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Hans-Günter Marcieniec

Von Karl Marx zu Friedrich von Hardenberg

Betrachtungen und Reflexionen

Gewidmet der höheren Schule in Greußen (Thüringen) zum 70-jährigen Bestehen

am 23. Juni 2001

Vorbemerkung

Als ich Ende des vergangenen Jahres die Einladung erhielt, an der Feier aus Anlaß des 70-jährigen Bestehens der höheren Schule in Greußen teilzunehmen, wurde ich plötzlich auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam, deren ich mir bislang noch nie bewußt geworden war.

Als ich 1947, aus Kriegsgefangenschaft kommend und heimatvertrieben dazu, in das mir bis dahin völlig fremde Greußen "verschlagen" wurde     - ein ähnliches Schicksal wie dasjenige vieler durch die Kriegswirren entwurzelter Deutscher -     in der Absicht, meine einige Jahre zuvor abgebrochene Schullaufbahn zu vollenden, da kam ich in eine kleine, beinahe intime Schule, die den Namen "Karl-Marx-Oberschule" trug. Und als ich nach vielen Jahren     - als sog. "politischer Flüchtling" längst im "Westen", nach Studium, beruflicher Ausbildung und jahrzehntelanger eigener Berufsausübung und nach endlich erfolgter Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands -     für den Sommer 1998 aus Greußen die Einladung zum feierlichen Begehen des vor 50 Jahren 1948 daselbst abgelegten Abiturs erhielt und bei dieser Gelegenheit das beeindruckende neue Gymnasium Greußens besuchen konnte, da las ich dessen Namen, der in großen Lettern über seinem Eingang prangte: Friedrich von Hardenberg-Gymnasium.

Zuerst einmal nahm ich das einfach so hin, befangen in den vielen neuen Eindrücken, die zugleich längst vergessen Geglaubtes in der Erinnerung wiedererweckte. Doch schon wenige Tage später, über das Gesehene und Erlebte nachsinnend und bemüht, es zu ordnen und zu verarbeiten, ging es mir durch den Kopf: seltsam und des Bemerkens und des Nachsinnens wert das Zusammentreffen dieser beiden Schul-Namen: Marx und Hardenberg. Wert des Nachsinnens über die vergangenen Jahrzehnte und - ihrer Geschichte. Über die eigene, persönliche Geschichte, verflochten mit derjenigen einer kleinen thüringischen Stadt und - über diejenige ihrer höheren Bildungsanstalt, in deren wechselnden Namen sich die größere Geschichte eines ganzen Landes, ja sogar Europas und der ganzen Welt widerzuspiegeln schien.

Marx und Hardenberg - oder, um die geschichtlich richtige Reihenfolge herzustellen: Hardenberg genannt Novalis - und Marx. Einen auf den ersten Blick fast unvereinbaren Widerspruch bedeutend, wie er widersprüchlicher gar nicht sein zu können scheint: der, wie man gängigerweise meint, in Träumen lebende und webende Romantiker - und der harte, angeblich und tatsächlich und ganz und gar in die Realität verbohrte, die bisherige Gesellschaft gewaltsam umstürzende Revolutionär! Ist bzw. war der letztere dem Novalis vielleicht im Grunde näher, als es vordergründig scheint - gar ein verkappter Romantiker?

In solchen und ähnlichen Gedanken mich verfangend, beschloß ich schließlich, sie locker zu ordnen und aufzuschreiben und - sie auf irgendeine Weise denjenigen, die an der Greußener höheren Schule Anteil hatten oder noch haben, zugänglich zu machen, auf daß sie, Interesse und Zeit vorausgesetzt, an ihnen teilzunehmen - und sie, bei bestehendem Anlaß oder für notwendig befundener Berichtigung, weiterzuführen vermöchten.

Im folgenden also meine Betrachtungen und Reflexionen, unter dem folgend genannten Thema und den ihm nachfolgend genannten Schritten abgehandelt:

Von der Karl-Marx-Oberschule zum Friedrich von Hardenberg-Gymnasium. Zeitgemäße oder     - je nach Standort des Lesers -    unzeitgemäße Betrachtungen eines ehemaligen Schülers des Abiturjahrganges 1948 anläßlich des 70-jährigen Bestehens der höheren Schule in Greußen (Thüringen): Schulnamen als Spiegel einer wechselvollen Geschichte.

I.

Greußen und seine höhere Lehranstalt - zur Geschichte ihres Entstehens.

II.

Greußen - und seine höhere Lehranstalt: die Spiegelung der deutschen politischen und Geistes-Geschichte in zwei Namen der Greußener Schule.

  • Wer war Friedrich von Hardenberg genannt Novalis?

  • Novalis in seinen Werken: Der "Heinrich von Ofterdingen" und die "Poetisierung der Welt".

  • Was ist also "Poesie"?

  • "Die Christenheit oder Europa" - oder die Unerläßlichkeit der Religion für die Rettung der Menschheit.


  • Wer war Karl Marx?

  • Karl Marx in seinen Werken: Das "Manifest der kommunistischen Partei" - oder der Posaunenstoß der Verkündung des unabänderlichen Gesetzes menschlicher Geschichte: der Klassenkampf!

  • "Das Kapital" - oder die gigantische Unvollendete über das Thema "Analyse kapitalistischen Wirtschaftens".

III.

Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx: Reflexionen zum kritischen Vergleich zweier "großer" Männer der deutschen - wie auch der Geschichte der Menschheit.

  • Was versteht man eigentlich unter "Romantik"?

  • Karl Marx - ein Romantiker?

  • Exkurs: Aufklärung und Religion, Ratio und Glaube, sog. "exakte" Wissenschaft, insbesondere Naturwissenschaft, und Gott.

  • Novalis - ein Romantiker im landläufigen Verständnis?

  • Wie steht es also mit Novalis im Widerstreit der Meinungen?

IV.

Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx: Versuche einer kritischen Würdigung - bezogen auf die Wahl ihrer Namen für die höhere Lehranstalt Greußens in deren 70-jähriger Geschichte.

  • War der Name "Karl Marx" für die höhere Schule Greußens nichts als ein Mißgriff, gar ein Unglück oder unverdientes Schicksal? Haben sich die heutige Schule und ihre, insbesondere ehemaligen, Lehrer und Schüler dafür zu schämen?

  • Der Name "Friedrich von Hardenberg" - ein Name mit Zukunftsträchtigkeit.

  • Friedrich von Hardenbergs Universalität - ein Exkurs über seine Einstellung zur Natur und ihrer wissenschaftlichen Erforschung.

  • Zwei Namen in der Geschichte der höheren Schule Greußens als Mahnung, sich ihrer angemessen bewußt zu sein - und als ein didaktischer Anspruch an uns Heutige mit Blick auf die Zukunft.

 

I.

 

Greußen und seine höhere Lehranstalt - zur Geschichte ihres Entstehens.

Seit 1871 gab es im Deutschen Reich infolge des gewonnenen Krieges von 1870/71 durch das Einströmen gewaltiger Geldmengen in Gestalt französischer Kriegskontributionen eine gewaltige wirtschaftliche Bewegung, insbesondere was den Ausbau der Industrie und der damit notwendig werdenden Infrastruktur betraf. Das Eisenbahnnetz mußte erweitert werden, der Bedarf an Eisen und Stahl stieg, die gesamte Montan-Industrie begann zu boomen. Es bedurfte ausgebildeter Arbeits- und Fachkräfte in den stahlverarbeitenden Branchen, so insbesondere im Eisenbahn- und im Schiffbau. Der Bestand der Dampfschiff-Tonnage z.B. vermehrte sich bis 1893 im Vergleich zu demjenigen um 1885, also innerhalb von 8 Jahren, fast sprunghaft um das Doppelte. Der Industrie-Rohstoffe-Verbrauch stieg im Zeitraum von 1871 bis 1892 im Durchschnitt um das Doppelte. Hinzu kamen als allgemeine wirtschaftsfördernde Maßnahmen die Gründung des deutschen Zollvereins und der Ausbau der deutschen Kolonien. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und das damit steigende Markt-Angebot provozierten die Notwendigkeit einer dementsprechenden Güternachfrage und eines wachsenden Konsums.

Das alles bedurfte insbesondere auf dem industriellen Arbeitsmarkt der Vermehrung ausgebildeter industrieller und wirtschaftlicher Arbeits- und Fachkräfte sowie der Fachkräfte in Forschung und Wissenschaft. Für die Hebung der Bildung sog. ärmerer Volksklassen sowie für die schulische und berufliche Bildung überhaupt wurden demzufolge die finanziellen Aufwendungen erheblich gesteigert, so z. B. in dem Jahr von 1887 bis 1888 allein um 44%, von 25 auf 36 Millionen Mark damaliger Währung.

Alle diese Dinge weiter auszubreiten - das hat sich dieser Aufsatz nicht zum Ziel gesetzt. Es kann hier nur darum gehen anzudeuten, daß es zwingende Gründe dafür gab, daß in Gebieten mit bisher eingeschränkten Bildungsmöglichkeiten das Bedürfnis nach gehobener und höherer Bildung wuchs. Und daß es schließlich nicht nur um dessen Befriedigung um seiner selbst willen und auch nicht nur um eine kleinstädtische Profilierungssucht ging, sondern um eine solchen und ähnlichen Motiven übergeordnete Notwendigkeit.

Und so mag es denn, ohne die lokal-historischen Einzelheiten und Verläufe wissen zu müssen, begonnen haben: von Greußen aus gesehen gab es vor 1871 weiterführende Lehranstalten erst in einiger, für viele unzumutbarer Entfernung. Bürger der Stadt, die ihren Kindern eine gehobene Schulbildung ermöglichen wollten, mußten diese in andere Städte in der Umgebung schicken. Nach Sondershausen vielleicht, nach Sömmerda, Bad Langensalza, gar nach Erfurt oder Mühlhausen. Das bedeutete für die Kinder und Jugendlichen entweder die Unterbringung am Schulort, z.B. in Internaten für Externe, sofern vorhanden und zugänglich, bzw. privat - oder ein jahrelanges Leben als Fahrschüler. Von den damit verbundenen Nachteilen, wie Zeitaufwand und möglichen Risiken mancherlei Art, einmal abgesehen - bedeutete das auch Mehraufwendungen finanzieller Art und war deshalb für so manchen unerschwinglich. So gab es von einem bestimmten Zeitpunkt an wohl den immer stärker werdenden Wunsch und schließlich das gezielte Bestreben, den Zugang zu weiterführender Schulbildung dadurch zu erleichtern, daß in Greußen selbst eine dafür geeignete Schule errichtet würde. Die sachliche Begründung für die Verwirklichung eines solchen Plans wird schon durch einen nur flüchtigen Blick auf die Landkarte erwiesen: die einzige "größere" Stadt inmitten des sog. Thüringer Beckens, nämlich Sömmerda, war zu dieser Zeit für die Aufnahme der Bildungswilligen in ihrer Umgebung noch gar nicht in der Lage, verfügte selbst für die eigenen Schüler über keine ausgebaute höhere Bildungsanstalt. Zwar gab es am Rande des Thüringer Beckens Städte mit höheren Lehranstalten, so     - von Greußen aus im Uhrzeigersinne bei Nord begonnen und die jeweilige Entfernung in Luftlinie gemessen -    Sondershausen ca. 16 km, Frankenhausen ca. 18 km, Apolda ca. 42 km, Weimar ca. 40 km, Erfurt ca. 30 km, Gotha ca. 37 km, Bad Langensalza ca. 25 km und Mühlhausen ca. 34 km. Bedenkt man, daß diese Strecken in der Praxis nicht in Luftlinie, sondern per Bahn oder, sofern noch gar keine derartige Verbindung bestand, per anderem Verkehrsmittel zurückgelegt werden mußten - und daß die Bahnstreckenführung oder der Verlauf von Straßen nicht geradlinig, sondern in durch mancherlei Notwendigkeiten bedingten Windungen erfolgten, so erhöhen sich die oben angegebenen Entfernungen z.T. beträchtlich. Es kam hinzu, daß, sofern vorhanden, nicht immer eine Bahn-Direktverbindung bestand, sondern in vielen Fällen umgestiegen werden mußte, womit nicht nur die realen Entfernungen, sondern der benötigte Zeitaufwand größer wurde. Kurzum: es bestand die unbestreitbare Situation, daß bei einem erhöhten Bildungsbedürfnis in der Bevölkerung die bestehenden Möglichkeiten inmitten des Thüringer Beckens zu dessen Befriedigung nicht ausreichten. So mag es, ohne die Einzelheiten dieser Entwicklung zu kennen und hier nennen zu müssen, dazu gekommen sein, daß die Gründung und Errichtung eines Schulstandortes in der Greußener Region nicht nur als wünschbar, sondern als geboten und notwendig erschien.

Die Verwirklichung geschah Schritt für Schritt. 1871 wurde eine Mittelschule mit zwei Klassen, nämlich Sexta und Quinta, begonnen, denen ab 1887, nun als sog. Lateinschule, zwei Klassen angegliedert wurden, so daß die weiterführende Bildung bis einschließlich Untertertia möglich wurde. Ab 1931 wurde in dem Gebäude in der Greußener Neustadt, dessen 70-jähriges Bestehen in diesem Jahre gefeiert wird, die Schule, nun als sog. Realschule, auf sechs Klassen erweitert, nämlich bis einschließlich Untersekunda. Nach dem Zweiten Weltkriege wurde daraus schließlich eine Oberschule, an der nach Klasse 12 das Abitur abgelegt werden konnte, und bald danach eine sog. Erweiterte Oberschule mit den Vorbereitungsklassen 9 und 10 und der Abiturstufe, nämlich den Klassen 11 und 12. Diese höhere Lehranstalt bestand im Gebäude in der Neustadt bis 1983. Sie wechselte danach in ein neu errichtetes Gebäude, das der heutigen Hardenberg-Schule.

Daß nach dem Zweiten Weltkriege und nach dem verbrecherischen Nazi-Regime ein politischer, insbesondere gesellschaftspolitischer Neuanfang versucht wurde, das war geschichtlich nicht nur verständlich, sondern notwendig und begrüßenswert. Daß dieser in ganz Deutschland unternommene Neubeginn innerhalb der damaligen sowjetisch besetzten Zone und danach im Gebiet der DDR kommunistisch geprägt war, das ist aus heutiger Sicht zwar immer noch bedauernswert, war aber in der damaligen Situation nicht zu verhindern. Und so ist es wohl auch zu erklären, daß man bei der Suche nach einem Namen für die Oberschule Greußens auf den programmatischen Namen desjenigen Mannes kam, dessen Wirken seit der Oktoberrevolution in Rußland für das kommunistische System Grundlage wie Verpflichtung war: Karl Marx.

Nachdem die höhere Schule aus dem Gebäude, dessen 70-jähriges Jubiläum wir nun begehen, in ein neu errichtetes umgezogen war, erhielt sie einen neuen Namen. Er war gewissermaßen "moderner" als der bisherige, auf die Geschichte der DDR zugeschnitten und deren etwas verkrampfte Versuche nach eigener Identität und Profilierung ausdrückend, nämlich "Beimler-Schule". Ein Name, der zwar zu jener Zeit    - außer in kommunistischen Kreisen -    kaum bekannt gewesen sein dürfte, dessen Träger aber in jenen Kreisen als ein Vorbild für die kommunistische Weltanschauung, ja   -   nach dessen Verständnis als Held galt. Und in der Tat gebührt ihm, Hans Beimler, diejenige Achtung, die jedem Menschen gezollt werden sollte, der für seine tiefste Überzeugung nicht nur gelebt, gearbeitet und gelitten, sondern sogar sein Leben gelassen hat. Hans Beimler, 1895 geboren, gelernter Schlosser, 1918 Mitglied des Spartakusbundes, später der KPD, wurde 1919 Mitglied der bayrischen Räteregierung, 1920 des bayrischen Landtages, 1932/33 des Reichstages. Von den Nazis inhaftiert und ins KZ Dachau verschleppt, gelang ihm die Flucht. Als Freiwilliger nahm er an der Seite des spanischen Volkes an dessen Freiheitskampf gegen die Franco-Faschisten teil, war politischer Kommissar des Thälmann-Bataillons und schließlich Divisionskommandeur. Er fiel am 1.12.1936 in Madrid und hinterließ Frau und Tochter.

Doch auch dieser Name, bei aller Achtung für seinen Träger, hatte mit der sog. Wende und dem 1990 erfolgten Anschluß der DDR an die Bundesrepublik Deutschland ausgedient. Es versteht sich, daß sowohl der für die wahre, nämlich un-ideologische Humanität und eine darin gründende Vorbildfunktion unpassende Name "Beimler" wie auch der Rückgriff auf den Namen "Marx" nach der vorangegangenen Geschichte keine Chance mehr hatten. Das Gymnasium in Greußen suchte     - insbesondere nach der Desavouierung des Marxismus durch mehr als 70 Jahre Kommunismus in Europa und in der Welt -     nach einem Namen, der einerseits von der Vergangenheit unbelastet, andererseits in der Lage war, die Offenheit der Schule für eine humane Zukunft auszudrücken. Was lag bei einer solchen Suche da näher, als auf einen Mann zurückzugreifen, der für Kenner der Geistesgeschichte zwar nicht weniger berühmt war als Marx, wenn auch nicht von vergleichbarer Breitenwirkung, dafür aber auf einen Mann, dessen Name ohne das Odium zweifelhafter politisch-geschichtlicher Qualität war, einen Mann zudem, der über mehrere Jahre     - praktisch nur einen Steinwurf weit von Greußen entfernt, nämlich in Grüningen -     häufig zu Gast gewesen war und sich schließlich mit der blutjungen Tochter des damaligen Schloßherrn in Grüningen, Sophie von Kühn, verlobte. Sie wurde im blühenden Alter von nur 15 Jahren ihm bereits 1797 durch den Tod entrissen. Dieser Schicksalsschlag traf ihn tief und wurde Anlaß für eine der berühmtesten Dichtungen deutscher Zunge: den Hymnen an die Nacht. Es war Friedrich von Hardenberg, in der deutschen Literatur und Geistesgeschichte besser bekannt unter dem Namen Novalis — einer der Begründer der deutschen Romantik.

Wer aber war Hardenberg / Novalis wirklich?

 

II.

 

Greußen - und seine höhere Lehranstalt: Die Spiegelung der deutschen politischen und Geistes-Geschichte in zwei Namen der Greußener Schule.

Wer war Friedrich von Hardenberg genannt Novalis?

Die Daten seines kurzen, kaum 29-jährigen Lebens lassen sich rasch nennen: er wurde am 2. Mai 1772, zwei Jahre nach Hegel und Hölderlin, als Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg auf dem Familiengut Wiederstädt in der Grafschaft Mansfeld (Sachsen-Anhalt) geboren. (Die Überlieferung der Vornamen Friedrichs von Hardenberg ist nicht einstimmig. In jüngerer Zeit scheinen sich     - möglicherweise auf Grund einer gesicherteren Urkundenlage -     statt der in diesem Aufsatz gewählten die Vornamen Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg durchgesetzt zu haben. Da es jedoch nicht die Aufgabe dieser Schrift ist, die Ursachen und Gründe für die widersprüchliche Überlieferung zu untersuchen und zu klären, ist für uns allein wichtig festzustellen: es handelt sich in jedem Falle um den in dieser Arbeit in Rede stehenden Friedrich von Hardenberg genannt Novalis.) Friedrich von Hardenberg besuchte seit 1789 das Gymnasium in Eisleben, studierte von 1790 bis 1791, ein Verehrer Schillers, Philosophie in Jena, danach Jura in Leipzig und Wittenberg und ging, zur juristischen Ausbildung in der Praxis, 1794 nach Bad Tennstedt in Thüringen. 1795 wurde er als "Auditor"     - ursprünglich ein beisitzender Richter, dem die Vernehmung der Prozeß-Parteien oblag -     in der Rechts- und Verwaltungsabteilung der Salinen, den Salzwerken, in Weißenfels angestellt. Um sich größere Kenntnisse im Bereich des Salzbergbaus zu erwerben, ging er von 1797-1799 an die Bergakademie zu Freiberg (Sachsen) und wurde danach Assessor, d.h. Beisitzer, des Beamtenkollegiums der Salinen in Weißenfels. Kaum zu einem Amtshauptmann, d.h. dem leitenden Verwaltungsbeamten eines Kreises, in Thüringen ernannt, starb Novalis, von zarter Natur und leicht kränkelnd, am 25. März 1801 an der Schwindsucht.

Es muß, im Vorgriff auf noch folgende Ausführungen, hervorgehoben werden, daß der sog. Romantiker Novalis leicht als der realitätsferne Träumer mißverstanden wird. Dagegen wissen wir, und das ist durch Zeitgenossen vielfach belegt, daß er nicht nur als dem Leben zugewandt, sondern auch als ein junger Mann von scharfem Verstand bekannt war und gerühmt wurde. Er war nicht nur für Kunst und Philosophie interessiert, für Herz und Gemüt und alles Schöne, sondern ebenso für die sog. "exakten" Wissenschaften, insbesondere für Mathematik, Physik und Chemie. Auch seine Wahl einer beruflichen Laufbahn, gestützt auf Rechts- und Verwaltungswissenschaften, Bergbau und Mineralogie, war durchaus keine Verlegenheitslösung. Man hat     - und das mußten sogar diejenigen anerkennen, wenn auch einige spürbar widerstrebend, die keinen Sinn für die Inhalte seiner Dichtungen und seines philosophischen Denkens hatten oder nicht haben wollten -     man hat seinen hellwachen, scharfen Verstand zu Recht gerühmt. In einer Zeit, in der sich die Wissenschaften, beginnend mit der sog. "Aufklärung", in einem unvereinbaren Widerspruch z.B. zur Religion und zu allem, was den menschlichen Verstand überstieg und mit ihm nicht zu be-greifen war, glaubten sehen und verstehen zu müssen, war es gewissermaßen vorprogrammiert, daß man eine universale Weltsicht wie die des Novalis, die Ratio und Glauben miteinander in Einklang zu bringen versuchte, mißverstehen mußte und nur falsch zu beurteilen vermochte. Doch dazu noch an anderer Stelle.

Uns interessiert vorerst zu dem von uns zu betrachtenden Thema weniger die sog. bürgerliche Karriere des Friedrich von Hardenberg als vielmehr diejenige des Dichters unter dem Namen Novalis. Wie kam es überhaupt zu diesem Namen?

Die einen führen ihn auf eine Seitenlinie der Familie des freiherrlichen Geschlechts zurück, die im 16. Jahrhundert     - andere sagen: im 13. Jahrhundert -     de Novali geheißen habe. Eine zweite Gruppe von Erklärern dagegen meint, Novalis sei eine sinngemäße Übersetzung des deutschen Namens "Harden-berg" - oder besser: Hardenberg sei die ins Deutsche übertragene Bedeutung des lateinischen Substantivs "novalis". Im Lateinischen bedeutet "novalis" einen sog. "Neubruch", d.h. ein neu unter den Pflug genommenes, umgepflügtes Waldland. Also "Hard(t)" = Wald - und "Berg" = ein Stück Land, das in sich Fruchtbarkeit "birgt".

Sicher ist die in der Familie vorkommende Namensform "Novali" nicht ohne Einfluß auf die Wahl dieses Künstlernamens gewesen, gleichwohl neige ich dazu, die zweite Deutung als entscheidend anzusehen, weil:

1. das Endungs-"s" bei der Deutung aus "Novali" keine Erklärung findet.

2. das, was Novalis wollte und erstrebte, ein Programm zu einem Neuanfang der Menschheit war, gewissermaßen zu ihrer Wesens-Verwandlung. Weshalb er, ein Dichter und Umsetzer seiner Visionen in eine Sprache der Bilder und Vergleiche, seine Tätigkeit, sein ganzes Wollen mit einem Umpflügen des menschlichen Denkens verglichen haben mochte.

Schon hier, als Verklammerung der Kapitel dieses Aufsatzes miteinander, diese Vorausdeutung: welch ein qualitativer Unterschied zur "revolutio", der gewaltsamen Umwälzung, Umstürzung des Marx! Dagegen hier: das zwar beschwerliche, geduldige, jedoch alle Gewalt vermeidende "Kultivieren" des Bodens - mit dem Ziele des evolutionären, friedlichen Hervorbringens einer unterm Segen des Himmels gedeihenden Ernte.

Was wollte nun Novalis in seinen Werken?

Novalis in seinen Werken: Der "Heinrich von Ofterdingen" - und die "Poetisierung der Welt".

Obwohl die "Hymnen an die Nacht", 1797 nach dem Tode Sophies von Kühn geschrieben, von ihm selbst am höchsten bewertet und über seine anderen Schriften gestellt wurden, wollen wir insbesondere zwei seiner Werke, die man als "programmatisch" ansehen darf, unseren weiteren Betrachtungen zugrunde legen: den unvollendeten Roman "Heinrich von Ofterdingen" und den Aufsatz "Die Christenheit oder Europa", beide im Jahre 1799 geschrieben.

Da es aus räumlichen Gründen und aus Gründen der Konzentration aufs Thema unmöglich ist, die Inhalte ausführlich darzustellen, und auch der Leser nicht über Gebühr beansprucht werden soll, beschränken wir uns darauf, erstens den Inhalt beider Schriften nur stichwortartig zu umreißen - und zweitens sie anrißhaft zu deuten bzw. ihren Sinngehalt in Erscheinung treten zu lassen, im übrigen aber jeden intensiver Interessierten dazu aufzufordern, das hier im weiteren Verlauf Ausgeführte bei der Lektüre der originalen Texte auf seine Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen.

Nun aber zu: "Heinrich von Ofterdingen" - und die Poetisierung der Welt.

Der von Novalis 1799 niedergeschriebene Text, nämlich als erster Teil unter dem Titel "Die Erwartung" des projektierten Romans mit dem Titel "Heinrich von Ofterdingen", wurde 1802, ein Jahr nach Novalis‘ Tode, von seinem Freunde Ludwig Tieck als Fragment herausgegeben und ist im selben Jahre noch im Druck erschienen.

Tieck war von dem Fragment tief angerührt und betroffen. Das beweist eine seiner Äußerungen wie diese: "Vielleicht rührt manchen Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie mich, der nicht mit einer andächtigeren Wehmut ein Stückchen von einem zertrümmerten Bilde des Raffael oder Corregio betrachten würde."

Diese tiefreichende Überzeugung Tiecks von dem geistigen wie poetischen Werte des Roman-Fragments hat ihn nicht nur dazu veranlaßt, diesen für den Druck herauszugeben, sondern sich auch einer wesentlich mühevolleren Aufgabe zu unterziehen. Aus flüchtigen Notizen, Andeutungen und aus Gesprächen mit dem Freunde vor dessen Tod hat er nämlich     - wenn auch nur umrißhaft, um nicht das original Eigene des Novalis zu überfremden -     den zweiten Teil des Romans zusammengestellt, der nach Novalis‘ Vorstellungen und Absicht mit "Die Erfüllung" überschrieben sein sollte. Tieck hat sich nicht nur mit tiefem Verständnis für seinen Freund und mit einem von uns Späteren nicht hoch genug zu würdigendem Eifer dieser Aufgabe unterzogen, sondern auch mit der zarten Einfühlsamkeit und Zurückhaltung dessen, der das originale Konzept eines Anderen nicht durch die ihm selbst eigene künstlerische Vision unkenntlich machen wollte.

Worum geht es?

Der Roman läßt Heinrich, die Titelfigur, Sohn eines in Eisenach lebenden und schaffenden Handwerksmeisters, in Form eines sog. Entwicklungs- bzw. Bildungsromans zum Dichter werden. Heinrich, mit einem tiefen Gefühl für alles Lebendige begabt und für alles Schöne aufgeschlossen     - wobei unter Schönem nicht nur Schönheiten der Natur oder schöpferischer Werke des Menschen zu verstehen sind, sondern ebenso menschliche Taten zur Beförderung menschlicher Geschichte, menschliches Verhalten vorbildlicher Art u.a.m. -     Heinrich wird in seinen Vorlieben und Begabungen von seinen verständnisvollen Eltern gefördert. Er erfährt auf einer Reise, die er größtenteils zu Fuß zurücklegt, von Eisenach nach Augsburg, dem Herkunftsort seiner Mutter, in abenteuerlichen, zum Teil ans Märchenhafte grenzenden Begegnungen und Erlebnissen das menschliche Leben in seinen fundamentalen Möglichkeiten und Gestalten. Das alles verdichtet sich in seiner empfindsamen Seele und sucht nach einem Ausdruck im Gedicht und im poetischen Lied. "Heinrich war von Natur zum Dichter geboren", heißt es im 6. Kapitel. "Mannigfaltige Zufälle schienen sich zu seiner Bildung zu vereinigen... Alles, was er sah und hörte, schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben und neue Fenster ihm zu öffnen. Er sah die Weite der Welt in ihren großen und abwechselnden Verhältnissen vor sich liegen."

Heinrich ist am Ende des ersten Teils des Romans zum Dichter geworden. Der zweite Teil, das lassen die Bruchstücke erkennen, sollte das Wirken des Dichters in der Welt zeigen und, schließlich, die Erlösung der in Haß und Hader zerstückten Welt und aller sich fremd gewordenen Kräfte - durch die Kraft und die Macht der alle Gegensätze aufhebenden Poesie darstellen.

Beschäftigen wir uns sogleich mit der kardinalen Botschaft, die der Roman-Text erkennen läßt. Zugegeben: wie schon Zeitgenossen, noch stärker spätere Kritiker fanden: der Text ist in vielen seiner Partien "dunkel" und schwer bis kaum verständlich, ins Märchenhafte, gar Mystische übergehend - und eigentlich mehr ein Sprechen in Bildern und Symbolen, als der alltäglich gewohnten Sprache angenähert, und doch von einer merkwürdigen Anziehungskraft, die eigentlich nur Anderes enthalten kann - als Un-sinn.

Beschäftigen wir uns also mit der durchaus erkennbaren Botschaft dieses Romans. Sie lautet: die Poesie ist nicht nur bedeutend, sie ist vielmehr lebenswichtig für die Welt - weshalb es das Ziel sein muß, die Welt ganz und gar und durch und durch zu – "poetisieren".

Damit ist nicht nur die tiefere Absicht des Novalis‘schen Roman-Fragments, sondern im Grunde das vollständige Programm der sog. romantischen Schule entdeckt.

Was aber heißt, was bedeutet das: poetisieren? Und was bedeutet die im Roman an entscheidenden Stellen immer wieder erscheinende "blaue Blume", nach der Heinrich eine nie mehr erkaltende Sehnsucht erfaßt hat, so daß er sich in einer ständigen Suche nach ihr befindet?

Diese späterhin geradezu mystifizierte "blaue Blume", in ganz dem Treiben der materiell gesinnten Welt hingegebenen Zeiten geradezu zum Negativ-Symbol für alles belächelte Romantische geworden und mit vernichtendem Mitleid und beißendem Spott bedacht - diese blaue Blume bedeutet nichts anderes als die Novalis‘sche Poesie.

Die "blaue Blume", so steht es in einschlägigen literarwissenschaftlichen Büchern, wurde der deutschen Sage entnommen und - wurde schließlich zum Losungswort für die deutsche Romantik. Nach Jacob Grimm, dem neben seinem Bruder einzigartigen deutschen Sprachforscher, der selber in die große Bewegung der Romantik gehört, nach ihm ist sie eine Wunderblume, die dem, der sie findet, plötzlich "die Augen öffnet", so daß er den ihm bis dahin verborgenen Eingang zum Schatz entdeckt.

Aber was ist das, wofür diese blaue Blume steht? Was bedeutet, was ist - Poesie? Selbstverständlich nicht das     - aber das wird man im vorliegenden Zusammenhang wohl auch kaum annehmen -     was das ansonsten aller Ehren werte kleine Lieschen Müller darunter versteht, wenn sie ihre Glück- und Segenswünsche für die 70 Jahre alt gewordene Oma statt in alltäglicher Umgangssprache so vorträgt, daß sich die Sätze am Ende, wenn vielleicht auch mühsam, immer reimen, was von der anwesenden Familie als bewundernswerte "dichterische" Leistung beklatscht und gerühmt wird. Warum auch nicht, schließlich hat sich jemand eine in dieser Art seltene Mühe gemacht - und damit ein Zeugnis für die Liebe zur verdienten Jubilarin abgelegt. Aber Poesie? Nein - Poesie ist das nicht. Und man tut, wenn man ihre Bemühungen nur angemessen würdigt und lobt, dem liebenswerten Lieschen Müller mit dieser Feststellung durchaus keinen Tort an.

Was - ist also Poesie?

Hören wir Novalis selber, im O-Ton gewissermaßen, um es zeitgemäß zu sagen, entnommen dem Buch "Novalis", ausgewählt und eingeleitet von Walther Rehm. Dort heißt es unter "Dichterwelt und Dichter" in dem Kapitel "Fragmente" u.a.: "Das Genie überhaupt ist poetisch. Wo das Genie gewirkt hat - hat es poetisch gewirkt. Der echt moralische Mensch ist Dichter…Poesie ist die große Konstruktion der transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt. Die Poesie schaltet und waltet…zu ihrem großen Zweck der Zwecke - der Erhebung des Menschen über sich selbst…. Der Poet versteht die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf… dahingegen sie (die Ideen) beim Nichtkünstler nur durch Hinzutritt einer äußren Sollizitation ( = Bitte, Gesuch, Beunruhigung, Aufwiegelung, Anstachelung, also durch von außen kommenden Reiz) ansprechen und der Geist, wie die träge Materie, unter den Grundgesetzen der Mechanik, daß alle Veränderungen eine äußere Ursache voraussetzen und Wirkung und Gegenwirkung einander jederzeit gleich sein müssen, zu stehn oder sich zu unterwerfen scheint. Tröstlich ist es wenigstens zu wissen, daß dieses mechanische Verhalten dem Geiste unnatürlich und, wie alle geistige Unnatur, zeitlich sei.

Gänzlich richtet sich indes auch bei dem gemeinsten Menschen der Geist nach den Gesetzen der Mechanik nicht - und es wäre daher auch bei jedem möglich, diese höhere Anlage und Fähigkeit des Organs auszubilden…".

Und weiter: "Die Poesie ist für den Menschen, was der Chor dem griechischen Schauspieler ist - Handlungsweise der schönen rhythmischen Seele - begleitende Stimme unsers bildenden Selbst - Gang im Lande der Schönheit - überall leise Spur des Fingers der Humanität - freie Regel - Sieg über die rohe Natur in jedem Worte - ihr Witz ist Ausdruck freier, selbständiger Tätigkeit - Flug - Humanisierung - Aufklärung - Rhythmus - Kunst…

Wer das Leben anders als eine sich selbst vernichtende Illusion ansieht, ist noch selbst im Leben befangen.

Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein…

Die Welt muß romantisiert werden. (Anmerkung: was nach Novalis’ Überzeugung nur die Poesie leisten kann.) So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts anderes als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert…

Die Poesie ist nämlich … eine harmonische Stimmung unseres Gemüts, wo sich alles verschönert, wo jedes Ding seine gehörige Ansicht … findet…

Man glaubt, es könne nicht anders sein und als habe man nur bisher in der Welt geschlummert - und gehe einem nun erst der rechte Sinn für die Welt auf....".

Und schließlich: "Das Märchen ist gleichsam der Kanon (= Regel, Richtschnur) der Poesie - alles Poetische muß märchenhaft sein…

Das echte Märchen muß zugleich prophetische Darstellung - idealische Darstellung...sein. Der echte Märchendichter ist ein Seher der Zukunft… Es ist die Trägheit, was uns an peinliche Zustände kettet…".

So weit einige Äußerungen des Novalis zu Wesen, Bedeutung und Aufgabe der Poesie. Klingen sie nicht wie die Äußerungen eines zwar ehrenwerten, aber doch völlig realitätsfernen, konfusen "Spinners", eben eines "Romantikers", wie man sich eben, distanziert und überlegen zugleich, einen solchen vorstellt?

Als Antwort darauf zuerst eine Definition von "Poesie" aus einem der Romantisiererei unverdächtigen modernen Lehrbuch, der 1969 im Hirt-Verlag herausgegebenen "Poetik in Stichworten". Danach ist Poesie eine ästhetische Form der Welterfassung. "Ästhetisch" (aus dem griechischen Verb aisthanomai = empfinden, sinnlich wahrnehmen - aber auch: bemerken, erfahren, verstehen, einsehen) - "ästhetisch" bedeutet also: wahrnehmen mit der Ganzheit menschlichen Wahrnehmungsvermögens, also sowohl rational wie auch mit dem Gefühl.

Zu dieser Art einer ganzheitlichen Wahrnehmung der Welt gehört, daß das Wahrgenommene unmittelbar ge- oder mißfällt, wobei die ästhetische Wahrnehmung alles Mißfallende meidet, was nichts anderes heißt, als das alles, was als ästhetisch empfunden wird, "schön" ist.

Aber diese reine Begriffserläuterung dessen, was man unter Poesie versteht, ist doch sehr formal, deckt sich zu wenig mit dem Anspruch, den Novalis für die herausragende Bedeutung der Poesie in der menschlichen Welt erhebt. Immer noch könnte man ihn zu einem geschichtlichen Einzelfall erklären, in der Vergangenheit versunken und von keinerlei Relevanz für uns Heutige, gar für die Zukunft. Gäbe es da nicht Stimmen sowohl aus der Zeit vor wie auch nach dem kurzen Leben des Novalis bzw. Friedrichs von Hardenberg, welche die Annahme, ja den Verdacht nahelegen, daß an dem, was ein jugendlicher romantischer Träumer in Stunden überhitzter, ekstatischer Begeisterung zu Papier gebracht haben mag, mehr sein könnte, als daß man darüber so einfach zur Tagesordnung des gewohnten Trotts übergehen dürfte.

Im Jahre 1931, kurz vor Beginn des Nazi-Regimes in Deutschland, schrieb Karl Jaspers, einer der bedeutendsten Philosophen deutscher Zunge, in seinem berühmten Büchlein "Die geistige Situation der Zeit", und zwar im III. Teil, "Verfall und Möglichkeit des Geistes", ich zitiere sinngemäß: Kunst sollte nicht Spiel und Vergnügen, sondern Chiffre der Transzendenz sein. Kunst sollte den Menschen in seiner Totalität ergreifen, damit er durch sie sich selber in seiner transzendenten Bezogenheit gegenwärtig wird. Das eigentliche Sein werde durch die Kunst ent-deckt. Es schlummert im Menschen, kommt durch den Künstler zum Bewußtsein und zur Entfaltung. Die Kunst müsse die Sehnsucht vermitteln, die Lust an vergangener Größe, den Anspruch einer Transzendenz. Sie müsse die fraglose sittliche Substanz erscheinen lassen, sie müsse an eine sittliche Substanz, an einen fraglosen Gehalt gebunden sein. Der Adel des Menschen sollte durch sie sichtbar werden, das Sein durch sie zum Sprechen gebracht werden.

Ohne an dieser Stelle auf die Interpretation einiger der von Jaspers verwendeten Begriffe eingehen zu können     - so könnte z.B. der Begriff "Adel" das Mißverständnis von Jaspers als jemand provozieren, der die Restauration des historischen gesellschaftlichen Adels propagiere; was, lapidar gesagt, eine unsinnige Unterstellung wäre -     so dürfte doch jedem sorgfältig denkenden Leser unmittelbar und fast mühelos die erstaunliche Kongruenz der Äußerungen des Novalis zur Poesie und denen Jaspers‘ zur Kunst aufgefallen sein.

"Die Christenheit oder Europa" - oder die Unerläßlichkeit der Religion für die Rettung der Menschheit.

Die zweite Schrift des Novalis, die wir im Zusammenhang mit der gewählten Thematik erwähnen wollen, ist der 1799 für die Zeitschrift "Athenäum" geschriebene Aufsatz "Die Christenheit oder Europa". Er ist eine Betrachtung der europäischen Geschichte, insbesondere der Geistesgeschichte, seit dem Mittelalter bis auf die Gegenwart des Autors. Ausgangspunkt ist seine Vorstellung von der Einheit Europas unter der Macht des alle Kräfte durchwirkenden Christentums. " Ein großes gemeinschaftliches Interesse", so heißt es, "verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reiches, ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen Kräfte." Jedoch, so heißt es weiter: "Noch war die Menschheit für dieses herrliche Reich nicht reif, nicht gebildet genug."

Novalis nennt dann diejenigen geschichtlichen Ereignisse, die nach seiner Ansicht diese glückliche Frühzeit des christlichen Abendlandes beendeten: die Verkommenheit der geistig-geistlichen Führer-Macht, der damit heraufbeschworene, unabwendbar notwendige und doch frevelhafte Protestantismus sowie die Loslösung der Wissenschaft vom Glauben ( Novalis: "Aus Instinkt ist der Gelehrte Feind der Geistlichkeit nach alter Verfassung; der gelehrte und der geistliche Stand müssen Vertilgungskriege führen, wenn sie getrennt sind; denn sie streiten um Eine Stelle…"). Als weiteren Grund für das Ende des christlichen Abendlandes nennt Novalis das Überhandnehmen des aufs Weltliche gerichteten Sinns der Menschheit (Novalis: "Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählich in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr - der Religions-Haß dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Not obenan, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei."). Und schließlich nennt er noch: die Entwicklung der Staatsmächte zu weltlichen Sinngebern für die Menschheit und - das Ereignis der Französischen Revolution - als ein "weltlicher Protestantismus" Frankreichs.

Aber - aus diesen fürchterlichen Kollabierungen der menschlichen Geschichte geht auch die Hoffnung auf ein neues Menschheitszeitalter hervor. Es gibt einen "Wechsel entgegengesetzter Bewegungen", ihnen scheint eine "beschränkte Dauer" wesentlich, "ein Wachstum und ein Abnehmen" natürlich und "eine Auferstehung, eine Verjüngung, in neuer, tüchtiger Gestalt", "fortschreitende, immer mehr sich vergrößernde Evolutionen" eigentümlich zu sein. Sie "sind der Stoff der Geschichte". Und – "was jetzt nicht die Vollendung erreicht, wird sie bei einem künftigen Versuch oder bei einem abermaligen erreichen; vergänglich ist nichts was die Geschichte ergriff, aus unzähligen Verwandlungen geht es in immer reicheren Gestalten erneuet wieder hervor…"

So könne man "in Deutschland… schon mit voller Gewißheit die Spuren einer neuen Welt aufzeigen… In Wissenschaften und Künsten wird man eine gewaltige Gärung gewahr. Unendlich viel Geist wird entwickelt." "Reizender und farbiger steht die Poesie...dem kalten, toten Spitzbergen jenes Stubenverstandes gegenüber." Und - die Religion wird wieder entdeckt! Denn: "Erst durch genauere Kenntnis der Religion wird man jene fürchterlichen Erzeugnisse eines Religionsschlafs ... besser beurteilen und dann erst die Wichtigkeit jenes Geschenks recht einsehn lernen." Denn: "Wo keine Götter sind, walten Gespenster." Und Novalis folgert weiter und stellt fest: "Es ist unmöglich daß weltliche Kräfte sich selbst ins Gleichgewicht setzen, ein drittes Element, das weltlich und überirdisch zugleich ist, kann allein diese Aufgabe lösen." "Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern...". Noch einmal holt ihn, den Seher, die Wirklichkeit seiner Zeit zurück, und er fragt, mit deutlich erkennbarer Trauer: "Wo ist jener alte, liebe, alleinseligmachende Glaube an die Regierung Gottes auf Erden, wo jenes himmlische Zutrauen der Menschen zu einander, jene süße Andacht bei den Ergießungen eines gottbegeisterten Gemüts, jener allesumarmende Geist der Christenheit?" - um dann aber, zwar immer noch in die Form einer Frage gekleidet, aber doch in die Zukunft blickend, festzustellen: "…das alte Papsttum liegt im Grabe" (Novalis spielt damit auf die 1798 erfolgte Umwandlung des Kirchenstaates in eine Republik an), "und Rom ist zum zweitenmal eine Ruine geworden. Soll der Protestantismus nicht endlich aufhören und einer neuen dauerhafteren Kirche Platz machen? Die andern Weltreiche warten auf Europas Versöhnung und Auferstehung, um sich anzuschließen…"

Und er schließt seinen Aufsatz mit dem Aufruf zur Geduld und in der hoffnungsvollen Gewißheit: "Wann und wann eher? darnach ist nicht zu fragen. Nur Geduld, sie wird, sie muß kommen die heilige Zeit des ewigen Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt sein wird; und bis dahin seid heiter und mutig in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens, verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium, und bleibt dem wahrhaften, unendlichen Glauben treu bis in den Tod."

Dieser Aufsatz, in welchem einen ins Mittelalter gewandten Traum zu sehen nur eine Phantasie bedeuten kann, die sich ihrerseits über Gegebenheiten, hier nämlich über die Wirklichkeit dieses vorliegenden Textes, hinwegsetzt - dieser Aufsatz löste im sog. Jenaer Kreis heftige Diskussionen aus. Laut einer Mitteilung Ludwig Tiecks hätten dessen Gegner die in dem Aufsatz zutage tretende "historische Ansicht" angeblich zu schwach und nicht genügend fundiert gefunden - was zweifellos zutrifft, wenn man die Absicht des Autors dahingehend mißversteht, eine Untersuchung oder gar eine alle Fakten berücksichtigende Darstellung zu verfassen, die den Maßstäben der historischen Wissenschaft entspricht. Das aber hat keineswegs in der Absicht des Novalis gelegen, die eher philosophischer Art war. Allein der relativ geringe Umfang von ca. 20 Druckseiten für einen behandelten Zeitraum von ca. 1000 Jahren hätte besonneneren Kritikern ein derartiges Argument gegen diesen Aufsatz als unangemessen erscheinen lassen müssen. Nein, in Wahrheit ging es um etwas ganz anderes, nämlich um die für die damaligen Zustände und Verhältnisse durchaus revolutionäre Sprengkraft dieser Zukunfts-Vision. Man stelle sich z.B. einmal vor, welches Aufsehen dieser Aufsatz erregt hätte, wäre er, gedruckt, der Öffentlichkeit zugänglich geworden. Und das in einem Lande wie Sachsen-Weimar, demjenigen urprotestantischen Herzogtum, das einst Luther vor den kaiserlichen Nachstellungen verborgen hatte! Zu lesen, daß der Protestantismus zwar geschichtlich unvermeidbar und notwendig gewesen sei, daß aber seine Führer "Insurgenten" genannt wurden, die das "notwendige Resultat ihres Prozesses" vergessen hätten, die "das Untrennbare.... die unteilbare Kirche" getrennt und sich selber "frevelnd aus dem allgemeinen christlichen Verein" gerissen hätten. Oder: daß sich "unglücklicherweise…die Fürsten in diese Spaltung gemischt" und viele diese "Streitigkeiten zur Befestigung und Erweiterung ihrer landesherrlichen Gewalt und Einkünfte" benutzt hätten und froh gewesen seien, "jenes hohen Einflusses überhoben zu sein" - dégoutant! - ja, viel schlimmer noch als das.

Und so war es denn kein Wunder, daß die kulturell höchste Autorität in diesem Lande, der "Dichterfürst", bis 1786 der mächtigste Staatsminister dieses Landes und persönliche Freund des regierenden Herzogs Carl August, daß nämlich Goethe, zum Schiedsrichter angerufen, schließlich die Publikation verhinderte. Er, der zwar nachweislich immer ein Freund und Fürsprech der Armen und ein Gegner absolutistischer Willkürherrschaft gewesen ist, war andererseits ein entschiedener Gegner von allem, was das Bestehende anders als durch ständig geduldiges Verbessern zu ändern versuchte - und demzufolge auch gegen jeden Ton, welcher Revolutionäres hätte provozieren können.

Und so wäre es letztendlich vielleicht ganz im Sinne des immer zur Geduld mahnenden Novalis selbst gewesen, daß sein Aufsatz zuerst einmal ungedruckt blieb.

So weit zu Novalis bzw. Friedrich von Hardenberg und zu zwei seiner Texte.

Wenden wir uns nun Karl Marx zu.

Wer war Karl Marx?

Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier, also 17 Jahre nach dem Tode Hardenbergs, in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Infolgedessen nahm er, ohne Schwierigkeiten und Brüche in seinem Bildungswege, bereits 1835 ein Studium der Rechtswissenschaften, der Philosophie und der Geschichte an der Universität in Bonn auf, wechselte schließlich an die Universität in Berlin, wo er sich den revolutionären Interpreten der Philosophie Hegels, den sog. "Linkshegelianern", anschloß und wo er bis 1841 verblieb und bis dahin auch in Philosophie promovierte. Bereits im selben Jahre noch trat er in die Redaktion der liberalen "Rheinischen Zeitung" in Köln ein und übernahm schon nach einem Jahre deren Leitung. Wegen seiner revolutionären gesellschaftspolitischen Überzeugungen, die sich schließlich immer mehr zur Ideologie des Kommunismus verdichteten und seine Zeitung bei den herrschenden Kreisen in Verruf brachten, wurde diese 1843 verboten. Im selben Jahre heiratete er Jenny von Westphalen und emigrierte nach Paris. Dort widmete er sich nicht nur dem Studium wirtschaftlicher und sozialer Fragen, was zu seiner endgültigen Abwendung von der deutschen idealistischen Philosophie führte und sich in mehreren Veröffentlichungen niederschlug (z.B. der "Einleitung zur Kritik der Hegel‘schen Rechtsphilosophie", 1844), sondern er nahm auch Kontakt zu anderen kritischen Geistern, so zu Heinrich Heine und zu französischen Sozialisten auf, insbesondere zu Pierre Joseph Proudhon. Er lernte Friedrich Engels kennen, mit dem zusammen er 1845 die Schrift "Die heilige Familie" veröffentlichte. Karl Marx wurde inzwischen wegen seines auch aus dem Ausland ungebrochen wirkenden Einflusses von der preußischen Regierung für einen Staatsfeind gehalten und auf ihre Intervention hin aus Paris ausgewiesen.

Er ging von 1845 - 1848 nach Brüssel, wo er sich anschickte, seine Theorien in die Vorbereitung einer revolutionären Praxis umzusetzen, indem er sozialistische Arbeitervereinigungen gründete. In diesem Zusammenhange begann er sich mit politischen Gruppierungen auseinanderzusetzen, die nach seiner Ansicht selber zu keinen praktischen Erfolgen zu führen vermochten und außerdem die gesammelte Kraft der Arbeiterbewegung zersplitterten. So veröffentlichte er 1848 in französischer Sprache als Abrechnung mit dem sog. utopischen Sozialismus "La misère de la philosophie" (deutsch "Das Elend der Philosophie", 1885). Außerdem begann er die programmatische Grundlegung seiner Theorien für den politischen Kampf, indem er soziologisch-wirtschaftliche Theorien erarbeitete, so eine Arbeits- und Mehrwertlehre. Im Zusammenhange mit einem internationalen Kongreß der Arbeiterbewegungen 1847 in London arbeitete Marx, unter Mithilfe von Engels, das "Manifest der kommunistischen Partei" aus, das 1848 in London im Druck erschien. Es war die erste umfassende radikale Kritik an der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und zugleich der Aufruf an das Proletariat zum politischen Kampf.

Diese Schrift sollte grundlegend für die gesamte revolutionäre Arbeit des Marxismus werden.

Inzwischen längst staatsübergreifend als gefährlich eingestuft, wurde Karl Marx noch 1848 auch aus Belgien ausgewiesen.

In Paris kam es im Februar zur Revolution - und Marx eilte dorthin. Unzufriedene Studenten und Arbeiter stürmten das Palais Royal und erzwangen:

  • Abdankung des Königs Louis Philippe

  • Ausrufung der Republik

  • Gesetz zum Recht auf Arbeit

  • das allgemeine und gleiche Wahlrecht.

Aber bereits im Juni wurden die aufständischen Arbeitermassen in mehrtägigem, blutigem Straßenkampf niedergeworfen. Es gab 10.000 Tote.

Karl Marx war, sobald auch in Deutschland der revolutionäre Funke gezündet hatte, nach Köln zurückgeeilt, wo er     - praktisch als Agitations- und Kampforgan -     die "Neue Rheinische Zeitung" gründete. In ihr erließ er einen Aufruf, mit dem er das Volk zur organisierten Steuerverweigerung aufforderte. Die für Köln zuständige preußische Regierung verbot und unterdrückte das Blatt und wies Marx 1849 aus ganz Preußen aus.

Er ging zuerst nach Paris und, als er dort auch nicht geduldet wurde, schließlich nach London. In dem dort bestehenden "Kommunistenbund" spielte er eine führende Rolle. Unter schwierigen, zeitweise elenden wirtschaftlichen und persönlichen Bedingungen lebend (mehrere seiner Kinder starben, von den drei Töchtern, die ein erwachsenes Alter erreichten, starb eine noch vor ihm, zwei begingen später Selbstmord) und auf finanzielle Hilfe seines Freundes Friedrich Engels angewiesen, die meiste Zeit in der Bibliothek des British Museum mit umfassenden Studien verbringend, galt seine Arbeitskraft der theoretischen Unterstützung und praktischen Vorbereitung der proletarischen revolutionären Bewegung in Europa.

So vertrat er in seiner 1848 entwickelten Gesellschaftstheorie die Notwendigkeit der proletarischen Revolution zur Verwirklichung einer menschlichen Gesellschaft - und widmete sich nach 1848 hauptsächlich der soziologischen Interpretation der Geschichte und untersuchte die ökonomischen Gesetze, nach denen     - seiner Überzeugung nach -     alle Geschichte sich unabänderlich entwickelt und verläuft. Daneben entfaltete er eine rege schriftstellerische Tätigkeit, mit der er historische Hintergründe und Machenschaften seiner politischen Gegner aufdeckte.

Von 1852 an war Marx Korrespondent der amerikanischen "New York Tribune", in der er nicht nur die gewöhnliche Tageskorrespondenz schrieb, sondern in Form von Artikelreihen     - jeweils auf gründliche Studien gestützt -     die politische und ökonomische Lage der einzelnen europäischen Länder umfassend darlegte.

1859 erschien seine Schrift "Zur Kritik der politischen Ökonomie", ein Vorläufer seines Hauptwerkes "Das Kapital", dessen 1. Band 1867 in Hamburg erschien. (Der 2. und 3. Band des "Kapital" wurden erst posthum und unvollendet 1885 und 1894 von Engels herausgegeben.)

1864 beteiligte sich Karl Marx an der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation     - später bekannt als "I. Internationale" -     setzte die Wahl von Friedrich Engels zum Generalsekretär durch sowie die Anerkennung seiner, der marxistischen Prinzipien zur programmatischen Grundlage. Schon 1872 werden auf dem Haager Kongreß von den Anhängern Marx‘ der Russe Bakunin sowie alle Anarchisten aus der IAA ausgeschlossen, was deren Spaltung und ihren Zusammenbruch zur Folge hat. Das Hauptbüro des Restverbandes wird nach New York verlegt, wo es selbst und mit ihm die IAA abstirbt.

Marx hielt sich nach 1872 von organisatorischen Aufgaben fern. 1875 veröffentlichte er noch seine Schrift "Kritik des Gothaer Programms", des Programms der deutschen Sozialdemokratie auf ihrem Vereinigungsparteitag, die seit 1917 zum Hauptdokument im theoretischen Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde.

1881 stirbt seine Ehefrau Jenny. Er selbst stirbt, noch nicht 65 Jahre alt, am 14. März zu London an einem Lungenabszeß.

So weit der Lebensabriß des Karl Marx. Welch ein eklatanter Unterschied zu demjenigen des Novalis. Während ersterer bei seinem Tode immerhin im 7. Lebensjahrzehnt steht, vollendet dieser nicht einmal das dritte. Und welches im wahrsten Sinne des Wortes "bewegte" Leben Marxens im Vergleich zu demjenigen des Novalis: zwischen europäischen Hauptstädten pendelnd, halb freiwillig, halb gezwungen, den Sinn auf Internationalität gerichtet - so ist es bei Marx. Während sich dagegen in einem relativ geringen Aktionsradius zwischen sachsen-anhaltinischen und thüringischen, beinahe benachbarten Orten das kurze Leben des Novalis abspielt - räumlich gesehen eher provinziell.

So gesehen scheint ein Vergleich zwischen diesen beiden Männern von Anfang an im Ungleichgewicht und von vornherein als unpassend. Ob diese Ungleichheit im Scheine der Wirklichkeit hingegen auch in Wahrheit eine solche ist, das zu entscheiden wird dem Versuch einer vertieften und abschließenden Überlegung und Würdigung vorbehalten bleiben.

Bevor wir aber das versuchen wollen, sollen die leitenden Gedanken des programmatischen Hauptwerks von Karl Marx (nicht dem Umfange und Gewicht, sondern der geschichtlichen Wirkung nach) vorgestellt werden, nämlich die des "Manifests", d.i. der an die Öffentlichkeit gebrachten Grundzüge des Kommunismus, so wie er, Karl Marx, ihn auf Grund langer Studien und langer soziologischen, philosophischen und ökonomischen Überlegungen für geschichtlich notwendig hielt.

Das "Manifest der kommunistischen Partei" - oder der Posaunenstoß der Verkündung des unabänderlichen Gesetzes menschlicher Geschichte: der Klassenkampf!

Diese Programm- und Kampfschrift, die anläßlich eines Kongresses der internationalen Arbeiterbewegung 1847 in London geschrieben worden war     - und zur Grundlage für die gesamte revolutionäre Arbeit des Marxismus überhaupt werden sollte -     diese Schrift beginnt mit einem einleitenden Satz, der wohl die längst unter der Oberfläche in den europäischen Staaten schwelende und bekannte, wenn auch aus vielerlei Gründen unterdrückte oder verdrängte Wirklichkeit wiedergab - und der doch, oder gerade deswegen, in seiner sloganartigen Verkürzung und rücksichtslosen Nacktheit schockierte – wie der eine Idylle zerreißende Donnerschlag: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus."

Es sei hohe Zeit, sagt Marx, daß die Kommunisten der Öffentlichkeit sagten, was sie dächten und was sie und warum sie es wollten.

Und er beginnt das erste der insgesamt etwa 30-seitigen und in vier Kapitel eingeteilten Schrift mit einem ähnlichen Paukenschlag wie die Einleitung, indem er schockierend lapidar feststellt: "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."

Diese Behauptung, die übrigens unausgesprochen die Aussage enthält, daß eine zukünftige Geschichte anders als die bisherige sein könnte, wird nun in diesem mit fast der Hälfte der Gesamtschrift längsten Kapitel erläutert. Immer, so weit uns Geschichte überliefert sei, habe es Unterdrückte und Unterdrücker gegeben. Ob in der Gesellschaft des alten Rom, in der die vielfältig abgestuften Unterdrückten bis zu der noch nicht einmal als Menschen anerkannten Klasse der Sklaven reichten, ob im feudalen Mittelalter, in dem die in Stände differenzierten Unterdrückten bis hinab zu den Leibeigenen reichten - immer haben wenige über diejenigen Macht- und Einflußmittel verfügt, die es ihnen ermöglichten, sich auf Kosten der Rechte, der Arbeitsprodukte und des Lebens der unterdrückten Vielen zu bereichern.

An dieser grundsätzlichen gesellschaftlichen Situation hat sich bis auf die Gegenwart, d.h. bis auf seine, Marx‘ Zeit, nichts geändert – bis auf einen, allerdings wesentlichen Unterschied: "Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat."

Unter "Bourgeoisie" wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden, welche die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind (wozu nicht nur das Kapital im Sinne von Geld-Kapital zählt, sondern Fabrik- und Werksanlagen, Maschinen u.a.m.) und welche die Lohnarbeit der von ihnen Abhängigen ausnutzen.

Unter "Proletariat" ist zu verstehen die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, um leben zu können, ihre Arbeits-kraft verkaufen müssen, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen.

So die Erklärung der beiden wichtigsten Klassen-Begriffe bei Marx durch Friedrich Engels in einer 1888 hinzugefügten Anmerkung zur englischen Ausgabe des Manifests.

Dieser zugespitzte Klassengegensatz hat sich ergeben durch die weltweite Ausdehnung der Märkte seit dem Zeitalter der Entdeckungen und Kolonisierungen, dem damit steigenden Bedarf und dem sprunghaften Anstieg der Gewinn-Chancen. "An die Stelle der Manufaktur (der vorindustriellen Zeit) trat die moderne Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois."

Zwar hat die Bourgeoisie das Verdienst, während ihrer geschichtlichen Entwicklung eine revolutionäre Rolle gespielt zu haben, indem sie in einem langen hartnäckigen Kampf die vielen versteckten, ständisch gegliederten Abhängigkeiten der Menschen auch als solche entlarvte und beseitigte. Früher konnte sich die Herrschaft der wahren, der obersten Herrschaftsschicht dem Blick der Menschen, gewissermaßen maskiert, entziehen; es gab immer jemanden in nächster Nähe, von dem man direkt und erkennbar abhängig war. Wollte man ihn zur Verantwortung ziehen, so entzog er sich dieser, indem er auf seine eigene Abhängigkeit von einem anderen, noch Mächtigeren verweisen konnte. Und so immer weiter, bis sich der allerletzte Grund für alle Abhängigkeiten bis ins unerreichbar Nebulose verlor. "Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt."

Die bisherige Leistung der Bourgeoisie besteht also insbesondere im Zerreißen des Nebelschleiers und im Zutagebringen des Gesetzes aller bisherigen Geschichte: des Bestehens von Unterdrückten und Unterdrückern. "Alles Ständische und Stehende verdampft, …und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre gegenseitigem Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen."

Die kapitalistische Bourgeoisie muß ihrem Gesetz wie mechanisch folgen, sie darf an keinen Landesgrenzen haltmachen, sondern muß den Weltmarkt erobern. Nationale Industrien werden vernichtet, Rohstoffe aus aller Welt werden verarbeitet, die so entstandenen Fabrikate in aller Welt angeboten, bislang unbekannte Bedürfnisse geweckt, Fabrikate auf der ganzen Welt verkauft, die Zustände aller Nationen werden einander angeglichen. Die gleiche materielle Produktion wirkt sich auch auf die geistigen Erzeugnisse aus, die zum Allgemeingut werden. Die Bourgeoisie "reißt ... auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation."

Aber - in dieser rasanten Entwicklung steckt das Gesetz der gerufenen Geister, die man nicht mehr los wird. Handelskrisen stellen in periodischer Wiederkehr die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage. In ihnen wird nicht nur ein großer Teil der erzeugten Produkte, sondern werden sogar bereits geschaffene Produktivkräfte vernichtet. Eine gesellschaftliche Epidemie bricht aus - die Epidemie Überproduktion. Es drohen Hungersnot und ein allgemeiner Vernichtungskrieg. Und warum? - weil die Gesellschaft zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Aber - "die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier."

Diese Proletarier beschreibt Marx geradezu als Archetypus des selbstentfremdeten Menschen, die Wahrheit seiner Zeit damit durchaus treffend: die Ausdehnung der maschinellen Produktion sowie die als rationeller und damit kostensparend geltende Arbeitsteilung haben dazu geführt, daß der in dieser Produktionsweise arbeitende Mensch kein kreativer Gestalter mehr, sondern praktisch zu einem "bloßen Zubehörteil der Maschine" degradiert worden ist. Er vermag sich in seiner Arbeit nicht mehr selber zu finden, sich seiner selbst als eines schöpferischen Wesens nicht mehr ansichtig zu werden. Das hat zugleich den Wert des arbeitenden Menschen für den Produktionsprozeß - und damit für dessen "Herrn", den Kapitalisten und Arbeitgeber bis fast auf Null vermindert - und demzufolge auch seinen Preis. "Die Kosten, die der Arbeiter verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf."

Auf diese Weise ums tägliche Brot und Überleben kämpfend, ist der Arbeiter aus Existenzangst dazu bereit, sich um den Verlust jeglicher Selbstachtung zu verkaufen und aufzugeben. Er läßt sich mit allen, denen es gleich ihm ergeht, in den Fabriken wie in Kasernen von dafür bestellten Aufsehern wie von Unteroffizieren und Offizieren zu Arbeitermassen     - wie zu Armeen -     zusammendrängen und wie billiges Kanonenfutter an die jeweils zu verteidigenden Frontabschnitte der Produktionsschlacht werfen.

Doch alles hat seine Grenze. So auch hier. Der Konkurrenzkampf zwischen den kapitalistischen Unternehmungen führt zur Vernichtung so mancher kapitalistischen Existenz. Ehemals mächtige Gebieter sehen sich entthront und drohen ins Nichts, ins Proletariat abzusinken. Sie, gebildet und an Führungsaufgaben gewöhnt, erkennen die menschen-entwürdigende, ja -verachtende Wirkung der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft - und verschreiben sich dem Kampf gegen sie mittels einer proletarischen Revolution. Die Proletarier erhalten so ihre Führer - so wie diese in den proletarischen Arbeitermassen die bereitstehenden Kampftruppen. Auf diese Weise hat der Kapitalismus "die Waffen gegen sich selbst" geschmiedet. Es beginnt ein "mehr oder minder versteckter Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet." "Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich."

Damit endet das erste Kapitel des Manifests, das die Zustände der Gesellschaft zur Zeit Marx‘ feststellt und     - gemäß seines Verständnisses -     analysiert.

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Proletariern und Kommunisten sowie mit der Bedeutung dieser für jene und mit der Rolle, welche die Kommunisten im Kampf der Arbeiterklasse spielen wollen.

Die Kommunisten sind, so Marx, "praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus." D.h. die Kommunisten sind, nach Karl Marx, im Besitze des Wissens, das den Proletariern fehlt, des Wissens um die Wege, die gegangen werden müssen, und um das Ziel, wohin es mit ihnen gehen soll. Der "nächste Zweck der Kommunisten ist…: Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisieherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat."

Die Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse sei in der Geschichte üblich gewesen. Sie seien einer ständigen geschichtlichen Veränderung unterworfen gewesen. Z.B. habe die französische Revolution das Feudaleigentum zugunsten des bürgerlichen abgeschafft. "Aber das moderne bürgerliche Privateigentum ist der letzte und vollendetste Ausdruck der Erzeugung und Aneignung der Produkte, die auf Klassengegensätzen, auf der Ausbeutung der einen durch die andern beruht."

Und dieses Eigentum     - "nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums" -     also dieses Eigentum am Produktivkapital, das zur Verelendung, zum Verlust des Selbstwerts und der Würde des Menschen und zu seiner Verdinglichung führe, dieses Eigentum wolle der Kommunismus abschaffen - und damit die Klassengesellschaft überhaupt.

Abgeschafft würden damit indirekt alle denaturierenden Folgen für die Menschheit, alle seelisch-geistigen Folgen, die mit der "Heranbildung zur Maschine" verursacht worden seien. Z.B. die Aufhebung der Ausbeutung der Kinder durch die Eltern, die Abschaffung der Stellung der Frau als ein "bloßes Produktionsinstrument", die Ausbeutung einer Nation durch eine andere u.a.m.

Es bedürfe keiner tieferen Einsicht, um zu begreifen, daß die materiellen Verhältnisse einer Gesellschaft auch "ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch (das) Bewußtsein" der Menschen bestimmten, daß also mit der Veränderung der ersteren auch das Bewußtsein der Menschen sich ändere. Und - infolge der Revolution des Proletariats werde es zu einer vollständigen Auflösung derjenigen Bewußtseinsformen kommen, die das gesellschaftliche Bewußtsein - allen Mannigfaltigkeiten und Verschiedenheiten zum Trotz - aller Jahrhunderte bestimmt haben, in denen es die Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch einen anderen gegeben habe. Und Marx beschließt das zweite Kapitel des Manifests mit dem utopischen Ausblick in die Zukunft: "Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.

An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassengegensätzen tritt eine freie Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist."

Im Kapitel III beschäftigt sich Marx zwecks Unterscheidung der gewissermaßen "reinen Lehre" des von ihm formulierten Kommunismus, die nach ihm "Marxismus" genannt wurde, mit einigen sog. pseudo-sozialistischen Abspaltungen, gewissermaßen sektirerischen Strömungen, die nur einen sozialistischen Anstrich hätten, der wahren proletarischen Revolution aber nur hinderlich, wenn nicht gegnerisch im Wege stünden. So der feudale, der christliche, der kleinbürgerliche, der sog. deutsche oder "wahre" und der konservative oder Bourgeoisie-Sozialismus. Ihnen stellt er noch einmal in Form einer definitorischen Zusammenfassung seinen, den "kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus" gegenüber und beschließt mit einem kurzen IV. Kapitel, betitelt "Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien" sein Manifest, das er mit dem kämpferischen Aufruf "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" ausklingen läßt.

"Das Kapital" - oder die gigantische Unvollendete über das Thema "Analyse kapitalistischen Wirtschaftens".

Nach dieser kurzgerafften Darstellung der bahnbrechenden, geschichtsmächtigen Schrift von Karl Marx wollen wir einige Worte zu seinem voluminösen Hauptwerk "Das Kapital" anfügen. Es auch nur gerafft darstellen zu wollen hieße, ein eigenes Buch zu schreiben - und sprengte den Rahmen, den wir uns mit einem Aufsatz wie diesem selbst gesetzt haben. Wir müssen deshalb Wissensdurstige, die es ja möglicherweise noch immer und immer wieder geben könnte, auf die Lektüre des Originals verweisen, das im Buchhandel auch heute jederzeit erhältlich sein dürfte. Hier nur so viel: "Dieses Werk", so beschreibt es der Marxismus-Kenner Franz Borkenau, "stellt einen gigantischen Versuch dar, die Grundthese von dem Selbstwiderspruch des Kapitalismus durch ein ungeheures, theoretisch scharf gegliedertes Tatsachenmaterial zu stützen; die Grundtendenz ist unverändert revolutionär."

Die nachfolgende Übersicht versucht eine Vorstellung davon zu geben, welche gigantischen Ausmaße der Inhalt des trotzdem immer noch unvollendeten Werkes hat. Wir nennen zu diesem Zweck auch die Untertitel der drei Bände sowie die Überschriften wenigstens einiger der in ihnen enthaltenen Kapitel:

1. Buch: Der Produktionsprozeß des Kapitals

    • Ware und Geld

    • Geld und Kapital

    • Der sog. Mehrwert

    • Der Arbeitslohn

    • Die Akkumulation des Kapitals

2. Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals

3. Buch: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion

    • Verwandlung des Mehrwerts in Profit

    • Die verschiedenen Erscheinungsweisen des Profits

Der 1. Band umfaßt ca. 800 Seiten Text, gespickt mit belegenden Zitierungen etc., dazu ca. 100 Seiten Anhang. Der 2. Band ca. 500 Seiten Text sowie ca. 50 Seiten Anhang - und der 3., unvollendete Band umfaßt sogar 900 Seiten Text, gespickt mit belegenden Zitierungen und Fußnoten, dazu ca. 100 Seiten Anhang etc.

Im 52. Kapitel, betitelt "Die Klassen", bricht das Manuskript ab. Das sind summa summarum ca. 2.500 Seiten insgesamt, ein geradezu gigantisches Unternehmen, das allein wegen der ungeheuren Arbeitsleistung höchste Bewunderung und Anerkennung verdient.

Aber - wer sich in Gefahr begibt, der droht darin umzukommen! - so möchte man in diesem Falle das bekannte Sprichwort zitieren. Denn was als der Versuch des Karl Marx begann, seine polit-ökonomischen Theorien durch Belege aus der diffizil untersuchten Wirklichkeit, nämlich des Zusammenhanges und der wechselseitigen Beeinflussung kapitalistischen Wirtschaftens und der dafür notwendigen politischen Gestaltung der Welt - und umgekehrt, unangreifbar zu machen, das "brachte" - so wieder Borkenau - "die Vertiefung in die Tatsachen und die Möglichkeiten ihrer theoretischen Verallgemeinerung Marx bei dieser Arbeit wiederholt an den Punkt, wo er von seinen Grundthesen abweichen mußte." Und Borkenau fährt schließlich fort: "Es ist ohne jeden Zweifel die dauernde innere Gefährdung eines Systems durch diese Vertiefung in die nicht-revolutionären Aspekte der Wirklichkeit, die dazu führte, daß das "Kapital" als Torso zurückblieb…"

D.h.: Marx entdeckte bei seiner diffizilen Analyse des sog. kapitalistischen Wirtschaftens Elemente, die nicht nur für eine kapitalistische, sondern für jede entwickeltere Wirtschaftsform konstitutiv und unerläßlich sind, so daß es schwierig wird, die sog. kapitalistische Wirtschaft als Ganzes abzuschaffen, ohne damit das in einer entwickelteren Form menschlichen Zusammenlebens überhaupt notwendige Wirtschaften zu gefährden. D.h.: eine Weiterführung seiner Studien hätte womöglich bedeutet, daß die gesamte politische Theorie des Karl Marx hätte in Frage gestellt werden müssen. Zumindest was ihre rigorose Stringenz betroffen hätte.

Und diese Erfahrung des Karl Marx im diffizilen Umgang mit der Totalität der Fakten des Wirklichen, die - zumindest ein Teil von ihnen - seinem theoretischen System widerstanden, die, ohne sie gewaltsam zu übergehen, sich nicht in ein solches System einordnen ließen - diese Erfahrung ist im Prinzip die gleiche, die der von ihm, Marx, "vom Kopf auf die Füße gestellte", gleichwohl verehrte Lehrer, nämlich der Philosoph Friedrich Hegel, schon vor ihm gemacht hatte - und die diesen zu dem unwirschen Ausspruch veranlaßt haben soll: diejenigen Völker, die sich der von ihm entworfenen Entwicklung des Weltgeistes widersetzten, gehörten auf den Abfallhaufen der Weltgeschichte. (Welch ein diametraler Unterschied, nebenbei bemerkt, zu der ebenfalls berühmten Aussage eines der Väter der deutschen Geschichtsschreibung, Leopold von Ranke, daß alle Völker und Nationen - trotz aller ihrer Eigenheiten - gleich nah zu Gott seien.)

Aber damit wären wir bereits beim Vergleichen und urteilenden Würdigen, was den nun folgenden Kapiteln vorbehalten sein soll.

 

III.

 

Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx: Reflexionen zum kritischen Vergleich zweier "großer" Männer der deutschen – wie auch der Geschichte der Menschheit.

Welch ein eklatanter Unterschied - Novalis und Marx! Dort - der kaum 29-Jährige, Verfasser eines außerordentlich schmalen, dazu in vielen seiner Teile noch fragmentarischen Werks, der Romantiker, ja: Mitbegründer der deutschen Romantik, der sprichwörtliche Poet, ein Provinzler dazu, dessen Aktionsradius beschränkt blieb auf den schmalen Raum zwischen fast benachbarten Orten der sachsen-anhaltinischen und der thüringischen Landschaft, ein konservativer (was immer das ist!) Geist, der deutschen Geschichte, insbesondere der mittelalterlichen zugetan, dazu ein Mann des Glaubens und der Kirche.

Dagegen hier: der immerhin fast 65-Jährige, Verfasser eines schriftstellerischen Werkes von geradezu gigantischem Ausmaß, der Realist, Praktiker, politische Aktivist, der sprichwörtliche Agitator, der Länderübergreifende, Internationale, pendelnd zwischen europäischen Metropolen, der Revolutionär, allem Alten abhold, einer neuen, zukünftigen Gesellschaft zugetan, ein radikaler Gegner der Kirche, ja - der Religion: wie verhält es sich, wie ist es denn mit all den liebgewordenen und gewohnten Urteilen, mit den "Etiketten" gewissermaßen, die wir allem und jedem aufkleben, es damit für eine Einordnung in die Regale unseres Weltverständnisses brauchbar zu machen? Sicher - eine unverzichtbare, deshalb gesegnete Methode, ohne die unser endlicher, begrenzter Menschenverstand im Meer, in der unendlichen Flut von Ereignissen und Fakten dieser sich Tag für Tag immer neu gebärenden Welt rettungslos unterginge und ertränke.

Und doch: von Zeit zu Zeit scheint es geraten, vielleicht notwendig, die übervoll gewordenen Regale zu entrümpeln, Platz zu schaffen für Neues dabei vielleicht das eine oder andere in die Hand nehmend und überdenkend, ob es fürs Wegwerfen nicht zu schade ist, ob man es, unter einem ganz anderen, bislang ungewohnten Aspekt neu etikettieren sollte, ja müßte, um es in eine neue Ordnung wieder sinnvoll einzugliedern.

Was versteht man eigentlich unter "Romantik"?

Wie ist es denn z. B., um zu unserem Thema zurückzukommen, mit der Zuordnung des Novalis     - und mit seiner bisherigen Abstempelung -     zur Romantik bestellt? Und - demgegenüber -  mit der Gegen-Zuordnung des Karl Marx zu einem unüberbietbaren Realismus und seiner Wirklichkeitsbesessenheit?

Was ist, so fragen wir, eigentlich "Romantik"?

Dieser Begriff entstand aus "Romanze", im Spanischen "romance", was heißt: in der Volkssprache singen - statt im Schriftlatein. Die Darstellung einer kleinen abenteuerlichen Geschichte, heiter, gelöst, meist mit versöhnlichem Ausgang. Gelöster als z.B. die "Ballade", ihrem "germanischen" Gegenstück. Die Form der Romanze wurde besonders gepflegt von Herder und - den Romantikern, z.B. von Brentano, Tieck, Fouqué, Eichendorff, Uhland. Wohingegen die "Ballade" ein Gedicht fester Bauart war, in ihrem Charakter konflikterfüllt, dem insbesondere germanischen Heldenlied entsprechend, in dem es um eine Art von Selbstgesetzlichkeit gegen Götter und Schicksal ging. Am klarsten noch einmal in der mittelhochdeutschen Dichtung, z.B. in der großartig-finsteren, dämonischen Gestalt des Hagen im "Nibelungen-Lied".

Zum anderen stand an der Wiege des Begriffs "Romantik" das französische "romantique", was bedeutet: dem Geist der mittelalterlichen Ritterdichtung gemäß. Hinzu kam der Einfluß des englischen "romantic" mit den Bedeutungen: poetisch, phantastisch, stimmungsvoll, malerisch.

Die "Romantik" verstand sich also als eine Weltsicht und ein Gefühl mit der Betonung von Schönheit, Phantasie, ja - Wunder - im Gegensatz zu einer rein prosaischen Wirklichkeitsauffassung. Sie ging schließlich, in ihrer überspitzten Spät- und Verfallsform, bis ins Überspannte.

Schon nach Justus Georg Schottel (oder Schottelius, Dichter und Sprachgelehrter, 1612 - 1676) brachte die "romantische schreibart", d.h. der Stil, "unvermerkt" "Gottesfurcht und christliche gebür (= Schuldigkeit und Schicklichkeit Gott gegenüber) mit bei".

D.h. das Romantische war also eine Weltauffassung     - und demzufolge in der Sprachkunst eine Stilrichtung -     nach der die Welt, d.h. der gesamte Erlebnis- und Erfahrungsraum des Menschen, nicht nur von den Verstandeskräften des Menschen bestimmt ist, sondern ebenso von den über die Fassungskraft der Ratio hinausliegenden Kräften, dem sog. Ir-rationalen. D.h. in der Welt der menschlichen Vorstellungen hatten auch die Phantasie, das Wunder, also von Gott geschenkte Phänomene, ihren Platz.

Eine solche Welt muß scharf abgegrenzt werden von derjenigen der Vollkommenheitsvorstellungen der in sich selbst kreisenden und verbleibenden Ratio, die nichts über sich hinaus mehr kennt und anerkennt. Abgegrenzt werden von den Vollkommenheitsvorstellungen des Rationalismus, z.B. in Form des Vergleichs einer gedachten, in sich vollkommenen Menschenwelt, mit einem feinstmechanischen Präzisions-Uhrwerk vergleichbar, in der, selbst wenn Gott nominell noch vorkam, dieser keine andere Rolle mehr spielte, als irgendwann einmal der In-Gang-Setzer dieser Präzisions-Maschinerie gewesen zu sein, der nach dieser Anstoß-Funktion in ihr selber keine Rolle mehr zu spielen hatte. Eine in sich selbst vollendete Welt, wie sie in den Äußerungen von Hauptvertretern des französischen Rationalismus auftrat, z.B. in dem Wort von Lamettrie: "L‘homme (une) machine".

Karl Marx - ein Romantiker?

Es muß scharf getrennt und unterschieden werden, wenn es darum geht, die grundsätzliche Weltsicht und -auffassung, aus denen einerseits Novalis, andererseits Marx dachten und arbeiteten, zu begreifen und zu beurteilen. Trifft man doch selbst in der Spezial-Literatur immer wieder noch die Meinung an, Marx sei ursprünglich ein "Romantiker" gewesen. Wenn diese Meinung zutreffend ist, dann höchstens mit der - die grundlegende Qualität nicht ändernden - Einschränkung, daß er mit dem Zustand der bestehenden Gesellschaft, der bestehenden Menschenwelt und der bestehenden Stellung des Menschen in ihr nicht zufrieden war, über sie hinausdachte und – in seiner rationalen Phantasie eine rationale Utopie, ein Bild davon entwarf, wie diese Welt in Zukunft sein sollte, von welchem rational, fast rechnerisch entworfenen Bilde er sich dann bei all seiner theoretischen und praktischen Arbeit leiten ließ.

Wenn "Romantik" so , nämlich als das Ergebnis des Ungenügens am Bestehenden, gesehen wird, dann stimmt Marx mit den deutschen Romantikern überein. Denn die Strömung der insbesondere literarischen und philosophischen deutschen Romantik vollzog sich innerhalb der umfassenderen Strömung des deutschen Idealismus. Und selbst die als Hauptvertreter des letzteren geltenden Goethe und Schiller - sowie bereits vor ihnen solche Männer wie Hamann, Lessing, Herder - oder nach ihnen Männer wie Hölderlin oder Kleist - waren mit dem bestehenden Zustand des Menschengeschlechts unzufrieden. Sie alle vereinte die Grundüberzeugung, daß die Idee, die Kraft des Idealen im Menschen diesen bei allen Tätigkeiten in dieser Welt leiten solle. Daß diejenigen Maßstäbe, an denen alles Irdische, Vergängliche, Materielle gemessen werden müsse, nicht aus eben dieser selben Welt der Vergänglichkeit, des Materiellen, Alltäglichen, Relativen genommen werden dürften. Und daß man, von daher gesehen, mit der Welt, wie man sie hier antrifft, mit der man es hier, im Jetzt und Heute zu tun hat, weder zufrieden sein könne - noch dürfe. Diese idealistische geistige Grundströmung, innerhalb der diejenige der sog. "Romantik" nur eine späte Nebenform ist, stand in eklatantem Gegensatz und Widerspruch zur sog. Aufklärung, d.h. genauer gesagt: zu einer Aufklärung, die besser als Rationalismus bezeichnet wird. Die deutsche Aufklärung dagegen gehörte, als seine Frühform, in den deutschen Idealismus hinein - und stand ihrerseits in erklärtem Widerspruch zum Rationalismus, wie man das besonders ausgeprägt an Lessing erkennen kann, der ja geradezu als Hauptvertreter der Aufklärung in Deutschland gilt.

Lessing selber unterschied den Begriff "Aufklärung" sehr deutlich von dem, was er "Aufklärerei" nannte. So heißt es bei Fichte (in "Nicolais Leben"): "…so war ihm (= Lessing) die Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er getrieben wurde, ein wahrer Greuel".

Und selbst Immanuel Kant, dem kardinalen Hauptvertreter der deutschen Aufklärung in der Philosophie, der die Aufklärung als "den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" definierte, selbst dieser - wegen seines berühmt-berüchtigten philosophischen Hauptwerkes, den sog. drei "Kritiken", als ein Ausbund von nur schwer nachvollziehbarer Verstandesschärfe und Logik von vielen schaudernd-bewundernd gemieden - selbst Kant setzte der Vernunft Grenzen. Der Mensch habe in seiner Erkenntnis der Welt der Objekte immer nur deren Erscheinung , das sog. "Ding an sich" dagegen bleibe menschlicher Verstandeskraft unerkennbar. Er war es auch, dessen Auftreten als stadtbekannte Größe Königsbergs geradezu zur Legende wurde, u.a. aus folgendem Grunde: Jeden Morgen, pünktlich wie ein Uhrwerk, habe Kant den Weg zur Universität zu Fuß zurückgelegt - und dabei vor jedem jungen Studenten, der ihm begegnet sei, grüßend seinen Hut gezogen. Gefragt, warum er, der berühmte Herr Professor, das täte, soll er geantwortet haben, er verneige sich in jedem Studenten, der ihm begegne, vor einem möglichen Genie.

Und er, Kant, war es, der den Menschen als das einzige Lebewesen erkannte, das keinem Zweck unterworfen werden dürfe, sondern das seinen Zweck einzig in sich selbst trüge.

Der Mensch müsse also jedem von außen auf ihn einwirkenden Zweckdenken entzogen sein - wegen seines ihm von der Schöpfung verliehenen Wertes, seiner Würde, die weder er sich selber oder ein anderer Mensch ihm gegeben habe, noch ihm irgendwer auf Erden nehmen dürfe. Er wurzele mit seiner Zweck-Freiheit im Willen Gottes.

Überall also die Anerkennung einer Grenze für den menschlichen Verstand im Unterschied zu der von den Rationalisten aus der Gabe der Ratio gezogenen Schlußfolgerung, dem menschlichen Verstande seien keine Grenzen gesetzt als die, die er sich selber gäbe. Der Wahn der Hybris und des vermeintlichen Freiseins zum Alles-machen-können - also etwas, was deutschen Aufklärern, in der Literatur zuvörderst Lessing, diametral zuwiderlief.

Also - Marx ein Romantiker? Wenigstens in seinen jungen Jahren? Das ist wohl als ein Irrtum zu erkennen. Er war von Beginn seines In-Erscheinungtretens ein utopischer Rationalist, von der Machbarkeit der menschlichen Geschichte überzeugt. Zwar in seiner Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Zuständen und an den Herrschaftsverhältnissen, an der zunehmenden Mechanisierung und der damit einhergehenden Verdinglichung des Menschen - sich mit den Vertretern des deutschen Idealismus, von der Aufklärung bis zur Romantik, treffend, aber von ihnen dadurch, und zwar grundlegend, unterschieden, daß er mit seinen revolutionären Ideen eine andere Welt planmäßig für machbar hielt. Wohingegen sie, insbesondere Novalis, auf lange, mühselige, aber beharrliche, gewaltlose Entwicklung setzten.

Dieser fatale Irrglaube an die durch nichts einzuschränkende Machbarkeit und an den Menschen als unumschränkten Herrn der Geschichte - er erfüllte das Denken des Karl Marx schon sehr früh. Davon legen seine zahlreichen Schriften ein deutliches, von jedermann einsehbares Zeugnis ab. Seine entschiedene Hinwendung zur atheistisch-materialistischen Philosophie und deren Akzeptanz, etwa der eines Ludwig Feuerbach, oder seine spätere Formulierung von der Religion als eines Opiums fürs Volk mögen als Beispiele dafür stehen. Selbst wenn man die letztgenannte Äußerung dahingehend interpretierte, daß Marx hierbei nur an einen Mißbrauch der Religion durch Kirche und Priesterkaste gedacht haben könnte, der geschichtlich in der Tat erfolgte und belegbar ist, mitnichten an die Religion selbst - selbst dann gibt es genügend viele Beweise dafür, daß Marx ein erklärter Atheist war - und damit das Denken und Handeln der Menschen ohne jede Verantwortlichkeit gegenüber einer transzendenten, jeglichem menschlichen Zugriff entzogenen Instanz betrachtete. Und damit letztendlich auch keine unangreifbare, zu respektierende Würde im Menschen anerkannte, wenn es darum gehe, durch revolutionäre Gewaltaktionen nötigenfalls menschliche Leben zu opfern und zu vernichten. Dieser Zug zur Skrupellosigkeit, wenngleich mit dem Ziel der Befreiung von menschlicher Unterdrückung, wird auch deutlich an der Art und Weise seiner Hegel-Rezeption.

Hegel hatte in seiner Philosophie den Sinn der menschlichen Geschichte zu zeigen versucht, der darin bestünde, daß sich in ihr die innere Entwicklung der absoluten Vernunft, sprich: Gottes, vollzöge. Der in der menschlichen Geschichte zu beobachtende Fortschritt, in Form einer wachsenden Humanisierung, sei das anschaulich werdende Abbild einer Entwicklung, die sich im transzendenten Weltgeist selbst vollzöge. Obwohl diese absolute Macht von allem Anbeginn an in sich potentiell immer vollkommen sei und bleibe, sich ihre Potenz auch am Ende ihres inneren Entwicklungsweges gleichgeblieben sei - sei ihr das, was sie zu Beginn "nur" unbewußt in sich getragen habe, am Ende ihrer inneren Entwicklung selbst durchsichtig, absolut klar und bewußt geworden.

Marx ist fasziniert von der Hegel‘schen Idee des in Spruch und Widerspruch, Thesis und Antithesis sich in sich selbst an- und vorantreibenden Entwicklungsganges, der sog. Dialektik. Ihn, dem Gott-Ungläubigen und -gegner, ist jedoch der Gedanke, es handele sich bei dieser Bewegung um eine solche im "Weltgeiste" selbst, die sich in der irdischen, der natürlichen und menschlichen Geschichte ausdrücke und auswirke, sie gewissermaßen mitnähme, unerträglich. Deshalb stellte er, wie er es selber ausdrückte, die Philosophie Hegels vom Kopf auf die Füße: die dialektische, in spannungsentladenden Sprüngen sich vollziehende Entwicklung ist nach ihm nun nicht mehr eine, die in Gott stattfindet – der ja nach ihm nur eine aus dem Menschen selbst stammende Projektion an den Himmel ist, also in Wahrheit gar nicht existiert - sondern sie ist eine Entwicklung, die sich aus dem menschlichen Klassenkampf in der Gesellschaft selbst vollzieht. Damit sind aber die Kommunisten als die Avantgarde der Arbeiterklasse und als die den Kampf Führenden und Gewinnenden - die Herren der menschlichen Geschichte, d.h. der Mensch ist deren Nomothet. Es gibt, um es so zu sagen, "keine Götter neben ihm". Er ist oberster Maßstab und Gesetzgeber, d.h. der Mensch über sich selbst, Inhaber der Macht über alle anderen, und zwar uneingeschränkt. Da aber jeder Mensch ein endliches, vergängliches, von seinen eigenen Interessen und Irrtümern abhängiges Wesen ist, muß eine derartige Auffassung vom Menschen und von ihm in der Geschichte unvermeidbar irgendwann in Unrecht, Ungerechtigkeit und Willkür enden. Da helfen auch solche Hilfskonstruktionen wie die Berufung auf die Partei als auf das korrektive Kollektiv nichts, denn die geschichtliche Erfahrung zeigt, daß sich aus einem derartigen Kollektiv immer sehr bald eine übermächtige Führer-Figur herausgehoben hat, die schon sehr bald diktatorisch herrschte. Und das alles ohne die Möglichkeit der Anrufung und des Sich-Berufens auf eine allem Menschlichen entzogene Autorität, wie allein Gott es ist und sein kann. Und zwar Gott "an sich", nicht der "Gott" einer bestimmten menschlichen Interpretation.

Dies alles zusammengesehen und -bedacht zeigt, daß Marx auch in seinen jüngeren Jahren kein anderer gewesen ist als in seinen reiferen. Ja, daß man Marx     - wie man das, hier einmal vergleichsweise, ein rundes halbes Jahrhundert später für Hitler versucht hat -     nicht vor der von ihm ausgelösten kommunistischen Weltreligion nachträglich in Schutz nehmen kann: so wie man mit Recht darauf hingewiesen hat, daß der vom Zaun gebrochene völkische, ja rassistische Krieg, daß der Holocaust und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur die Konsequenz dessen waren, was in Hitlers Buch "Mein Kampf" vorgezeichnet gewesen ist - so leiten sich alle Entwicklungen, insbesondere die in der Sowjet-Union, als Konsequenz aus dem "Manifest" und anderen Schriften des Karl Marx her.

Es ist, so gesehen, also verfehlt, zumindest den jungen Marx als "Romantiker" zu bezeichnen. Und wenn man es schon tut, um damit auszudrücken, daß sein Sinnen und Trachten ein utopisches, seine eigene Zeit und Wirklichkeit übersteigendes war, dann sollte man das Wort Romantiker entweder in Anführungszeichen setzen oder ihm eine abgrenzende Erklärung hinzufügen, um zu vermeiden, daß er mit Männern, wie beispielsweise Novalis, auf einer Ebene gesehen und gedacht wird. Es ist also zwischen Romantik und sog. Romantik zu unterscheiden - genau wie zwischen der "deutschen" Aufklärung (zuvorderst von Lessing u.a., aber auch von allen wichtigen Vertretern des deutschen klassischen Idealismus einschließlich denen der deutschen Romantik repräsentiert) - und einer Aufklärung, die eher ein Rationalismus ist. Wobei der letztere, wie bereits ausgeführt, die menschliche Verstandeskraft als höchste Instanz dieser Welt setzt - oder zumindest in Gefahr steht, das zu tun - über die hinaus es nichts mehr gibt, auch keinen Gott.

Welch einigermaßen kritische Kopf erkennt nicht, daß wir selber uns noch immer in diesem Zustand einer rationalistischen, zutiefst glaubenslosen geschichtlichen Phase befinden? Der Mensch, der sich selber zum Maß aller Dinge setzt, droht     - z.B. mit einem undurchdachten Gebrauch der Gentechnik -     im Zustande einer kollabierenden Hybris in die von der Schöpfung gesetzten Grenzen einzugreifen.

Exkurs: Aufklärung und Religion, Ratio und Glaube, sog. exakte Wissenschaft, insbesondere Naturwissenschaft, und Gott.

Weil diese Frage für unser Thema, insbesondere für ein Verständnis der beiden Männer Novalis und Marx, das jedem von beiden angemessen sein und seiner Besonderheit gerecht werden will, so wichtig ist, soll im folgenden noch einmal gesondert auf sie eingegangen werden.

Insbesondere seit der sog. Aufklärung begann man - und diese Bewegung ist auch heute noch nicht überstanden - Aufklärung und Religion, Ratio und Glauben, sog. exakte bzw. Naturwissenschaft und Gott für unvereinbare Gegensätze zu halten.

Jedoch - sie sind es weder noch müssen sie es sein. Ganz im Gegenteil: schon Lessing, der in Deutschland als der Aufklärer par excellence gepriesen - und trotzdem von so manchem mißverstanden wurde, hat - sowohl in seinem einmaligen "Nathan" wie in seinem Traktat über die Erziehung des Menschengeschlechts - den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und an "den einigen Gott" als die Vollendung der Aufklärung und damit als Krönung der Vernunft gesehen. Vollendung der Aufklärung ist: wenn der Mensch mittels seiner Vernunft seine unüberschreitbare Grenze erkennt, einsieht und - gewollt akzeptiert. Wodurch er Freiheit, seine ihm ganz eigene Freiheit gewinnt, die seinen Wert und seine Würde ausmacht und ihm seine besondere, ganz einmalige Stellung in der gesamten Schöpfung gibt - woraus ihm Verantwortung für diese Schöpfung erwächst, die zu hüten und getreulich zu verwalten ihm in dieser Schöpfung übertragen ist.

Die Freiheit, die gerade deshalb eine so unvollendbare ist, weil sie um ihre Grenze - nämlich die von der Endlichkeit zur Unendlichkeit - weiß, sich dieser Grenze, um sie sich bewußt zu erhalten, unaufhörlich vergewissern muß - und sich zugleich unterhalb dieser Grenze im Bereiche des endlichen Daseins, ihrer, der menschlichen Freiheit Welt, in der Ruhe jener Gewißheit um die vollendbaren Lösungen der endlosen Aufgabe bemühen darf, diese Welt human zu gestalten.

Und selbst andere, spätere Denker, wie der damit geradezu in Verruf geratene und - wohl wiederum - mißverstandene Nietzsche, der mit seinem geradezu zum Schlagwort gewordenen Ruf "Gott ist tot!" möglicherweise gar nicht die Existenz Gottes leugnen, sondern hat sagen wollen: Gott ist in den Menschen tot!

So wie bereits Hölderlin von der götterfernen Zeit sprach. Von den Göttern, die sich deshalb von den Menschen zurückgezogen hätten, weil sie in den Herzen der Menschen keine Heimat mehr fänden. So heißt es in einem seiner berühmten Gedichte, betitelt "Der Archipelagus":

"Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie Furien, bleibet die Mühe der Armen."

Die Reihe solcher und ähnlicher Aussagen ist in der Geistesgeschichte lang, man braucht sie nur zur Kenntnis zu nehmen.

"Wo keine Götter sind, walten Gespenster", hatte Novalis geschrieben. Und mit einem merkwürdigen, aufs erste überraschenden, aber in der Logik geschichtlicher Entwicklung eigentlich ganz zwingenden Wiederaufgreifen dieser Ausdrucksweise, Novalis - unbewußt oder bewußt - ironisch bestätigend, leitet Jahrzehnte später Karl Marx seine programmatische Schrift "Das kommunistische Manifest" mit den Worten ein: "Ein Gespenst geht um in Europa!" Nämlich: der Kommunismus.

Aber     - das macht Karl Marx bei der Darlegung seiner geschichtlichen Analyse deutlich -     er, der Kommunismus, ist kein plötzlich in die heile Welt einbrechendes Gespenst, sondern die greuliche Kopfgeburt einer bereits lange vor ihm existierenden Gespensterwelt. Mag man sich in den vom Irdischen bis ins Tiefste durchdrungenen herrschenden Kreisen noch so sehr gegen diese Erkenntnis und diesen Vorwurf sträuben: der Kommunismus ist nur das Gespenst, das aus ihnen, den bereits vor ihm herrschenden Gespenstern, entstand. Ein Gespenst droht den anderen Gespenstern, ein Ungeheuer verschlingt, schmatzend, bluttriefend, die andern. Die Ungeheuer fressen sich gegenseitig selbst.

Aber kehren wir fürs erste wieder zu Novalis zurück, dorthin, wo wir ihn verließen: in eine seit langem gottlos gewordene Welt.

Novalis - ein Romantiker im landläufigen Verständnis?

Wenn heute im Gespräch unter sog. "normalen Leuten" - keinen Fachgelehrten - das Wort "Romantiker" fällt, dann meint und versteht man darunter im allgemeinen einen Menschen, der zur sog. Wirklichkeit des Lebens entweder keinen - oder einen gestörten Bezug hat. In dem Urteil "er ist ein Romantiker" schwingt nicht selten ein abschätzig überlegener, zeitweilig sogar verächtlicher, im besten Falle ein mitleidig-anteilnehmender Unterton mit. Selten macht sich wohl jemand die Mühe, einen Vertreter derjenigen Gruppe von Dichtern, Schriftstellern und Philosophen, die man in einer Unter-Epoche der deutschen Literatur von etwa Ende des 18. bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Namen "Romantik" zusammengefaßt hat, durch ein gr*ündliches Studium seiner Werke kennenzulernen. Was haben sie eigentlich gewollt? Wie haben sie ihre Welt gesehen und erlebt? Was war ihr eigentliches Anliegen? Und außerdem - darf man denn alle, die sich in irgendeiner Weise zu dieser Gruppe zählten oder von anderen dazu gezählt wurden, über den sog. einen Kamm scheren?

Am ehesten fällt dem normalen "Bildungsbürger", wenn es um "Romantik" geht, wohl noch der "liebenswerte" Eichendorff ein. Seine Sommernachtsgedichte, das wehmütige, Sehnsucht erweckende Waldhorn aus der Tiefe eines geheimnisvollen deutschen Waldes - oder der liebenswerte Trottel von Taugenichts auf der dahinsausenden Postkutsche in die unbekannte, lockende Ferne, "daß mir der Wind am Hute pfiff" - sehnsuchtserweckend, humorig erbauend in den Feierstunden der Seele nach des Tages Kampf und Mühen in einer enervierend-erschöpfenden Welt.

Aber - ist damit das Wissen um die Romantik erschöpft? Kennt man damit z.B. einen Novalis?

Für die Art und Weise, wie man die deutsche Romantik, insonderheit einzelne ihrer Vertreter, aufgefaßt hat, an der sog. Romantik-Rezeption, sind mit Sicherheit bereits deren Zeitgenossen verantwortlich. Zuvorderst die sehr berühmten Zeitgenossen, wie insbesondere Goethe. Er, in seiner Jugend selber von einer Welt- und Lebenssicht erfaßt, die jener der etwas späteren Romantiker sehr ähnlich war, er stand beim öffentlichen Auftreten der Brüder Schlegel, des Ludwig Tieck oder - eben unseres Novalis - er stand zu diesem Zeitpunkte bereits im fünften respektive im Übergang vom fünften zum sechsten Lebensjahrzehnt. Befand sich also in gereifterem Alter, war lebenserfahren und     - durch aktiven Umgang mit einer hohen öffentlichen Verantwortung -     abgeklärt und darin geübt, die Sehnsucht nach einer anderen Welt im Wissen um das jeweils Machbare zu disziplinieren, gegebenenfalls zu sublimieren.

Über die Frühromantiker, seine Zeitgenossen, hat sich Goethe bewußt nicht geäußert. Sie waren ihm fremd - oder fremd geworden. Er versuchte das Leben, wie es war, zu nehmen und zu gestalten, nach dem Vorbild der Antike. Die Romantiker gingen den anderen Weg. Goethe stand als "Aristokrat" und "Konservativer" zu dem bestehenden Regime und versuchte, immer noch ein stiller Beförderer der Humanisierung der Welt, gewissermaßen ein "Reformer von oben her" zu sein. Die Romantiker dagegen lehnten sich als geheime "Demokraten" gegen das damalige Herrschaftssystem auf. Da sie aber damit keinen sichtbaren Erfolg hatten, zogen sich manche von ihnen in ihr Inneres zurück, gewissermaßen zu einem "Selbstgründen im Ich". Goethe nannte das "fieberhafte Träume" - und wandte ihnen den Rücken zu. Die Brüder Schlegel, den jungen Tieck und Novalis klammerte er aus seiner Wahrnehmung einfach aus. Die exaltierte Einbildungskraft, der Subjektivismus, auch ein volkstümelnder Mittelalterkult bei einigen von ihnen stießen ihn ab. Goethe vermißte bei den Romantikern die "Gestaltung". Sie seien von Sehnsucht und Unruhe getrieben und ihr Inneres verliere sich im Unendlichen. Die einzelnen Kräfte lösten sich bei ihnen aus der "Ganzheit des Organismus" - und streiften nun "ungebunden" umher. Das aber führe zur Krankheit. Friedrich Schlegels Satz, das höchste Gesetz der romantischen Kunst sei, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich dulde, war Goethe zuwider. Er stellte dagegen: der echte Dichter spreche nicht nur "seine wenigen subjektiven Empfindungen aus", sondern wisse die Welt sich anzueignen, er habe das Übergeordnete, das Allgemeine in ihr zum Ausdruck zu bringen.

Solche Worte und Urteile hatten in jener Zeit Gewicht. Und hinter ihnen versteckten, auch in der Folgezeit, sich auch diejenigen, die, nicht einmal wie Goethe, Reformen und Umwandlungen von oben für notwendig hielten, sondern die das Bestehende um jeden Preis unverändert erhalten wollten. So kann man z.B. noch 1894 in der damals sehr verbreiteten Literaturgeschichte von König über Novalis lesen: sein mystisches Gefühlsleben überwiege die reiche Begabung und seinen scharfsinnigen Verstand. Er sei zwar geistvoll, aber oft bizarr und dunkel, geheimnisvoll andeutend und orakelnd. Sein unvollendeter Roman "Ofterdingen" sei ein "rätselhafter" Torso, in ihm herrsche eine krankhafte, aber an poetischen Elementen reiche Sehnsucht nach dem Tode und der Nacht.

Wer damals solche Worte in einer sehr weitverbreiteten Literaturgeschichte las, legte sie aus der Hand mit dem Gedanken, daß man es bei Novalis mit einem Menschen zu tun habe, dem zwar wegen unverkennbarer poetischer Begabung eine gewisse Achtung zu zollen sei, mit dem man sich aber, wenn man seine fünf Sinne zusammen habe, darüber hinaus nicht ernsthaft zu beschäftigen brauche, ohne ihm deshalb etwa ein Unrecht anzutun. Man dürfe mit ihm - wenn es hoch komme - mit einem Anflug menschlichen Bedauerns und Mitgefühls umgehen, brauche sich aber nicht ernsthaft mit ihm zu beschäftigen, ohne daß einem das als Bildungslücke angekreidet werde.

So macht man auf geschickte Art und Weise jemanden, dessen geheime Botschaft man, und zwar zu Recht, meint fürchten zu müssen, unschädlich, entschärft ihn, beraubt ihn jeder Wirkung, ohne sich damit irgendeiner erkennbaren Grausamkeit schuldig zu machen. Ähnlich verfuhr man ja bis in unsere Zeit hinein mit allen Unliebsamen, Unangepaßten, indem man sie in eine geschlossene Anstalt für Geistesgestörte steckte.

Aber die Vorwürfe, Novalis sei ein für die Realität des Lebens unfähiger Träumer gewesen, den man deshalb vielleicht in Mußestunden lieben, aber ansonsten nicht ernstnehmen dürfe - diese Vorwürfe kamen nicht nur von denen, die am unveränderten Fortbestehen der gesellschaftlich-politischen Zustände - aus eigenem Interesse natürlich - interessiert waren. Einen ähnlichen Vorwurf, nur vom entgegengesetzten Standorte aus und unter entgegengesetzten Zielvorstellungen, machten ihm diejenigen, die an einer Veränderung der gesellschaftlich-politischen Zustände in Richtung auf mehr Demokratie und auf allgemeine Humanisierung interessiert waren.

Wie steht es also mit Novalis in diesem Widerstreit der Meinungen?

Zur Frage: Ist Novalis ein "Romantiker" und als solcher ein "Ideologe der Restauration" und ein "Vertreter der Gegenaufklärung" gewesen, ist folgendes anzumerken: In einer erst kürzlich veröffentlichten Dissertation, die inzwischen unter dem Titel "Fichte und Novalis" als Buch erschienen ist und an der Universität Münster entstand, Autor: Bernward Loheide, wendet sich der Autor u.a. entschieden gegen die verbreitete Behauptung, es gebe bei Novalis "einen Bruch zwischen der Philosophie und der Poesie". Auch in der Poesie wahre Novalis "transzendentale Besonnenheit" und versuche nicht, im Kunstwerk das erscheinen zu lassen, "was der Vernunft fremd bleiben" müsse. Wenn gleichwohl das Denken des Novalis irritierend bleibe, so habe das seinen Grund darin, daß seinem Philosophieren (wie demjenigen Fichtes) ein Sprachproblem eingeschrieben sei. Denn: die Vernunft vermöge nicht zu sagen, was der Fall ist. Alles Sprechen über verfehle das Gemeinte. Allein die Poesie vermöge die Begrenzung zwischen Natur und Vernunft verschwinden zu machen und die Vereinigung von beiden zu imaginieren - wenn auch nur als Utopie, gebe aber zugleich durch die Art des Redens kund, daß sie, die Poesie, im Reden das zu Sagende nicht wirklich treffe. Nach Loheide ist demzufolge der damals von Heine erhobene Vorwurf, "Novalis sei ein Ideologe der Restauration und Vertreter der Gegenaufklärung" gewesen, nicht haltbar. Novalis habe die Ideale der Aufklärung nie verraten.

In etwa die gleiche Richtung sprach sich schon Joseph von Eichendorff aus, der die Romantik, insbesondere jedoch Novalis als Kritiker ihrer Zeit gesehen hatte mit dem Versuch, eine "innere Regeneration des Gesamtlebens" zu erreichen.

Und bei Franz Borkenau lesen wir zum Verhältnis des Novalis zu dem von ihm verehrten Philosophen Fichte: für Novalis sei die Welt nicht ein Produkt seiner Vernunft - sondern das nur auf einem Umweg: er benutzt die Vernunft, um der Welt / der Natur die Gesetze abzulauschen und - den Menschen, bei Beachtung der menschlichen Eigenart, zu einem Leben im Einklang mit diesen Gesetzen zu führen.

Also: der zentrale, der Schlüsselbegriff in Novalis’ Denken und Dichten ist die Poesie. Er ist der Überzeugung, ja er fordert, hält es für das anzustrebende Ziel: Poesie solle das ganze Leben des Menschen bestimmen.

Wie kommt Novalis zu dieser Überzeugung? Meint er damit im Grunde das, was der nur zwei Jahre ältere Hegel "das zu sich selbst kommende Bewußtsein" nannte? Oder das, was Hölderlin meinte, als er sagte: Was bleibet aber - stiften die Dichter? Weil sie, die Dichter, die Poeten, diejenigen seien, die in einer götterfernen Zeit die Erinnerung an die Götter bewahren? Oder gar Goethe: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, denn das unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen"? Oder das, was ein viel Späterer, nämlich Ernst Bloch, mit der "Utopie" umschrieb? Also das Über-sich-hinaus-Denken, -Fühlen und -Handeln? Allerdings, um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, nicht in Form der Hybris, also: ich Mensch, ich bin der bzw. das oder die Größte, von nichts und niemand abhängig - sondern im Gegensatz dazu so, wie wiederum Karl Jaspers es formulierte, nämlich: das Über-sich-hinaus-Denken als Gedenken des menschlichen Ur-sprungs, was aber heißt: Ur-sprung aus einer mir und allem übergeordneten Macht.

In der Tat meint Novalis wohl von all dem ein wenig, doch im wesentlichen das gleiche. Und so dachten und empfanden wohl alle wahrhaft großen Geister aller Zeiten. Ob Plato, Augustinus, ob Thomas, Kant, Hegel, Goethe u.a.m. Sie geben sich als eine große, eigentlich nie unterbrochene Kette durch die Jahrtausende die Hände - und das nicht nur im abendländisch-christlichen Kulturkreis, sondern über die Kulturgrenzen hinweg erdumspannend. Und in breiter Strömung in Deutschland mindestens wieder seit der sog. Aufklärung (sofern diese nicht in engstirniger Verstandes-"Religion" und Vernünftelei endete). Auf jeden Fall und ohne Zweifel Lessing, wofür allein seine großen Schöpfungen "Nathan" und "Die Erziehung des Menschengeschlechts" zeugen. Sodann die großen "Klassiker" und – die "Romantiker", zu denen man Novalis zählt, und zwar nicht nur in Deutschland.

Und doch muß bei den Romantikern differenziert werden. Ist es doch bei Novalis merklich anders als bei - vielleicht - dem Gros der Romantiker sonst: kann man ihnen, wie ich meine: mit einem gewissen Recht (was sich an anderer Stelle, wenn gefordert, nachweisen ließe) eine regressive, auf Restauration zielende Haltung nachsagen, eine rückwärtsgewandte Liebe fürs Mittelalter, so holt sich Novalis auch dort, wo er das Mittelalter nennt und Anklänge an es erkennen läßt, aus ihm gewissermaßen nur beispielhafte Anregungen für seine unübersehbar und lesbar in die Zukunft gerichteten Visionen. (Um sich davon zu überzeugen ist eine gründliche Lektüre Novalis‘scher Schriften allerdings unerläßlich.)

Ganz deutlich wird sein auf die Zukunft gerichtetes Denken in seiner Schrift "Die Christenheit oder Europa". Das Mittelalter ist für ihn quasi die Metapher für eine Einheit, für eine sinnerfüllte Einheit aller Menschen und - aller Menschen mit der Natur, die er für die Zukunft postuliert, als unbedingt notwendig und unerläßlich fordert und - voller enthusiastischen Optimismus‘ erwartet. Dazu gehört auch     - aber nicht nur auch, sondern zuvorderst -     die Wiederentdeckung der Religion und des Glaubens durch die Menschen. Aber nicht nur die Wiederentdeckung, sondern die ernsthafte Entschlossenheit, die wiederentdeckte Religion und den Glauben im Handeln des alltäglichen Lebens zu bewähren. Mit einem Wort: es ist das, was Novalis die Poetisierung der Welt nennt.

Kritiker, die diese Hoffnung des Novalis geradezu als schlagenden Beweis für die sog. romantische Rückgewandtheit des Novalis erkennen wollen, sind in ihrem Denken einer rein diesseitsbestimmten "Aufklärung" verhaftet, was zwar als Rückgrat sog. realistischen, der Wirklichkeit - bzw. dem, was man für Wirklichkeit hält - angemessenen Denkens behauptet wird, was aber noch gar nicht erkannt hat (nicht weil die Denkfähigkeit dazu nicht vorhanden wäre, sondern weil der diesseitsgeile Sinn das Unterbewußtsein beherrscht und von dort her das Erkenntnisvermögen behindert) - die also noch gar nicht erkannt haben, daß der deutsche Aufklärer katexochen, nämlich Lessing, den Glauben an "den einigen Gott" und an "die Unsterblichkeit der Seele" als die Grundlage und das Ziel wahrer Aufklärung - und damit der Menschheitsentwicklung erkannte und in seinem berühmten philosophischen Traktat als dasjenige benannte, ohne das es keine Vollendung der Aufklärung und der menschlichen Bestimmung gibt.

Fast unglaublich, wie absolut anders diese Haltung des Novalis gegenüber der Religion ist als diejenige des Karl Marx. Bei diesem heißt es lapidar: Religion ist Opium fürs Volk - also weg damit! Was einerseits verständlich ist, bedenkt man die jahrhundertelangen Desavouierungen der Religion durch ihren Mißbrauch. Aber - das alles hat nichts mit der wahren Religion zu tun, trifft sie selber gar nicht, sondern immer nur diejenigen, welche sie mißbrauchten.

Für Novalis sind alle Versuche, staatliche Systeme ohne Religion dauerhaft zu machen, wie das ewig vergebliche Bemühen des Sisyphos: ohne Religion mißlingen letztlich alle.

Aber: diese Erkenntnis und die ihr folgenden Versuche zu ihrer Verwirklichung in der Praxis des Lebens sind als höchste Stufe der Freiheit vom Menschen nicht über blutige Revolutionen erreichbar, sie kann ihm überhaupt nicht von außen verordnet oder aufgezwungen werden, sondern kann nur das Ergebnis einer freien Willensentscheidung sein - qua Erkenntnis und - wohl leider - einer langen, evolutionären Entwicklung.

Ist das nun eine Utopie? - eine im fernen, unerreichbaren Niemandsland liegende Traumwelt? - ja, wenn es an Einsicht und Willen zur Umkehr und Veränderung infolge freier Willensentscheidung gebricht. Nein - wenn der Mensch     - und die grundsätzliche Möglichkeit und Potenz dazu hat er -     die Freiheit als Folge der Einsicht in die Notwendigkeit will und ergreift. Novalis will im Grunde weder die Wiederkehr des Mittelalters - noch ist er ein träumender, der Wirklichkeit enthobener "Romantiker", sondern ein visionärer Realist - oder realistischer Visionär, den die Menschen, die nicht guten Willens sind, nur deshalb, ob vorsätzlich oder unbewußt, als einen solchen desavouieren, um damit einen unbequemen Mahner und einen Erzeuger schlechten Gewissens loszuwerden. Eine uralte, inzwischen längst durchschaute, aber dessen ungeachtet immer noch wirkungsvolle Methode, um in allem so weitermachen zu können wie bisher - in dem Gedanken: mich hält‘s noch aus! - oder sogar: nach mir die Sintflut! - und das, ohne des Nachts vor schlechtem Gewissen nicht schlafen zu können, obwohl die Zukunft der ganzen Menschheit damit aufs Spiel gesetzt wird.

Aber damit haben wir uns bereits dem anschließenden Kapitel dieser Reflexionen genähert.

 

IV.

 

Friedrich von Hardenberg genannt Novalis - und Karl Marx: Versuche einer kritischen Würdigung - bezogen auf die Wahl ihrer Namen für die höhere Lehranstalt Greußens in deren 70-jähriger Geschichte.

Was haben nun eigentlich alle die voranstehenden Dar- und Überlegungen mit der höheren Schule Greußens zu tun - und mit dem heutigen Tage, an dem die Schulgemeinde - bestehend aus ehemaligen und heutigen Schülern und Lehrern - sich versammelt, um das 70-jährige Bestehen dieser Institution festlich zu begehen?

Man habe keine Zukunft - wenn man keine Vergangenheit habe, so lautet eine oft zitierte alte, weise Menschheits-Erkenntnis. Ich kann nur wissen, wer ich eigentlich bin, wenn ich weiß, woher ich komme. Und nur aus dem Wissen um meine eigene Identität - vermag ich, gerüstet durch das Wissen um meine Stärken, aber auch um meine Schwächen, mit der gehörigen Selbstsicherheit meinen künftigen Weg zu gehen, achtsam auf Situationen, die meinen Schwächen gefährlich werden könnten, mich dabei gleichzeitig meiner Stärken bedienend, um rüstig voranzukommen. Dabei auf die alte Erfahrung vertrauend, daß Gott demjenigen helfen werde, der zuvor sich selbst zu helfen gewußt habe.

Der Mensch ist ein geschaffenes Wesen. Ein Wesen, das sein Leben nicht selber geschaffen hat - an welcher Wahrheit kein mögliches Klonen, keine Gentechnik, welcher Vollkommenheit auch immer, etwas zu ändern vermögen. Alles andere ist Irrglaube und gefährlicher Irrtum, vernebelt den klaren Blick und vermag den geschaffenen natürlichen Gang der Dinge auf Dauer allenfalls zu disturbieren und die dadurch provozierten Folgen nur auf sich selber zurückstürzen zu lassen.

Der Mensch bleibt ein Geschöpf. Sein Auftrag, den zu erkennen seine vornehmste Aufgabe ist, besteht darin, denjenigen Raum, der ihm überlassen ist und in dem er und für den er die Verantwortung trägt, wahrzunehmen. Dieser Raum ist die Erde, auf der er lebt, und ist die Welt, d.h. die vom Menschen gestaltete Ordnung auf dieser Erde. Diese Ordnung, an der er schafft, die er aufbaut, wobei er Fehler macht, die er, sie und ihre Folgen erkennend, korrigiert und verbessert - mit dem Ziel, eine Welt zu schaffen, die zunehmend für ihn passender, ihm angemessener, kurz: menschlicher wird. Und dabei zugleich sich selber immer klarer erkennend, sich seiner immer ansichtiger werdend. Eine Aufgabe, die kein einzelner Mensch und schon gar nicht während bzw. in der Zeitspanne seines eigenen Lebens schafft. Eine Aufgabe, die nur von der Menschheit insgesamt zu leisten ist, in Jahrhunderten und Jahrtausenden, kurz in dem, was man - die Geschichte nennt.

Und aus diesem großen Zusammenhang vermag sich keiner auszuklinken. Wir sind ein Glied in der großen, langen Kette der Generationen. Wir leben von dem, was andere vor uns getan, was andere uns hinterlassen haben. An Errungenschaften und Wohltaten sowohl - wie auch an Irrtümern und Irrwegen, an Schuld und üblen Nachwirkungen. Mit Recht dürfen wir zwar darauf verweisen, daß wir an Irrungen, an unbeabsichtigten wie insbesondere beabsichtigten Missetaten, ja an Verbrechen persönlich keine Schuld trügen – deshalb kommen wir an der harten, vielleicht als ungerecht empfundenen Tatsache doch nicht vorbei, daß wir für das, was uns hinterlassen worden ist, die Verantwortung tragen. An uns liegt es, die Welt, wie sie im Moment, da wir in sie eintreten, ist, zu übernehmen und - mit dem verantwortlich umzugehen, was wir vorfinden.

Der Zufall     - oder sagen wir: der vom Einzelnen nicht bestimmbare Gang der Geschichte -     hat mich, einen der ersten Abiturienten der höheren Schule Greußens, nach dem Zweiten Weltkriege in das kleine thüringische Städtchen Greußen verschlagen. Ein Städtchen, das ich bis zu dem Zeitpunkte, an dem es mir auf dem Schulamte in Sondershausen empfohlen wurde, nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte. Schaue ich auf diese Tatsache zurück, daß ich     - ein Deutscher des 20. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der großen Ideologien und selbst noch von ihnen erfaßt, des Jahrhunderts der vielfältigen wie vielfachen Unmenschlichkeiten, der Zusammenbrüche individueller und staatlicher Existenzen, der unzähligen Entwurzelungen und Heimatvertreibungen und menschlichen Identitätsverluste, aber auch ein Jahrhundert der aufgewühlten Gewissen, des Mit-sich-ins-Gericht-Gehens, der Entdeckung der Essentiale und Wesentlichkeiten - wie auch deren Verluste, des Aufbruchs und Neu-Anfangs, der Hoffnung und des guten Willens - ein Deutscher auch, dem es vergönnt ist, den Beginn des 21. Jahrhunderts noch zu erleben -     schaue ich auf diese für mich selbst oft erstaunliche Tatsache, prall gefüllt mit Erkenntnissen, zurück - und mache mir klar, daß ich vor mehr als einem halben Jahrhundert an der höheren Lehranstalt dieser thüringischen Kleinstadt mein Abitur machte, einer Schule, die damals den Namen "Karl Marx" trug und heute "Friedrich von Hardenberg-Gymnasium" heißt - dann verspüre ich beinahe körperlich den enormen Bogen - in ihr erfolgter vergangener Zeit und an Wandlungen der Geschichte - der sich nicht nur über meinem Leben wie über dem anderer hinwegwölbt, ohne daß man selber von ihm tangiert wäre, sondern verspüre, wie ich selber ein Bestandteil dieser Bogenspannung bin, ein Teil dieses geschichtlichen Bogens, der aus so Inkommensurablem wie Marx und Novalis und so manch anderem besteht.

Und ob ich es mag oder nicht: ich vermag mich aus dieser Geschichte mit ihren Widersprüchen und Unvergleichbarkeiten nicht zu lösen, nicht hinwegzustehlen - es ist meine Geschichte. Genauso wenig wie es diejenigen können, die durch die Gnade der späten Geburt von der Teilnahme an solchen Widersprüchen verschont geblieben sind: es ist ihre Schule, ist ihr Heimatort, an denen sich bzw. mit denen sich Derartiges ereignete.

Und wenn sie sich mit ihnen identifizieren, sich ihnen zugehörig fühlen, dann sind sie auch mit deren Vergangenheit verbunden, werden, selbst gegen ihren Willen, mit ihnen konfrontiert, z.B. in Form einer denkbaren Frage wie dieser: Ach, am Gymnasium in Greußen sind Sie? Hieß das nicht früher einmal "Karl-Marx-Oberschule"?

Das alles muß keine Frage nach eigener schuldhafter Verstrickung sein - aber das Problem, wie man damit umgeht. Vergleichbar der, wenn auch gewissermaßen auf höherer Ebene möglichen Situation, daß jemand als nachgeborener Deutscher als Tourist in Israel kritisch betrachtet und auf die Nazi-Zeit angesprochen wird, so als wäre es seine Zeit gewesen.

Wie ist es denn nun mit der Vergangenheit, unserer Vergangenheit und derjenigen der höheren Schule Greußens und dem von ihr einmal getragenen Namen "Karl Marx" - gibt es denn, statt ihn am liebsten zu verschweigen, ihn möglichst zu verdrängen, zu vergessen oder sich seiner gar zu schämen - oder, ganz im Gegenteil, sich unbändig zu freuen, auf eine billige Art zu triumphieren, daß diese Zeit, mit der man sowieso nie habe etwas zu tun haben wollen, überstanden ist - oder gar statt des verkniffenen Zorns, daß diese Zeit vorüber ist, und der stillen Hoffnung, sie möge wiederkehren - gibt es denn eine vernünftige Art, mit diesem Namen und der geschichtlichen Rolle und Bedeutung seines Trägers umzugehen?

War der Name "Karl Marx" für die höhere Schule Greußens nichts als ein Mißgriff, gar ein Unglück oder unverdientes Schicksal? Haben sich die heutige Schule und ihre, insbesondere ehemaligen, Lehrer und Schüler dafür zu schämen?

Da wäre als erstes zu bedenken, daß die Namensgebung im Zuge der Folgen des Zweiten Weltkrieges erfolgte. Es war von der Siegermacht Sowjet-Union nichts anderes als konsequent, daß sie, ein auf dem Marxismus-Leninismus beruhendes Regime, nach der Besetzung Thüringens direkt oder indirekt veranlaßte oder gebot, daß alle für gesellschaftspolitische Einflußnahmen wichtigen Stellen, Ämter und Institutionen von allem zu reinigen bzw. zu befreien waren, was an das besiegte Nazi-Regime erinnerte, und daß diese stattdessen für eine Umerziehung der deutschen Bevölkerung einzusetzen seien.

Man kann darüber ergrimmt, traurig und verärgert sein, man kann sich deshalb empören, aber man hat als Deutscher kaum das Recht, auf diese furchtbaren sowjetischen Bolschewisten nur haßerfüllt zu schimpfen, hat man doch nur unter denjenigen Geistern gelitten, die man selber gerufen hatte.

Daß der Zweite Weltkrieg     - ohne die Frage nach den vielverzweigten und vielschichtigen Ursachen damit einseitig entscheiden zu wollen -     ohne die Hauptschuld der Deutschen nicht - oder zumindest nicht so zustande gekommen wäre und nicht so einmalig grauenhafte Formen und Begleiterscheinungen sowie derartige Folgen hervorgebracht haben würde, das scheint nach dem Stande der historischen Forschung inzwischen längst unwiderlegbar zu sein.

Wenn man in Teilen Deutschlands also, leider, nicht nur unter den hauptsächlich selbst verschuldeten Folgen eines verlorenen Krieges, sondern unter der besonders ungeliebten sowjetischen Besatzungsmacht hat leiden müssen, dann ist immer auch die eigene Schuld Deutschlands mitzudenken, die den Krieg entscheidend verursacht und seine Folgen herausgefordert hat.

Von solchen Überlegungen aus besteht weder ein Grund noch ein Recht, sich entweder des Namens "Karl Marx" schämen zu müssen - noch deshalb desavouiert zu werden. Denn erstens ist er, wenn auch einem verirrten Humanisten zugehörig, immer noch honoriger und erträglicher als derjenige des Menschenverächters und Menschenschlächters Adolf Hitler. Und außerdem zwingt er uns, die von alledem Betroffenen, uns unserer geschichtlichen Schuld, mindestens jedoch unserer geschichtlichen Verantwortung bewußt zu sein. (Damit sind keineswegs die Greueltaten des sowjetischen Regimes vor, im und nach dem Kriege entschuldigt. Sie liegen als dauernde Aufgabe jedoch in der Schuldverarbeitung und in der Verantwortung der Menschen der ehemaligen Sowjet-Union.)

Und es ist bei der aufgeworfenen Frage, ob man sich des Namens "Karl Marx" schämen müßte, zweitens der Rolle und Bedeutung zu gedenken, die dieser Deutsche nicht nur in der deutschen, sondern in der europäischen, ja der Weltgeschichte gespielt hat.

Als der ehemalige Generalsekretär der KPdSU Nikita Chruschtschow, ein im Grunde pfiffig-raffiniertes, schlitzohriges Bäuerlein, in einer Pause während einer internationalen Konferenz mit Vertretern der sog. West-Mächte debattierte, konterte er ihre aggressive Vorwurfshaltung ihm und der kommunistischen Sowjet-Union gegenüber mit der frappierenden Feststellung, sie selbst, die Kapitalisten, hätten doch die Existenz des Kommunismus heraufbeschworen und verschuldet.

Diese anekdotenhafte Begebenheit entspricht genau dem Wesen einer Anekdote, nämlich: wäre sie nicht historisch verbürgt, sondern erfunden, so könnte sie doch wahr sein. Und nichts an dieser kolportierten Begebenheit, so meint man als ein um Objektivität bemühter Mensch, erlaubt einen begründeten Widerspruch. Denn in der Tat: das "Gespenst" Kommunismus hätte nicht in Europa umgehen können, hätte der gegen die himmelschreiende Not und Verelendung unempfindlich gewordene Unternehmerstand das nicht selber heraufbeschworen.

Man muß die aus dem 19. Jahrhundert vorliegenden Berichte, besonders gut belegt und dokumentiert aus der Manchester-Gegend, nur einmal gelesen haben, um zu verstehen, ja - zu wissen, daß die gewollt hingenommene, ja in nicht wenigen Fällen gezielt geförderte Entwürdigung von Menschen durch Menschen sich eines Tages an den Vertretern der Unmenschlichkeit rächen mußte - weil deren Verhalten eine Art von satanischer Rebellion gegen die Schöpfungsordnung darstellt, gemäß welcher der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen - und zur Krone der Schöpfung bestimmt ist.

Es ist aus der historischen Rückschau wohl kaum falsch zu sagen: hätte Marx die Völker nicht mit seinen Posaunenstößen aufgerüttelt und mit seinen revolutionären Aktionen bis ins Innerste erschreckt - die Menschheit wäre kaum bereit gewesen, auf solche Stimmen wie die des Novalis und vieler anderer zu hören - und aus Einsicht, freier Gewissensentscheidung und tätiger Nächstenliebe die Grausamkeiten gegen ihre Mitmenschen zu beenden. Das ist bedauerlich, ist vielleicht     - angesichts der Berge von Leichen, die nicht nur die Adepten des Marx, sondern auch und vor allem die menschen-verachtenden Horden seiner ideologischen Hauptgegener, der Faschisten, hinterlassen haben -     das ist vielleicht in Anbetracht dessen sogar zynisch, gleichwohl bleibt es wahr.

Wir haben nun, hoffentlich, das Jahrhundert der großen totalitären Ideologien, wie Karl Dietrich Bracher es nennt, hinter uns, mit einem teuer erkauften Lernerfolg. Und unsere Ohren, vor allem unsere Herzen und unsere Gewissen sind hoffentlich bereitwilliger geworden, auf Stimmen wie die des Novalis zu hören. Das ist eine Hoffnung, die allerdings erst noch durch die Tat bewährt werden muß. Denn die jahrtausendealte geschichtliche Erfahrung steht immer noch drohend dagegen, daß nämlich die Menschheit selten dazu bereit ist, Zustände, von denen einzelne unangemessene Vorteile genießen, im Interesse aller anderen freiwillig zu ändern und auf die ihnen lieb und zur Gewohnheit gewordenen Privilegien zu verzichten. Ein Beispiel aus jüngster Zeit beweist uns das aufs neue: ohne den Ausbruch solcher, auch den Menschen bedrohender Krankheiten und Seuchen wie BSE und MKS wären die Menschen - trotz seit längerem bestehender Warnungen - wohl kaum bereit gewesen, freiwillig auf die Annehmlichkeit möglichst preisgünstiger Steaks zu verzichten. Der Mensch scheint des kräftigen, auch schmerzhaften Tritts zu bedürfen, um zur Vernunft zu kommen. Bezogen auf Marx und all die von ihm verursachten Folgen: er ist ein solcher "Tritt" gewesen, der zumindest die Europäer, und zwar mit jahrzehntelanger Nachhaltigkeit, hoffentlich auch bald die Menschen anderer Erdteile, hat zu Einsicht und Vernunft kommen lassen.

Und wenn auch bei der Ablegung des Namens "Karl Marx" für die höhere Schule Greußens die Wandlungen in der politischen Großwetterlage in Deutschland und in der Welt eine Rolle gespielt haben mögen     - was von den einen beklagt, von anderen dagegen begrüßt worden sein mag -     so wäre es töricht und geistig kleinkariert, sowohl Karl Marx selbst wie die Tatsache, daß diese Schule einmal seinen Namen getragen hat, im tiefen Loch des Verdrängens oder Vergessens verschwinden zu lassen. Uns Überlebenden und Nachgeborenen obliegt vielmehr die Pflicht und die Verantwortung, uns dieser Fakten als Bestandteile unserer, der Greußener wie auch der deutschen und der Menschheitsgeschichte bewußt zu sein, sich ihrer zu versichern in der Weise einer kritischen Aneignung und Würdigung - als Teil der ständigen Verarbeitung unserer eigenen wie auch der Vergangenheit unseres Volkes, ohne die wir bekanntlich keine Zukunft hätten.

Soweit zum Umgang mit Marx. Ohne Scham, ja mit einer kritischen Bewunderung für eine geschichtlich wohl unvermeidbare, vielleicht sogar notwendige Leistung, aber zugleich mit gebotener kritischer Distanz zu den von ihm initiierten Methoden historisch-politischen Handelns und deren z.T. grausamen Folgen - und damit zu seinem Mangel an Zukunftsträchtigkeit.

Wie aber ist es nun mit Friedrich von Hardenberg genannt Novalis bestellt? Unbestritten dürfte sein, daß, wer sich zu seinem Namen bekennt und zu dem, wofür dieser steht, sich nicht zu schämen braucht. Nichts in seinem Leben und Werk bietet auch nur den geringsten Anlaß dazu. Denn beide sind so beschaffen, daß man in ihnen ein Ziel erkennt, das anzustreben und für das die Kräfte zu bündeln und einzusetzen sich lohnt, kurz: das, zeitüberdauernd, im Namen der Menschlichkeit Zukunft verheißt.

Wir wollen nun gegen Ende dieser Betrachtungen diese Frage, wenigstens ansatzweise, erörtern und erwägen.

Der Name "Friedrich von Hardenberg" - ein Name mit Zukunftsträchtigkeit.

Es liegt bei einem Vergleich mit Marx der Vorwurf nahe: während dieser die Veränderung der von beiden kritisierten Wirklichkeit praktisch zu unternehmen versuchte - habe jener nur von einer "Poetisierung" geträumt. Und schließlich: wie sollte so etwas, eine "Poetisierung", denn praktisch überhaupt gehen?

Liest man Novalis allerdings vorbehaltlos genau, so ist festzustellen, daß es kaum möglich ist, seine Schriften nur als "Interpretationen der Welt" zu bezeichnen, denn: in allen Darstellungen enthalten ist immer auch die - zumindest indirekte - Aufforderung, so, wie die Poetisierung es meint , auch zu sein. Aber genau hier liegt der Unterschied: Marx verändert, indem er durch direkten Zugriff alle zwingt - Novalis will verändern, indem er die dem Menschen verliehene Anlage zur Freiheit dazu aufruft, es von selbst zu wollen - nachdem die Bewußtseine durch Aufklärung für eine solche freie Willensentscheidung reif geworden sind.

Jeder historisch Kundige weiß zudem, daß dieses Bild vom Mittelalter, dessen sich Novalis bedient, nicht der historischen Realität entspricht – wobei allerdings ernsthaft zu bedenken wäre, ob Novalis stattdessen nicht tatsächlich die Wahrheit im historischen Geschehen entdeckt? Es handelt sich bei seinem Mittelalter-Bild vielmehr um eine gewissermaßen in die Vergangenheit zurückdatierte Zukunfts-Vision. Schon das allein macht das Urteil, Novalis’ Denken sei eine Regression ins Mittelalter, fragwürdig. Sein Mittelalter-Bild stellt vielmehr einen Versuch dar, seiner Zukunfts-Vorstellung als gewissermaßen bereits geschichtlich bewährt mehr Gewicht zu geben.

Das Fazit, das aus der Realität solcher Experimente wie denjenigen des Karl Marx gezogen werden muß: gewaltsame Veränderungsversuche, wie durch ihn, insbesondere seine Adepten, geschehen, bringen eine wirkliche Veränderung nicht, keine Wandlung der Herzen, keine Herrschaft der "Poesie" über die egomanischen, materie-süchtigen, haben-geilen Menschen - sondern stattdessen Berge von Leichen und gebrochener Existenzen am Wege und - einen Rückschlag in der Evolution. Eine fürchterliche Realisierung des vernichtenden Urteils des bereits vor Marx über die sperrige Wirklichkeit verärgerten Hegel: wer sich dem Gange der Selbstverwirklichung des Weltgeistes widersetze, der gehöre auf den Abfallhaufen der Geschichte.

Eine Kalamität, so scheint es: ob Novalis oder Marx - beide scheitern mit ihren Ideen letztendlich an dem "kleinen Gott dieser Welt" (Goethe), nämlich dem Menschen.

Und doch - wollen wir angesichts solcher deprimierenden Erfahrungen nicht ganz und gar zynisch und hoffnungslos werden, dann gibt es für die Zukunft der Menschheit keinen anderen Weg als den, in einem mühsamen Lernprozeß den Novalis‘schen Vorschlag zu akzeptieren - als den einzig realistischen. D.h.: die Menschen müssen, freiwillig und infolge verständnisvoll und geduldig begleitender Erziehung, lernen: das Gute um des Guten willen zu tun, so wie es Lessing in seinem philosophischen Traktat "Die Erziehung des Menschengeschlechts" sinngemäß sagte.

Lessing, der sog. "Aufklärer" oder: der wahre Aufklärer - auch er, wie dieses Wort, wie sein ganzer "Nathan" es ausweist, kein Vertreter der sog. Aufklärung, gegen die sich die Romantiker, zuvorderst Novalis, auflehnten, sondern wesentlich einer der ihren. Auch ein Romantiker also? Schwerlich, sondern eher ein wahrer Realist - wie jene auch. Die viele wohl nur deshalb desavouierten, um sich einen unbequemen Anspruch vom Leibe zu schaffen. Wohingegen nicht jeder, der Ansprüche an sich selbst und die Menschen stellt, um sich und ihnen völkervernichtenden Mord und Ströme von Blut und namensloses Elend und Not, womöglich den eigenen Untergang zu ersparen, ein realitätsferner, träumender "Romantiker" ist, sondern eher doch ein Mensch, der die Wahrheit und die sich aus ihr notwendig ergebenden Folgen klarer erkannt hat - als seine angeblich so realistischen Kritiker, Traumtänzer sie, die sich um des Gewinns einer Galgenfrist willen gegen die wahre Realität blind und taub stellen.

Novalis dagegen     - der zur Zeit der Niederschrift seiner Gedanken noch nicht dreißig Jahre alt, aber gleichwohl von tiefer Weisheit erfüllt ist, wie nur ein tiefer Glaube an die sinnbestimmte göttliche Schöpfung sie hervorzubringen vermag -     Novalis setzt auf das geduldige Arbeiten im Weinberge des Herrn. Er mahnt sich und alle, die nach einer veränderten Menschheit in einer veränderten Welt sich sehnen, zur Geduld. Er weiß: "Noch (ist) die Menschheit für dieses herrliche Reich nicht reif, nicht gebildet genug." Noch wird dieses ganz Andere, weil noch nicht erreicht, vor allem nicht ohne Mühen erreicht, von Mißerfolg und Enttäuschung her beurteilt und als Trug und Wahn angesehen. Noch hält diese insgeheim Liebe nach dem ganz Anderen dem Drucke des Geschäftslebens nicht stand. Wird durch eigennützige Sorgen verdrängt. Doch: "Vernichtet kann jener unsterbliche Sinn nicht werden, aber getrübt, gelähmt, von anderen Sinnen verdrängt." Noch wenden die Menschen "ihr ganzes Sinnen und Trachten… den Mitteln des Wohlbefindens allein" zu. "…der habsüchtige Mensch hat so viel Zeit nötig, sich mit ihnen bekannt zu machen und Fertigkeiten in ihnen sich zu erwerben, daß keine Zeit zum stillen Sammeln des Gemüts, zur aufmerksamen Betrachtung der inneren Welt übrig bleibt." "In Kollisions-Fällen scheint ihm das gegenwärtige Interesse näher zu liegen, und so fällt die schöne Blüte seiner Jugend, Glauben und Liebe ab, und macht den herben Früchten, Wissen und Haben Platz."

Und trotz alledem: es muß Geduld bewahrt werden, muß geduldig daran gearbeitet werden, den Gedanken an eine andere, an eine dem Menschen eigentlich angemessene Welt wachzuhalten. Jede Ungeduld aber, gar der Versuch, die für eine "Poetisierung" der Welt noch unreife, ungebildete Menschheit dahin zu befördern, muß mißlingen, muß den Zustand der Gemüter nach etwa mißlungenen, erfolglosen Versuchen noch verwirrter zurücklassen, als sie es vorher bereits waren. Der echte Beobachter betrachte solche Versuche "ruhig und unbefangen". Alle gewaltsamen, unzeitigen Versuche kommen ihm "wie Sisyphos vor. Jetzt hat er die Spitze des Gleichgewichts erreicht und schon rollt die mächtige Last auf der andern Seite wieder herunter. Sie wird nie oben bleiben, wenn nicht eine Anziehung gegen den Himmel sie auf der Höhe schwebend erhält".

Und damit hat Novalis etwas, das Wesentliche genannt: die Schaffung einer dauerhaft glücklichen Gemeinschaft der Menschen, einer, wie er es dichterisch nennt: poetisierten Welt wird erst dann möglich sein, wenn der Glaube an Gott wieder in die Herzen der Menschen zurückgekehrt sein wird. "Alle eure Stützen sind zu schwach, wenn euer Staat die Tendenz nach der Erde behält, aber knüpft ihn durch eine höhere Sehnsucht an die Höhen des Himmels, gebt ihm eine Beziehung auf das Weltall, dann habt ihr eine nie ermüdende Feder in ihm…". ("Weltall" ist hier wie es der Kon-Text beweist, metaphorisch für Transzendenz, für Gott gebraucht, ist nicht im physikalisch-astronomischen Sinne zu verstehen).

Aber: an "die Höhen des Himmels", an den Glauben an Gott statt des Glaubens an sich selbst, an "den kleinen Gott dieser Welt" (wie Goethe den Mephisto im "Faust" ironisch den Menschen nennen ließ), an die vielen "Ersatz-Götter" und Götzen - an diesen echten Glauben muß die Menschheit erst wieder geduldig herangeführt werden. Sofern und solange sie jedoch von innen noch nicht reif dafür ist, sind alle gewaltsamen Versuche nicht nur erfolglos, sondern kontrapunktiv. Und so mahnt denn Novalis: "O! daß der Geist der Geister euch erfüllte und ihr abließet von diesem törichten Bestreben die Geschichte und die Menschheit zu modeln und eure Richtung ihr zu geben."

Bei solchen Worten meint man unwillkürlich, Novalis hätte zeitlich nach Marx gelebt und diese Erfahrung aus ihm gezogen - doch bereits das unmittelbare Erleben der zeitgenössischen Französischen Revolution reichte aus, ihm die Augen zu öffnen. Zwar, so hatten wir oben festgestellt, waren das Denken und Wirken des Karl Marx auf Grund und angesichts menschlichen Elends durchaus verständlich, für den Augenblick legitim und verdienen deshalb einen gewissen Respekt, aber - wer die nach-marxistische, nach-kommunistische Zeit anschaut, in der wir heute leben, wird unvoreingenommen feststellen müssen, daß sich die innerste Einstellung der Menschen trotz Marx nicht verändert hat. Vielleicht sogar im Gegenteil: sie sind, gerade wegen des Kommunismus und, bei den weniger Betroffenen, wegen des Sieges über den Kommunismus in sich noch selbstgerechter geworden, weil des Irr-Glaubens, mit ihm den gefährlichen Feind ein für allemal überwunden zu haben - sich als die Besseren, die Guten fühlend und dabei gar nicht bemerkend, daß der alte Feind, verwandlungsfähig wie Mephisto, in ihnen tief eingewurzelt lebt.

Deshalb - keine Übereilung. Keine Selbst-Blindheit. Denn: wo keine Götter sind, "walten" am Ende noch und immer wieder "Gespenster".

Novalis vertritt damit eine dem Lessing vergleichbare Haltung, die dieser in seinem Traktat "Die Erziehung des Menschengeschlechts" im § 90 ausdrückt: "Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleuniget; und wünscht, daß sie durch ihn beschleuniget werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblicke seines Daseins reifen. Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt, nicht noch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?"

Friedrich von Hardenbergs Universalität - ein Exkurs über seine Einstellung zur Natur und ihrer wissenschaftlichen Erforschung.

An dieser Stelle unserer Betrachtungen angekommen, will es uns scheinen, als hätten wir bisher noch nicht genügend hervorgehoben, was ihn auf bemerkenswerte Art kennzeichnet     - womit wir seinem besonderen, ihn auszeichnenden Wesen in-adäquat geblieben wären -     nämlich die Universalität seines Dichtens und Denkens.

Es war bereits angeklungen, daß die Zeitgenossen etwas an ihm beobachteten, was zur verbreiteten Vorstellung von einem Romantiker schlecht oder gar nicht passen will: nämlich seine nicht etwa nur träumerische, also "romantische", sondern ernste, ja wissenschaftliche Einstellung zur Natur. Ob Bergbau, Mineralogie, Chemie oder Physik - seine Interessen nicht nur, sondern seine hervortretende Begabung galt diesen     - als exakt und in gewisser Weise als im Gegensatz zu den geisteswissenschaftlichen Bereichen stehend geltenden -     Naturwissenschaften ebenso wie der Philosophie, der Geschichte, der Poesie oder     - wieder eine anscheinende Inkommensurabilität -     der Mathematik.

Wie geht das alles für das Verständnis einer Welt, die an strenge Einteilung in Einzelwissenschaften und an deren Abgrenzung voneinander gewöhnt ist, zusammen?

Novalis selbst gibt uns auf diese Frage sowohl, verschlüsselt, in seinen Märchen, insbesondere in denen im "Ofterdingen", wie in einzelnen seiner Gedichte, aber auch in verschiedenen seiner Prosa-Schriften Hinweise für eine Antwort. So heißt es z.B. in seinen "Dialogen" von 1798 unter der Überschrift "Naturlehre": "Auf einen groben Klotz - gehört ein grober Keil. Dies Sprichwort ist für die Naturlehre gemacht, denn sie soll ja hier durch den Verstand gespalten werden …drum sieht es auch jetzt recht kühl bei uns aus, da man... recht heillos mit diesem Reichtum umgegangen ist… Aber eben weil wir Philosophen sind, brauchen wir uns um die Ausführung nicht zu kümmern. Wir haben das Prinzip, und damit gut - den gemeinen Köpfen bleibt jene überlassen…"

Und in der Aphorismen-Sammlung "Blütenstaub", die 1798 in der Zeitschrift "Athenäum" veröffentlicht wurde, heißt es u.a.: "Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge." Und: "Das Beste an den Wissenschaften ist ihr philosophisches Ingrediens, wie das Leben am organischen Körper."

Und zur Mathematik äußert sich Novalis in "Fragmente" u.a. so: "Es kann Mathematiker der ersten Größe geben, die nicht rechnen können. Man kann ein großer Rechner sein, ohne die Mathematik zu ahnden." Und schließlich: "Im Morgenlande ist die echte Mathematik zu Hause. In Europa ist sie zur bloßen Technik ausgeartet."

Und erinnern wir uns schließlich noch daran, was Novalis über die sog. Aufklärung in der oben besprochenen Schrift "Die Christenheit oder Europa" gesagt hatte. Ich zitiere sinngemäß: man sei rastlos beschäftigt gewesen, in der Natur, dem Erdboden, den menschlichen Seelen und den Naturwissenschaften "jede Spur des Heiligen zu tilgen". Die Natur aber sei, zum Verdruß der sog. Aufklärer, wunderbar und unbegreiflich geblieben. Die "Hülfsbedürftigkeit der äußern Wissenschaften"(d.h. der nur auf die äußere Hülle der lebendigen Phänomene gerichteten Wissenschaften) sei immer sichtbarer geworden - und die Natur selbst begann dabei immer "dürftiger" auszusehen. Jeder Forscher habe sich gestehen müssen, daß eine Wissenschaft nichts ohne die andere sei.

Und in seinem unvollendeten Natur-Roman "Die Lehrlinge zu Sais" heißt es: die Naturforscher hätten die Natur "zur täglichen Nahrung und Notdurft verarbeitet und jene unermeßliche Natur zu mannigfaltigen, kleinen, gefälligen Naturen zersplittert... suchten mit scharfen Messerschnitten den innern Bau und die Verhältnisse der Glieder zu erforschen. Unter ihren Händen starb die freundliche Natur und ließ nur tote, zuckende Reste zurück…"

Wo immer man auch in Novalis‘schen Texten auf Äußerungen zu den Wissenschaften, insbesondere Naturwissenschaften stößt, findet sich dieselbe kritische Grundeinstellung und - die Forderung nach einer Veränderung. Wie reimt es sich zusammen, daß ein von der Natur und ihrer Erforschung nachweislich begeisterter und dafür begabter Mann sich derart kritisch dazu äußert? - und: was ersehnt, fordert und stellt er sich dieses betreffend vor?

Novalis ist der Ansicht     - aber diese Ansicht ist offensichtlich nicht nur eine subjektive Einbildung, sondern beruht auf der Beobachtung von objektiv Gegebenem - , daß ab einem bestimmten Zeitpunkt der europäisches Geschichte sich die Wissenschaften verselbständigt hätten. Daß andere Bereiche des menschlichen Lebens sich herausgelöst hätten aus einem bis dahin bestehenden großen Zusammenhang, Sinn-Zusammenhang, in welchem alles Einzelne aufeinander zugeordnet gewesen sei und eine sinnvolle, und zwar erkennbar sinnvolle Funktion im Ganzen gehabt hätte. Die alle und alles zusammenbindende Mitte, auf die hin ein jedes seinen es und das Ganze tragenden Sinn gefunden hätte, sei verloren gegangen. Die Folge sei gewesen, daß ein jedes Einzelne in sich selbst den Sinn gesucht und gesehen habe, was zu einem chaotischen, sich gegenseitig bekämpfenden Vielerlei von Einzelnem geführt habe. So auch die Wissenschaften. Die Chemie z.B. betreibe eine Wissenschaft um ihrer selbst willen. Sie frage dagegen nicht mehr nach ihrer Aufgabe und - Verantwortung im Zusammenhange der gesamten Natur - einschließlich, und in besonderem Maße, der menschlichen Welt.

Es müsse demzufolge gehofft und gefordert werden, eine neue sinnstiftende Mitte zu finden, die alle in sich verbohrten, borniert gewordenen Vereinzelungen aufzulösen und einer sinnvollen, an ihrer Stelle unverzichtbaren Tätigkeit zum Wohle des Ganzen zuzuführen vermöchte.

Eine solche Forderung, und zwar als lebenserhaltend, zu erheben und dieses Geforderte im Bewußtsein der Menschen wachzuhalten - sei derzeit einzig die Dichtung, die Poesie in der Lage.

Es wäre wohl fatal, angesichts unserer heutigen Situation diese Vorstellung des Novalis als Produkte eines romantischen Träumers abzutun. Zu sichtbar sind inzwischen die Folgen solcher menschlichen Aktivitäten geworden, die auf ihrem jeweils schmalen Gebiet Staunenswertes erreichten - ohne jedoch auf das links und rechts Liegende zu schauen und ohne Gedanken und Rücksicht darauf, was ihre sog. Errungenschaften im Umfeld anrichten und im großen Zusammenhang des gesamten Bios an unmittelbaren oder nachhaltigen Schäden bedeuten.

Und auch hier bekommt Novalis wieder eine späte Bestätigung und Unterstützung durch den Philosophen Karl Jaspers, der sich vor seiner Laufbahn als Philosoph erst einmal als Mediziner, und zwar als Psychiater, habilitierte. Er schreibt 1931 zum Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit, ich zitiere, stellenweise sinngemäß, aus seinem Buch "Die geistige Situation der Zeit": die Wissenschaften leisteten heute zwar Außerordentliches. Insbesondere die Naturwissenschaften hätten aufregende Fortschritte erzielt. Trotzdem seien die Zweifel an den Wissenschaften gewachsen. "Die Naturwissenschaften bleiben ohne Totalität einer Anschauung…" Die Krise der Wissenschaften bestehe also "nicht in den Grenzen ihres Könnens, sondern im Bewußtsein ihres Sinns. Mit dem Zerfall eines Ganzen ist nun die Unermeßlichkeit des Wißbaren der Frage unterstellt, ob es des Wissens wert sei. Wo das Wissen ohne das Ganze einer Weltanschauung nur noch richtig ist, wird es allenfalls nach seiner technischen Brauchbarkeit geschätzt." Allerdings sei dafür nicht die Wissenschaft als solche verantwortlich, sondern der Mensch, der sie betriebe. Er selbst befinde sich in einer Krise. "Eigentliche Wissenschaft ist das Wissen der Weisen und Grenzen des Wissens." Es herrsche der Aberglaube, Wissenschaft bestehe aus einem grenzenlosen "Sachverstand von allem", aus dem "Machenkönnen" und aus der technischen "Meisterung jeder Schwierigkeit."

Nicht uninteressant auch in diesem Zusammenhange ein vergleichender Blick auf Karl Marx. Während - darin Novalis vergleichbar - seine ursprüngliche Kritik an den herrschenden Zuständen in der Entfremdung des Menschen gründet, in dessen Entwürdigung zur Sache, zum Ding, ja - zur Ware, ist er voller Bewunderung für die wissenschaftlichen und technischen Leistungen der Menschheit. Geradezu euphorisch klingt es in seinem Manifest: "Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kollossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung (!!) der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoße der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten."

Das ist ein deutlicher und unüberhörbarer Ton von euphorischer Bewunderung. Wenn ein kritischer Unterton mitschwingt, dann gilt er nicht diesem Faktum an sich, sondern der Tatsache, daß alle diese wunderbaren Leistungen in der Verfügungsgewalt einer einzigen Gesellschaftsklasse sind, die diese dazu benutzt, die andere Menschheit auszubeuten. Wenn also hieran etwas geändert werden muß, dann nicht etwa an der "Unterjochung der Naturkräfte", dem schrankenlosen Einsatz der "Chemie", nicht an der "Urbar-machung", der "Schiffbar-machung", den "hervor-gestampften Bevölkerungen", sondern (nur) an der gesellschaftlichen Verfügungsgewalt der Bourgeoisie über die Produktionskräfte, die derart gewaltsam in die Natur eingreifen und mit ihr umgehen, und an der ungerechten Umverteilung des Gewinns, der sich aus all diesen an sich großartigen Leistungen ergibt.

Wie anders, ja - diametral anders dagegen die Sichtweise des Friedrich von Hardenberg, ein rundes halbes Jahrhundert vor der Entstehung des Marx‘schen "Manifests". Man meint in den Texten des Novalis die programmatische Grundlage solcher Organisationen wie BUND, WWF, Green Peace u.a.m. zu erkennen, die sich in unseren Tagen für die Erhaltung der Natur vehement einsetzen und für die Durchsetzung von Maßnahmen kämpfen, welche die Natur, und zwar nachhaltig, zu schützen vermögen. Von vielen angegriffen und bekämpft, aber im Bewußtsein der Menschen doch, wenn auch ganz langsam, an Raum gewinnend. Eine Hoffnung.

Dieser eklatante Unterschied zwischen Novalis und Marx geht auf die grundlegend verschiedenen Weltbilder beider Männer zurück: während bei Marx der, zwar von gesellschaftlicher Herrschaft befreite, Mensch der höchste Wert und das Maß aller Dinge ist - bekommt in der Weltschau des Novalis alles in dieser Welt seinen Sinn aus Gott, aus seinem göttlichen Ur-sprung. Die in der Welt bestehende Störung entspringt der Selbstgesetzlichkeit des Einzelnen, die z.B. auch das, was Marx den "Klassenkampf" nennen wird, mit einschließt. Aber diese Störung kann nur durch eine viel tiefer greifende Erneuerung behoben werden, als es ein revolutionärer Wechsel von Klassenherrschaften vermag. Von einer Erneuerung, die alle Vereinzelung und hybride Selbstgesetzlichkeit aufhebt im Wissen darum, daß alles, was da ist, in einem großen Zusammenhange sinnvoll und verantwortlich aufeinander bezogen und angewiesen ist. Der dichterisch vorweggenommene Weg dorthin ist das, was Novalis "Poetisierung der Welt" nennt.

Auch aus diesen Überlegungen ergibt sich für eine Schule, die den Namen Hardenberg trägt, ein ganz besonderer didaktischer Anspruch. Man wird z.B. naturwissenschaftlichen Unterricht nicht in der Weise gestalten dürfen, daß man anstelle von fachlichen Sachkenntnissen nur die Unterrichtung von auf die Naturwissenschaften bezogener "Moral" setzt. Damit dann das wörtlich nehmend, den Buchstaben folgend, nicht dem in ihnen verborgenen Sinn, was Novalis sagte: daß nämlich Natur und - Moral eng aufeinander bezogen seien. Denn das wäre - aber Derartiges ist mir in der Tat als angedachte pädagogisch-didaktische "Reform" schon wirklich begegnet - das wäre ein unüberbietbar primitives Verständnis von menschlicher Kultur und deshalb schlechtweg verantwortungslos.

Man kann nämlich die Menschheit nicht dadurch besser machen, daß man sie "dümmer" macht, sondern nur dadurch, daß man sie durch Wissen zur - Verantwortung führt. Moral ist nichts, was an ihr selbst und um ihrer selbst willen existiert, sondern immer nur in bezug auf den Menschen und auf ihn in seinem Verhältnis zu anderen Menschen, zur Welt und zur Natur und in der Verantwortung gegenüber der göttlichen Schöpfung.

So gäbe es noch so manchen Aspekt in der reichhaltigen Gedankenwelt des Friedrich von Hardenberg, der es ebenfalls wert wäre, betrachtet zu werden, was aber mit Rücksicht auf die durch das Thema gesetzten Grenzen unterbleiben muß. Z.B. seine Auffassung vom Tode, nach dem er sich nicht etwa - lebensmüde, unfähig oder krank - in Sehnsucht verzehrt, wie einige Kritiker früherer Zeit ihn gern sehen wollten, sondern der für ihn zum Leben gehört.

Alles Details eines universalen, alles zusammenschauenden Denkens.

Aber wir folgen nun weiter den unserem Thema folgenden Betrachtungen und Reflexionen.

Mit denen sind wir fast am Ende. Fast - denn es bleibt noch der Versuch, die in den obigen Ausführungen bereits implizit enthaltenen Überlegungen dazu zusammenzuziehen, was sich für uns, der Schulgemeinde, aus alledem ergibt.

Zwei Namen in der Geschichte der höheren Schule Greußens - als Mahnung, sich ihrer angemessen bewußt zu sein - und als ein didaktischer Anspruch an uns Heutige mit Blick auf die Zukunft.

Novalis lebt und stirbt, 1801, noch im besten Lebensalter Goethes. Marx ist 14 Jahre alt, als Goethe 1832 stirbt.

Beide Männer sind sich selbst also nie begegnet. Aber beide lebten in Zeiten ausgeprägter gesellschaftlicher Herrschaftsformen, deren Verkrustungen jedoch offensichtlich - und bereits vor ihnen in die Kritik geraten waren.

Novalis lebte noch im bereits zu Ende gehenden Feudalismus, Marx in der Zeit des sich rasend schnell entwickelnden Zeitalters des sog. Kapitalismus. Jeder von beiden hielt die Welt, in der er lebte, für von Grund auf erneuerungsbedürftig. Novalis auf dem Wege der Beeinflussung durch den Geist der Poesie, der Kunst. So wie insbesondere in seinem Roman-Fragment "Heinrich von Ofterdingen" entworfen. Marx durch radikale Absage an diesen oder einen ähnlichen, nach seiner Überzeugung erfolglosen Weg zur Veränderung der Produktionsverhältnisse, wie er sie nannte, durch eine revolutionäre Umwälzung der bestehenden, von den Kapitalisten beherrschten Gesellschaft und - durch die gleichzeitige Schaffung eines neuen Bewußtseins der Menschen. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", so hat es später Bert Brecht auf eine griffige Formel gebracht. Die Idee vermag, so Marx, höchstens eine Rolle zu spielen, wenn sie sich in den Dienst der notwendigen revolutionären Umwälzung stellt, und er prägte das bekannte Wort vom Bewußtsein, das zur materiellen Gewalt zu werden vermöge, wenn es die Massen ergriffe - und sie zur Revolution, zum gewaltsamen Umsturz der Herrschaftsverhältnisse anspornte, um die Herrschaft in Form der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beenden.

Novalis dagegen hatte mit seinem Ofterdingen die Bedeutung der Poesie fürs ganze Leben zu zeigen versucht. Poesie war nicht in dem engen Sinne zu verstehen, wie sie verbreitet verstanden wird: als das Handwerk und das Produkt einer schreibenden Zunft, konserviert in geschriebenen oder gedruckten Büchern, bestehend aus wohlgesetzter und/oder wohllautender Sprache, an der man sich in Muße- oder besonderen Weihestunden ergötzt und erbaut. Bücher, die man danach wieder wegstellt, in die Kilometerreihe mit Goldschnitt im repräsentativen Bücherschrank mit Glastüren. Sondern Poesie verstand er als eine besondere Schau, die das gesamte Leben bestimmt. Als eine Anleitung zum Verhalten und zum Handeln - auch und gerade im Alltag. Als eine Veredelung - zur Schaffung einer der Würde des Menschen und der Natur entsprechenden Ordnung der Welt. Es ist eine Sichtweise von der Poesie als etwas, das, vergleichsweise, in Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" sich findet, wenn dieser gegen Ende sagt, daß das Christentum erst dann verwirklicht, als Haltung vollendet sein wird, wenn die Menschen die Gebote nicht mehr halten werden, weil diese gedruckt im Buche stehen, sondern - weil sie das in den Geboten Gemeinte von innen her selber wollen.

Dagegen Marx‘ "Manifest": das Buch eines Philosophen, der die Philosophie vom "Kopf auf die Beine" stellen will. Der die bestehenden Zustände, die Herrschafts- bzw. Produktionsverhältnisse durch Revolution abschaffen, zerstören will.

Nicht nur dem äußeren Anscheine nach ein krasser Gegensatz zu Novalis und diesem, so möchte man glauben, absolut fremd. Und doch von ihm im "Ofterdingen" bereits mitgesehen und vorgedacht, wenn er von der Natur als Gegensatz der Poesie spricht, vom Krieg zwischen beiden. Und vom Waffentausch - als dessen Folge die Revolution, der Aufstand der Natur, sich selber frißt und vernichtet. Wie in der vergangenen Geschichte ja in der Tat geschehen! Aber eben keine Lösung in Richtung zu einer besseren Welt - und eigentlich vermeidbar. Aber: die Menschen sind erst ab einer bestimmten Entwicklungsstufe dazu bereit und fähig, die Poesie im Sinne des Novalis als Lebenshaltung zu verwirklichen, wenn unterdrückende Herrschaftsverhältnisse sich in Form von Kriegen selber vernichtet haben. So, wie nach Novalis in der Geschichte eingetreten, der Kommunismus den menschenverachtenden Kapitalismus. So eine daraus hervorgehende Form menschlicher Gesellschaft wiederum den menschenverachtenden Kommunismus.

Das wirkliche, bleibende Neue aber kann nicht sein der so oft diskutierte "dritte Weg": ein bißchen was von dem und ein bißchen vom anderen - sondern ein völlig Neues, das allenfalls alles Vorherige als Erfahrung dialektisch in sich "aufgehoben" hat.

Novalis geht - von seinen Lebensdaten her - zwar dem Marx voraus, aber eben in einem doppelten Sinne: er geht nämlich gedanklich-visionär weit über ihn hinaus. Er nimmt, obwohl zeitlich früher, etwas vorweg, was den Kommunismus zwar nicht überflüssig zu machen vermag, was ihn aber nur als eine unvermeidbare Entwicklungsstufe zu dem sieht - ahnt, was der zukünftige Zustand der Menschheit sein soll. Ist er deshalb ein Romantiker? Ja - und nein. Vom Standpunkte der von sich selber überzeugten Herrschaftsordnung seiner Zeit aus gesehen - ja. Sogar ein "Spinner", und ein nicht ungefährlicher dazu. Den man am besten dadurch unschädlich macht, indem man ihn als Träumer, Utopisten, wenn nicht gar gleich als geistig Verwirrten, zwar liebenswert und so jung und mitleiderweckend, aber eben auch als des sog. Lebens unerfahren, unrealistisch, wenn nicht gar, heute würden wir sagen: genetisch bedingt, lebensunfähig, todessehnsüchtig, ja unzurechnungsfähig hinstellt.

Die Zeit des Novalis wie auch die folgende war für eine solche Sicht wie insbesondere die seine noch nicht reif. Novalis wurde daher     - durch das eherne Gesetz der Geschichte zum Zweck der "Erziehung des Menschengeschlechts" (Lessing) -     abgelöst von der Entwicklungsstufe des Marx. Mit anderen Worten: da die Menschheit in ihrer geistigen Einsichtsfähigkeit noch nicht so weit war, mittels eigener Willensentscheidung "das Gute um des Guten willen" zu tun (Lessing), mußte sie sich quasi erst die Finger am Ofen der eigenen Einsichtslosigkeit verbrennen, um danach einzusehen, daß man die Finger nicht, entgegen allen gut begründeten Warnungen, darauf bzw. daran legt.

Mag man nun auch das, d.h. diese Feststellung, als rückwärtsgewandte Klugtuerei abtun, die nichts anderes vermag als das, was doch inzwischen alle wissen, dem zu Schaden Gekommenen immer wieder vorzuhalten, so ist doch an der Wahrheit der Vorhaltung nicht vorbeizukommen. Und es bleibt die interessante Frage nach der Bedeutung alles dessen, was war, für unser aller Zukunft. Ganz nüchtern und konkret gefragt: Was lernen wir aus dem, was und wie es war?

Und da schält sich - unwiderlegbar für jeden, der sich nicht aus Dummheit, d.h. aber: aus - noch! - Unaufgeschlossenheit für Welt und Wirklichkeit (Parzival!) - der sich also nicht aus Dummheit der Geschichte mit ihren deutlichen Fingerzeigen verschließt: Novalis ist moderner, zukunftsweisender und - zukunftsangemessener als Marx, obwohl dieser wohl unvermeidbar war, wohl sein mußte , um nämlich die Menschen radikal auf ein Problem aufmerksam zu machen, mit Paukenschlägen, von denen sie (hoffentlich!) bis ins Mark ihrer Seelen und Geister aufgerüttelt worden sind: auf das Problem, das in der Schaffung einer Welt besteht, in der nicht mehr der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Ein Problem, das jedoch im Zuge einer auf der menschlichen Vernunft beruhenden Entwicklung zu lösen ist, nicht mit gegenseitiger Vernichtung, mag diese wie auch immer ideologisch begründet werden. Wenn Marx es erreicht haben sollte, selbst wenn ungewollt, die Menschheit zu lehren, daß sein Weg auf Dauer nicht der dem Menschen und seinem Wesen angemessene Weg sein kann, nicht sein darf - dann hätte er seine historische Mission erfüllt, und wir könnten uns, endlich, wieder, bereit zu hören und zu verstehen, der Metaphern- und Gleichniswelt des Novalis zuwenden ohne den abwehrenden Versuch, ihn als realitätsfernen Spinner in die unschädliche Ecke zu stellen, sondern ihn bereitwillig ernst zu nehmen. Als jemanden, der in seiner eigenen Sprache nichts anderes ausspricht als andere vor oder neben ihm, wie - um nur einige aus dem deutschen Sprachraum zu nennen - Wolfram, Grimmelshausen, Klopstock, Lessing, Goethe, Schiller, Hölderlin usf., die in der Geisteswelt bleibende Botschaften schufen - für wen anders als für uns.

Hier tut sich nun ein Feld für eine vielschichtige Tätigkeit des Gymnasiums auf. Nicht nur das Heranführen an - und die Lektüre wahrhaft bedeutender Literatur, sondern die Schulung eines kritischen Umgangs mit der Sprache, als erstes mit der eigenen Sprache. Wir müssen z.B. lernen, die häufig seit langem allzu eingefahrenen, wie alltäglich verwendete Gebrauchsmünzen benutzten, ja abgenutzten Begriffe kritisch auf ihr Übereinstimmen mit inzwischen längst weiterentwickelten geistigen Einsichten, gewonnen aus denkerischen Leistungen wie aus historischen Erfahrungen, zu hinterfragen, um sie auf ihre weitere Verwendbarkeit zu überprüfen und sie, nötigenfalls, neu zu fassen. Eine dankenswerte Aufgabe für alle, insbesondere die höheren Schulen, welche die grundlegende Bildungsstätte für alle späteren wissenschaftlichen Studien sind - nicht einmal ausgenommen solche, welche die Aufgabe der Sprachpflege und -forschung selber zu ihrem Inhalte haben, denn selbst sie bauen auf dem auf, was die Gymnasien vermitteln sollten.

So wäre, als einige der Beispiele, die sich aus unseren bisherigen Überlegungen ergeben, immer aufs neue zu bedenken, was solche Begriffe wie: Romantik, Realität, Realismus, Aufklärung, Wirklichkeit, Wahrheit usf. für uns Heutige bedeuten können. Ist ein Romantiker wie Novalis ein unrealistischer Mensch - weil er ernsthaft etwas in sein Denken und Dichten mit einbezieht, was sich des sinnlichen Wahrnehmens entzieht? Und - was ist eigentlich Wirklichkeit? Nur das was sinnlich, d.h. mit den Sinnen zu begreifen ist, sich der körperlichen Greifbarkeit nicht entzieht? Und was ist und woraus besteht eigentlich Aufklärung? Erschöpft sich dieser Begriff tatsächlich in der großartigen Kantischen Definition vom Ausgange aus selbstverschuldeter Unmündigkeit? Denn - was ist Mündigkeit? Besteht sie nur im Freiwerden von Herrschaft, auch geistiger Herrschaft? Oder gehört zu ihr nicht auch die Einsicht in die Abhängigkeit des menschlichen Ursprungs, nämlich in die Tatsache der von Gott herrührenden Geschöpflichkeit, der Grundlage aller wahrhaften Freiheit, nämlich derjenigen von vergänglichen Werten? Fragen über Fragen - und für unsere, von der Menschheit zu verantwortende Zukunft von existentieller Bedeutung.

Vom Standpunkte der Zukunft der Menschheit also ist Novalis kein Romantiker, schon gar nicht der Art, wie zeitgenössische und spätere Kritiker ihn gern darstellten, wahrscheinlich noch nicht einmal immer aus böser Absicht, sondern wegen ihrer unbewußten Abhängigkeit vom Zeitgeist. Sondern Novalis ist ganz im Gegenteil: ein Realist. Der Vertreter eines Realismus ganz unvermeidbarer Art. Unvermeidbar und unerläßlich, will die Menschheit überleben. Bei dem Stande der Technik, des technisch Machbaren und beim Stande derjenigen Folgen der Technik, die sich bereits hie und da seit geraumer Zeit abzuzeichnen beginnen. Anfänglich in der Euphorie kaum wahrgenommen, seit einiger Zeit in aller Welt jedoch unübersehbar, sogar in Art und Ausmaß, daß es die sog. Segnungen, die wir der Technik unbestritten auch zu verdanken haben, bei weitem übersteigt - und eigentlich wieder auslöscht und zunichte macht. Der Mensch aber, der seine Gattung für die Zukunft nicht gefährden will und nicht die gesamte Natur, wird das, was Novalis unter Poesie versteht, ebenfalls erkennen und verstehen müssen und - zum Prinzip seines Lebens, seiner Haltung und seines Verhaltens machen müssen, nötigen- und gegebenenfalls unter Zuhilfenahme institutioneller Stützen und Korsetts, um den Mängeln der Vernunft bei einem Teile seiner Mitmenschen abzuhelfen.

Denn - wer, der die Beschreibungen des modernen Kapitalismus liest, fühlt sich nicht erinnert an die von Marx geleisteten Analysen wirtschaftlicher Zustände, im Vergleich zu denen heutige manchmal geradezu eine Kumulierung zu sein scheinen. Selbst mittelständische Betriebe, anscheinend frei und unabhängig, sind als Zulieferer im Grunde Angestellte im Dienste großer Abnehmer und nicht selten dem Kostendruck ausgesetzt, der von diesen auf sie ausgeübt wird.

Also scheint, um dem zu entgehen, doch kein anderer als der von Marx vorgezeichnete Weg möglich zu sein.

Aber dann schaue man sich an, was in den Ländern herauskam, die jahrzehntelang diesen Weg zu gehen versuchten. Gab es dort etwa keine "Chefs ganzer industrieller Armeen" - ob in Industrie, ob in Landwirtschaft, ja bis in die Gestaltung des sog. persönlichen, privaten Lebens hinein?

Es muß wohl immer auch "Chefs" geben, Unternehmer, Menschen, die das Risiko, Innovationen zu wagen bereit sind. Aber: man muß ihre - wohl notwendig und unausweichlich - entstehenden Machtgelüste zügeln und begrenzen können. Z.B. durch Betriebsräte, vielleicht sogar durch Gewerkschaften und - durch eine angemessene Gesetzgebung und - durch eine unabhängige, von jedem anrufbare Gerichtsbarkeit.

Denn: trotz aller euphorisierender Visionen wird man realistisch bleiben müssen - wie es Novalis übrigens zugleich auch immer war - und wird sich wohl darauf einstellen müssen, daß immer das "Böse" in uns auf dem Sprunge liegt.

Man wird deshalb sichernde Rechtssysteme schaffen müssen (Ausgangslage das GG der BRD und andere vergleichbare nationale und supranationale Rechtssysteme), mit deren Hilfe es möglich werden könnte, eine "Poetisierung", zwar in unendlich oft zu wiederholenden Anläufen, einer Verwirklichung näherzubringen. Denn: Menschen werden jeweils neu geboren - und bringen das vor ihnen bereits erreichte Bewahrenswerte nicht gleich fertig ausgebildet mit, müssen in es hineinwachsen, um es ihrerseits einmal vernünftig weiterentwickeln zu können. Brauchen dafür "Leitschienen", in denen sie sich, in größtmöglicher Freiheit, die ebenfalls erlernt werden muß, sicher bewegen können, aber - das auch müssen, um bestehendes Vernünftige nicht zu beschädigen. Es müssen also auch Sanktionen möglich sein, auf überprüfbarer rechtlicher Grundlage, die verhindern, daß die Menschheit unentwegt in Barbarei zurückfällt. Zum Schutze aller Menschen möglich sein und zum Schutze des von Generationen vor ihnen, häufig unter Blut und Tränen, Erreichten.

Jedoch: als main-stream der Menschheitsentwicklung bleibt bei alledem anzustreben, was Lessing in seiner "Erziehung des Menschengeschlechts" uns als Vermächtnis hinterlassen hat: erst wenn die Menschen aus freier Entscheidung das tun werden, was in den Heiligen Büchern steht, werden alle geschichtlichen Irrwege, so auch der des Karl Marx, überflüssig geworden sein. So wie es Novalis ausdrückte:

"Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und  Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort."

Aber dieser erstrebenswerte Zustand der Menschheitsgeschichte fällt uns nicht wie ein Wunder in den Schoß, sondern muß kraft Einsicht und Willensentscheidung verwirklicht werden.

Insofern zeichnen die erwähnten Namensgebungen der höheren Lehranstalt Greußens nicht nur den Gang der Geschichte nach, sondern auch die damit verbundene tiefere geistesgeschichtliche Entwicklung: wir Menschen, durch geschichtliche Entwicklung - wozu notwendigerweise auch Marx gehörte - auf den Stand, auch den Erkenntnisstand, gekommen, auf dem wir erst heute, nach dem 20. Jahrhundert der großen Ideologien, darunter auch der dem Marxismus entsprossene Marxismus-Leninismus-Stalinismus, stehen - wir Heutigen also müssen, wollen wir menschenwürdig leben und überleben, denjenigen oder einen ähnlichen Weg gehen, den uns Hardenberg-Novalis verzeichnete: den Weg der eigenen, tagtäglichen Anstrengung der "Poetisierung der Welt": nämlich der gewollten Aufhebung der Verdinglichung des Menschen, übrigens auch in Form der Unterlassung gentechnischer Experimente. Es hilft uns nichts, einen solchen Weg als "Utopie" abzutun. Und zu alledem gehört eben auch, zumindest vorerst: die Institutionalisierung durch ständig überprüfbare Gesetze - um dem immer wieder schwachen eigenen menschlichen Fleisch einen Halt für alle Fälle, ein stützendes Korsett zu geben. Das muß kein Widerspruch zu den ständigen Versuchen der Verwirklichung einer Poetisierung sein. Musische Erziehung an den Schulen muß hierbei wieder eine unerläßliche Hilfe werden.

Vielleicht darf, angesichts der von ihm initiierten gräßlichen Folgen, Karl Marx kein großer Mann genannt werden, er ist aber in jedem Fall ein bedeutender Mann der deutschen - und nicht nur der deutschen Geschichte.

Der wesentliche Unterschied zwischen ihm und Novalis beruht mit Sicherheit auf ihrer Einstellung zur "religio", der menschlichen "Rückbindung" an Gott, die bei Marx ganz fehlt. Insofern ist es kein Wunder, daß ein System, das auf ihm aufbaute, in Wahrheit menschenverachtender werden mußte als viele vor ihm und durch ihn vergangene.

Ganz ähnlich, wenn auch ideologisch ganz anders begründet, stellt sich die andere große Ideologie des 20. Jahrhunderts dar, der rassistische Faschismus.

Beide "Gespenster" geistern noch immer, dumm verführerisch und schadenstiftend, in dunklen Nischen. Geben wir acht, daß sie, die vor der historisch erlittenen Erfahrung als verderbenbringend und deshalb überholt erwiesen wurden, nicht zu einem Rückfall in Abgelebtes anstiften.

Wie sagte es     - bereits 1931, zwei Jahre vor der sog. "Machtergreifung" des Nationalsozialismus -     Karl Jaspers in "Die geistige Situation der Zeit": "Denn Marxismus… und Rassentheorie sind heute die verbreitetsten Verschleierungen des Menschen. Das gradlinig Brutale im Hassen und Preisen, wie es mit dem Massendasein zur Herrschaft gekommen ist, findet darin seinen Ausdruck: im Marxismus die Weise, wie Masse Gemeinschaft will; …in der Rassentheorie, wie sie besser als Andere sein möchte. In ihnen stecken Wahrheiten, aber sie sind bisher nicht rein herausgebracht. Jeder von uns wird einmal fasziniert vom kommunistischen Manifest; er hat dadurch einen neuen Blick in mögliche Kausalzusammenhänge von Wirtschaft und Gesellschaft gewonnen…

Ohne Soziologie ist keine Politik zu machen… Ohne Anthropologie würde das Bewußtsein für die dunklen Gründe dessen, worin wir uns gegeben sind, verlorengehen.

In jedem Fall ist die Tragweite des Erkennens begrenzt. Keine Soziologie kann mir sagen, was ich als Schicksal will… eigentliches Sein des Menschen kann nicht als Rasse gezüchtet werden. Überall ist die Grenze dessen, was sich planen und machen läßt…

Die Theorie von der Diktatur des Proletariats,… die Zücht(ig)ungsanweisungen der Rassentheoretiker sind bei vagem Inhalt brutalisierende Forderungen, welche schon im Beginn ihrer Verwirklichung etwas ganz anderes sind und bewirken, als es vorher schien.

Denn Marxismus... und Rassentheorie haben eigentümlich zerstörende Eigenschaften. Wie der Marxismus alles geistige Dasein als Überbau zu entlarven meint…", so verursache "die Rassentheorie… eine Auffassung von der Geschichte, die hoffnungslos ist…

Beide Richtungen sind geeignet, zu vernichten, was Menschen Wert zu haben schien. Sie sind vor allem der Ruin jedes Unbedingten, da sie sich als Wissen zum fälschlich Unbedingten machen, das alles andere als bedingt erkennt. Nicht nur die Gottheit muß fallen…", Kommunismus und Rassentheorie " wenden sich gegen jeden, der an etwas glaubt... sie glauben das Nichts und sind ihres Glaubens eigentümlich fanatisch gewiß.

…so erkennt man wohl etwas am Menschen, nicht den Menschen selbst; der Mensch aber als Möglichkeit seiner Spontaneität wendet sich gegen sein bloßes Resultatsein. Es ist nicht schlechthin zwingend für den Einzelnen, als was er soziologisch… oder anthropologisch konstruiert wird. …wenn man der Freiheit entfliehen möchte, soll ein Scheinwissen von Sein rechtfertigen. …Was wirklich geschieht ist …entscheidend erst durch das Sein des Menschen; seine innere Haltung, die Weise, wie er sich in seiner Welt bewußt ist…".

Womit wir im Grunde wieder bei dem sind, was Friedrich von Hardenberg genannt Novalis mit seiner Schau und dem Begriff von der "Poetisierung der Welt" gemeint hat und hat sagen wollen.

Damit hat sich diese Schule in Greußen unter einen hohen Anspruch gestellt, dem mit und in ihrer täglichen Arbeit gerecht zu werden eine erstrebenswerte Aufgabe ist.

D.h.: der zeitweise als dunkel und unverständlich empfundene Novalis (vielleicht, weil man ihn des eigenen Vorteils und der Bequemlichkeit halber so verstehen wollte) ist eben nicht nur ein träumender "Romantiker", sondern, verglichen mit allen als Irrwege erwiesenen anderen Versuchen, der wahre Realist.

Es bleibt also zu wiederholen: unsere Aufgabe ist es, genau zu denken und zu definieren: was eigentlich ist, was kann, ja - muß angesichts der Vergangenheit und mit Blick auf die Zukunft wahrer Realismus genannt werden? Auf der Basis gewaltsam erlittener, aber auch erlangter Erfahrungen erst ist eine Erinnerung und eine Rückkehr zu Novalis‘schen Gedanken möglich, aber auch unverzichtbar geworden. Insbesondere angesichts der aktuellen Gefahr, den Menschen durch undurchdachten Umgang mit dem, was oft und vielerorts als Rettung so uneingeschränkt verherrlicht wird: die Technik - zu ihrem absolut Abhängigen zu machen. Das wäre ein Rücksturz in vormarxistische Zustände.

Das alles zusammengenommen ist die Namenswahl "Friedrich von Hardenberg-Gymnasium" eine kluge Entscheidung, weitsichtig - und nicht eine opportunistische Angleichung an die Wende in der politischen Geschichte Deutschlands. Und sie ist zugleich der nie endende Anspruch an uns alle, ehemalige wie gegenwärtige Lehrer und Schüler dieser Schulgemeinde, uns, jeder an seiner Stelle, dieser geschichtlichen Erfahrungen bewußt zu sein. Und wir können stolz sein, als ehemalige Schüler der höheren Lehranstalt Greußens diese geschichtliche Entwicklung direkt und indirekt erlebt und an ihr teilgenommen zu haben.

Ad multos annos, Friedrich von Hardenberg-Gymnasium!

 

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Literatur

Der Aufsatz stützt sich auf jahrzehntelange Lektüre, auf das Studium und die Beschäftigung mit vielfältiger Literatur, die hier vollständig zu erinnern und im einzelnen zu benennen unmöglich ist. Bewußt herangezogen und als Hilfsmittel direkt benutzt wurden folgende Bücher und Druckwerke:

Borkenau, Franz: Marx.
Fischer-Bücherei Frankfurt am Main / Hamburg 1959
5. Auflage

Braak, Ivo: Poetik in Stichworten.
Verlag Ferd. Hirt Kiel 1969

Bracher, Karl Dietrich: Zeit der Ideologien.
DVA Stuttgart 1982

Brockhaus‘ Konversations-Lexikon in 17 Bänden
Verlag F.A. Brockhaus
Leipzig / Berlin / Wien 1894-1897

Cornu, Auguste: Karl Marx - und die Entwicklung des modernen Denkens.
Dietz Verlag Berlin 1950

Engels, Friedrich: Die Lage der arbeitenden Klasse in England.
Dietz Verlag Berlin 1964

Fischer Lexikon in Farbe, Das Große -.
Fischer Taschenbuch Verlag
Frankfurt am Main 1975

Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch.
Verlag S. Hirzel Leipzig ab 1854.
Liz. Ausgabe dtv GmbH & Co. KG
München 1984

Guardini, Romano: Das Ende der Neuzeit.
Heß-Verlag Basel 1950

Hölderlins Werke in zwei Bänden. 1. Band, Gedichte.
Aufbau-Verlag Berlin / Weimar 1965

Jaspers, Karl Die geistige Situation der Zeit.
Verlag W. de Gruyter Berlin 1960

Kant, Immanuel Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1974

Kindlers Literatur Lexikon.
Zweiburgen Verlag Weinheim
Lizenzausgabe der Kindler Verlag AG
Zürich 1982

Klien, Wolfgang: Goethe. Wie berühmte Zeitgenossen ihn erlebten.
Verlag Langen-Müller München 2000
2. Auflage

König, Robert: Deutsche Literatur-Geschichte. 2 Bände.
Verlag Velhagen & Klasing
Bielefeld / Leipzig 1906
31. Auflage

Lessing, Gotthold Ephraim: Die Erziehung des Menschengeschlechts.
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1965

Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise.
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1988

Marx, Karl / Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei.
In: K. Marx / F. Engels, Ausgewählte Schriften Bd. I.
Dietz Verlag Berlin 1966
16. Auflage

Marx, Karl: Das Kapital. Bände 1, 2 und 3.
Dietz Verlag Berlin 1972

Novalis: Die Lehrlinge zu Sais. Gedichte. Fragmente.
Hrsg. Martin Kiessig
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1978

Novalis: Werke.
Hrsg. J. Dohmke.
Bibliographisches Institut Leipzig / Wien o.J.

Philosophisches Wörterbuch.
Hrsg. Georgi Schischkoff.
Verlag Alfred Kröner
Stuttgart 1961

Politik im 20. Jahrhundert. Hartwich / Grosser / Horn / Scheffler.
Verlag Georg Westermann Braunschweig 1964

Rehm, Walther: Novalis.
Fischer-Bücherei Frankfurt am Main/Hamburg 1956

Röhr, Werner Hrsg.: Appellation an das Publikum.
Dokumente zum Atheismus-Streit um Fichte, Forberg, Niethammer Jena 1798/1799.
Verlag Reclam Leipzig 1991

Romantik I, Die deutsche -.
Hrsg. Hans-Jürgen Schmitt
In: Die deutsche Literatur in Text und Darstellung Band 8.
Verlag Philipp Reclam jun.
Stuttgart 1975

Romantik II. Wie vor. Band 9

Thier, Erich: Das Menschenbild des jungen Marx.
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht
Göttingen 1961
2. Auflage

Uerlings, Herbert: Novalis.
Verlag Philipp Reclam jun. GmbH & Co
Stuttgart 1998

Weltbild Brockhaus: Personen der Menschheitsgeschichte von A bis Z.
Verlag F.A. Brockhaus
Leipzig / Mannheim 2000

 

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