsche für die 70 Jahre alt gewordene Oma statt in alltäglicher
Umgangssprache so vorträgt, daß sich die Sätze am Ende, wenn
vielleicht auch mühsam, immer reimen, was von der anwesenden Familie als
bewundernswerte "dichterische" Leistung beklatscht und gerühmt wird.
Warum auch nicht, schließlich hat sich jemand eine in dieser Art seltene Mühe
gemacht - und damit ein Zeugnis für die Liebe zur verdienten Jubilarin
abgelegt. Aber Poesie? Nein - Poesie ist das nicht. Und man tut, wenn man
ihre Bemühungen nur angemessen würdigt und lobt, dem liebenswerten
Lieschen Müller mit dieser Feststellung durchaus keinen Tort an.
Was - ist also Poesie?
Hören wir Novalis selber, im O-Ton gewissermaßen, um es
zeitgemäß zu sagen, entnommen dem Buch "Novalis", ausgewählt und
eingeleitet von Walther Rehm. Dort heißt es unter "Dichterwelt und
Dichter" in dem Kapitel "Fragmente" u.a.: "Das Genie
überhaupt ist poetisch. Wo das Genie gewirkt hat - hat es poetisch gewirkt. Der
echt moralische Mensch ist Dichter…Poesie ist die große Konstruktion der
transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt. Die
Poesie schaltet und waltet…zu ihrem großen Zweck der Zwecke - der Erhebung
des Menschen über sich selbst…. Der Poet versteht die Natur besser wie der
wissenschaftliche Kopf… dahingegen sie (die Ideen) beim Nichtkünstler nur
durch Hinzutritt einer äußren Sollizitation ( = Bitte, Gesuch, Beunruhigung,
Aufwiegelung, Anstachelung, also durch von außen kommenden Reiz) ansprechen und
der Geist, wie die träge Materie, unter den Grundgesetzen der Mechanik, daß
alle Veränderungen eine äußere Ursache voraussetzen und Wirkung und
Gegenwirkung einander jederzeit gleich sein müssen, zu stehn oder sich zu
unterwerfen scheint. Tröstlich ist es wenigstens zu wissen, daß dieses
mechanische Verhalten dem Geiste unnatürlich und, wie alle geistige Unnatur,
zeitlich sei.
Gänzlich richtet sich indes auch bei dem gemeinsten Menschen
der Geist nach den Gesetzen der Mechanik nicht - und es wäre daher auch bei
jedem möglich, diese höhere Anlage und Fähigkeit des Organs auszubilden…".
Und weiter: "Die Poesie ist für den Menschen, was der
Chor dem griechischen Schauspieler ist - Handlungsweise der schönen
rhythmischen Seele - begleitende Stimme unsers bildenden Selbst - Gang im Lande
der Schönheit - überall leise Spur des Fingers der Humanität - freie Regel -
Sieg über die rohe Natur in jedem Worte - ihr Witz ist Ausdruck freier,
selbständiger Tätigkeit - Flug - Humanisierung - Aufklärung - Rhythmus -
Kunst…
Wer das Leben anders als eine sich selbst vernichtende
Illusion ansieht, ist noch selbst im Leben befangen.
Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns
gemachter Roman sein…
Die Welt muß romantisiert werden. (Anmerkung: was nach
Novalis’ Überzeugung nur die Poesie leisten kann.) So findet man den
ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts anderes als eine
qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in
dieser Operation identifiziert…
Die Poesie ist nämlich … eine harmonische Stimmung unseres
Gemüts, wo sich alles verschönert, wo jedes Ding seine gehörige Ansicht …
findet…
Man glaubt, es könne nicht anders sein und als habe man nur
bisher in der Welt geschlummert - und gehe einem nun erst der rechte Sinn für
die Welt auf....".
Und schließlich: "Das Märchen ist gleichsam der Kanon
(= Regel, Richtschnur) der Poesie - alles Poetische muß märchenhaft sein…
Das echte Märchen muß zugleich prophetische Darstellung -
idealische Darstellung...sein. Der echte Märchendichter ist ein Seher der
Zukunft… Es ist die Trägheit, was uns an peinliche Zustände kettet…".
So weit einige Äußerungen des Novalis zu Wesen, Bedeutung
und Aufgabe der Poesie. Klingen sie nicht wie die Äußerungen eines zwar
ehrenwerten, aber doch völlig realitätsfernen, konfusen "Spinners",
eben eines "Romantikers", wie man sich eben, distanziert und
überlegen zugleich, einen solchen vorstellt?
Als Antwort darauf zuerst eine Definition von
"Poesie" aus einem der Romantisiererei unverdächtigen modernen
Lehrbuch, der 1969 im Hirt-Verlag herausgegebenen "Poetik in
Stichworten". Danach ist Poesie eine ästhetische Form der Welterfassung.
"Ästhetisch" (aus dem griechischen Verb aisthanomai = empfinden,
sinnlich wahrnehmen - aber auch: bemerken, erfahren, verstehen, einsehen) -
"ästhetisch" bedeutet also: wahrnehmen mit der Ganzheit menschlichen
Wahrnehmungsvermögens, also sowohl rational wie auch mit dem Gefühl.
Zu dieser Art einer ganzheitlichen Wahrnehmung der Welt
gehört, daß das Wahrgenommene unmittelbar ge- oder mißfällt, wobei die
ästhetische Wahrnehmung alles Mißfallende meidet, was nichts anderes heißt,
als das alles, was als ästhetisch empfunden wird, "schön" ist.
Aber diese reine Begriffserläuterung dessen, was man unter
Poesie versteht, ist doch sehr formal, deckt sich zu wenig mit dem Anspruch, den
Novalis für die herausragende Bedeutung der Poesie in der menschlichen Welt
erhebt. Immer noch könnte man ihn zu einem geschichtlichen Einzelfall
erklären, in der Vergangenheit versunken und von keinerlei Relevanz für uns
Heutige, gar für die Zukunft. Gäbe es da nicht Stimmen sowohl aus der Zeit vor
wie auch nach dem kurzen Leben des Novalis bzw. Friedrichs von Hardenberg,
welche die Annahme, ja den Verdacht nahelegen, daß an dem, was ein jugendlicher
romantischer Träumer in Stunden überhitzter, ekstatischer Begeisterung zu
Papier gebracht haben mag, mehr sein könnte, als daß man darüber so einfach
zur Tagesordnung des gewohnten Trotts übergehen dürfte.
Im Jahre 1931, kurz vor Beginn des Nazi-Regimes in
Deutschland, schrieb Karl Jaspers, einer der bedeutendsten Philosophen deutscher
Zunge, in seinem berühmten Büchlein "Die geistige Situation der
Zeit", und zwar im III. Teil, "Verfall und Möglichkeit des
Geistes", ich zitiere sinngemäß: Kunst sollte nicht Spiel und Vergnügen,
sondern Chiffre der Transzendenz sein. Kunst sollte den Menschen in seiner
Totalität ergreifen, damit er durch sie sich selber in seiner transzendenten
Bezogenheit gegenwärtig wird. Das eigentliche Sein werde durch die Kunst
ent-deckt. Es schlummert im Menschen, kommt durch den Künstler zum Bewußtsein
und zur Entfaltung. Die Kunst müsse die Sehnsucht vermitteln, die Lust an
vergangener Größe, den Anspruch einer Transzendenz. Sie müsse die fraglose
sittliche Substanz erscheinen lassen, sie müsse an eine sittliche Substanz, an
einen fraglosen Gehalt gebunden sein. Der Adel des Menschen sollte durch sie
sichtbar werden, das Sein durch sie zum Sprechen gebracht werden.
Ohne an dieser Stelle auf die Interpretation einiger der von
Jaspers verwendeten Begriffe eingehen zu können
- so könnte z.B. der Begriff "Adel" das
Mißverständnis von Jaspers als jemand provozieren, der die Restauration des
historischen gesellschaftlichen Adels propagiere; was, lapidar gesagt, eine
unsinnige Unterstellung wäre - so dürfte doch
jedem sorgfältig denkenden Leser unmittelbar und fast mühelos die erstaunliche
Kongruenz der Äußerungen des Novalis zur Poesie und denen Jaspers‘ zur Kunst
aufgefallen sein.
"Die Christenheit oder Europa" - oder
die Unerläßlichkeit der Religion für die Rettung der
Menschheit.
Die zweite Schrift des Novalis, die wir im Zusammenhang mit
der gewählten Thematik erwähnen wollen, ist der 1799 für die Zeitschrift
"Athenäum" geschriebene Aufsatz "Die Christenheit oder
Europa". Er ist eine Betrachtung der europäischen Geschichte, insbesondere
der Geistesgeschichte, seit dem Mittelalter bis auf die Gegenwart des Autors.
Ausgangspunkt ist seine Vorstellung von der Einheit Europas unter der Macht des
alle Kräfte durchwirkenden Christentums. " Ein großes
gemeinschaftliches Interesse", so heißt es, "verband die entlegensten
Provinzen dieses weiten geistlichen Reiches, ohne große weltliche Besitztümer
lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen
Kräfte." Jedoch, so heißt es weiter: "Noch war die Menschheit für
dieses herrliche Reich nicht reif, nicht gebildet genug."
Novalis nennt dann diejenigen geschichtlichen Ereignisse, die
nach seiner Ansicht diese glückliche Frühzeit des christlichen Abendlandes
beendeten: die Verkommenheit der geistig-geistlichen Führer-Macht, der damit
heraufbeschworene, unabwendbar notwendige und doch frevelhafte Protestantismus
sowie die Loslösung der Wissenschaft vom Glauben ( Novalis: "Aus Instinkt
ist der Gelehrte Feind der Geistlichkeit nach alter Verfassung; der gelehrte und
der geistliche Stand müssen Vertilgungskriege führen, wenn sie getrennt sind;
denn sie streiten um Eine Stelle…"). Als weiteren Grund für das Ende des
christlichen Abendlandes nennt Novalis das Überhandnehmen des aufs Weltliche
gerichteten Sinns der Menschheit (Novalis: "Der anfängliche Personalhaß
gegen den katholischen Glauben ging allmählich in Haß gegen die Bibel, gegen
den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr -
der Religions-Haß dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle
Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Gefühl,
Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der
Reihe der Naturwesen mit Not obenan, und machte die unendliche schöpferische
Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom
Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne
Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes perpetuum mobile, eine sich
selbst mahlende Mühle sei."). Und schließlich nennt er noch: die
Entwicklung der Staatsmächte zu weltlichen Sinngebern für die Menschheit und -
das Ereignis der Französischen Revolution - als ein "weltlicher
Protestantismus" Frankreichs.
Aber - aus diesen fürchterlichen Kollabierungen der
menschlichen Geschichte geht auch die Hoffnung auf ein neues
Menschheitszeitalter hervor. Es gibt einen "Wechsel entgegengesetzter
Bewegungen", ihnen scheint eine "beschränkte Dauer" wesentlich,
"ein Wachstum und ein Abnehmen" natürlich und "eine
Auferstehung, eine Verjüngung, in neuer, tüchtiger Gestalt",
"fortschreitende, immer mehr sich vergrößernde Evolutionen"
eigentümlich zu sein. Sie "sind der Stoff der Geschichte". Und –
"was jetzt nicht die Vollendung erreicht, wird sie bei einem künftigen
Versuch oder bei einem abermaligen erreichen; vergänglich ist nichts was die
Geschichte ergriff, aus unzähligen Verwandlungen geht es in immer reicheren
Gestalten erneuet wieder hervor…"
So könne man "in Deutschland… schon mit voller
Gewißheit die Spuren einer neuen Welt aufzeigen… In Wissenschaften und
Künsten wird man eine gewaltige Gärung gewahr. Unendlich viel Geist wird
entwickelt." "Reizender und farbiger steht die Poesie...dem kalten,
toten Spitzbergen jenes Stubenverstandes gegenüber." Und - die Religion
wird wieder entdeckt! Denn: "Erst durch genauere Kenntnis der Religion wird
man jene fürchterlichen Erzeugnisse eines Religionsschlafs ... besser
beurteilen und dann erst die Wichtigkeit jenes Geschenks recht einsehn
lernen." Denn: "Wo keine Götter sind, walten Gespenster." Und
Novalis folgert weiter und stellt fest: "Es ist unmöglich daß weltliche
Kräfte sich selbst ins Gleichgewicht setzen, ein drittes Element, das weltlich
und überirdisch zugleich ist, kann allein diese Aufgabe lösen." "Nur
die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern...". Noch
einmal holt ihn, den Seher, die Wirklichkeit seiner Zeit zurück, und er fragt,
mit deutlich erkennbarer Trauer: "Wo ist jener alte, liebe,
alleinseligmachende Glaube an die Regierung Gottes auf Erden, wo jenes
himmlische Zutrauen der Menschen zu einander, jene süße Andacht bei den
Ergießungen eines gottbegeisterten Gemüts, jener allesumarmende Geist der
Christenheit?" - um dann aber, zwar immer noch in die Form einer Frage
gekleidet, aber doch in die Zukunft blickend, festzustellen: "…das alte
Papsttum liegt im Grabe" (Novalis spielt damit auf die 1798 erfolgte
Umwandlung des Kirchenstaates in eine Republik an), "und Rom ist zum
zweitenmal eine Ruine geworden. Soll der Protestantismus nicht endlich aufhören
und einer neuen dauerhafteren Kirche Platz machen? Die andern Weltreiche warten
auf Europas Versöhnung und Auferstehung, um sich anzuschließen…"
Und er schließt seinen Aufsatz mit dem Aufruf zur Geduld und
in der hoffnungsvollen Gewißheit: "Wann und wann eher? darnach ist nicht
zu fragen. Nur Geduld, sie wird, sie muß kommen die heilige Zeit des ewigen
Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt sein wird; und bis dahin
seid heiter und mutig in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens,
verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium, und bleibt dem
wahrhaften, unendlichen Glauben treu bis in den Tod."
Dieser Aufsatz, in welchem einen ins Mittelalter gewandten
Traum zu sehen nur eine Phantasie bedeuten kann, die sich ihrerseits über
Gegebenheiten, hier nämlich über die Wirklichkeit dieses vorliegenden Textes,
hinwegsetzt - dieser Aufsatz löste im sog. Jenaer Kreis heftige Diskussionen
aus. Laut einer Mitteilung Ludwig Tiecks hätten dessen Gegner die in dem
Aufsatz zutage tretende "historische Ansicht" angeblich zu schwach und
nicht genügend fundiert gefunden - was zweifellos zutrifft, wenn man die
Absicht des Autors dahingehend mißversteht, eine Untersuchung oder gar eine
alle Fakten berücksichtigende Darstellung zu verfassen, die den Maßstäben der
historischen Wissenschaft entspricht. Das aber hat keineswegs in der Absicht des
Novalis gelegen, die eher philosophischer Art war. Allein der relativ geringe
Umfang von ca. 20 Druckseiten für einen behandelten Zeitraum von ca. 1000
Jahren hätte besonneneren Kritikern ein derartiges Argument gegen diesen
Aufsatz als unangemessen erscheinen lassen müssen. Nein, in Wahrheit ging es um
etwas ganz anderes, nämlich um die für die damaligen Zustände und
Verhältnisse durchaus revolutionäre Sprengkraft dieser Zukunfts-Vision. Man
stelle sich z.B. einmal vor, welches Aufsehen dieser Aufsatz erregt hätte,
wäre er, gedruckt, der Öffentlichkeit zugänglich geworden. Und das in
einem Lande wie Sachsen-Weimar, demjenigen urprotestantischen Herzogtum, das
einst Luther vor den kaiserlichen Nachstellungen verborgen hatte! Zu lesen, daß
der Protestantismus zwar geschichtlich unvermeidbar und notwendig gewesen sei,
daß aber seine Führer "Insurgenten" genannt wurden, die das
"notwendige Resultat ihres Prozesses" vergessen hätten, die "das
Untrennbare.... die unteilbare Kirche" getrennt und sich selber
"frevelnd aus dem allgemeinen christlichen Verein" gerissen hätten.
Oder: daß sich "unglücklicherweise…die Fürsten in diese Spaltung
gemischt" und viele diese "Streitigkeiten zur Befestigung und
Erweiterung ihrer landesherrlichen Gewalt und Einkünfte" benutzt hätten
und froh gewesen seien, "jenes hohen Einflusses überhoben zu sein" -
dégoutant! - ja, viel schlimmer noch als das.
Und so war es denn kein Wunder, daß die kulturell höchste
Autorität in diesem Lande, der "Dichterfürst", bis 1786 der
mächtigste Staatsminister dieses Landes und persönliche Freund des regierenden
Herzogs Carl August, daß nämlich Goethe, zum Schiedsrichter angerufen,
schließlich die Publikation verhinderte. Er, der zwar nachweislich immer ein
Freund und Fürsprech der Armen und ein Gegner absolutistischer
Willkürherrschaft gewesen ist, war andererseits ein entschiedener Gegner von
allem, was das Bestehende anders als durch ständig geduldiges Verbessern zu
ändern versuchte - und demzufolge auch gegen jeden Ton, welcher Revolutionäres
hätte provozieren können.
Und so wäre es letztendlich vielleicht ganz im Sinne des
immer zur Geduld mahnenden Novalis selbst gewesen, daß sein Aufsatz zuerst
einmal ungedruckt blieb.
So weit zu Novalis bzw. Friedrich von Hardenberg und zu zwei
seiner Texte.
Wenden wir uns nun Karl Marx zu.
Wer war Karl Marx?
Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier, also 17 Jahre nach
dem Tode Hardenbergs, in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines
Rechtsanwalts geboren. Infolgedessen nahm er, ohne Schwierigkeiten und Brüche
in seinem Bildungswege, bereits 1835 ein Studium der Rechtswissenschaften, der
Philosophie und der Geschichte an der Universität in Bonn auf, wechselte
schließlich an die Universität in Berlin, wo er sich den revolutionären
Interpreten der Philosophie Hegels, den sog. "Linkshegelianern",
anschloß und wo er bis 1841 verblieb und bis dahin auch in Philosophie
promovierte. Bereits im selben Jahre noch trat er in die Redaktion der liberalen
"Rheinischen Zeitung" in Köln ein und übernahm schon nach einem
Jahre deren Leitung. Wegen seiner revolutionären gesellschaftspolitischen
Überzeugungen, die sich schließlich immer mehr zur Ideologie des Kommunismus
verdichteten und seine Zeitung bei den herrschenden Kreisen in Verruf brachten,
wurde diese 1843 verboten. Im selben Jahre heiratete er Jenny von Westphalen und
emigrierte nach Paris. Dort widmete er sich nicht nur dem Studium
wirtschaftlicher und sozialer Fragen, was zu seiner endgültigen Abwendung von
der deutschen idealistischen Philosophie führte und sich in mehreren
Veröffentlichungen niederschlug (z.B. der "Einleitung zur Kritik der Hegel‘schen
Rechtsphilosophie", 1844), sondern er nahm auch Kontakt zu anderen
kritischen Geistern, so zu Heinrich Heine und zu französischen Sozialisten auf,
insbesondere zu Pierre Joseph Proudhon. Er lernte Friedrich Engels kennen, mit
dem zusammen er 1845 die Schrift "Die heilige Familie"
veröffentlichte. Karl Marx wurde inzwischen wegen seines auch aus dem Ausland
ungebrochen wirkenden Einflusses von der preußischen Regierung für einen
Staatsfeind gehalten und auf ihre Intervention hin aus Paris ausgewiesen.
Er ging von 1845 - 1848 nach Brüssel, wo er sich anschickte,
seine Theorien in die Vorbereitung einer revolutionären Praxis umzusetzen,
indem er sozialistische Arbeitervereinigungen gründete. In diesem Zusammenhange
begann er sich mit politischen Gruppierungen auseinanderzusetzen, die nach
seiner Ansicht selber zu keinen praktischen Erfolgen zu führen vermochten und
außerdem die gesammelte Kraft der Arbeiterbewegung zersplitterten. So
veröffentlichte er 1848 in französischer Sprache als Abrechnung mit dem sog.
utopischen Sozialismus "La misère de la philosophie" (deutsch
"Das Elend der Philosophie", 1885). Außerdem begann er die
programmatische Grundlegung seiner Theorien für den politischen Kampf, indem er
soziologisch-wirtschaftliche Theorien erarbeitete, so eine Arbeits- und
Mehrwertlehre. Im Zusammenhange mit einem internationalen Kongreß der
Arbeiterbewegungen 1847 in London arbeitete Marx, unter Mithilfe von Engels, das
"Manifest der kommunistischen Partei" aus, das 1848 in London im Druck
erschien. Es war die erste umfassende radikale Kritik an der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und zugleich der Aufruf an das
Proletariat zum politischen Kampf.
Diese Schrift sollte grundlegend für die gesamte
revolutionäre Arbeit des Marxismus werden.
Inzwischen längst staatsübergreifend als gefährlich
eingestuft, wurde Karl Marx noch 1848 auch aus Belgien ausgewiesen.
In Paris kam es im Februar zur Revolution - und Marx eilte
dorthin. Unzufriedene Studenten und Arbeiter stürmten das Palais Royal und
erzwangen:
-
Abdankung des Königs Louis Philippe
-
Ausrufung der Republik
-
Gesetz zum Recht auf Arbeit
-
das allgemeine und gleiche Wahlrecht.
Aber bereits im Juni wurden die aufständischen
Arbeitermassen in mehrtägigem, blutigem Straßenkampf niedergeworfen. Es gab
10.000 Tote.
Karl Marx war, sobald auch in Deutschland der revolutionäre
Funke gezündet hatte, nach Köln zurückgeeilt, wo er
- praktisch als Agitations- und
Kampforgan - die "Neue Rheinische
Zeitung" gründete. In ihr erließ er einen Aufruf, mit dem er das Volk zur
organisierten Steuerverweigerung aufforderte. Die für Köln zuständige
preußische Regierung verbot und unterdrückte das Blatt und wies Marx 1849 aus
ganz Preußen aus.
Er ging zuerst nach Paris und, als er dort auch nicht
geduldet wurde, schließlich nach London. In dem dort bestehenden
"Kommunistenbund" spielte er eine führende Rolle. Unter schwierigen,
zeitweise elenden wirtschaftlichen und persönlichen Bedingungen lebend (mehrere
seiner Kinder starben, von den drei Töchtern, die ein erwachsenes Alter
erreichten, starb eine noch vor ihm, zwei begingen später Selbstmord) und auf
finanzielle Hilfe seines Freundes Friedrich Engels angewiesen, die meiste Zeit
in der Bibliothek des British Museum mit umfassenden Studien verbringend, galt
seine Arbeitskraft der theoretischen Unterstützung und praktischen Vorbereitung
der proletarischen revolutionären Bewegung in Europa.
So vertrat er in seiner 1848 entwickelten
Gesellschaftstheorie die Notwendigkeit der proletarischen Revolution zur
Verwirklichung einer menschlichen Gesellschaft - und widmete sich nach 1848
hauptsächlich der soziologischen Interpretation der Geschichte und untersuchte
die ökonomischen Gesetze, nach denen - seiner
Überzeugung nach - alle Geschichte sich
unabänderlich entwickelt und verläuft. Daneben entfaltete er eine rege
schriftstellerische Tätigkeit, mit der er historische Hintergründe und
Machenschaften seiner politischen Gegner aufdeckte.
Von 1852 an war Marx Korrespondent der amerikanischen
"New York Tribune", in der er nicht nur die gewöhnliche
Tageskorrespondenz schrieb, sondern in Form von Artikelreihen
- jeweils auf gründliche Studien
gestützt - die politische und ökonomische Lage
der einzelnen europäischen Länder umfassend darlegte.
1859 erschien seine Schrift "Zur Kritik der politischen
Ökonomie", ein Vorläufer seines Hauptwerkes "Das Kapital",
dessen 1. Band 1867 in Hamburg erschien. (Der 2. und 3. Band des
"Kapital" wurden erst posthum und unvollendet 1885 und 1894 von Engels
herausgegeben.)
1864 beteiligte sich Karl Marx an der Gründung der
Internationalen Arbeiter-Assoziation - später
bekannt als "I. Internationale" - setzte
die Wahl von Friedrich Engels zum Generalsekretär durch sowie die Anerkennung
seiner, der marxistischen Prinzipien zur programmatischen Grundlage. Schon 1872
werden auf dem Haager Kongreß von den Anhängern Marx‘ der Russe Bakunin
sowie alle Anarchisten aus der IAA ausgeschlossen, was deren Spaltung und ihren
Zusammenbruch zur Folge hat. Das Hauptbüro des Restverbandes wird nach New York
verlegt, wo es selbst und mit ihm die IAA abstirbt.
Marx hielt sich nach 1872 von organisatorischen Aufgaben
fern. 1875 veröffentlichte er noch seine Schrift "Kritik des Gothaer
Programms", des Programms der deutschen Sozialdemokratie auf ihrem
Vereinigungsparteitag, die seit 1917 zum Hauptdokument im theoretischen Kampf
zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde.
1881 stirbt seine Ehefrau Jenny. Er selbst stirbt, noch nicht
65 Jahre alt, am 14. März zu London an einem Lungenabszeß.
So weit der Lebensabriß des Karl Marx. Welch ein eklatanter
Unterschied zu demjenigen des Novalis. Während ersterer bei seinem Tode
immerhin im 7. Lebensjahrzehnt steht, vollendet dieser nicht einmal das dritte.
Und welches im wahrsten Sinne des Wortes "bewegte" Leben Marxens im
Vergleich zu demjenigen des Novalis: zwischen europäischen Hauptstädten
pendelnd, halb freiwillig, halb gezwungen, den Sinn auf Internationalität
gerichtet - so ist es bei Marx. Während sich dagegen in einem relativ geringen
Aktionsradius zwischen sachsen-anhaltinischen und thüringischen, beinahe
benachbarten Orten das kurze Leben des Novalis abspielt - räumlich gesehen eher
provinziell.
So gesehen scheint ein Vergleich zwischen diesen beiden
Männern von Anfang an im Ungleichgewicht und von vornherein als unpassend. Ob
diese Ungleichheit im Scheine der Wirklichkeit hingegen auch in Wahrheit eine
solche ist, das zu entscheiden wird dem Versuch einer vertieften und
abschließenden Überlegung und Würdigung vorbehalten bleiben.
Bevor wir aber das versuchen wollen, sollen die leitenden
Gedanken des programmatischen Hauptwerks von Karl Marx (nicht dem Umfange und
Gewicht, sondern der geschichtlichen Wirkung nach) vorgestellt werden, nämlich
die des "Manifests", d.i. der an die Öffentlichkeit gebrachten
Grundzüge des Kommunismus, so wie er, Karl Marx, ihn auf Grund langer Studien
und langer soziologischen, philosophischen und ökonomischen Überlegungen für
geschichtlich notwendig hielt.
Das "Manifest der kommunistischen Partei" - oder
der Posaunenstoß der Verkündung des unabänderlichen Gesetzes menschlicher
Geschichte: der Klassenkampf!
Diese Programm- und Kampfschrift, die anläßlich eines
Kongresses der internationalen Arbeiterbewegung 1847 in London geschrieben
worden war - und zur Grundlage für die gesamte
revolutionäre Arbeit des Marxismus überhaupt werden
sollte - diese Schrift beginnt mit einem
einleitenden Satz, der wohl die längst unter der Oberfläche in den
europäischen Staaten schwelende und bekannte, wenn auch aus vielerlei Gründen
unterdrückte oder verdrängte Wirklichkeit wiedergab - und der doch, oder
gerade deswegen, in seiner sloganartigen Verkürzung und rücksichtslosen
Nacktheit schockierte – wie der eine Idylle zerreißende Donnerschlag:
"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus."
Es sei hohe Zeit, sagt Marx, daß die Kommunisten der
Öffentlichkeit sagten, was sie dächten und was sie und warum sie es wollten.
Und er beginnt das erste der insgesamt etwa 30-seitigen und
in vier Kapitel eingeteilten Schrift mit einem ähnlichen Paukenschlag wie die
Einleitung, indem er schockierend lapidar feststellt: "Die Geschichte aller
bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."
Diese Behauptung, die übrigens unausgesprochen die Aussage
enthält, daß eine zukünftige Geschichte anders als die bisherige sein
könnte, wird nun in diesem mit fast der Hälfte der Gesamtschrift längsten
Kapitel erläutert. Immer, so weit uns Geschichte überliefert sei, habe es
Unterdrückte und Unterdrücker gegeben. Ob in der Gesellschaft des alten Rom,
in der die vielfältig abgestuften Unterdrückten bis zu der noch nicht einmal
als Menschen anerkannten Klasse der Sklaven reichten, ob im feudalen
Mittelalter, in dem die in Stände differenzierten Unterdrückten bis hinab zu
den Leibeigenen reichten - immer haben wenige über diejenigen Macht- und
Einflußmittel verfügt, die es ihnen ermöglichten, sich auf Kosten der Rechte,
der Arbeitsprodukte und des Lebens der unterdrückten Vielen zu bereichern.
An dieser grundsätzlichen gesellschaftlichen Situation hat
sich bis auf die Gegenwart, d.h. bis auf seine, Marx‘ Zeit, nichts geändert
– bis auf einen, allerdings wesentlichen Unterschied: "Unsere Epoche, die
Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die
Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und
mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt
gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat."
Unter "Bourgeoisie" wird die Klasse der modernen
Kapitalisten verstanden, welche die Besitzer der gesellschaftlichen
Produktionsmittel sind (wozu nicht nur das Kapital im Sinne von Geld-Kapital
zählt, sondern Fabrik- und Werksanlagen, Maschinen u.a.m.) und welche die
Lohnarbeit der von ihnen Abhängigen ausnutzen.
Unter "Proletariat" ist zu verstehen die Klasse der
modernen Lohnarbeiter, die, um leben zu können, ihre Arbeits-kraft
verkaufen müssen, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen.
So die Erklärung der beiden wichtigsten Klassen-Begriffe bei
Marx durch Friedrich Engels in einer 1888 hinzugefügten Anmerkung zur
englischen Ausgabe des Manifests.
Dieser zugespitzte Klassengegensatz hat sich ergeben durch
die weltweite Ausdehnung der Märkte seit dem Zeitalter der Entdeckungen und
Kolonisierungen, dem damit steigenden Bedarf und dem sprunghaften Anstieg der
Gewinn-Chancen. "An die Stelle der Manufaktur (der vorindustriellen Zeit)
trat die moderne Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten
die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die
modernen Bourgeois."
Zwar hat die Bourgeoisie das Verdienst, während ihrer
geschichtlichen Entwicklung eine revolutionäre Rolle gespielt zu haben, indem
sie in einem langen hartnäckigen Kampf die vielen versteckten, ständisch
gegliederten Abhängigkeiten der Menschen auch als solche entlarvte und
beseitigte. Früher konnte sich die Herrschaft der wahren, der obersten
Herrschaftsschicht dem Blick der Menschen, gewissermaßen maskiert, entziehen;
es gab immer jemanden in nächster Nähe, von dem man direkt und erkennbar
abhängig war. Wollte man ihn zur Verantwortung ziehen, so entzog er sich
dieser, indem er auf seine eigene Abhängigkeit von einem anderen, noch
Mächtigeren verweisen konnte. Und so immer weiter, bis sich der allerletzte
Grund für alle Abhängigkeiten bis ins unerreichbar Nebulose verlor. "Die
Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten
Tätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen,
den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten
Lohnarbeiter verwandelt."
Die bisherige Leistung der Bourgeoisie besteht also
insbesondere im Zerreißen des Nebelschleiers und im Zutagebringen des Gesetzes
aller bisherigen Geschichte: des Bestehens von Unterdrückten und
Unterdrückern. "Alles Ständische und Stehende verdampft, …und die
Menschen sind endlich gezwungen, ihre gegenseitigem Beziehungen mit nüchternen
Augen anzusehen."
Die kapitalistische Bourgeoisie muß ihrem Gesetz wie
mechanisch folgen, sie darf an keinen Landesgrenzen haltmachen, sondern muß den
Weltmarkt erobern. Nationale Industrien werden vernichtet, Rohstoffe aus aller
Welt werden verarbeitet, die so entstandenen Fabrikate in aller Welt angeboten,
bislang unbekannte Bedürfnisse geweckt, Fabrikate auf der ganzen Welt verkauft,
die Zustände aller Nationen werden einander angeglichen. Die gleiche materielle
Produktion wirkt sich auch auf die geistigen Erzeugnisse aus, die zum
Allgemeingut werden. Die Bourgeoisie "reißt ... auch die barbarischsten
Nationen in die Zivilisation."
Aber - in dieser rasanten Entwicklung steckt das Gesetz der
gerufenen Geister, die man nicht mehr los wird. Handelskrisen stellen in
periodischer Wiederkehr die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in
Frage. In ihnen wird nicht nur ein großer Teil der erzeugten Produkte, sondern
werden sogar bereits geschaffene Produktivkräfte vernichtet. Eine
gesellschaftliche Epidemie bricht aus - die Epidemie Überproduktion. Es drohen
Hungersnot und ein allgemeiner Vernichtungskrieg. Und warum? - weil die
Gesellschaft zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel
Handel besitzt. Aber - "die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen
geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die
diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier."
Diese Proletarier beschreibt Marx geradezu als Archetypus des
selbstentfremdeten Menschen, die Wahrheit seiner Zeit damit durchaus treffend:
die Ausdehnung der maschinellen Produktion sowie die als rationeller und damit
kostensparend geltende Arbeitsteilung haben dazu geführt, daß der in dieser
Produktionsweise arbeitende Mensch kein kreativer Gestalter mehr, sondern
praktisch zu einem "bloßen Zubehörteil der Maschine" degradiert
worden ist. Er vermag sich in seiner Arbeit nicht mehr selber zu finden, sich
seiner selbst als eines schöpferischen Wesens nicht mehr ansichtig zu werden.
Das hat zugleich den Wert des arbeitenden Menschen für den Produktionsprozeß -
und damit für dessen "Herrn", den Kapitalisten und Arbeitgeber bis
fast auf Null vermindert - und demzufolge auch seinen Preis. "Die Kosten,
die der Arbeiter verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die
Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race
bedarf."
Auf diese Weise ums tägliche Brot und Überleben kämpfend,
ist der Arbeiter aus Existenzangst dazu bereit, sich um den Verlust jeglicher
Selbstachtung zu verkaufen und aufzugeben. Er läßt sich mit allen, denen es
gleich ihm ergeht, in den Fabriken wie in Kasernen von dafür bestellten
Aufsehern wie von Unteroffizieren und Offizieren zu Arbeitermassen
- wie zu Armeen -
zusammendrängen und wie billiges Kanonenfutter an die jeweils zu verteidigenden
Frontabschnitte der Produktionsschlacht werfen.
Doch alles hat seine Grenze. So auch hier. Der
Konkurrenzkampf zwischen den kapitalistischen Unternehmungen führt zur
Vernichtung so mancher kapitalistischen Existenz. Ehemals mächtige Gebieter
sehen sich entthront und drohen ins Nichts, ins Proletariat abzusinken. Sie,
gebildet und an Führungsaufgaben gewöhnt, erkennen die
menschen-entwürdigende, ja -verachtende Wirkung der kapitalistischen
Produktionsweise und Gesellschaft - und verschreiben sich dem Kampf gegen sie
mittels einer proletarischen Revolution. Die Proletarier erhalten so ihre
Führer - so wie diese in den proletarischen Arbeitermassen die bereitstehenden
Kampftruppen. Auf diese Weise hat der Kapitalismus "die Waffen gegen sich
selbst" geschmiedet. Es beginnt ein "mehr oder minder versteckter
Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in
eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie
das Proletariat seine Herrschaft begründet." "Mit der Entwicklung der
großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage
selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie
produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des
Proletariats sind gleich unvermeidlich."
Damit endet das erste Kapitel des Manifests, das die
Zustände der Gesellschaft zur Zeit Marx‘ feststellt und
- gemäß seines
Verständnisses - analysiert.
Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit dem Verhältnis
von Proletariern und Kommunisten sowie mit der Bedeutung dieser für jene und
mit der Rolle, welche die Kommunisten im Kampf der Arbeiterklasse spielen
wollen.
Die Kommunisten sind, so Marx, "praktisch der
entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder;
sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in
die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen
Bewegung voraus." D.h. die Kommunisten sind, nach Karl Marx, im Besitze des
Wissens, das den Proletariern fehlt, des Wissens um die Wege, die gegangen
werden müssen, und um das Ziel, wohin es mit ihnen gehen soll. Der
"nächste Zweck der Kommunisten ist…: Bildung des Proletariats zur
Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch
das Proletariat."
Die Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse sei in der
Geschichte üblich gewesen. Sie seien einer ständigen geschichtlichen
Veränderung unterworfen gewesen. Z.B. habe die französische Revolution das
Feudaleigentum zugunsten des bürgerlichen abgeschafft. "Aber das moderne
bürgerliche Privateigentum ist der letzte und vollendetste Ausdruck der
Erzeugung und Aneignung der Produkte, die auf Klassengegensätzen, auf der
Ausbeutung der einen durch die andern beruht."
Und dieses Eigentum
- "nicht die Abschaffung des Eigentums
überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen
Eigentums" - also dieses Eigentum am
Produktivkapital, das zur Verelendung, zum Verlust des Selbstwerts und der
Würde des Menschen und zu seiner Verdinglichung führe, dieses Eigentum
wolle der Kommunismus abschaffen - und damit die Klassengesellschaft überhaupt.
Abgeschafft würden damit indirekt alle denaturierenden
Folgen für die Menschheit, alle seelisch-geistigen Folgen, die mit der
"Heranbildung zur Maschine" verursacht worden seien. Z.B. die
Aufhebung der Ausbeutung der Kinder durch die Eltern, die Abschaffung der
Stellung der Frau als ein "bloßes Produktionsinstrument", die
Ausbeutung einer Nation durch eine andere u.a.m.
Es bedürfe keiner tieferen Einsicht, um zu begreifen, daß
die materiellen Verhältnisse einer Gesellschaft auch "ihre Vorstellungen,
Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch (das) Bewußtsein" der
Menschen bestimmten, daß also mit der Veränderung der ersteren auch das
Bewußtsein der Menschen sich ändere. Und - infolge der Revolution des
Proletariats werde es zu einer vollständigen Auflösung derjenigen
Bewußtseinsformen kommen, die das gesellschaftliche Bewußtsein - allen
Mannigfaltigkeiten und Verschiedenheiten zum Trotz - aller Jahrhunderte bestimmt
haben, in denen es die Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch einen
anderen gegeben habe. Und Marx beschließt das zweite Kapitel des Manifests mit
dem utopischen Ausblick in die Zukunft: "Sind im Laufe der Entwicklung die
Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der
assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den
politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die
organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das
Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint,
durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende
Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit
diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes,
die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.
An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren
Klassengegensätzen tritt eine freie Assoziation, worin die freie Entwicklung
eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist."
Im Kapitel III beschäftigt sich Marx zwecks Unterscheidung
der gewissermaßen "reinen Lehre" des von ihm formulierten
Kommunismus, die nach ihm "Marxismus" genannt wurde, mit einigen sog.
pseudo-sozialistischen Abspaltungen, gewissermaßen sektirerischen Strömungen,
die nur einen sozialistischen Anstrich hätten, der wahren proletarischen
Revolution aber nur hinderlich, wenn nicht gegnerisch im Wege stünden. So der
feudale, der christliche, der kleinbürgerliche, der sog. deutsche oder
"wahre" und der konservative oder Bourgeoisie-Sozialismus. Ihnen
stellt er noch einmal in Form einer definitorischen Zusammenfassung seinen, den
"kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus" gegenüber und
beschließt mit einem kurzen IV. Kapitel, betitelt "Stellung der
Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien" sein Manifest,
das er mit dem kämpferischen Aufruf "Proletarier aller Länder, vereinigt
euch!" ausklingen läßt.
"Das Kapital" - oder die gigantische Unvollendete
über das Thema "Analyse kapitalistischen Wirtschaftens".
Nach dieser kurzgerafften Darstellung der bahnbrechenden,
geschichtsmächtigen Schrift von Karl Marx wollen wir einige Worte zu seinem
voluminösen Hauptwerk "Das Kapital" anfügen. Es auch nur gerafft
darstellen zu wollen hieße, ein eigenes Buch zu schreiben - und sprengte den
Rahmen, den wir uns mit einem Aufsatz wie diesem selbst gesetzt haben. Wir
müssen deshalb Wissensdurstige, die es ja möglicherweise noch immer und immer
wieder geben könnte, auf die Lektüre des Originals verweisen, das im
Buchhandel auch heute jederzeit erhältlich sein dürfte. Hier nur so viel:
"Dieses Werk", so beschreibt es der Marxismus-Kenner Franz Borkenau,
"stellt einen gigantischen Versuch dar, die Grundthese von dem
Selbstwiderspruch des Kapitalismus durch ein ungeheures, theoretisch scharf
gegliedertes Tatsachenmaterial zu stützen; die Grundtendenz ist unverändert
revolutionär."
Die nachfolgende Übersicht versucht eine
Vorstellung davon zu geben, welche gigantischen Ausmaße der
Inhalt des trotzdem immer noch unvollendeten Werkes hat. Wir
nennen zu diesem Zweck auch die Untertitel der drei Bände sowie
die Überschriften wenigstens einiger der in ihnen enthaltenen
Kapitel:
1. Buch: Der Produktionsprozeß des Kapitals
2. Buch: Der Zirkulationsprozeß des
Kapitals
3. Buch: Der Gesamtprozeß der
kapitalistischen Produktion
Der 1. Band umfaßt ca. 800 Seiten Text,
gespickt mit belegenden Zitierungen etc., dazu ca. 100 Seiten
Anhang. Der 2. Band ca. 500 Seiten Text sowie ca. 50 Seiten
Anhang - und der 3., unvollendete Band umfaßt sogar 900 Seiten
Text, gespickt mit belegenden Zitierungen und Fußnoten, dazu
ca. 100 Seiten Anhang etc.
Im 52. Kapitel, betitelt "Die
Klassen", bricht das Manuskript ab. Das sind summa summarum
ca. 2.500 Seiten insgesamt, ein geradezu gigantisches
Unternehmen, das allein wegen der ungeheuren Arbeitsleistung
höchste Bewunderung und Anerkennung verdient.
Aber - wer sich in Gefahr begibt, der droht
darin umzukommen! - so möchte man in diesem Falle das bekannte
Sprichwort zitieren. Denn was als der Versuch des Karl Marx
begann, seine polit-ökonomischen Theorien durch Belege aus der
diffizil untersuchten Wirklichkeit, nämlich des Zusammenhanges
und der wechselseitigen Beeinflussung kapitalistischen
Wirtschaftens und der dafür notwendigen politischen Gestaltung
der Welt - und umgekehrt, unangreifbar zu machen, das
"brachte" - so wieder Borkenau - "die Vertiefung
in die Tatsachen und die Möglichkeiten ihrer theoretischen
Verallgemeinerung Marx bei dieser Arbeit wiederholt an den
Punkt, wo er von seinen Grundthesen abweichen mußte." Und
Borkenau fährt schließlich fort: "Es ist ohne jeden
Zweifel die dauernde innere Gefährdung eines Systems durch
diese Vertiefung in die nicht-revolutionären Aspekte der
Wirklichkeit, die dazu führte, daß das "Kapital" als
Torso zurückblieb…"
D.h.: Marx entdeckte bei seiner diffizilen
Analyse des sog. kapitalistischen Wirtschaftens Elemente, die
nicht nur für eine kapitalistische, sondern für jede
entwickeltere Wirtschaftsform konstitutiv und unerläßlich
sind, so daß es schwierig wird, die sog. kapitalistische
Wirtschaft als Ganzes abzuschaffen, ohne damit das in einer
entwickelteren Form menschlichen Zusammenlebens überhaupt
notwendige Wirtschaften zu gefährden. D.h.: eine Weiterführung
seiner Studien hätte womöglich bedeutet, daß die gesamte
politische Theorie des Karl Marx hätte in Frage gestellt werden
müssen. Zumindest was ihre rigorose Stringenz betroffen hätte.
Und diese Erfahrung des Karl Marx im diffizilen
Umgang mit der Totalität der Fakten des Wirklichen, die -
zumindest ein Teil von ihnen - seinem theoretischen System
widerstanden, die, ohne sie gewaltsam zu übergehen, sich nicht
in ein solches System einordnen ließen - diese Erfahrung
ist im Prinzip die gleiche, die der von ihm, Marx, "vom
Kopf auf die Füße gestellte", gleichwohl verehrte Lehrer,
nämlich der Philosoph Friedrich Hegel, schon vor ihm gemacht
hatte - und die diesen zu dem unwirschen Ausspruch veranlaßt
haben soll: diejenigen Völker, die sich der von ihm
entworfenen Entwicklung des Weltgeistes widersetzten, gehörten
auf den Abfallhaufen der Weltgeschichte. (Welch ein diametraler
Unterschied, nebenbei bemerkt, zu der ebenfalls berühmten
Aussage eines der Väter der deutschen Geschichtsschreibung,
Leopold von Ranke, daß alle Völker und Nationen - trotz
aller ihrer Eigenheiten - gleich nah zu Gott seien.)
Aber damit wären wir bereits beim Vergleichen
und urteilenden Würdigen, was den nun folgenden Kapiteln
vorbehalten sein soll.
III.
Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx:
Reflexionen zum kritischen Vergleich zweier "großer" Männer der
deutschen – wie auch der Geschichte der Menschheit.
Welch ein eklatanter Unterschied - Novalis und Marx! Dort -
der kaum 29-Jährige, Verfasser eines außerordentlich schmalen, dazu in vielen
seiner Teile noch fragmentarischen Werks, der Romantiker, ja: Mitbegründer der
deutschen Romantik, der sprichwörtliche Poet, ein Provinzler dazu, dessen
Aktionsradius beschränkt blieb auf den schmalen Raum zwischen fast benachbarten
Orten der sachsen-anhaltinischen und der thüringischen Landschaft, ein
konservativer (was immer das ist!) Geist, der deutschen Geschichte, insbesondere
der mittelalterlichen zugetan, dazu ein Mann des Glaubens und der Kirche.
Dagegen hier: der immerhin fast 65-Jährige, Verfasser eines
schriftstellerischen Werkes von geradezu gigantischem Ausmaß, der Realist,
Praktiker, politische Aktivist, der sprichwörtliche Agitator, der
Länderübergreifende, Internationale, pendelnd zwischen europäischen
Metropolen, der Revolutionär, allem Alten abhold, einer neuen, zukünftigen
Gesellschaft zugetan, ein radikaler Gegner der Kirche, ja - der Religion: wie
verhält es sich, wie ist es denn mit all den liebgewordenen und
gewohnten Urteilen, mit den "Etiketten" gewissermaßen, die wir allem
und jedem aufkleben, es damit für eine Einordnung in die Regale unseres
Weltverständnisses brauchbar zu machen? Sicher - eine unverzichtbare, deshalb
gesegnete Methode, ohne die unser endlicher, begrenzter Menschenverstand im
Meer, in der unendlichen Flut von Ereignissen und Fakten dieser sich Tag für
Tag immer neu gebärenden Welt rettungslos unterginge und ertränke.
Und doch: von Zeit zu Zeit scheint es geraten, vielleicht
notwendig, die übervoll gewordenen Regale zu entrümpeln, Platz zu schaffen
für Neues dabei vielleicht das eine oder andere in die Hand nehmend und
überdenkend, ob es fürs Wegwerfen nicht zu schade ist, ob man es, unter einem
ganz anderen, bislang ungewohnten Aspekt neu etikettieren sollte, ja müßte, um
es in eine neue Ordnung wieder sinnvoll einzugliedern.
Was versteht man eigentlich unter "Romantik"?
Wie ist es denn z. B., um zu unserem Thema zurückzukommen,
mit der Zuordnung des Novalis - und mit seiner
bisherigen Abstempelung - zur Romantik bestellt?
Und - demgegenüber - mit der Gegen-Zuordnung des Karl Marx zu
einem unüberbietbaren Realismus und seiner Wirklichkeitsbesessenheit?
Was ist, so fragen wir, eigentlich "Romantik"?
Dieser Begriff entstand aus "Romanze", im
Spanischen "romance", was heißt: in der Volkssprache singen - statt
im Schriftlatein. Die Darstellung einer kleinen abenteuerlichen Geschichte,
heiter, gelöst, meist mit versöhnlichem Ausgang. Gelöster als z.B. die
"Ballade", ihrem "germanischen" Gegenstück. Die Form der
Romanze wurde besonders gepflegt von Herder und - den Romantikern, z.B. von
Brentano, Tieck, Fouqué, Eichendorff, Uhland. Wohingegen die
"Ballade" ein Gedicht fester Bauart war, in ihrem Charakter
konflikterfüllt, dem insbesondere germanischen Heldenlied entsprechend, in dem
es um eine Art von Selbstgesetzlichkeit gegen Götter und Schicksal ging. Am
klarsten noch einmal in der mittelhochdeutschen Dichtung, z.B. in der
großartig-finsteren, dämonischen Gestalt des Hagen im
"Nibelungen-Lied".
Zum anderen stand an der Wiege des Begriffs
"Romantik" das französische "romantique", was bedeutet: dem
Geist der mittelalterlichen Ritterdichtung gemäß. Hinzu kam der Einfluß des
englischen "romantic" mit den Bedeutungen: poetisch, phantastisch,
stimmungsvoll, malerisch.
Die "Romantik" verstand sich also als eine
Weltsicht und ein Gefühl mit der Betonung von Schönheit, Phantasie, ja -
Wunder - im Gegensatz zu einer rein prosaischen Wirklichkeitsauffassung. Sie
ging schließlich, in ihrer überspitzten Spät- und Verfallsform, bis ins
Überspannte.
Schon nach Justus Georg Schottel (oder Schottelius, Dichter
und Sprachgelehrter, 1612 - 1676) brachte die "romantische schreibart",
d.h. der Stil, "unvermerkt" "Gottesfurcht und christliche gebür
(= Schuldigkeit und Schicklichkeit Gott gegenüber) mit bei".
D.h. das Romantische war also eine Weltauffassung
- und demzufolge in der Sprachkunst eine
Stilrichtung - nach der die Welt, d.h. der gesamte
Erlebnis- und Erfahrungsraum des Menschen, nicht nur von den
Verstandeskräften des Menschen bestimmt ist, sondern ebenso von den
über die Fassungskraft der Ratio hinausliegenden Kräften, dem sog.
Ir-rationalen. D.h. in der Welt der menschlichen Vorstellungen hatten auch die
Phantasie, das Wunder, also von Gott geschenkte Phänomene, ihren Platz.
Eine solche Welt muß scharf abgegrenzt werden von derjenigen
der Vollkommenheitsvorstellungen der in sich selbst kreisenden und verbleibenden
Ratio, die nichts über sich hinaus mehr kennt und anerkennt. Abgegrenzt werden
von den Vollkommenheitsvorstellungen des Rationalismus, z.B. in Form des
Vergleichs einer gedachten, in sich vollkommenen Menschenwelt, mit einem
feinstmechanischen Präzisions-Uhrwerk vergleichbar, in der, selbst wenn Gott
nominell noch vorkam, dieser keine andere Rolle mehr spielte, als irgendwann
einmal der In-Gang-Setzer dieser Präzisions-Maschinerie gewesen zu sein, der
nach dieser Anstoß-Funktion in ihr selber keine Rolle mehr zu spielen hatte.
Eine in sich selbst vollendete Welt, wie sie in den Äußerungen von
Hauptvertretern des französischen Rationalismus auftrat, z.B. in dem Wort von
Lamettrie: "L‘homme (une) machine".
Karl Marx - ein Romantiker?
Es muß scharf getrennt und unterschieden werden, wenn es
darum geht, die grundsätzliche Weltsicht und -auffassung, aus denen einerseits
Novalis, andererseits Marx dachten und arbeiteten, zu begreifen und zu
beurteilen. Trifft man doch selbst in der Spezial-Literatur immer wieder noch
die Meinung an, Marx sei ursprünglich ein "Romantiker" gewesen. Wenn
diese Meinung zutreffend ist, dann höchstens mit der - die grundlegende
Qualität nicht ändernden - Einschränkung, daß er mit dem Zustand der
bestehenden Gesellschaft, der bestehenden Menschenwelt und der bestehenden
Stellung des Menschen in ihr nicht zufrieden war, über sie hinausdachte und –
in seiner rationalen Phantasie eine rationale Utopie, ein Bild davon entwarf,
wie diese Welt in Zukunft sein sollte, von welchem rational, fast rechnerisch
entworfenen Bilde er sich dann bei all seiner theoretischen und praktischen
Arbeit leiten ließ.
Wenn "Romantik" so , nämlich als das
Ergebnis des Ungenügens am Bestehenden, gesehen wird, dann stimmt Marx
mit den deutschen Romantikern überein. Denn die Strömung der insbesondere
literarischen und philosophischen deutschen Romantik vollzog sich innerhalb der
umfassenderen Strömung des deutschen Idealismus. Und selbst die als
Hauptvertreter des letzteren geltenden Goethe und Schiller - sowie bereits vor
ihnen solche Männer wie Hamann, Lessing, Herder - oder nach ihnen Männer wie
Hölderlin oder Kleist - waren mit dem bestehenden Zustand des
Menschengeschlechts unzufrieden. Sie alle vereinte die Grundüberzeugung, daß
die Idee, die Kraft des Idealen im Menschen diesen bei allen Tätigkeiten in
dieser Welt leiten solle. Daß diejenigen Maßstäbe, an denen alles Irdische,
Vergängliche, Materielle gemessen werden müsse, nicht aus eben dieser selben
Welt der Vergänglichkeit, des Materiellen, Alltäglichen, Relativen genommen
werden dürften. Und daß man, von daher gesehen, mit der Welt, wie man sie hier
antrifft, mit der man es hier, im Jetzt und Heute zu tun hat, weder zufrieden
sein könne - noch dürfe. Diese idealistische geistige Grundströmung,
innerhalb der diejenige der sog. "Romantik" nur eine späte Nebenform
ist, stand in eklatantem Gegensatz und Widerspruch zur sog. Aufklärung, d.h.
genauer gesagt: zu einer Aufklärung, die besser als Rationalismus bezeichnet
wird. Die deutsche Aufklärung dagegen gehörte, als seine Frühform, in
den deutschen Idealismus hinein - und stand ihrerseits in erklärtem Widerspruch
zum Rationalismus, wie man das besonders ausgeprägt an Lessing erkennen kann,
der ja geradezu als Hauptvertreter der Aufklärung in Deutschland gilt.
Lessing selber unterschied den Begriff
"Aufklärung" sehr deutlich von dem, was er "Aufklärerei"
nannte. So heißt es bei Fichte (in "Nicolais Leben"): "…so war
ihm (= Lessing) die Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie
er getrieben wurde, ein wahrer Greuel".
Und selbst Immanuel Kant, dem kardinalen Hauptvertreter der
deutschen Aufklärung in der Philosophie, der die Aufklärung als "den
Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"
definierte, selbst dieser - wegen seines berühmt-berüchtigten philosophischen
Hauptwerkes, den sog. drei "Kritiken", als ein Ausbund von nur schwer
nachvollziehbarer Verstandesschärfe und Logik von vielen schaudernd-bewundernd
gemieden - selbst Kant setzte der Vernunft Grenzen. Der Mensch habe in seiner
Erkenntnis der Welt der Objekte immer nur deren Erscheinung , das sog.
"Ding an sich" dagegen bleibe menschlicher Verstandeskraft
unerkennbar. Er war es auch, dessen Auftreten als stadtbekannte Größe
Königsbergs geradezu zur Legende wurde, u.a. aus folgendem Grunde: Jeden
Morgen, pünktlich wie ein Uhrwerk, habe Kant den Weg zur Universität zu Fuß
zurückgelegt - und dabei vor jedem jungen Studenten, der ihm begegnet sei,
grüßend seinen Hut gezogen. Gefragt, warum er, der berühmte Herr Professor,
das täte, soll er geantwortet haben, er verneige sich in jedem Studenten, der
ihm begegne, vor einem möglichen Genie.
Und er, Kant, war es, der den Menschen als das einzige
Lebewesen erkannte, das keinem Zweck unterworfen werden dürfe, sondern das
seinen Zweck einzig in sich selbst trüge.
Der Mensch müsse also jedem von außen auf ihn einwirkenden
Zweckdenken entzogen sein - wegen seines ihm von der Schöpfung verliehenen
Wertes, seiner Würde, die weder er sich selber oder ein anderer Mensch ihm
gegeben habe, noch ihm irgendwer auf Erden nehmen dürfe. Er wurzele mit seiner
Zweck-Freiheit im Willen Gottes.
Überall also die Anerkennung einer Grenze für den
menschlichen Verstand im Unterschied zu der von den Rationalisten aus der
Gabe der Ratio gezogenen Schlußfolgerung, dem menschlichen Verstande seien
keine Grenzen gesetzt als die, die er sich selber gäbe. Der Wahn der Hybris und
des vermeintlichen Freiseins zum Alles-machen-können - also etwas, was deutschen
Aufklärern, in der Literatur zuvörderst Lessing, diametral zuwiderlief.
Also - Marx ein Romantiker? Wenigstens in seinen jungen
Jahren? Das ist wohl als ein Irrtum zu erkennen. Er war von Beginn seines
In-Erscheinungtretens ein utopischer Rationalist, von der Machbarkeit der
menschlichen Geschichte überzeugt. Zwar in seiner Kritik an den bestehenden
gesellschaftlichen Zuständen und an den Herrschaftsverhältnissen, an der
zunehmenden Mechanisierung und der damit einhergehenden Verdinglichung des
Menschen - sich mit den Vertretern des deutschen Idealismus, von der Aufklärung
bis zur Romantik, treffend, aber von ihnen dadurch, und zwar grundlegend,
unterschieden, daß er mit seinen revolutionären Ideen eine andere Welt
planmäßig für machbar hielt. Wohingegen sie, insbesondere Novalis, auf lange,
mühselige, aber beharrliche, gewaltlose Entwicklung setzten.
Dieser fatale Irrglaube an die durch nichts einzuschränkende
Machbarkeit und an den Menschen als unumschränkten Herrn der Geschichte - er
erfüllte das Denken des Karl Marx schon sehr früh. Davon legen seine
zahlreichen Schriften ein deutliches, von jedermann einsehbares Zeugnis ab.
Seine entschiedene Hinwendung zur atheistisch-materialistischen Philosophie und
deren Akzeptanz, etwa der eines Ludwig Feuerbach, oder seine spätere
Formulierung von der Religion als eines Opiums fürs Volk mögen als Beispiele
dafür stehen. Selbst wenn man die letztgenannte Äußerung dahingehend
interpretierte, daß Marx hierbei nur an einen Mißbrauch der Religion
durch Kirche und Priesterkaste gedacht haben könnte, der geschichtlich in der
Tat erfolgte und belegbar ist, mitnichten an die Religion selbst - selbst dann
gibt es genügend viele Beweise dafür, daß Marx ein erklärter Atheist war -
und damit das Denken und Handeln der Menschen ohne jede Verantwortlichkeit
gegenüber einer transzendenten, jeglichem menschlichen Zugriff entzogenen
Instanz betrachtete. Und damit letztendlich auch keine unangreifbare, zu
respektierende Würde im Menschen anerkannte, wenn es darum gehe, durch
revolutionäre Gewaltaktionen nötigenfalls menschliche Leben zu opfern und zu
vernichten. Dieser Zug zur Skrupellosigkeit, wenngleich mit dem Ziel der
Befreiung von menschlicher Unterdrückung, wird auch deutlich an der Art und
Weise seiner Hegel-Rezeption.
Hegel hatte in seiner Philosophie den Sinn der menschlichen
Geschichte zu zeigen versucht, der darin bestünde, daß sich in ihr die innere
Entwicklung der absoluten Vernunft, sprich: Gottes, vollzöge. Der in der
menschlichen Geschichte zu beobachtende Fortschritt, in Form einer wachsenden
Humanisierung, sei das anschaulich werdende Abbild einer Entwicklung, die sich
im transzendenten Weltgeist selbst vollzöge. Obwohl diese absolute Macht von
allem Anbeginn an in sich potentiell immer vollkommen sei und bleibe, sich ihre
Potenz auch am Ende ihres inneren Entwicklungsweges gleichgeblieben sei - sei
ihr das, was sie zu Beginn "nur" unbewußt in sich getragen habe, am
Ende ihrer inneren Entwicklung selbst durchsichtig, absolut klar und bewußt
geworden.
Marx ist fasziniert von der Hegel‘schen Idee des in Spruch
und Widerspruch, Thesis und Antithesis sich in sich selbst an- und
vorantreibenden Entwicklungsganges, der sog. Dialektik. Ihn, dem
Gott-Ungläubigen und -gegner, ist jedoch der Gedanke, es handele sich bei
dieser Bewegung um eine solche im "Weltgeiste" selbst, die sich in der
irdischen, der natürlichen und menschlichen Geschichte ausdrücke und auswirke,
sie gewissermaßen mitnähme, unerträglich. Deshalb stellte er, wie er es
selber ausdrückte, die Philosophie Hegels vom Kopf auf die Füße: die
dialektische, in spannungsentladenden Sprüngen sich vollziehende Entwicklung
ist nach ihm nun nicht mehr eine, die in Gott stattfindet – der ja nach ihm
nur eine aus dem Menschen selbst stammende Projektion an den Himmel ist, also in
Wahrheit gar nicht existiert - sondern sie ist eine Entwicklung, die sich aus
dem menschlichen Klassenkampf in der Gesellschaft selbst vollzieht. Damit sind
aber die Kommunisten als die Avantgarde der Arbeiterklasse und als die den Kampf
Führenden und Gewinnenden - die Herren der menschlichen Geschichte, d.h. der
Mensch ist deren Nomothet. Es gibt, um es so zu sagen, "keine Götter neben
ihm". Er ist oberster Maßstab und Gesetzgeber, d.h. der Mensch
über sich selbst, Inhaber der Macht über alle anderen, und zwar
uneingeschränkt. Da aber jeder Mensch ein endliches, vergängliches, von
seinen eigenen Interessen und Irrtümern abhängiges Wesen ist, muß eine
derartige Auffassung vom Menschen und von ihm in der Geschichte unvermeidbar
irgendwann in Unrecht, Ungerechtigkeit und Willkür enden. Da helfen auch solche
Hilfskonstruktionen wie die Berufung auf die Partei als auf das korrektive
Kollektiv nichts, denn die geschichtliche Erfahrung zeigt, daß sich aus einem
derartigen Kollektiv immer sehr bald eine übermächtige Führer-Figur
herausgehoben hat, die schon sehr bald diktatorisch herrschte. Und das
alles ohne die Möglichkeit der Anrufung und des Sich-Berufens auf eine allem
Menschlichen entzogene Autorität, wie allein Gott es ist und sein kann. Und
zwar Gott "an sich", nicht der "Gott" einer bestimmten
menschlichen Interpretation.
Dies alles zusammengesehen und -bedacht zeigt, daß Marx auch
in seinen jüngeren Jahren kein anderer gewesen ist als in seinen reiferen. Ja,
daß man Marx - wie man das, hier einmal
vergleichsweise, ein rundes halbes Jahrhundert später für Hitler versucht
hat - nicht vor der von ihm ausgelösten
kommunistischen Weltreligion nachträglich in Schutz nehmen kann: so wie man mit
Recht darauf hingewiesen hat, daß der vom Zaun gebrochene völkische, ja
rassistische Krieg, daß der Holocaust und andere Verbrechen gegen die
Menschlichkeit nur die Konsequenz dessen waren, was in Hitlers Buch "Mein
Kampf" vorgezeichnet gewesen ist - so leiten sich alle Entwicklungen,
insbesondere die in der Sowjet-Union, als Konsequenz aus dem
"Manifest" und anderen Schriften des Karl Marx her.
Es ist, so gesehen, also verfehlt, zumindest den jungen Marx
als "Romantiker" zu bezeichnen. Und wenn man es schon tut, um damit
auszudrücken, daß sein Sinnen und Trachten ein utopisches, seine eigene Zeit
und Wirklichkeit übersteigendes war, dann sollte man das Wort Romantiker
entweder in Anführungszeichen setzen oder ihm eine abgrenzende Erklärung
hinzufügen, um zu vermeiden, daß er mit Männern, wie beispielsweise Novalis,
auf einer Ebene gesehen und gedacht wird. Es ist also zwischen Romantik und sog.
Romantik zu unterscheiden - genau wie zwischen der "deutschen"
Aufklärung (zuvorderst von Lessing u.a., aber auch von allen wichtigen
Vertretern des deutschen klassischen Idealismus einschließlich denen der
deutschen Romantik repräsentiert) - und einer Aufklärung, die eher ein
Rationalismus ist. Wobei der letztere, wie bereits ausgeführt, die menschliche
Verstandeskraft als höchste Instanz dieser Welt setzt - oder zumindest in
Gefahr steht, das zu tun - über die hinaus es nichts mehr gibt, auch keinen
Gott.
Welch einigermaßen kritische Kopf erkennt nicht, daß wir
selber uns noch immer in diesem Zustand einer rationalistischen, zutiefst
glaubenslosen geschichtlichen Phase befinden? Der Mensch, der sich selber zum
Maß aller Dinge setzt, droht - z.B. mit einem
undurchdachten Gebrauch der Gentechnik - im
Zustande einer kollabierenden Hybris in die von der Schöpfung gesetzten Grenzen
einzugreifen.
Exkurs: Aufklärung und Religion, Ratio und
Glaube, sog. exakte Wissenschaft, insbesondere
Naturwissenschaft, und Gott.
Weil diese Frage für unser Thema, insbesondere für ein
Verständnis der beiden Männer Novalis und Marx, das jedem von beiden
angemessen sein und seiner Besonderheit gerecht werden will, so wichtig ist,
soll im folgenden noch einmal gesondert auf sie eingegangen werden.
Insbesondere seit der sog. Aufklärung begann man - und diese
Bewegung ist auch heute noch nicht überstanden - Aufklärung und Religion,
Ratio und Glauben, sog. exakte bzw. Naturwissenschaft und Gott für unvereinbare
Gegensätze zu halten.
Jedoch - sie sind es weder noch müssen sie es sein. Ganz im
Gegenteil: schon Lessing, der in Deutschland als der Aufklärer par
excellence gepriesen - und trotzdem von so manchem mißverstanden wurde, hat -
sowohl in seinem einmaligen "Nathan" wie in seinem Traktat über die
Erziehung des Menschengeschlechts - den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele
und an "den einigen Gott" als die Vollendung der Aufklärung
und damit als Krönung der Vernunft gesehen. Vollendung der Aufklärung ist:
wenn der Mensch mittels seiner Vernunft seine unüberschreitbare Grenze erkennt,
einsieht und - gewollt akzeptiert. Wodurch er Freiheit, seine ihm
ganz eigene Freiheit gewinnt, die seinen Wert und seine Würde ausmacht
und ihm seine besondere, ganz einmalige Stellung in der gesamten Schöpfung gibt
- woraus ihm Verantwortung für diese Schöpfung erwächst, die zu hüten und
getreulich zu verwalten ihm in dieser Schöpfung übertragen ist.
Die Freiheit, die gerade deshalb eine so unvollendbare ist,
weil sie um ihre Grenze - nämlich die von der Endlichkeit zur Unendlichkeit -
weiß, sich dieser Grenze, um sie sich bewußt zu erhalten, unaufhörlich
vergewissern muß - und sich zugleich unterhalb dieser Grenze im Bereiche des
endlichen Daseins, ihrer, der menschlichen Freiheit Welt, in der Ruhe
jener Gewißheit um die vollendbaren Lösungen der endlosen Aufgabe bemühen
darf, diese Welt human zu gestalten.
Und selbst andere, spätere Denker, wie der damit geradezu in
Verruf geratene und - wohl wiederum - mißverstandene Nietzsche, der
mit seinem geradezu zum Schlagwort gewordenen Ruf "Gott ist tot!"
möglicherweise gar nicht die Existenz Gottes leugnen, sondern hat sagen wollen:
Gott ist in den Menschen tot!
So wie bereits Hölderlin von der götterfernen Zeit
sprach. Von den Göttern, die sich deshalb von den Menschen zurückgezogen
hätten, weil sie in den Herzen der Menschen keine Heimat mehr fänden. So
heißt es in einem seiner berühmten Gedichte, betitelt "Der Archipelagus":
"Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie Furien, bleibet die Mühe der Armen."
Die Reihe solcher und ähnlicher Aussagen ist in der
Geistesgeschichte lang, man braucht sie nur zur Kenntnis zu nehmen.
"Wo keine Götter sind, walten Gespenster", hatte
Novalis geschrieben. Und mit einem merkwürdigen, aufs erste überraschenden,
aber in der Logik geschichtlicher Entwicklung eigentlich ganz zwingenden
Wiederaufgreifen dieser Ausdrucksweise, Novalis - unbewußt oder bewußt -
ironisch bestätigend, leitet Jahrzehnte später Karl Marx seine programmatische
Schrift "Das kommunistische Manifest" mit den Worten ein: "Ein
Gespenst geht um in Europa!" Nämlich: der Kommunismus.
Aber - das macht Karl Marx bei
der Darlegung seiner geschichtlichen Analyse
deutlich - er, der Kommunismus, ist kein plötzlich
in die heile Welt einbrechendes Gespenst, sondern die greuliche Kopfgeburt einer
bereits lange vor ihm existierenden Gespensterwelt. Mag man sich in den vom
Irdischen bis ins Tiefste durchdrungenen herrschenden Kreisen noch so sehr gegen
diese Erkenntnis und diesen Vorwurf sträuben: der Kommunismus ist nur das
Gespenst, das aus ihnen, den bereits vor ihm herrschenden Gespenstern, entstand.
Ein Gespenst droht den anderen Gespenstern, ein Ungeheuer
verschlingt, schmatzend, bluttriefend, die andern. Die Ungeheuer fressen sich
gegenseitig selbst.
Aber kehren wir fürs erste wieder zu Novalis zurück,
dorthin, wo wir ihn verließen: in eine seit langem gottlos gewordene Welt.
Novalis - ein Romantiker im landläufigen
Verständnis?
Wenn heute im Gespräch unter sog. "normalen
Leuten" - keinen Fachgelehrten - das Wort "Romantiker" fällt,
dann meint und versteht man darunter im allgemeinen einen Menschen, der zur sog.
Wirklichkeit des Lebens entweder keinen - oder einen gestörten Bezug hat. In
dem Urteil "er ist ein Romantiker" schwingt nicht selten ein
abschätzig überlegener, zeitweilig sogar verächtlicher, im besten Falle ein
mitleidig-anteilnehmender Unterton mit. Selten macht sich wohl jemand die Mühe,
einen Vertreter derjenigen Gruppe von Dichtern, Schriftstellern und Philosophen,
die man in einer Unter-Epoche der deutschen Literatur von etwa Ende des 18. bis
etwa Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Namen "Romantik"
zusammengefaßt hat, durch ein gr*ündliches Studium
seiner Werke kennenzulernen. Was haben sie eigentlich gewollt? Wie haben
sie ihre Welt gesehen und erlebt? Was war ihr eigentliches Anliegen? Und
außerdem - darf man denn alle, die sich in irgendeiner Weise zu dieser Gruppe
zählten oder von anderen dazu gezählt wurden, über den sog. einen Kamm
scheren?
Am ehesten fällt dem normalen "Bildungsbürger",
wenn es um "Romantik" geht, wohl noch der "liebenswerte"
Eichendorff ein. Seine Sommernachtsgedichte, das wehmütige, Sehnsucht
erweckende Waldhorn aus der Tiefe eines geheimnisvollen deutschen Waldes - oder
der liebenswerte Trottel von Taugenichts auf der dahinsausenden Postkutsche in
die unbekannte, lockende Ferne, "daß mir der Wind am Hute pfiff" -
sehnsuchtserweckend, humorig erbauend in den Feierstunden der Seele nach des
Tages Kampf und Mühen in einer enervierend-erschöpfenden Welt.
Aber - ist damit das Wissen um die Romantik erschöpft? Kennt
man damit z.B. einen Novalis?
Für die Art und Weise, wie man die deutsche Romantik,
insonderheit einzelne ihrer Vertreter, aufgefaßt hat, an der sog.
Romantik-Rezeption, sind mit Sicherheit bereits deren Zeitgenossen
verantwortlich. Zuvorderst die sehr berühmten Zeitgenossen, wie insbesondere
Goethe. Er, in seiner Jugend selber von einer Welt- und Lebenssicht erfaßt, die
jener der etwas späteren Romantiker sehr ähnlich war, er stand beim
öffentlichen Auftreten der Brüder Schlegel, des Ludwig Tieck oder - eben
unseres Novalis - er stand zu diesem Zeitpunkte bereits im fünften respektive
im Übergang vom fünften zum sechsten Lebensjahrzehnt. Befand sich also in
gereifterem Alter, war lebenserfahren und - durch
aktiven Umgang mit einer hohen öffentlichen
Verantwortung - abgeklärt und darin geübt, die
Sehnsucht nach einer anderen Welt im Wissen um das jeweils Machbare zu
disziplinieren, gegebenenfalls zu sublimieren.
Über die Frühromantiker, seine Zeitgenossen, hat sich
Goethe bewußt nicht geäußert. Sie waren ihm fremd - oder fremd geworden. Er
versuchte das Leben, wie es war, zu nehmen und zu gestalten, nach dem Vorbild
der Antike. Die Romantiker gingen den anderen Weg. Goethe stand als
"Aristokrat" und "Konservativer" zu dem bestehenden Regime
und versuchte, immer noch ein stiller Beförderer der Humanisierung der Welt,
gewissermaßen ein "Reformer von oben her" zu sein. Die Romantiker
dagegen lehnten sich als geheime "Demokraten" gegen das damalige
Herrschaftssystem auf. Da sie aber damit keinen sichtbaren Erfolg hatten, zogen
sich manche von ihnen in ihr Inneres zurück, gewissermaßen zu einem
"Selbstgründen im Ich". Goethe nannte das "fieberhafte
Träume" - und wandte ihnen den Rücken zu. Die Brüder Schlegel, den
jungen Tieck und Novalis klammerte er aus seiner Wahrnehmung einfach aus. Die
exaltierte Einbildungskraft, der Subjektivismus, auch ein volkstümelnder
Mittelalterkult bei einigen von ihnen stießen ihn ab. Goethe vermißte bei den
Romantikern die "Gestaltung". Sie seien von Sehnsucht und Unruhe
getrieben und ihr Inneres verliere sich im Unendlichen. Die einzelnen Kräfte
lösten sich bei ihnen aus der "Ganzheit des Organismus" - und
streiften nun "ungebunden" umher. Das aber führe zur Krankheit.
Friedrich Schlegels Satz, das höchste Gesetz der romantischen Kunst sei, daß
die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich dulde, war Goethe zuwider. Er
stellte dagegen: der echte Dichter spreche nicht nur "seine wenigen
subjektiven Empfindungen aus", sondern wisse die Welt sich anzueignen, er
habe das Übergeordnete, das Allgemeine in ihr zum Ausdruck zu bringen.
Solche Worte und Urteile hatten in jener Zeit Gewicht. Und
hinter ihnen versteckten, auch in der Folgezeit, sich auch diejenigen, die,
nicht einmal wie Goethe, Reformen und Umwandlungen von oben für notwendig
hielten, sondern die das Bestehende um jeden Preis unverändert erhalten
wollten. So kann man z.B. noch 1894 in der damals sehr verbreiteten
Literaturgeschichte von König über Novalis lesen: sein mystisches
Gefühlsleben überwiege die reiche Begabung und seinen scharfsinnigen Verstand.
Er sei zwar geistvoll, aber oft bizarr und dunkel, geheimnisvoll andeutend und
orakelnd. Sein unvollendeter Roman "Ofterdingen" sei ein
"rätselhafter" Torso, in ihm herrsche eine krankhafte, aber an
poetischen Elementen reiche Sehnsucht nach dem Tode und der Nacht.
Wer damals solche Worte in einer sehr weitverbreiteten
Literaturgeschichte las, legte sie aus der Hand mit dem Gedanken, daß man es
bei Novalis mit einem Menschen zu tun habe, dem zwar wegen unverkennbarer
poetischer Begabung eine gewisse Achtung zu zollen sei, mit dem man sich aber,
wenn man seine fünf Sinne zusammen habe, darüber hinaus nicht ernsthaft zu
beschäftigen brauche, ohne ihm deshalb etwa ein Unrecht anzutun. Man dürfe mit
ihm - wenn es hoch komme - mit einem Anflug menschlichen Bedauerns und
Mitgefühls umgehen, brauche sich aber nicht ernsthaft mit ihm zu beschäftigen,
ohne daß einem das als Bildungslücke angekreidet werde.
So macht man auf geschickte Art und Weise jemanden,
dessen geheime Botschaft man, und zwar zu Recht, meint fürchten zu müssen,
unschädlich, entschärft ihn, beraubt ihn jeder Wirkung, ohne sich damit
irgendeiner erkennbaren Grausamkeit schuldig zu machen. Ähnlich verfuhr man ja
bis in unsere Zeit hinein mit allen Unliebsamen, Unangepaßten, indem man sie in
eine geschlossene Anstalt für Geistesgestörte steckte.
Aber die Vorwürfe, Novalis sei ein für die Realität des
Lebens unfähiger Träumer gewesen, den man deshalb vielleicht in Mußestunden
lieben, aber ansonsten nicht ernstnehmen dürfe - diese Vorwürfe kamen nicht
nur von denen, die am unveränderten Fortbestehen der
gesellschaftlich-politischen Zustände - aus eigenem Interesse natürlich -
interessiert waren. Einen ähnlichen Vorwurf, nur vom entgegengesetzten
Standorte aus und unter entgegengesetzten Zielvorstellungen, machten ihm
diejenigen, die an einer Veränderung der gesellschaftlich-politischen Zustände
in Richtung auf mehr Demokratie und auf allgemeine Humanisierung interessiert
waren.
Wie steht es also mit Novalis in diesem Widerstreit der
Meinungen?
Zur Frage: Ist Novalis ein "Romantiker" und als
solcher ein "Ideologe der Restauration" und ein "Vertreter der
Gegenaufklärung" gewesen, ist folgendes anzumerken: In einer erst
kürzlich veröffentlichten Dissertation, die inzwischen unter dem Titel
"Fichte und Novalis" als Buch erschienen ist und an der Universität
Münster entstand, Autor: Bernward Loheide, wendet sich der Autor u.a.
entschieden gegen die verbreitete Behauptung, es gebe bei Novalis "einen
Bruch zwischen der Philosophie und der Poesie". Auch in der Poesie wahre
Novalis "transzendentale Besonnenheit" und versuche nicht, im
Kunstwerk das erscheinen zu lassen, "was der Vernunft fremd bleiben"
müsse. Wenn gleichwohl das Denken des Novalis irritierend bleibe, so habe das
seinen Grund darin, daß seinem Philosophieren (wie demjenigen Fichtes) ein
Sprachproblem eingeschrieben sei. Denn: die Vernunft vermöge nicht zu sagen, was
der Fall ist. Alles Sprechen über verfehle das Gemeinte. Allein die
Poesie vermöge die Begrenzung zwischen Natur und Vernunft verschwinden zu
machen und die Vereinigung von beiden zu imaginieren - wenn auch nur als Utopie,
gebe aber zugleich durch die Art des Redens kund, daß sie, die Poesie, im Reden
das zu Sagende nicht wirklich treffe. Nach Loheide ist demzufolge der damals von
Heine erhobene Vorwurf, "Novalis sei ein Ideologe der Restauration und
Vertreter der Gegenaufklärung" gewesen, nicht haltbar. Novalis habe die
Ideale der Aufklärung nie verraten.
In etwa die gleiche Richtung sprach sich schon Joseph von
Eichendorff aus, der die Romantik, insbesondere jedoch Novalis als Kritiker
ihrer Zeit gesehen hatte mit dem Versuch, eine "innere Regeneration des
Gesamtlebens" zu erreichen.
Und bei Franz Borkenau lesen wir zum Verhältnis des Novalis
zu dem von ihm verehrten Philosophen Fichte: für Novalis sei die Welt nicht
ein Produkt seiner Vernunft - sondern das nur auf einem Umweg: er benutzt
die Vernunft, um der Welt / der Natur die Gesetze abzulauschen und - den
Menschen, bei Beachtung der menschlichen Eigenart, zu einem Leben im Einklang
mit diesen Gesetzen zu führen.
Also: der zentrale, der Schlüsselbegriff in Novalis’
Denken und Dichten ist die Poesie. Er ist der Überzeugung, ja er
fordert, hält es für das anzustrebende Ziel: Poesie solle das ganze Leben des
Menschen bestimmen.
Wie kommt Novalis zu dieser Überzeugung? Meint er damit im
Grunde das, was der nur zwei Jahre ältere Hegel "das zu sich selbst
kommende Bewußtsein" nannte? Oder das, was Hölderlin meinte, als er
sagte: Was bleibet aber - stiften die Dichter? Weil sie, die Dichter, die
Poeten, diejenigen seien, die in einer götterfernen Zeit die Erinnerung an die
Götter bewahren? Oder gar Goethe: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut,
denn das unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen"? Oder
das, was ein viel Späterer, nämlich Ernst Bloch, mit der "Utopie"
umschrieb? Also das Über-sich-hinaus-Denken, -Fühlen und -Handeln? Allerdings,
um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, nicht in Form der Hybris, also: ich
Mensch, ich bin der bzw. das oder die Größte, von nichts und niemand
abhängig - sondern im Gegensatz dazu so, wie wiederum Karl Jaspers es
formulierte, nämlich: das Über-sich-hinaus-Denken als Gedenken des
menschlichen Ur-sprungs, was aber heißt: Ur-sprung aus einer mir und allem
übergeordneten Macht.
In der Tat meint Novalis wohl von all dem ein wenig, doch im
wesentlichen das gleiche. Und so dachten und empfanden wohl alle wahrhaft
großen Geister aller Zeiten. Ob Plato, Augustinus, ob Thomas, Kant, Hegel,
Goethe u.a.m. Sie geben sich als eine große, eigentlich nie unterbrochene Kette
durch die Jahrtausende die Hände - und das nicht nur im
abendländisch-christlichen Kulturkreis, sondern über die Kulturgrenzen hinweg
erdumspannend. Und in breiter Strömung in Deutschland mindestens wieder seit
der sog. Aufklärung (sofern diese nicht in engstirniger
Verstandes-"Religion" und Vernünftelei endete). Auf jeden Fall und
ohne Zweifel Lessing, wofür allein seine großen Schöpfungen
"Nathan" und "Die Erziehung des Menschengeschlechts" zeugen.
Sodann die großen "Klassiker" und – die "Romantiker", zu
denen man Novalis zählt, und zwar nicht nur in Deutschland.
Und doch muß bei den Romantikern differenziert werden. Ist
es doch bei Novalis merklich anders als bei - vielleicht - dem Gros der
Romantiker sonst: kann man ihnen, wie ich meine: mit einem gewissen Recht (was
sich an anderer Stelle, wenn gefordert, nachweisen ließe) eine regressive, auf
Restauration zielende Haltung nachsagen, eine rückwärtsgewandte Liebe fürs
Mittelalter, so holt sich Novalis auch dort, wo er das Mittelalter nennt und
Anklänge an es erkennen läßt, aus ihm gewissermaßen nur beispielhafte
Anregungen für seine unübersehbar und lesbar in die Zukunft gerichteten
Visionen. (Um sich davon zu überzeugen ist eine gründliche Lektüre Novalis‘scher
Schriften allerdings unerläßlich.)
Ganz deutlich wird sein auf die Zukunft gerichtetes
Denken in seiner Schrift "Die Christenheit oder Europa". Das
Mittelalter ist für ihn quasi die Metapher für eine Einheit, für eine
sinnerfüllte Einheit aller Menschen und - aller Menschen mit der Natur, die er
für die Zukunft postuliert, als unbedingt notwendig und unerläßlich
fordert und - voller enthusiastischen Optimismus‘ erwartet. Dazu gehört auch
- aber nicht nur auch, sondern
zuvorderst - die Wiederentdeckung der Religion und
des Glaubens durch die Menschen. Aber nicht nur die Wiederentdeckung, sondern
die ernsthafte Entschlossenheit, die wiederentdeckte Religion und den Glauben im
Handeln des alltäglichen Lebens zu bewähren. Mit einem Wort: es ist das, was
Novalis die Poetisierung der Welt nennt.
Kritiker, die diese Hoffnung des Novalis geradezu als
schlagenden Beweis für die sog. romantische Rückgewandtheit des Novalis
erkennen wollen, sind in ihrem Denken einer rein diesseitsbestimmten
"Aufklärung" verhaftet, was zwar als Rückgrat sog. realistischen,
der Wirklichkeit - bzw. dem, was man für Wirklichkeit hält - angemessenen
Denkens behauptet wird, was aber noch gar nicht erkannt hat (nicht weil die
Denkfähigkeit dazu nicht vorhanden wäre, sondern weil der diesseitsgeile Sinn
das Unterbewußtsein beherrscht und von dort her das Erkenntnisvermögen
behindert) - die also noch gar nicht erkannt haben, daß der deutsche Aufklärer
katexochen, nämlich Lessing, den Glauben an "den einigen Gott" und an
"die Unsterblichkeit der Seele" als die Grundlage und das Ziel wahrer
Aufklärung - und damit der Menschheitsentwicklung erkannte und in seinem
berühmten philosophischen Traktat als dasjenige benannte, ohne das es keine
Vollendung der Aufklärung und der menschlichen Bestimmung gibt.
Fast unglaublich, wie absolut anders diese Haltung des
Novalis gegenüber der Religion ist als diejenige des Karl Marx. Bei diesem
heißt es lapidar: Religion ist Opium fürs Volk - also weg damit! Was
einerseits verständlich ist, bedenkt man die jahrhundertelangen Desavouierungen
der Religion durch ihren Mißbrauch. Aber - das alles hat nichts mit der wahren
Religion zu tun, trifft sie selber gar nicht, sondern immer nur diejenigen,
welche sie mißbrauchten.
Für Novalis sind alle Versuche, staatliche Systeme ohne
Religion dauerhaft zu machen, wie das ewig vergebliche Bemühen des Sisyphos:
ohne Religion mißlingen letztlich alle.
Aber: diese Erkenntnis und die ihr folgenden Versuche zu
ihrer Verwirklichung in der Praxis des Lebens sind als höchste Stufe der
Freiheit vom Menschen nicht über blutige Revolutionen erreichbar, sie kann ihm
überhaupt nicht von außen verordnet oder aufgezwungen werden, sondern kann nur
das Ergebnis einer freien Willensentscheidung sein - qua Erkenntnis und - wohl
leider - einer langen, evolutionären Entwicklung.
Ist das nun eine Utopie? - eine im fernen, unerreichbaren
Niemandsland liegende Traumwelt? - ja, wenn es an Einsicht und Willen zur Umkehr
und Veränderung infolge freier Willensentscheidung gebricht. Nein - wenn
der Mensch - und die grundsätzliche Möglichkeit
und Potenz dazu hat er - die Freiheit
als Folge der Einsicht in die Notwendigkeit will und ergreift. Novalis will im
Grunde weder die Wiederkehr des Mittelalters - noch ist er ein träumender, der
Wirklichkeit enthobener "Romantiker", sondern ein visionärer Realist
- oder realistischer Visionär, den die Menschen, die nicht guten Willens
sind, nur deshalb, ob vorsätzlich oder unbewußt, als einen solchen
desavouieren, um damit einen unbequemen Mahner und einen Erzeuger schlechten
Gewissens loszuwerden. Eine uralte, inzwischen längst durchschaute, aber dessen
ungeachtet immer noch wirkungsvolle Methode, um in allem so weitermachen zu
können wie bisher - in dem Gedanken: mich hält‘s noch aus! - oder
sogar: nach mir die Sintflut! - und das, ohne des Nachts vor schlechtem Gewissen
nicht schlafen zu können, obwohl die Zukunft der ganzen Menschheit damit aufs
Spiel gesetzt wird.
Aber damit haben wir uns bereits dem anschließenden Kapitel
dieser Reflexionen genähert.
IV.
Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx:
Versuche einer kritischen Würdigung - bezogen auf die Wahl ihrer Namen für die
höhere Lehranstalt Greußens in deren 70-jähriger Geschichte.
Was haben nun eigentlich alle die voranstehenden Dar- und
Überlegungen mit der höheren Schule Greußens zu tun - und mit dem heutigen
Tage, an dem die Schulgemeinde - bestehend aus ehemaligen und heutigen Schülern
und Lehrern - sich versammelt, um das 70-jährige Bestehen dieser Institution
festlich zu begehen?
Man habe keine Zukunft - wenn man keine Vergangenheit
habe, so lautet eine oft zitierte alte, weise Menschheits-Erkenntnis. Ich
kann nur wissen, wer ich eigentlich bin, wenn ich weiß, woher ich komme.
Und nur aus dem Wissen um meine eigene Identität - vermag ich, gerüstet durch
das Wissen um meine Stärken, aber auch um meine Schwächen, mit der gehörigen
Selbstsicherheit meinen künftigen Weg zu gehen, achtsam auf Situationen, die
meinen Schwächen gefährlich werden könnten, mich dabei gleichzeitig meiner
Stärken bedienend, um rüstig voranzukommen. Dabei auf die alte Erfahrung
vertrauend, daß Gott demjenigen helfen werde, der zuvor sich selbst zu helfen
gewußt habe.
Der Mensch ist ein geschaffenes Wesen. Ein Wesen, das sein
Leben nicht selber geschaffen hat - an welcher Wahrheit kein mögliches Klonen,
keine Gentechnik, welcher Vollkommenheit auch immer, etwas zu ändern vermögen.
Alles andere ist Irrglaube und gefährlicher Irrtum, vernebelt den klaren Blick
und vermag den geschaffenen natürlichen Gang der Dinge auf Dauer allenfalls zu
disturbieren und die dadurch provozierten Folgen nur auf sich selber
zurückstürzen zu lassen.
Der Mensch bleibt ein Geschöpf. Sein Auftrag, den zu
erkennen seine vornehmste Aufgabe ist, besteht darin, denjenigen Raum, der ihm
überlassen ist und in dem er und für den er die Verantwortung trägt,
wahrzunehmen. Dieser Raum ist die Erde, auf der er lebt, und ist die Welt, d.h.
die vom Menschen gestaltete Ordnung auf dieser Erde. Diese Ordnung, an der er
schafft, die er aufbaut, wobei er Fehler macht, die er, sie und ihre Folgen
erkennend, korrigiert und verbessert - mit dem Ziel, eine Welt zu schaffen, die
zunehmend für ihn passender, ihm angemessener, kurz: menschlicher wird. Und
dabei zugleich sich selber immer klarer erkennend, sich seiner immer ansichtiger
werdend. Eine Aufgabe, die kein einzelner Mensch und schon gar nicht während
bzw. in der Zeitspanne seines eigenen Lebens schafft. Eine Aufgabe, die nur von
der Menschheit insgesamt zu leisten ist, in Jahrhunderten und Jahrtausenden,
kurz in dem, was man - die Geschichte nennt.
Und aus diesem großen Zusammenhang vermag sich keiner
auszuklinken. Wir sind ein Glied in der großen, langen Kette der Generationen.
Wir leben von dem, was andere vor uns getan, was andere uns hinterlassen haben.
An Errungenschaften und Wohltaten sowohl - wie auch an Irrtümern und Irrwegen,
an Schuld und üblen Nachwirkungen. Mit Recht dürfen wir zwar darauf verweisen,
daß wir an Irrungen, an unbeabsichtigten wie insbesondere beabsichtigten
Missetaten, ja an Verbrechen persönlich keine Schuld trügen – deshalb kommen
wir an der harten, vielleicht als ungerecht empfundenen Tatsache doch nicht
vorbei, daß wir für das, was uns hinterlassen worden ist, die Verantwortung
tragen. An uns liegt es, die Welt, wie sie im Moment, da wir in sie eintreten,
ist, zu übernehmen und - mit dem verantwortlich umzugehen, was wir
vorfinden.
Der Zufall - oder sagen wir: der
vom Einzelnen nicht bestimmbare Gang der
Geschichte - hat mich, einen der ersten
Abiturienten der höheren Schule Greußens, nach dem Zweiten Weltkriege in das
kleine thüringische Städtchen Greußen verschlagen. Ein Städtchen, das ich
bis zu dem Zeitpunkte, an dem es mir auf dem Schulamte in Sondershausen
empfohlen wurde, nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte. Schaue ich auf diese
Tatsache zurück, daß ich - ein Deutscher des 20.
Jahrhunderts, des Jahrhunderts der großen Ideologien und selbst noch von ihnen
erfaßt, des Jahrhunderts der vielfältigen wie vielfachen Unmenschlichkeiten,
der Zusammenbrüche individueller und staatlicher Existenzen, der unzähligen
Entwurzelungen und Heimatvertreibungen und menschlichen Identitätsverluste,
aber auch ein Jahrhundert der aufgewühlten Gewissen, des
Mit-sich-ins-Gericht-Gehens, der Entdeckung der Essentiale und Wesentlichkeiten
- wie auch deren Verluste, des Aufbruchs und Neu-Anfangs, der Hoffnung und des
guten Willens - ein Deutscher auch, dem es vergönnt ist, den Beginn des 21.
Jahrhunderts noch zu erleben - schaue ich auf diese
für mich selbst oft erstaunliche Tatsache, prall gefüllt mit Erkenntnissen,
zurück - und mache mir klar, daß ich vor mehr als einem halben Jahrhundert an
der höheren Lehranstalt dieser thüringischen Kleinstadt mein Abitur machte,
einer Schule, die damals den Namen "Karl Marx" trug und heute
"Friedrich von Hardenberg-Gymnasium" heißt - dann verspüre ich
beinahe körperlich den enormen Bogen - in ihr erfolgter vergangener Zeit und an
Wandlungen der Geschichte - der sich nicht nur über meinem Leben wie
über dem anderer hinwegwölbt, ohne daß man selber von ihm tangiert wäre,
sondern verspüre, wie ich selber ein Bestandteil dieser Bogenspannung bin, ein
Teil dieses geschichtlichen Bogens, der aus so Inkommensurablem wie Marx und
Novalis und so manch anderem besteht.
Und ob ich es mag oder nicht: ich vermag mich aus dieser
Geschichte mit ihren Widersprüchen und Unvergleichbarkeiten nicht zu lösen,
nicht hinwegzustehlen - es ist meine Geschichte. Genauso wenig wie es
diejenigen können, die durch die Gnade der späten Geburt von der Teilnahme an
solchen Widersprüchen verschont geblieben sind: es ist ihre Schule, ist
ihr Heimatort, an denen sich bzw. mit denen sich Derartiges ereignete.
Und wenn sie sich mit ihnen identifizieren, sich ihnen
zugehörig fühlen, dann sind sie auch mit deren Vergangenheit verbunden,
werden, selbst gegen ihren Willen, mit ihnen konfrontiert, z.B. in Form einer
denkbaren Frage wie dieser: Ach, am Gymnasium in Greußen sind Sie? Hieß das
nicht früher einmal "Karl-Marx-Oberschule"?
Das alles muß keine Frage nach eigener schuldhafter
Verstrickung sein - aber das Problem, wie man damit umgeht. Vergleichbar der,
wenn auch gewissermaßen auf höherer Ebene möglichen Situation, daß jemand
als nachgeborener Deutscher als Tourist in Israel kritisch betrachtet und auf
die Nazi-Zeit angesprochen wird, so als wäre es seine Zeit gewesen.
Wie ist es denn nun mit der Vergangenheit, unserer
Vergangenheit und derjenigen der höheren Schule Greußens und dem von ihr
einmal getragenen Namen "Karl Marx" - gibt es denn, statt ihn am
liebsten zu verschweigen, ihn möglichst zu verdrängen, zu vergessen oder sich
seiner gar zu schämen - oder, ganz im Gegenteil, sich unbändig zu freuen, auf
eine billige Art zu triumphieren, daß diese Zeit, mit der man sowieso nie habe
etwas zu tun haben wollen, überstanden ist - oder gar statt des verkniffenen
Zorns, daß diese Zeit vorüber ist, und der stillen Hoffnung, sie möge
wiederkehren - gibt es denn eine vernünftige Art, mit diesem Namen und der
geschichtlichen Rolle und Bedeutung seines Trägers umzugehen?
War der Name "Karl Marx" für die höhere Schule
Greußens nichts als ein Mißgriff, gar ein Unglück oder unverdientes
Schicksal? Haben sich die heutige Schule und ihre, insbesondere ehemaligen,
Lehrer und Schüler dafür zu schämen?
Da wäre als erstes zu bedenken, daß die Namensgebung im
Zuge der Folgen des Zweiten Weltkrieges erfolgte. Es war von der Siegermacht
Sowjet-Union nichts anderes als konsequent, daß sie, ein auf dem
Marxismus-Leninismus beruhendes Regime, nach der Besetzung Thüringens direkt
oder indirekt veranlaßte oder gebot, daß alle für gesellschaftspolitische
Einflußnahmen wichtigen Stellen, Ämter und Institutionen von allem zu reinigen
bzw. zu befreien waren, was an das besiegte Nazi-Regime erinnerte, und daß
diese stattdessen für eine Umerziehung der deutschen Bevölkerung einzusetzen
seien.
Man kann darüber ergrimmt, traurig und verärgert sein, man
kann sich deshalb empören, aber man hat als Deutscher kaum das Recht, auf diese
furchtbaren sowjetischen Bolschewisten nur haßerfüllt zu schimpfen, hat man
doch nur unter denjenigen Geistern gelitten, die man selber gerufen hatte.
Daß der Zweite Weltkrieg - ohne
die Frage nach den vielverzweigten und vielschichtigen Ursachen damit einseitig
entscheiden zu wollen - ohne die Hauptschuld der
Deutschen nicht - oder zumindest nicht so zustande gekommen wäre und nicht so
einmalig grauenhafte Formen und Begleiterscheinungen sowie derartige Folgen
hervorgebracht haben würde, das scheint nach dem Stande der historischen
Forschung inzwischen längst unwiderlegbar zu sein.
Wenn man in Teilen Deutschlands also, leider, nicht nur unter
den hauptsächlich selbst verschuldeten Folgen eines verlorenen Krieges, sondern
unter der besonders ungeliebten sowjetischen Besatzungsmacht hat leiden müssen,
dann ist immer auch die eigene Schuld Deutschlands mitzudenken, die den Krieg
entscheidend verursacht und seine Folgen herausgefordert hat.
Von solchen Überlegungen aus besteht weder ein Grund noch
ein Recht, sich entweder des Namens "Karl Marx" schämen zu müssen -
noch deshalb desavouiert zu werden. Denn erstens ist er, wenn auch einem
verirrten Humanisten zugehörig, immer noch honoriger und erträglicher als
derjenige des Menschenverächters und Menschenschlächters Adolf Hitler. Und
außerdem zwingt er uns, die von alledem Betroffenen, uns unserer
geschichtlichen Schuld, mindestens jedoch unserer geschichtlichen Verantwortung
bewußt zu sein. (Damit sind keineswegs die Greueltaten des sowjetischen Regimes
vor, im und nach dem Kriege entschuldigt. Sie liegen als dauernde Aufgabe jedoch
in der Schuldverarbeitung und in der Verantwortung der Menschen der ehemaligen
Sowjet-Union.)
Und es ist bei der aufgeworfenen Frage, ob man sich des
Namens "Karl Marx" schämen müßte, zweitens der Rolle und Bedeutung
zu gedenken, die dieser Deutsche nicht nur in der deutschen, sondern in der
europäischen, ja der Weltgeschichte gespielt hat.
Als der ehemalige Generalsekretär der KPdSU Nikita
Chruschtschow, ein im Grunde pfiffig-raffiniertes, schlitzohriges Bäuerlein, in
einer Pause während einer internationalen Konferenz mit Vertretern der sog.
West-Mächte debattierte, konterte er ihre aggressive Vorwurfshaltung ihm und
der kommunistischen Sowjet-Union gegenüber mit der frappierenden Feststellung,
sie selbst, die Kapitalisten, hätten doch die Existenz des Kommunismus
heraufbeschworen und verschuldet.
Diese anekdotenhafte Begebenheit entspricht genau dem Wesen
einer Anekdote, nämlich: wäre sie nicht historisch verbürgt, sondern
erfunden, so könnte sie doch wahr sein. Und nichts an dieser kolportierten
Begebenheit, so meint man als ein um Objektivität bemühter Mensch, erlaubt
einen begründeten Widerspruch. Denn in der Tat: das "Gespenst"
Kommunismus hätte nicht in Europa umgehen können, hätte der gegen die
himmelschreiende Not und Verelendung unempfindlich gewordene Unternehmerstand
das nicht selber heraufbeschworen.
Man muß die aus dem 19. Jahrhundert vorliegenden Berichte,
besonders gut belegt und dokumentiert aus der Manchester-Gegend, nur einmal
gelesen haben, um zu verstehen, ja - zu wissen, daß die gewollt hingenommene,
ja in nicht wenigen Fällen gezielt geförderte Entwürdigung von Menschen durch
Menschen sich eines Tages an den Vertretern der Unmenschlichkeit rächen mußte
- weil deren Verhalten eine Art von satanischer Rebellion gegen die
Schöpfungsordnung darstellt, gemäß welcher der Mensch zum Ebenbild Gottes
geschaffen - und zur Krone der Schöpfung bestimmt ist.
Es ist aus der historischen Rückschau wohl kaum falsch zu
sagen: hätte Marx die Völker nicht mit seinen Posaunenstößen
aufgerüttelt und mit seinen revolutionären Aktionen bis ins Innerste
erschreckt - die Menschheit wäre kaum bereit gewesen, auf solche Stimmen wie
die des Novalis und vieler anderer zu hören - und aus Einsicht, freier
Gewissensentscheidung und tätiger Nächstenliebe die Grausamkeiten gegen ihre
Mitmenschen zu beenden. Das ist bedauerlich, ist vielleicht
- angesichts der Berge von Leichen, die nicht nur
die Adepten des Marx, sondern auch und vor allem die menschen-verachtenden
Horden seiner ideologischen Hauptgegener, der Faschisten, hinterlassen
haben - das ist vielleicht in Anbetracht dessen
sogar zynisch, gleichwohl bleibt es wahr.
Wir haben nun, hoffentlich, das Jahrhundert der großen
totalitären Ideologien, wie Karl Dietrich Bracher es nennt, hinter uns, mit
einem teuer erkauften Lernerfolg. Und unsere Ohren, vor allem unsere Herzen und
unsere Gewissen sind hoffentlich bereitwilliger geworden, auf Stimmen wie die
des Novalis zu hören. Das ist eine Hoffnung, die allerdings erst noch durch die
Tat bewährt werden muß. Denn die jahrtausendealte geschichtliche Erfahrung
steht immer noch drohend dagegen, daß nämlich die Menschheit selten dazu
bereit ist, Zustände, von denen einzelne unangemessene Vorteile genießen, im
Interesse aller anderen freiwillig zu ändern und auf die ihnen lieb und zur
Gewohnheit gewordenen Privilegien zu verzichten. Ein Beispiel aus jüngster Zeit
beweist uns das aufs neue: ohne den Ausbruch solcher, auch den Menschen
bedrohender Krankheiten und Seuchen wie BSE und MKS wären die Menschen - trotz
seit längerem bestehender Warnungen - wohl kaum bereit gewesen, freiwillig auf
die Annehmlichkeit möglichst preisgünstiger Steaks zu verzichten. Der Mensch
scheint des kräftigen, auch schmerzhaften Tritts zu bedürfen, um zur Vernunft
zu kommen. Bezogen auf Marx und all die von ihm verursachten Folgen: er ist
ein solcher "Tritt" gewesen, der zumindest die Europäer, und zwar mit
jahrzehntelanger Nachhaltigkeit, hoffentlich auch bald die Menschen anderer
Erdteile, hat zu Einsicht und Vernunft kommen lassen.
Und wenn auch bei der Ablegung des Namens "Karl
Marx" für die höhere Schule Greußens die Wandlungen in der politischen
Großwetterlage in Deutschland und in der Welt eine Rolle gespielt haben mögen
- was von den einen beklagt, von anderen dagegen
begrüßt worden sein mag - so wäre es töricht
und geistig kleinkariert, sowohl Karl Marx selbst wie die Tatsache, daß diese
Schule einmal seinen Namen getragen hat, im tiefen Loch des Verdrängens oder
Vergessens verschwinden zu lassen. Uns Überlebenden und Nachgeborenen obliegt
vielmehr die Pflicht und die Verantwortung, uns dieser Fakten als Bestandteile
unserer, der Greußener wie auch der deutschen und der Menschheitsgeschichte
bewußt zu sein, sich ihrer zu versichern in der Weise einer kritischen
Aneignung und Würdigung - als Teil der ständigen Verarbeitung unserer eigenen
wie auch der Vergangenheit unseres Volkes, ohne die wir bekanntlich keine
Zukunft hätten.
Soweit zum Umgang mit Marx. Ohne Scham, ja mit einer
kritischen Bewunderung für eine geschichtlich wohl unvermeidbare, vielleicht
sogar notwendige Leistung, aber zugleich mit gebotener kritischer Distanz zu den
von ihm initiierten Methoden historisch-politischen Handelns und deren z.T.
grausamen Folgen - und damit zu seinem Mangel an Zukunftsträchtigkeit.
Wie aber ist es nun mit Friedrich von Hardenberg genannt
Novalis bestellt? Unbestritten dürfte sein, daß, wer sich zu seinem
Namen bekennt und zu dem, wofür dieser steht, sich nicht zu schämen braucht.
Nichts in seinem Leben und Werk bietet auch nur den geringsten Anlaß dazu. Denn
beide sind so beschaffen, daß man in ihnen ein Ziel erkennt, das anzustreben
und für das die Kräfte zu bündeln und einzusetzen sich lohnt, kurz: das,
zeitüberdauernd, im Namen der Menschlichkeit Zukunft verheißt.
Wir wollen nun gegen Ende dieser Betrachtungen diese Frage,
wenigstens ansatzweise, erörtern und erwägen.
Der Name "Friedrich von Hardenberg" - ein Name mit
Zukunftsträchtigkeit.
Es liegt bei einem Vergleich mit Marx der Vorwurf nahe:
während dieser die Veränderung der von beiden kritisierten Wirklichkeit praktisch
zu unternehmen versuchte - habe jener nur von einer "Poetisierung"
geträumt. Und schließlich: wie sollte so etwas, eine
"Poetisierung", denn praktisch überhaupt gehen?
Liest man Novalis allerdings vorbehaltlos genau, so ist
festzustellen, daß es kaum möglich ist, seine Schriften nur als "Interpretationen
der Welt" zu bezeichnen, denn: in allen Darstellungen enthalten ist immer
auch die - zumindest indirekte - Aufforderung, so, wie die Poetisierung es meint
, auch zu sein. Aber genau hier liegt der Unterschied: Marx verändert,
indem er durch direkten Zugriff alle zwingt - Novalis will verändern,
indem er die dem Menschen verliehene Anlage zur Freiheit dazu aufruft, es
von selbst zu wollen - nachdem die Bewußtseine durch Aufklärung für eine
solche freie Willensentscheidung reif geworden sind.
Jeder historisch Kundige weiß zudem, daß dieses Bild vom
Mittelalter, dessen sich Novalis bedient, nicht der historischen Realität
entspricht – wobei allerdings ernsthaft zu bedenken wäre, ob Novalis
stattdessen nicht tatsächlich die Wahrheit im historischen Geschehen
entdeckt? Es handelt sich bei seinem Mittelalter-Bild vielmehr um eine
gewissermaßen in die Vergangenheit zurückdatierte Zukunfts-Vision. Schon das
allein macht das Urteil, Novalis’ Denken sei eine Regression ins Mittelalter,
fragwürdig. Sein Mittelalter-Bild stellt vielmehr einen Versuch dar, seiner
Zukunfts-Vorstellung als gewissermaßen bereits geschichtlich bewährt mehr
Gewicht zu geben.
Das Fazit, das aus der Realität solcher Experimente wie
denjenigen des Karl Marx gezogen werden muß: gewaltsame Veränderungsversuche,
wie durch ihn, insbesondere seine Adepten, geschehen, bringen eine wirkliche
Veränderung nicht, keine Wandlung der Herzen, keine Herrschaft der
"Poesie" über die egomanischen, materie-süchtigen, haben-geilen
Menschen - sondern stattdessen Berge von Leichen und gebrochener Existenzen am
Wege und - einen Rückschlag in der Evolution. Eine fürchterliche Realisierung
des vernichtenden Urteils des bereits vor Marx über die sperrige Wirklichkeit
verärgerten Hegel: wer sich dem Gange der Selbstverwirklichung des Weltgeistes
widersetze, der gehöre auf den Abfallhaufen der Geschichte.
Eine Kalamität, so scheint es: ob Novalis oder Marx - beide
scheitern mit ihren Ideen letztendlich an dem "kleinen Gott dieser
Welt" (Goethe), nämlich dem Menschen.
Und doch - wollen wir angesichts solcher deprimierenden
Erfahrungen nicht ganz und gar zynisch und hoffnungslos werden, dann gibt es
für die Zukunft der Menschheit keinen anderen Weg als den, in einem mühsamen
Lernprozeß den Novalis‘schen Vorschlag zu akzeptieren - als den einzig realistischen.
D.h.: die Menschen müssen, freiwillig und infolge verständnisvoll und geduldig
begleitender Erziehung, lernen: das Gute um des Guten willen zu tun, so wie es
Lessing in seinem philosophischen Traktat "Die Erziehung des
Menschengeschlechts" sinngemäß sagte.
Lessing, der sog. "Aufklärer" oder: der wahre
Aufklärer - auch er, wie dieses Wort, wie sein ganzer "Nathan"
es ausweist, kein Vertreter der sog. Aufklärung, gegen die sich die Romantiker,
zuvorderst Novalis, auflehnten, sondern wesentlich einer der ihren. Auch ein
Romantiker also? Schwerlich, sondern eher ein wahrer Realist - wie jene auch.
Die viele wohl nur deshalb desavouierten, um sich einen unbequemen Anspruch vom
Leibe zu schaffen. Wohingegen nicht jeder, der Ansprüche an sich selbst und die
Menschen stellt, um sich und ihnen völkervernichtenden Mord und Ströme von
Blut und namensloses Elend und Not, womöglich den eigenen Untergang zu
ersparen, ein realitätsferner, träumender "Romantiker" ist, sondern
eher doch ein Mensch, der die Wahrheit und die sich aus ihr notwendig ergebenden
Folgen klarer erkannt hat - als seine angeblich so realistischen Kritiker,
Traumtänzer sie, die sich um des Gewinns einer Galgenfrist willen gegen
die wahre Realität blind und taub stellen.
Novalis dagegen - der zur Zeit
der Niederschrift seiner Gedanken noch nicht dreißig Jahre alt, aber gleichwohl
von tiefer Weisheit erfüllt ist, wie nur ein tiefer Glaube an die sinnbestimmte
göttliche Schöpfung sie hervorzubringen vermag -
Novalis setzt auf das geduldige Arbeiten im Weinberge des Herrn. Er mahnt sich
und alle, die nach einer veränderten Menschheit in einer veränderten Welt sich
sehnen, zur Geduld. Er weiß: "Noch (ist) die Menschheit für dieses
herrliche Reich nicht reif, nicht gebildet genug." Noch wird dieses ganz
Andere, weil noch nicht erreicht, vor allem nicht ohne Mühen erreicht, von
Mißerfolg und Enttäuschung her beurteilt und als Trug und Wahn angesehen. Noch
hält diese insgeheim Liebe nach dem ganz Anderen dem Drucke des
Geschäftslebens nicht stand. Wird durch eigennützige Sorgen verdrängt. Doch:
"Vernichtet kann jener unsterbliche Sinn nicht werden, aber getrübt,
gelähmt, von anderen Sinnen verdrängt." Noch wenden die Menschen
"ihr ganzes Sinnen und Trachten… den Mitteln des Wohlbefindens
allein" zu. "…der habsüchtige Mensch hat so viel Zeit nötig, sich
mit ihnen bekannt zu machen und Fertigkeiten in ihnen sich zu erwerben, daß
keine Zeit zum stillen Sammeln des Gemüts, zur aufmerksamen Betrachtung der
inneren Welt übrig bleibt." "In Kollisions-Fällen scheint ihm das
gegenwärtige Interesse näher zu liegen, und so fällt die schöne Blüte
seiner Jugend, Glauben und Liebe ab, und macht den herben Früchten, Wissen und
Haben Platz."
Und trotz alledem: es muß Geduld bewahrt werden, muß
geduldig daran gearbeitet werden, den Gedanken an eine andere, an eine dem
Menschen eigentlich angemessene Welt wachzuhalten. Jede Ungeduld aber, gar der
Versuch, die für eine "Poetisierung" der Welt noch unreife,
ungebildete Menschheit dahin zu befördern, muß mißlingen, muß den Zustand
der Gemüter nach etwa mißlungenen, erfolglosen Versuchen noch verwirrter
zurücklassen, als sie es vorher bereits waren. Der echte Beobachter betrachte
solche Versuche "ruhig und unbefangen". Alle gewaltsamen, unzeitigen
Versuche kommen ihm "wie Sisyphos vor. Jetzt hat er die Spitze des
Gleichgewichts erreicht und schon rollt die mächtige Last auf der andern Seite
wieder herunter. Sie wird nie oben bleiben, wenn nicht eine Anziehung gegen den
Himmel sie auf der Höhe schwebend erhält".
Und damit hat Novalis etwas, das Wesentliche genannt:
die Schaffung einer dauerhaft glücklichen Gemeinschaft der Menschen, einer, wie
er es dichterisch nennt: poetisierten Welt wird erst dann möglich sein, wenn
der Glaube an Gott wieder in die Herzen der Menschen zurückgekehrt sein wird.
"Alle eure Stützen sind zu schwach, wenn euer Staat die Tendenz nach der
Erde behält, aber knüpft ihn durch eine höhere Sehnsucht an die Höhen des
Himmels, gebt ihm eine Beziehung auf das Weltall, dann habt ihr eine nie
ermüdende Feder in ihm…". ("Weltall" ist hier wie es der
Kon-Text beweist, metaphorisch für Transzendenz, für Gott gebraucht, ist nicht
im physikalisch-astronomischen Sinne zu verstehen).
Aber: an "die Höhen des Himmels", an den Glauben
an Gott statt des Glaubens an sich selbst, an "den kleinen Gott dieser
Welt" (wie Goethe den Mephisto im "Faust" ironisch den Menschen
nennen ließ), an die vielen "Ersatz-Götter" und Götzen - an diesen
echten Glauben muß die Menschheit erst wieder geduldig herangeführt werden.
Sofern und solange sie jedoch von innen noch nicht reif dafür ist, sind alle
gewaltsamen Versuche nicht nur erfolglos, sondern kontrapunktiv. Und so mahnt
denn Novalis: "O! daß der Geist der Geister euch erfüllte und ihr
abließet von diesem törichten Bestreben die Geschichte und die Menschheit zu
modeln und eure Richtung ihr zu geben."
Bei solchen Worten meint man unwillkürlich, Novalis hätte
zeitlich nach Marx gelebt und diese Erfahrung aus ihm gezogen - doch
bereits das unmittelbare Erleben der zeitgenössischen Französischen Revolution
reichte aus, ihm die Augen zu öffnen. Zwar, so hatten wir oben festgestellt,
waren das Denken und Wirken des Karl Marx auf Grund und angesichts menschlichen
Elends durchaus verständlich, für den Augenblick legitim und verdienen deshalb
einen gewissen Respekt, aber - wer die nach-marxistische, nach-kommunistische
Zeit anschaut, in der wir heute leben, wird unvoreingenommen feststellen
müssen, daß sich die innerste Einstellung der Menschen trotz Marx nicht
verändert hat. Vielleicht sogar im Gegenteil: sie sind, gerade wegen des
Kommunismus und, bei den weniger Betroffenen, wegen des Sieges über den
Kommunismus in sich noch selbstgerechter geworden, weil des Irr-Glaubens, mit
ihm den gefährlichen Feind ein für allemal überwunden zu haben - sich als die
Besseren, die Guten fühlend und dabei gar nicht bemerkend, daß der alte Feind,
verwandlungsfähig wie Mephisto, in ihnen tief eingewurzelt lebt.
Deshalb - keine Übereilung. Keine Selbst-Blindheit.
Denn: wo keine Götter sind, "walten" am Ende noch und immer wieder
"Gespenster".
Novalis vertritt damit eine dem Lessing vergleichbare
Haltung, die dieser in seinem Traktat "Die Erziehung des
Menschengeschlechts" im § 90 ausdrückt: "Der Schwärmer tut oft sehr
richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann diese Zukunft nur nicht erwarten.
Er wünscht diese Zukunft beschleuniget; und wünscht, daß sie durch ihn
beschleuniget werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem
Augenblicke seines Daseins reifen. Denn was hat er davon, wenn das, was er für
das Bessere erkennt, nicht noch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?"
Friedrich von Hardenbergs Universalität - ein Exkurs über
seine Einstellung zur Natur und ihrer wissenschaftlichen Erforschung.
An dieser Stelle unserer Betrachtungen angekommen, will es
uns scheinen, als hätten wir bisher noch nicht genügend hervorgehoben, was ihn
auf bemerkenswerte Art kennzeichnet - womit wir
seinem besonderen, ihn auszeichnenden Wesen in-adäquat geblieben
wären - nämlich die Universalität seines
Dichtens und Denkens.
Es war bereits angeklungen, daß die Zeitgenossen etwas an
ihm beobachteten, was zur verbreiteten Vorstellung von einem Romantiker schlecht
oder gar nicht passen will: nämlich seine nicht etwa nur träumerische, also
"romantische", sondern ernste, ja wissenschaftliche Einstellung zur
Natur. Ob Bergbau, Mineralogie, Chemie oder Physik - seine Interessen nicht nur,
sondern seine hervortretende Begabung galt diesen
- als exakt und in gewisser Weise als im Gegensatz
zu den geisteswissenschaftlichen Bereichen stehend
geltenden - Naturwissenschaften ebenso wie der
Philosophie, der Geschichte, der Poesie oder
- wieder eine anscheinende
Inkommensurabilität - der Mathematik.
Wie geht das alles für das Verständnis einer Welt, die an
strenge Einteilung in Einzelwissenschaften und an deren Abgrenzung voneinander
gewöhnt ist, zusammen?
Novalis selbst gibt uns auf diese Frage sowohl,
verschlüsselt, in seinen Märchen, insbesondere in denen im "Ofterdingen",
wie in einzelnen seiner Gedichte, aber auch in verschiedenen seiner
Prosa-Schriften Hinweise für eine Antwort. So heißt es z.B. in seinen
"Dialogen" von 1798 unter der Überschrift "Naturlehre":
"Auf einen groben Klotz - gehört ein grober Keil. Dies Sprichwort ist für
die Naturlehre gemacht, denn sie soll ja hier durch den Verstand gespalten
werden …drum sieht es auch jetzt recht kühl bei uns aus, da man... recht
heillos mit diesem Reichtum umgegangen ist… Aber eben weil wir Philosophen
sind, brauchen wir uns um die Ausführung nicht zu kümmern. Wir haben das
Prinzip, und damit gut - den gemeinen Köpfen bleibt jene überlassen…"
Und in der Aphorismen-Sammlung "Blütenstaub", die
1798 in der Zeitschrift "Athenäum" veröffentlicht wurde, heißt es
u.a.: "Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge."
Und: "Das Beste an den Wissenschaften ist ihr philosophisches Ingrediens,
wie das Leben am organischen Körper."
Und zur Mathematik äußert sich Novalis in
"Fragmente" u.a. so: "Es kann Mathematiker der ersten Größe
geben, die nicht rechnen können. Man kann ein großer Rechner sein, ohne die
Mathematik zu ahnden." Und schließlich: "Im Morgenlande ist die echte
Mathematik zu Hause. In Europa ist sie zur bloßen Technik ausgeartet."
Und erinnern wir uns schließlich noch daran, was Novalis
über die sog. Aufklärung in der oben besprochenen Schrift "Die
Christenheit oder Europa" gesagt hatte. Ich zitiere sinngemäß: man sei
rastlos beschäftigt gewesen, in der Natur, dem Erdboden, den menschlichen
Seelen und den Naturwissenschaften "jede Spur des Heiligen zu tilgen".
Die Natur aber sei, zum Verdruß der sog. Aufklärer, wunderbar und
unbegreiflich geblieben. Die "Hülfsbedürftigkeit der äußern
Wissenschaften"(d.h. der nur auf die äußere Hülle der lebendigen
Phänomene gerichteten Wissenschaften) sei immer sichtbarer geworden - und die
Natur selbst begann dabei immer "dürftiger" auszusehen. Jeder
Forscher habe sich gestehen müssen, daß eine Wissenschaft nichts ohne die
andere sei.
Und in seinem unvollendeten Natur-Roman "Die Lehrlinge
zu Sais" heißt es: die Naturforscher hätten die Natur "zur
täglichen Nahrung und Notdurft verarbeitet und jene unermeßliche Natur zu
mannigfaltigen, kleinen, gefälligen Naturen zersplittert... suchten mit
scharfen Messerschnitten den innern Bau und die Verhältnisse der Glieder zu
erforschen. Unter ihren Händen starb die freundliche Natur und ließ nur tote,
zuckende Reste zurück…"
Wo immer man auch in Novalis‘schen Texten auf Äußerungen
zu den Wissenschaften, insbesondere Naturwissenschaften stößt, findet sich
dieselbe kritische Grundeinstellung und - die Forderung nach einer Veränderung.
Wie reimt es sich zusammen, daß ein von der Natur und ihrer Erforschung
nachweislich begeisterter und dafür begabter Mann sich derart kritisch dazu
äußert? - und: was ersehnt, fordert und stellt er sich dieses
betreffend vor?
Novalis ist der Ansicht - aber
diese Ansicht ist offensichtlich nicht nur eine subjektive Einbildung, sondern
beruht auf der Beobachtung von objektiv Gegebenem - , daß ab einem
bestimmten Zeitpunkt der europäisches Geschichte sich die Wissenschaften
verselbständigt hätten. Daß andere Bereiche des menschlichen Lebens sich
herausgelöst hätten aus einem bis dahin bestehenden großen Zusammenhang, Sinn-Zusammenhang,
in welchem alles Einzelne aufeinander zugeordnet gewesen sei und eine sinnvolle,
und zwar erkennbar sinnvolle Funktion im Ganzen gehabt hätte. Die alle und
alles zusammenbindende Mitte, auf die hin ein jedes seinen es und das Ganze
tragenden Sinn gefunden hätte, sei verloren gegangen. Die Folge sei gewesen,
daß ein jedes Einzelne in sich selbst den Sinn gesucht und gesehen habe, was zu
einem chaotischen, sich gegenseitig bekämpfenden Vielerlei von Einzelnem
geführt habe. So auch die Wissenschaften. Die Chemie z.B. betreibe eine
Wissenschaft um ihrer selbst willen. Sie frage dagegen nicht mehr nach ihrer
Aufgabe und - Verantwortung im Zusammenhange der gesamten Natur -
einschließlich, und in besonderem Maße, der menschlichen Welt.
Es müsse demzufolge gehofft und gefordert werden, eine neue
sinnstiftende Mitte zu finden, die alle in sich verbohrten, borniert gewordenen
Vereinzelungen aufzulösen und einer sinnvollen, an ihrer Stelle unverzichtbaren
Tätigkeit zum Wohle des Ganzen zuzuführen vermöchte.
Eine solche Forderung, und zwar als lebenserhaltend, zu
erheben und dieses Geforderte im Bewußtsein der Menschen wachzuhalten - sei
derzeit einzig die Dichtung, die Poesie in der Lage.
Es wäre wohl fatal, angesichts unserer heutigen Situation
diese Vorstellung des Novalis als Produkte eines romantischen Träumers abzutun.
Zu sichtbar sind inzwischen die Folgen solcher menschlichen Aktivitäten
geworden, die auf ihrem jeweils schmalen Gebiet Staunenswertes erreichten - ohne
jedoch auf das links und rechts Liegende zu schauen und ohne Gedanken und
Rücksicht darauf, was ihre sog. Errungenschaften im Umfeld anrichten und im
großen Zusammenhang des gesamten Bios an unmittelbaren oder nachhaltigen
Schäden bedeuten.
Und auch hier bekommt Novalis wieder eine späte Bestätigung
und Unterstützung durch den Philosophen Karl Jaspers, der sich vor seiner
Laufbahn als Philosoph erst einmal als Mediziner, und zwar als Psychiater,
habilitierte. Er schreibt 1931 zum Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit, ich
zitiere, stellenweise sinngemäß, aus seinem Buch "Die geistige Situation
der Zeit": die Wissenschaften leisteten heute zwar Außerordentliches.
Insbesondere die Naturwissenschaften hätten aufregende Fortschritte erzielt.
Trotzdem seien die Zweifel an den Wissenschaften gewachsen. "Die
Naturwissenschaften bleiben ohne Totalität einer Anschauung…" Die Krise
der Wissenschaften bestehe also "nicht in den Grenzen ihres Könnens,
sondern im Bewußtsein ihres Sinns. Mit dem Zerfall eines Ganzen ist nun die
Unermeßlichkeit des Wißbaren der Frage unterstellt, ob es des Wissens wert
sei. Wo das Wissen ohne das Ganze einer Weltanschauung nur noch richtig ist,
wird es allenfalls nach seiner technischen Brauchbarkeit geschätzt."
Allerdings sei dafür nicht die Wissenschaft als solche verantwortlich, sondern
der Mensch, der sie betriebe. Er selbst befinde sich in einer Krise.
"Eigentliche Wissenschaft ist das Wissen der Weisen und Grenzen des
Wissens." Es herrsche der Aberglaube, Wissenschaft bestehe aus einem
grenzenlosen "Sachverstand von allem", aus dem
"Machenkönnen" und aus der technischen "Meisterung jeder
Schwierigkeit."
Nicht uninteressant auch in diesem Zusammenhange ein
vergleichender Blick auf Karl Marx. Während - darin Novalis vergleichbar -
seine ursprüngliche Kritik an den herrschenden Zuständen in der Entfremdung
des Menschen gründet, in dessen Entwürdigung zur Sache, zum Ding, ja - zur
Ware, ist er voller Bewunderung für die wissenschaftlichen und technischen
Leistungen der Menschheit. Geradezu euphorisch klingt es in seinem Manifest:
"Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft
massenhaftere und kollossalere Produktionskräfte geschaffen als alle
vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung (!!) der Naturkräfte,
Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt,
elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der
Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere
Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoße der
gesellschaftlichen Arbeit schlummerten."
Das ist ein deutlicher und unüberhörbarer Ton von
euphorischer Bewunderung. Wenn ein kritischer Unterton mitschwingt, dann
gilt er nicht diesem Faktum an sich, sondern der Tatsache, daß alle diese
wunderbaren Leistungen in der Verfügungsgewalt einer einzigen
Gesellschaftsklasse sind, die diese dazu benutzt, die andere Menschheit
auszubeuten. Wenn also hieran etwas geändert werden muß, dann nicht
etwa an der "Unterjochung der Naturkräfte", dem schrankenlosen
Einsatz der "Chemie", nicht an der "Urbar-machung",
der "Schiffbar-machung", den "hervor-gestampften
Bevölkerungen", sondern (nur) an der gesellschaftlichen Verfügungsgewalt
der Bourgeoisie über die Produktionskräfte, die derart gewaltsam in die Natur
eingreifen und mit ihr umgehen, und an der ungerechten Umverteilung des Gewinns,
der sich aus all diesen an sich großartigen Leistungen ergibt.
Wie anders, ja - diametral anders dagegen die Sichtweise des
Friedrich von Hardenberg, ein rundes halbes Jahrhundert vor der
Entstehung des Marx‘schen "Manifests". Man meint in den Texten des
Novalis die programmatische Grundlage solcher Organisationen wie BUND, WWF,
Green Peace u.a.m. zu erkennen, die sich in unseren Tagen für die Erhaltung der
Natur vehement einsetzen und für die Durchsetzung von Maßnahmen kämpfen,
welche die Natur, und zwar nachhaltig, zu schützen vermögen. Von vielen
angegriffen und bekämpft, aber im Bewußtsein der Menschen doch, wenn auch ganz
langsam, an Raum gewinnend. Eine Hoffnung.
Dieser eklatante Unterschied zwischen Novalis und Marx geht
auf die grundlegend verschiedenen Weltbilder beider Männer zurück: während
bei Marx der, zwar von gesellschaftlicher Herrschaft befreite, Mensch der
höchste Wert und das Maß aller Dinge ist - bekommt in der Weltschau des
Novalis alles in dieser Welt seinen Sinn aus Gott, aus seinem göttlichen Ur-sprung.
Die in der Welt bestehende Störung entspringt der Selbstgesetzlichkeit des
Einzelnen, die z.B. auch das, was Marx den "Klassenkampf" nennen wird,
mit einschließt. Aber diese Störung kann nur durch eine viel tiefer greifende
Erneuerung behoben werden, als es ein revolutionärer Wechsel von
Klassenherrschaften vermag. Von einer Erneuerung, die alle Vereinzelung und
hybride Selbstgesetzlichkeit aufhebt im Wissen darum, daß alles, was da ist, in
einem großen Zusammenhange sinnvoll und verantwortlich aufeinander bezogen und
angewiesen ist. Der dichterisch vorweggenommene Weg dorthin ist das, was Novalis
"Poetisierung der Welt" nennt.
Auch aus diesen Überlegungen ergibt sich für eine
Schule, die den Namen Hardenberg trägt, ein ganz besonderer didaktischer
Anspruch. Man wird z.B. naturwissenschaftlichen Unterricht nicht in der Weise
gestalten dürfen, daß man anstelle von fachlichen Sachkenntnissen nur die
Unterrichtung von auf die Naturwissenschaften bezogener "Moral" setzt.
Damit dann das wörtlich nehmend, den Buchstaben folgend, nicht dem in ihnen
verborgenen Sinn, was Novalis sagte: daß nämlich Natur und - Moral eng
aufeinander bezogen seien. Denn das wäre - aber Derartiges ist mir in der Tat
als angedachte pädagogisch-didaktische "Reform" schon wirklich
begegnet - das wäre ein unüberbietbar primitives Verständnis von menschlicher
Kultur und deshalb schlechtweg verantwortungslos.
Man kann nämlich die Menschheit nicht dadurch besser machen,
daß man sie "dümmer" macht, sondern nur dadurch, daß man sie durch
Wissen zur - Verantwortung führt. Moral ist nichts, was an ihr selbst und um
ihrer selbst willen existiert, sondern immer nur in bezug auf den Menschen und
auf ihn in seinem Verhältnis zu anderen Menschen, zur Welt und zur Natur und in
der Verantwortung gegenüber der göttlichen Schöpfung.
So gäbe es noch so manchen Aspekt in der reichhaltigen
Gedankenwelt des Friedrich von Hardenberg, der es ebenfalls wert wäre,
betrachtet zu werden, was aber mit Rücksicht auf die durch das Thema gesetzten
Grenzen unterbleiben muß. Z.B. seine Auffassung vom Tode, nach dem er sich
nicht etwa - lebensmüde, unfähig oder krank - in Sehnsucht verzehrt, wie
einige Kritiker früherer Zeit ihn gern sehen wollten, sondern der für ihn zum Leben
gehört.
Alles Details eines universalen, alles zusammenschauenden
Denkens.
Aber wir folgen nun weiter den unserem Thema folgenden
Betrachtungen und Reflexionen.
Mit denen sind wir fast am Ende. Fast - denn es bleibt noch
der Versuch, die in den obigen Ausführungen bereits implizit enthaltenen
Überlegungen dazu zusammenzuziehen, was sich für uns, der Schulgemeinde, aus
alledem ergibt.
Zwei Namen in der Geschichte der höheren Schule Greußens -
als Mahnung, sich ihrer angemessen bewußt zu sein - und als ein didaktischer
Anspruch an uns Heutige mit Blick auf die Zukunft.
Novalis lebt und stirbt, 1801, noch im besten Lebensalter
Goethes. Marx ist 14 Jahre alt, als Goethe 1832 stirbt.
Beide Männer sind sich selbst also nie begegnet. Aber beide
lebten in Zeiten ausgeprägter gesellschaftlicher Herrschaftsformen, deren
Verkrustungen jedoch offensichtlich - und bereits vor ihnen in die Kritik
geraten waren.
Novalis lebte noch im bereits zu Ende gehenden Feudalismus,
Marx in der Zeit des sich rasend schnell entwickelnden Zeitalters des sog.
Kapitalismus. Jeder von beiden hielt die Welt, in der er lebte, für von Grund
auf erneuerungsbedürftig. Novalis auf dem Wege der Beeinflussung durch den
Geist der Poesie, der Kunst. So wie insbesondere in seinem Roman-Fragment
"Heinrich von Ofterdingen" entworfen. Marx durch radikale Absage an
diesen oder einen ähnlichen, nach seiner Überzeugung erfolglosen Weg zur
Veränderung der Produktionsverhältnisse, wie er sie nannte, durch eine
revolutionäre Umwälzung der bestehenden, von den Kapitalisten beherrschten
Gesellschaft und - durch die gleichzeitige Schaffung eines neuen Bewußtseins
der Menschen. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", so hat
es später Bert Brecht auf eine griffige Formel gebracht. Die Idee
vermag, so Marx, höchstens eine Rolle zu spielen, wenn sie sich in den Dienst
der notwendigen revolutionären Umwälzung stellt, und er prägte das bekannte
Wort vom Bewußtsein, das zur materiellen Gewalt zu werden vermöge, wenn es die
Massen ergriffe - und sie zur Revolution, zum gewaltsamen Umsturz der
Herrschaftsverhältnisse anspornte, um die Herrschaft in Form der Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen zu beenden.
Novalis dagegen hatte mit seinem Ofterdingen die Bedeutung
der Poesie fürs ganze Leben zu zeigen versucht. Poesie war nicht in dem engen
Sinne zu verstehen, wie sie verbreitet verstanden wird: als das Handwerk und das
Produkt einer schreibenden Zunft, konserviert in geschriebenen oder gedruckten
Büchern, bestehend aus wohlgesetzter und/oder wohllautender Sprache, an der man
sich in Muße- oder besonderen Weihestunden ergötzt und erbaut. Bücher, die
man danach wieder wegstellt, in die Kilometerreihe mit Goldschnitt im
repräsentativen Bücherschrank mit Glastüren. Sondern Poesie verstand er als
eine besondere Schau, die das gesamte Leben bestimmt. Als eine Anleitung zum
Verhalten und zum Handeln - auch und gerade im Alltag. Als eine Veredelung - zur
Schaffung einer der Würde des Menschen und der Natur entsprechenden Ordnung der
Welt. Es ist eine Sichtweise von der Poesie als etwas, das, vergleichsweise, in
Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" sich findet, wenn dieser
gegen Ende sagt, daß das Christentum erst dann verwirklicht, als Haltung
vollendet sein wird, wenn die Menschen die Gebote nicht mehr halten werden, weil
diese gedruckt im Buche stehen, sondern - weil sie das in den Geboten Gemeinte
von innen her selber wollen.
Dagegen Marx‘ "Manifest": das Buch eines
Philosophen, der die Philosophie vom "Kopf auf die Beine" stellen
will. Der die bestehenden Zustände, die Herrschafts- bzw.
Produktionsverhältnisse durch Revolution abschaffen, zerstören will.
Nicht nur dem äußeren Anscheine nach ein krasser Gegensatz
zu Novalis und diesem, so möchte man glauben, absolut fremd. Und doch von ihm
im "Ofterdingen" bereits mitgesehen und vorgedacht, wenn er von der
Natur als Gegensatz der Poesie spricht, vom Krieg zwischen beiden. Und vom
Waffentausch - als dessen Folge die Revolution, der Aufstand der Natur, sich
selber frißt und vernichtet. Wie in der vergangenen Geschichte ja in der Tat
geschehen! Aber eben keine Lösung in Richtung zu einer besseren Welt - und
eigentlich vermeidbar. Aber: die Menschen sind erst ab einer bestimmten
Entwicklungsstufe dazu bereit und fähig, die Poesie im Sinne des Novalis als
Lebenshaltung zu verwirklichen, wenn unterdrückende Herrschaftsverhältnisse
sich in Form von Kriegen selber vernichtet haben. So, wie nach Novalis in der
Geschichte eingetreten, der Kommunismus den menschenverachtenden Kapitalismus.
So eine daraus hervorgehende Form menschlicher Gesellschaft wiederum den
menschenverachtenden Kommunismus.
Das wirkliche, bleibende Neue aber kann nicht sein der so oft
diskutierte "dritte Weg": ein bißchen was von dem und ein bißchen
vom anderen - sondern ein völlig Neues, das allenfalls alles Vorherige als
Erfahrung dialektisch in sich "aufgehoben" hat.
Novalis geht - von seinen Lebensdaten her - zwar dem Marx
voraus, aber eben in einem doppelten Sinne: er geht nämlich
gedanklich-visionär weit über ihn hinaus. Er nimmt, obwohl zeitlich früher,
etwas vorweg, was den Kommunismus zwar nicht überflüssig zu machen vermag, was
ihn aber nur als eine unvermeidbare Entwicklungsstufe zu dem sieht - ahnt, was
der zukünftige Zustand der Menschheit sein soll. Ist er deshalb ein Romantiker?
Ja - und nein. Vom Standpunkte der von sich selber überzeugten
Herrschaftsordnung seiner Zeit aus gesehen - ja. Sogar ein "Spinner",
und ein nicht ungefährlicher dazu. Den man am besten dadurch unschädlich
macht, indem man ihn als Träumer, Utopisten, wenn nicht gar gleich als geistig
Verwirrten, zwar liebenswert und so jung und mitleiderweckend, aber eben auch
als des sog. Lebens unerfahren, unrealistisch, wenn nicht gar, heute würden wir
sagen: genetisch bedingt, lebensunfähig, todessehnsüchtig, ja
unzurechnungsfähig hinstellt.
Die Zeit des Novalis wie auch die folgende war für eine
solche Sicht wie insbesondere die seine noch nicht reif. Novalis wurde daher
- durch das eherne Gesetz der Geschichte zum Zweck
der "Erziehung des Menschengeschlechts"
(Lessing) - abgelöst von der Entwicklungsstufe des
Marx. Mit anderen Worten: da die Menschheit in ihrer geistigen
Einsichtsfähigkeit noch nicht so weit war, mittels eigener Willensentscheidung
"das Gute um des Guten willen" zu tun (Lessing), mußte sie sich quasi
erst die Finger am Ofen der eigenen Einsichtslosigkeit verbrennen, um danach
einzusehen, daß man die Finger nicht, entgegen allen gut begründeten
Warnungen, darauf bzw. daran legt.
Mag man nun auch das, d.h. diese Feststellung, als
rückwärtsgewandte Klugtuerei abtun, die nichts anderes vermag als das, was
doch inzwischen alle wissen, dem zu Schaden Gekommenen immer wieder vorzuhalten,
so ist doch an der Wahrheit der Vorhaltung nicht vorbeizukommen. Und es bleibt
die interessante Frage nach der Bedeutung alles dessen, was war, für
unser aller Zukunft. Ganz nüchtern und konkret gefragt: Was lernen
wir aus dem, was und wie es war?
Und da schält sich - unwiderlegbar für jeden, der sich
nicht aus Dummheit, d.h. aber: aus - noch! - Unaufgeschlossenheit für
Welt und Wirklichkeit (Parzival!) - der sich also nicht aus Dummheit der
Geschichte mit ihren deutlichen Fingerzeigen verschließt: Novalis ist moderner,
zukunftsweisender und - zukunftsangemessener als Marx, obwohl dieser wohl
unvermeidbar war, wohl sein mußte , um nämlich die Menschen radikal auf
ein Problem aufmerksam zu machen, mit Paukenschlägen, von denen sie
(hoffentlich!) bis ins Mark ihrer Seelen und Geister aufgerüttelt worden sind:
auf das Problem, das in der Schaffung einer Welt besteht, in der nicht mehr der
Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Ein Problem, das jedoch im Zuge einer auf der
menschlichen Vernunft beruhenden Entwicklung zu lösen ist, nicht mit
gegenseitiger Vernichtung, mag diese wie auch immer ideologisch begründet
werden. Wenn Marx es erreicht haben sollte, selbst wenn ungewollt, die
Menschheit zu lehren, daß sein Weg auf Dauer nicht der dem Menschen und
seinem Wesen angemessene Weg sein kann, nicht sein darf - dann hätte er
seine historische Mission erfüllt, und wir könnten uns, endlich, wieder,
bereit zu hören und zu verstehen, der Metaphern- und Gleichniswelt des Novalis
zuwenden ohne den abwehrenden Versuch, ihn als realitätsfernen Spinner in die
unschädliche Ecke zu stellen, sondern ihn bereitwillig ernst zu nehmen. Als
jemanden, der in seiner eigenen Sprache nichts anderes ausspricht als andere vor
oder neben ihm, wie - um nur einige aus dem deutschen Sprachraum zu nennen -
Wolfram, Grimmelshausen, Klopstock, Lessing, Goethe, Schiller, Hölderlin usf.,
die in der Geisteswelt bleibende Botschaften schufen - für wen anders als für
uns.
Hier tut sich nun ein Feld für eine vielschichtige
Tätigkeit des Gymnasiums auf. Nicht nur das Heranführen an - und die Lektüre
wahrhaft bedeutender Literatur, sondern die Schulung eines kritischen Umgangs
mit der Sprache, als erstes mit der eigenen Sprache. Wir müssen z.B. lernen,
die häufig seit langem allzu eingefahrenen, wie alltäglich verwendete
Gebrauchsmünzen benutzten, ja abgenutzten Begriffe kritisch auf ihr
Übereinstimmen mit inzwischen längst weiterentwickelten geistigen Einsichten,
gewonnen aus denkerischen Leistungen wie aus historischen Erfahrungen, zu
hinterfragen, um sie auf ihre weitere Verwendbarkeit zu überprüfen und sie,
nötigenfalls, neu zu fassen. Eine dankenswerte Aufgabe für alle, insbesondere
die höheren Schulen, welche die grundlegende Bildungsstätte für alle
späteren wissenschaftlichen Studien sind - nicht einmal ausgenommen solche,
welche die Aufgabe der Sprachpflege und -forschung selber zu ihrem Inhalte
haben, denn selbst sie bauen auf dem auf, was die Gymnasien vermitteln sollten.
So wäre, als einige der Beispiele, die sich aus unseren
bisherigen Überlegungen ergeben, immer aufs neue zu bedenken, was solche
Begriffe wie: Romantik, Realität, Realismus, Aufklärung, Wirklichkeit,
Wahrheit usf. für uns Heutige bedeuten können. Ist ein Romantiker wie Novalis
ein unrealistischer Mensch - weil er ernsthaft etwas in sein Denken und Dichten
mit einbezieht, was sich des sinnlichen Wahrnehmens entzieht? Und - was ist
eigentlich Wirklichkeit? Nur das was sinnlich, d.h. mit den Sinnen zu begreifen
ist, sich der körperlichen Greifbarkeit nicht entzieht? Und was ist und woraus
besteht eigentlich Aufklärung? Erschöpft sich dieser Begriff tatsächlich in
der großartigen Kantischen Definition vom Ausgange aus selbstverschuldeter
Unmündigkeit? Denn - was ist Mündigkeit? Besteht sie nur im Freiwerden von
Herrschaft, auch geistiger Herrschaft? Oder gehört zu ihr nicht auch die
Einsicht in die Abhängigkeit des menschlichen Ursprungs, nämlich in die
Tatsache der von Gott herrührenden Geschöpflichkeit, der Grundlage aller
wahrhaften Freiheit, nämlich derjenigen von vergänglichen Werten? Fragen über
Fragen - und für unsere, von der Menschheit zu verantwortende Zukunft von
existentieller Bedeutung.
Vom Standpunkte der Zukunft der Menschheit also ist Novalis kein
Romantiker, schon gar nicht der Art, wie zeitgenössische und spätere Kritiker
ihn gern darstellten, wahrscheinlich noch nicht einmal immer aus böser Absicht,
sondern wegen ihrer unbewußten Abhängigkeit vom Zeitgeist. Sondern Novalis ist
ganz im Gegenteil: ein Realist. Der Vertreter eines Realismus ganz
unvermeidbarer Art. Unvermeidbar und unerläßlich, will die Menschheit
überleben. Bei dem Stande der Technik, des technisch Machbaren und beim Stande
derjenigen Folgen der Technik, die sich bereits hie und da seit geraumer Zeit
abzuzeichnen beginnen. Anfänglich in der Euphorie kaum wahrgenommen, seit
einiger Zeit in aller Welt jedoch unübersehbar, sogar in Art und Ausmaß, daß
es die sog. Segnungen, die wir der Technik unbestritten auch zu verdanken haben,
bei weitem übersteigt - und eigentlich wieder auslöscht und zunichte macht. Der
Mensch aber, der seine Gattung für die Zukunft nicht gefährden will und nicht
die gesamte Natur, wird das, was Novalis unter Poesie versteht, ebenfalls
erkennen und verstehen müssen und - zum Prinzip seines Lebens, seiner Haltung
und seines Verhaltens machen müssen, nötigen- und gegebenenfalls unter
Zuhilfenahme institutioneller Stützen und Korsetts, um den Mängeln der
Vernunft bei einem Teile seiner Mitmenschen abzuhelfen.
Denn - wer, der die Beschreibungen des modernen Kapitalismus
liest, fühlt sich nicht erinnert an die von Marx geleisteten Analysen
wirtschaftlicher Zustände, im Vergleich zu denen heutige manchmal geradezu eine
Kumulierung zu sein scheinen. Selbst mittelständische Betriebe, anscheinend
frei und unabhängig, sind als Zulieferer im Grunde Angestellte im Dienste
großer Abnehmer und nicht selten dem Kostendruck ausgesetzt, der von diesen auf
sie ausgeübt wird.
Also scheint, um dem zu entgehen, doch kein anderer als der
von Marx vorgezeichnete Weg möglich zu sein.
Aber dann schaue man sich an, was in den Ländern herauskam,
die jahrzehntelang diesen Weg zu gehen versuchten. Gab es dort etwa keine
"Chefs ganzer industrieller Armeen" - ob in Industrie, ob in
Landwirtschaft, ja bis in die Gestaltung des sog. persönlichen, privaten Lebens
hinein?
Es muß wohl immer auch "Chefs" geben,
Unternehmer, Menschen, die das Risiko, Innovationen zu wagen bereit sind. Aber:
man muß ihre - wohl notwendig und unausweichlich - entstehenden Machtgelüste
zügeln und begrenzen können. Z.B. durch Betriebsräte, vielleicht sogar durch
Gewerkschaften und - durch eine angemessene Gesetzgebung und - durch eine
unabhängige, von jedem anrufbare Gerichtsbarkeit.
Denn: trotz aller euphorisierender Visionen wird man
realistisch bleiben müssen - wie es Novalis übrigens zugleich auch immer war -
und wird sich wohl darauf einstellen müssen, daß immer das
"Böse" in uns auf dem Sprunge liegt.
Man wird deshalb sichernde Rechtssysteme schaffen müssen
(Ausgangslage das GG der BRD und andere vergleichbare nationale und
supranationale Rechtssysteme), mit deren Hilfe es möglich werden könnte, eine
"Poetisierung", zwar in unendlich oft zu wiederholenden Anläufen,
einer Verwirklichung näherzubringen. Denn: Menschen werden jeweils neu geboren
- und bringen das vor ihnen bereits erreichte Bewahrenswerte nicht gleich fertig
ausgebildet mit, müssen in es hineinwachsen, um es ihrerseits einmal
vernünftig weiterentwickeln zu können. Brauchen dafür
"Leitschienen", in denen sie sich, in größtmöglicher Freiheit, die
ebenfalls erlernt werden muß, sicher bewegen können, aber - das auch müssen,
um bestehendes Vernünftige nicht zu beschädigen. Es müssen also auch
Sanktionen möglich sein, auf überprüfbarer rechtlicher Grundlage, die
verhindern, daß die Menschheit unentwegt in Barbarei zurückfällt. Zum Schutze
aller Menschen möglich sein und zum Schutze des von Generationen vor ihnen,
häufig unter Blut und Tränen, Erreichten.
Jedoch: als main-stream der Menschheitsentwicklung bleibt bei
alledem anzustreben, was Lessing in seiner "Erziehung des
Menschengeschlechts" uns als Vermächtnis hinterlassen hat: erst wenn die
Menschen aus freier Entscheidung das tun werden, was in den Heiligen Büchern
steht, werden alle geschichtlichen Irrwege, so auch der des Karl Marx,
überflüssig geworden sein. So wie es Novalis ausdrückte:
"Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort."
Aber dieser erstrebenswerte Zustand der Menschheitsgeschichte
fällt uns nicht wie ein Wunder in den Schoß, sondern muß kraft Einsicht und
Willensentscheidung verwirklicht werden.
Insofern zeichnen die erwähnten Namensgebungen der höheren
Lehranstalt Greußens nicht nur den Gang der Geschichte nach, sondern auch die
damit verbundene tiefere geistesgeschichtliche Entwicklung: wir Menschen, durch
geschichtliche Entwicklung - wozu notwendigerweise auch Marx gehörte - auf den
Stand, auch den Erkenntnisstand, gekommen, auf dem wir erst heute, nach dem 20.
Jahrhundert der großen Ideologien, darunter auch der dem Marxismus entsprossene
Marxismus-Leninismus-Stalinismus, stehen - wir Heutigen also müssen, wollen wir
menschenwürdig leben und überleben, denjenigen oder einen ähnlichen Weg
gehen, den uns Hardenberg-Novalis verzeichnete: den Weg der eigenen,
tagtäglichen Anstrengung der "Poetisierung der Welt": nämlich der
gewollten Aufhebung der Verdinglichung des Menschen, übrigens auch in Form der
Unterlassung gentechnischer Experimente. Es hilft uns nichts, einen solchen Weg
als "Utopie" abzutun. Und zu alledem gehört eben auch, zumindest
vorerst: die Institutionalisierung durch ständig überprüfbare Gesetze - um
dem immer wieder schwachen eigenen menschlichen Fleisch einen Halt für alle
Fälle, ein stützendes Korsett zu geben. Das muß kein Widerspruch zu
den ständigen Versuchen der Verwirklichung einer Poetisierung sein. Musische
Erziehung an den Schulen muß hierbei wieder eine unerläßliche Hilfe werden.
Vielleicht darf, angesichts der von ihm initiierten
gräßlichen Folgen, Karl Marx kein großer Mann genannt werden, er ist
aber in jedem Fall ein bedeutender Mann der deutschen - und nicht nur der
deutschen Geschichte.
Der wesentliche Unterschied zwischen ihm und Novalis beruht
mit Sicherheit auf ihrer Einstellung zur "religio", der menschlichen
"Rückbindung" an Gott, die bei Marx ganz fehlt. Insofern ist es kein
Wunder, daß ein System, das auf ihm aufbaute, in Wahrheit menschenverachtender
werden mußte als viele vor ihm und durch ihn vergangene.
Ganz ähnlich, wenn auch ideologisch ganz anders begründet,
stellt sich die andere große Ideologie des 20. Jahrhunderts dar, der
rassistische Faschismus.
Beide "Gespenster" geistern noch immer, dumm
verführerisch und schadenstiftend, in dunklen Nischen. Geben wir acht, daß
sie, die vor der historisch erlittenen Erfahrung als verderbenbringend und
deshalb überholt erwiesen wurden, nicht zu einem Rückfall in Abgelebtes
anstiften.
Wie sagte es - bereits 1931,
zwei Jahre vor der sog. "Machtergreifung" des
Nationalsozialismus - Karl Jaspers in "Die
geistige Situation der Zeit": "Denn Marxismus… und Rassentheorie
sind heute die verbreitetsten Verschleierungen des Menschen. Das gradlinig
Brutale im Hassen und Preisen, wie es mit dem Massendasein zur Herrschaft
gekommen ist, findet darin seinen Ausdruck: im Marxismus die Weise, wie Masse
Gemeinschaft will; …in der Rassentheorie, wie sie besser als Andere sein
möchte. In ihnen stecken Wahrheiten, aber sie sind bisher nicht rein
herausgebracht. Jeder von uns wird einmal fasziniert vom kommunistischen
Manifest; er hat dadurch einen neuen Blick in mögliche Kausalzusammenhänge von
Wirtschaft und Gesellschaft gewonnen…
Ohne Soziologie ist keine Politik zu machen… Ohne
Anthropologie würde das Bewußtsein für die dunklen Gründe dessen, worin wir
uns gegeben sind, verlorengehen.
In jedem Fall ist die Tragweite des Erkennens begrenzt. Keine
Soziologie kann mir sagen, was ich als Schicksal will… eigentliches Sein des
Menschen kann nicht als Rasse gezüchtet werden. Überall ist die Grenze dessen,
was sich planen und machen läßt…
Die Theorie von der Diktatur des Proletariats,… die
Zücht(ig)ungsanweisungen der Rassentheoretiker sind bei vagem Inhalt
brutalisierende Forderungen, welche schon im Beginn ihrer Verwirklichung etwas
ganz anderes sind und bewirken, als es vorher schien.
Denn Marxismus... und Rassentheorie haben eigentümlich zerstörende
Eigenschaften. Wie der Marxismus alles geistige Dasein als Überbau zu entlarven
meint…", so verursache "die Rassentheorie… eine Auffassung von der
Geschichte, die hoffnungslos ist…
Beide Richtungen sind geeignet, zu vernichten, was Menschen
Wert zu haben schien. Sie sind vor allem der Ruin jedes Unbedingten, da sie sich
als Wissen zum fälschlich Unbedingten machen, das alles andere als bedingt
erkennt. Nicht nur die Gottheit muß fallen…", Kommunismus und
Rassentheorie " wenden sich gegen jeden, der an etwas glaubt... sie glauben
das Nichts und sind ihres Glaubens eigentümlich fanatisch gewiß.
…so erkennt man wohl etwas am Menschen, nicht den Menschen
selbst; der Mensch aber als Möglichkeit seiner Spontaneität wendet sich gegen
sein bloßes Resultatsein. Es ist nicht schlechthin zwingend für den Einzelnen,
als was er soziologisch… oder anthropologisch konstruiert wird. …wenn man
der Freiheit entfliehen möchte, soll ein Scheinwissen von Sein rechtfertigen.
…Was wirklich geschieht ist …entscheidend erst durch das Sein des Menschen;
seine innere Haltung, die Weise, wie er sich in seiner Welt bewußt ist…".
Womit wir im Grunde wieder bei dem sind, was Friedrich von
Hardenberg genannt Novalis mit seiner Schau und dem Begriff von der
"Poetisierung der Welt" gemeint hat und hat sagen wollen.
Damit hat sich diese Schule in Greußen unter einen hohen
Anspruch gestellt, dem mit und in ihrer täglichen Arbeit gerecht zu werden eine
erstrebenswerte Aufgabe ist.
D.h.: der zeitweise als dunkel und unverständlich empfundene
Novalis (vielleicht, weil man ihn des eigenen Vorteils und der Bequemlichkeit
halber so verstehen wollte) ist eben nicht nur ein träumender
"Romantiker", sondern, verglichen mit allen als Irrwege erwiesenen
anderen Versuchen, der wahre Realist.
Es bleibt also zu wiederholen: unsere Aufgabe ist es, genau
zu denken und zu definieren: was eigentlich ist, was kann, ja - muß
angesichts der Vergangenheit und mit Blick auf die Zukunft wahrer Realismus
genannt werden? Auf der Basis gewaltsam erlittener, aber auch erlangter
Erfahrungen erst ist eine Erinnerung und eine Rückkehr zu Novalis‘schen
Gedanken möglich, aber auch unverzichtbar geworden. Insbesondere angesichts der
aktuellen Gefahr, den Menschen durch undurchdachten Umgang mit dem, was oft und
vielerorts als Rettung so uneingeschränkt verherrlicht wird: die Technik - zu
ihrem absolut Abhängigen zu machen. Das wäre ein Rücksturz in vormarxistische
Zustände.
Das alles zusammengenommen ist die Namenswahl "Friedrich
von Hardenberg-Gymnasium" eine kluge Entscheidung, weitsichtig - und nicht
eine opportunistische Angleichung an die Wende in der politischen Geschichte
Deutschlands. Und sie ist zugleich der nie endende Anspruch an uns alle,
ehemalige wie gegenwärtige Lehrer und Schüler dieser Schulgemeinde, uns, jeder
an seiner Stelle, dieser geschichtlichen Erfahrungen bewußt zu sein. Und wir
können stolz sein, als ehemalige Schüler der höheren Lehranstalt Greußens
diese geschichtliche Entwicklung direkt und indirekt erlebt und an ihr
teilgenommen zu haben.
Ad multos annos, Friedrich von Hardenberg-Gymnasium!
________
Literatur
Der Aufsatz stützt sich auf jahrzehntelange
Lektüre, auf das Studium und die Beschäftigung mit
vielfältiger Literatur, die hier vollständig zu erinnern und
im einzelnen zu benennen unmöglich ist. Bewußt herangezogen
und als Hilfsmittel direkt benutzt wurden folgende Bücher und
Druckwerke:
Borkenau, Franz: Marx.
Fischer-Bücherei Frankfurt am Main / Hamburg 1959
5. Auflage
Braak, Ivo: Poetik in Stichworten.
Verlag Ferd. Hirt Kiel 1969
Bracher, Karl Dietrich: Zeit der Ideologien.
DVA Stuttgart 1982
Brockhaus‘ Konversations-Lexikon in 17 Bänden
Verlag F.A. Brockhaus
Leipzig / Berlin / Wien 1894-1897
Cornu, Auguste: Karl Marx - und die Entwicklung
des modernen Denkens.
Dietz Verlag Berlin 1950
Engels, Friedrich: Die Lage der arbeitenden
Klasse in England.
Dietz Verlag Berlin 1964
Fischer Lexikon in Farbe, Das Große -.
Fischer Taschenbuch Verlag
Frankfurt am Main 1975
Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch.
Verlag S. Hirzel Leipzig ab 1854.
Liz. Ausgabe dtv GmbH & Co. KG
München 1984
Guardini, Romano: Das Ende der Neuzeit.
Heß-Verlag Basel 1950
Hölderlins Werke in zwei Bänden. 1. Band,
Gedichte.
Aufbau-Verlag Berlin / Weimar 1965
Jaspers, Karl Die geistige Situation der Zeit.
Verlag W. de Gruyter Berlin 1960
Kant, Immanuel Beantwortung der Frage: Was ist
Aufklärung?
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1974
Kindlers Literatur Lexikon.
Zweiburgen Verlag Weinheim
Lizenzausgabe der Kindler Verlag AG
Zürich 1982
Klien, Wolfgang: Goethe. Wie berühmte
Zeitgenossen ihn erlebten.
Verlag Langen-Müller München 2000
2. Auflage
König, Robert: Deutsche Literatur-Geschichte. 2
Bände.
Verlag Velhagen & Klasing
Bielefeld / Leipzig 1906
31. Auflage
Lessing, Gotthold Ephraim: Die Erziehung des
Menschengeschlechts.
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1965
Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise.
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1988
Marx, Karl / Engels, Friedrich: Manifest der
Kommunistischen Partei.
In: K. Marx / F. Engels, Ausgewählte Schriften Bd. I.
Dietz Verlag Berlin 1966
16. Auflage
Marx, Karl: Das Kapital. Bände 1, 2 und 3.
Dietz Verlag Berlin 1972
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais. Gedichte.
Fragmente.
Hrsg. Martin Kiessig
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1978
Novalis: Werke.
Hrsg. J. Dohmke.
Bibliographisches Institut Leipzig / Wien o.J.
Philosophisches Wörterbuch.
Hrsg. Georgi Schischkoff.
Verlag Alfred Kröner
Stuttgart 1961
Politik im 20. Jahrhundert. Hartwich / Grosser /
Horn / Scheffler.
Verlag Georg Westermann Braunschweig 1964
Rehm, Walther: Novalis.
Fischer-Bücherei Frankfurt am Main/Hamburg 1956
Röhr, Werner Hrsg.: Appellation an das Publikum.
Dokumente zum Atheismus-Streit um Fichte, Forberg, Niethammer
Jena 1798/1799.
Verlag Reclam Leipzig 1991
Romantik I, Die deutsche -.
Hrsg. Hans-Jürgen Schmitt
In: Die deutsche Literatur in Text und Darstellung Band 8.
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1975
Romantik II. Wie vor. Band 9
Thier, Erich: Das Menschenbild des jungen Marx.
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht
Göttingen 1961
2. Auflage
Uerlings, Herbert: Novalis.
Verlag Philipp Reclam jun. GmbH & Co
Stuttgart 1998
Weltbild Brockhaus: Personen der
Menschheitsgeschichte von A bis Z.
Verlag F.A. Brockhaus
Leipzig / Mannheim 2000
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