Hans-Günter Marcieniec
Schlaglichter
in die eigene Vergangenheit: Erinnerungen an einen
verdienten
und bedeutenden Historiker und Hochschullehrer
- Professor K a r l
G r i e w a n k -
sowie
an meine Flucht von der Friedrich Schiller-Universität Jena
und aus der DDR
Vorbemerkung
Im
April des Jahres 2000 erhielt ich den Brief eines
wissenschaftlichen Mitarbeiters am Lehrstuhl für Geschichte
des 19. und 20. Jahrhunderts an der Friedrich
Schiller-Universität in Jena. Er teilte mir mit, daß er an
einer Dissertation arbeite, deren Ziel es sei, Leben und Werk
des bedeutenden Historikers Karl Griewank darzustellen und zu
würdigen. Da er, auf der Suche nach Quellenmaterial in dem
curriculo vitae meiner Homepage gelesen habe, daß ich nicht
nur eine Zeitlang in Jena Geschichte studiert habe, sondern
das auch noch bei Karl Griewank, bat er mich, quasi einen
„Zeitzeugen“, ihm, sollte mir das möglich sein, meine
Erinnerungen an diese Studienzeit, insbesondere aber solche an
Karl Griewank mitzuteilen.
Nach
Überwindung einer Phase der inneren Ablehnung dieser Bitte
- fürchtete
ich doch die Gefahr, in die alle zu Zeitzeugen Aufgerufenen
psychologisch leicht geraten können: nämlich der Versuchung
zu verfallen, aus der ihnen zugefallenen Rolle
- ihnen selbst möglicherweise ganz unbewußt -
mehr zu machen, als es die historische Wahrheit
eigentlich zuläßt
- nach
Überwindung der so begründeten Ablehnung also, wobei das
Argument ausschlaggebend wurde, daß sich einer
Berichterstattung nicht entziehen sollte, wer etwas
authentisch zu sagen vermag, damit nicht Unbefugte das statt
seiner tun - nach Überwindung meiner ersten Ablehnung also
entschloß ich mich, die mir gestellten Fragen aus meiner
Erinnerung nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.
Nicht zum wenigsten auch deshalb, weil ich die Absicht, Karl
Griewank dem unverdienten Vergessen zu entreißen und
verdientermaßen zu würdigen, aus Überzeugung unterstütze.
Mein
Verhältnis zum Seminar für Neue Geschichte
Da
fällt mir als erstes meine Tätigkeit als sog. Hilfsassistent
bei Griewank ein. Aber schon diese gewählte Formulierung
„bei“ Griewank ist irreführend. Denn ich war eher
Hilfsassistent am Seminar für Neue Geschichte, dessen
Direktor allerdings Griewank war, als bei i h m. Selbstverständlich
war ich es nicht ohne sein Wissen und ohne seine Zustimmung
geworden. Dazu gekommen war es wohl folgendermaßen: wir, ein
Grüppchen von ca. fünf Geschichtsstudenten
unterschiedlichster Semester, hielten eine lockere Verbindung
zueinander. Man saß z.B. in Vorlesungen meistens
nebeneinander, auch in anderen Lehrveranstaltungen, ging, so
oft sich das machen ließ, gemeinsam in die Mensa zum Essen.
Man kannte sich mit Namen und
- wußte
dies und das voneinander, und zwar insbesondere d a s mit
ziemlicher Sicherheit und wechselseitigem Vertrauen, daß man
das politische System, unter dem man lebte, ablehnte. Zudem
waren alle „Mitglieder“ dieser lockeren kleinen Gruppe
noch Soldaten gewesen, was eine solidarisierende
Erfahrungsbasis begründete, aus der tiefe Ablehnung alles
Totalitären gewachsen war. Der Älteste von uns war mit einer
bereits examinierten und promovierten jungen Historikerin
verlobt, welche Griewank offiziell assistierte. Mag nun sein,
daß man mir, dem Jüngsten der Gruppe, vielleicht ein, wenn
auch spärliches, Zubrot verschaffen wollte
- jedenfalls
wurde ich wahrscheinlich über diese o.g. Vermittlungsschiene,
natürlich mit Wissen und im Namen Griewanks, gefragt, ob ich
eine Hilfs-Assistenten-Stelle antreten wolle. Ich sagte nicht
ungern zu.
An
Arbeit fiel mir wenig Relevantes zu. Insbesondere ein
Anwesenheitsdienst an mehreren Wochentagen, jeweils einige
Stunden, und das meistens nachmittags im Leseraum und in der
Stand-Bibliothek des Historischen Seminars. Auch die Ausleihe
nicht zur Standbibliothek gehörender Bücher, Auskunftsdienst
und allgemeine Beratung für Neusemester sowie eine Art von
Aufsicht im weitesten und unverbindlichsten Sinne gehörten zu
meinen Obliegenheiten.
Mit
Griewank selbst ergab sich dabei so gut wie kein Umgang. Denn
abgesehen von einem sehr kleinen Kreis ihm länger und näher
bekannter Menschen pflegte er gegenüber allen anderen eine
gewisse reservierte, wenn auch nicht unfreundliche Distanz.
Niemals unfreundlich oder gar barsch, war er doch von einer
deutlich Abstand haltenden Art. Und somit lud sein Verhalten
erst gar nicht zu dem Versuch ein, diese spürbare Schwelle
durch einen Versuch zur Annäherung zu überwinden.
Wie
der Professor Griewank für mich in Erscheinung trat
Griewank
war von eher kleiner Statur. Der ebenfalls eher kleine Kopf
trug einen kurzgehaltenen Haarschnitt. Das einzige, was an
seinem Gesicht sofort auffiel, war ein recht beeindruckender,
in Relation zum kleinen Gesicht ziemlich mächtig wirkender
Oberlippenbart. Der Oberkörper war eher schmal und schmächtig
und wirkte im Gegensatz zu einer auffallend ausladenden,
breiten Hüft‑ und Gesäßpartie noch schmächtiger, als
er es ohnehin schon war. Auf jeden Fall hatte seine Figur, sah
man ihn insbesondere vor sich laufen, irgendwie etwas
Disproportioniertes. Mir kam jedesmal, wenn ich ihn so sah,
das Bild des Jahr um Jahr am Schreibtisch sitzenden, in
Quellen und Büchern vergrabenen Gelehrten und Forschers vor
Augen, dessen körperlicher Schwerpunkt sich in vielen Jahren
zwangsweise in seine Gesäßpartie verlagert hatte. Und dieses
Bild war wohl so falsch nicht. Denn irgendwie, über x
Stationen, zwar ungesichert, aber wie das Ondits so an sich zu
haben pflegen, nämlich im Grunde nicht unzutreffend, erfuhr
man, daß Griewank v o r seiner jetzigen Tätigkeit als
Universitäts-Professor eine archivarische oder ähnliche Tätigkeit
ausgeübt haben sollte, als deren wohl wichtigste
historiographische Frucht das Werk über die preußische Königin
Luise (Louise) genannt wurde. Jedenfalls hatte Karl Griewank
äußerlich nichts von einem strahlenden Sieger, der im Raume
erscheint -
und schon fliegen ihm die Herzen zu
- oder
nagender Neid regt sich. Er war niemand, der durch seine äußere
Erscheinung, so jedenfalls erschien er mir, für sich einnimmt
oder abstößt.
Seine
Haltung, so wie er sich in den Räumen und Gängen der
Universität bewegte, war nie überhastet, aber auch nie von
gelassener Langsamkeit und Bedächtigkeit. Er wirkte auch beim
Gehen sehr selbstdiszipliniert und innerlich gespannt. So habe
ich ihn z.B. nie
- wie z.B. Friedrich Schneider, den Mediävisten und
Dante-Kenner und stets zu kultiviert kaschierten deftigen
Witzen aufgelegten Bonvivant im Gelehrtenrock -
auf einem seiner Wege länger verweilen und ein
lockeres, nonchalantes Gespräch führen oder, unvorstellbar,
gar einen Plausch halten sehen.
Zielstrebig
näherte er sich dem für ihn bestimmten Vorlesungsraum,
tauchte, dessen oberste Kante nicht bemerkenswert
beeindruckend überragend, hinter dem Pult auf und begann,
nach freundlichem, aber nur flüchtig wirkenden Nicken ins
Auditorium, sofort mit seiner Vorlesung, exakt dort beginnend,
womit er die vorige beschlossen hatte. Diese selbst verlief
stets zügig, war klar aufgebaut und formuliert, von
beeindruckender Detail-Fülle, trotzdem immer gerafft wirkend
und wie aufs Wesentlichste beschränkt. Man bekam nie den
Eindruck, daß etwas von dem, was er vortrug, überflüssig
oder unzureichend sein könnte. Wobei zum Wesentlichen alles
gehörte, was
- nach klassischem Historiker-Ethos -
notwendig ist, um zu ergründen, wie etwas wirklich
gewesen ist. So war er, um ein Beispiel zu nennen, bei der
Darstellung der Französischen Revolution darum bemüht, die
Fakten und Ereignissse sowie das, was jeweils zu ihnen geführt
hatte, und den Zusammenhang, in dem sie eingebettet waren, möglichst
unverfälscht, unter Heranziehung aller greifbaren Quellen,
ohne erkennbare Auswahlen und Auslassungen vorzutragen. Die
Geschichte auch in der Form ihrer Darstellung gewissermaßen
durch sich selbst wirken zu lassen. Dazu paßte auch seine
emotionslos wirkende Art des Vortrags, die keine Parteinahme für
diese oder jene Person, dieses oder jenes Ereignis erkennen
ließ. Daraus war zwar nun nicht etwa zu schließen, daß er
selber keinerlei Präferenzen habe, aber er verbot es sich
wohl peinlichst, und das war nicht nur sein praktiziertes
Ethos als Historiker und
- Hochschul-L
e h r e r, mit seinen eigenen Präferenzen und Urteilen seine
Zuhörer in ihrer Freiheit zum eigenen, selbständigen Urteil
über diese oder jene Einstellung, Haltung und Entscheidung
geschichtlich handelnder Personen und von ihnen mitbewirkter
Um‑ und Zustände zu beeinflussen.
So
traten beim erwähnten Beispiel der Geschichte der Französischen
Revolution zwar einerseits die Verhältnisse der französischen
Gesellschaft am Vorabend der Großen Revolution ungeschminkt
als inhuman zutage -
wie andererseits die Grausen erregenden Greuel während
der sog. Schreckensherrschaft. Und das alles ohne den Versuch
zu einer Deutung im Sinne des Historischen Materialismus, wie
es die inzwischen in der DDR Herrschenden von einem Historiker
nicht nur gern gesehen hätten, sondern es sogar erwarteten.
Diese
Art von Griewanks Vorlesungs-Verhalten sicherte ihm, wohl
immer noch bei der Mehrheit seiner Studenten, eine selbstverständliche
Glaubwürdigkeit und nie in Zweifel gezogene, fraglose Autorität
in jedem Raume, in dem er auftrat.
Seine
Stimme war von mittlerer Tonlage, gut artikulierend, nicht
gerade kraftvoll, aber bei der in seinen Vorlesungen stets
herrschenden Zuhör-Disziplin völlig ausreichend, um im Raume
überall verstanden zu werden.
So,
wie er den Vorlesungsraum betreten hatte, so verließ er ihn
wieder, mit knappem Nicken das applaudierende Klopfen
quittierend, ein kleiner, trotz seiner körperlichen
Unscheinbarkeit und Disproportionalität gestrafft und nicht
unbedeutend wirkender Mann. Eigentlich ein H e r r, so müßte
man wohl zutreffender sagen.
Direkte
Eindrücke vom F o r s c h e r Karl Griewank habe ich nicht,
da es mir niemals möglich gewesen ist, nah genug an ihn
heranzukommen, um ihn an seinen Studien- und Arbeitsorten
beobachten zu können. Aber von der Art seines Auftretens,
seiner Haltung und seines Verhaltens im Seminar und in seinen
Vorlesungen konnte man, indirekt, darauf rückschließen, w i
e er sich einem Gegenstand forschend genähert haben mochte,
ohne daß man deshalb wohl in die Gefahr eines Fehlurteils hätte
geraten können.
Begegnung
Ein
einziges Mal, so erinnere ich mich, erlebte ich ihn ein wenig
näher. Zwar durch die dabei obwaltenden Umstände nur etwas
dunkel und verschwommen, aber wiederum doch so, daß diese
Erinnerung das Licht der Erkenntnis auf Griewank wirft, was
vielleicht dazu beitragen kann, sich ihm verstehend zu nähern.
Während
eines abendlichen Seminarfestes
- es könnte im Zusammenhange mit dem Karneval gewesen
sein, aber bezüglich des Termins verläßt mich mein
Erinnerungsvermögen -
während eines solchen Seminarfestes also kam es zu
einem etwas längeren direkten Wortwechsel zwischen mir und
ihm.
Ich
war in einem Phantasiekostüm erschienen, den sparsamen
Nachkriegsjahren angemessen, das irgendwie einen griechischen
Philosophen darstellen sollte. In den abgedunkelten, nur durch
Kerzenlicht spärlich erhellten Räumen des Historischen
Seminars bewegte sich, bunt kostümiert, eine größere Anzahl
von Studenten, während Griewank, mitten darin, aber auch hier
unverkennbar der Direktor, in dem Kostüm eines morgenländischen
Potentaten auf einer Art Diwan ruhte, wobei wieder seine
ausgeprägte Gesäßpartie den Ausdruck des lastenden Ruhens
unterstrich -
und seiner Maskerade, der eines orientalisch
Thronenden, etwas von einer glaubhaften Hoheit verlieh. Ihn
umgaben mehrere weibliche Wesen
- gleichsam
wie seine Huris. In seinen Zügen spiegelte sich ein sonst nie
an ihm beobachtetes Wohlgefühl und eine Entspanntheit der
Art: Hier bin ich Mensch -
hier darf ich‘s sein.
Als
ich irgendwann in seine Nähe geriet, fragte er mich, ohne
seine ruhende Diwan-Stellung im geringsten zu verändern, wer
ich denn in meiner Maskerade wohl sei. Von der Atmosphäre des
Ortes und des Abends wie in leichten Rausch versetzt und im
Schutze meiner Maske mutiger, als ich es in einer normalen
Alltagssituation ihm gegenüber wohl gewesen wäre, setzte ich
dazu an, ihm die geschichtsphilosophische Sicht meines
dargestellten Griechen wie aus dessen Munde vorzutragen.
Insbesondere
wir Jüngere suchten damals, nach der Zeit des
Nationalsozialismus und des mit so entsetzlichen Folgen zu
Ende gegangenen Krieges, alle nach sinngebenden Daseins-Erklärungen,
die meistens mit der Ideologie des Kommunismus nicht übereinstimmten,
der sich durch die Praxis seiner Diktatur bei uns zunehmend
desavouierte. Was ich da vortrug war etwas, das dem
Historischen Materialismus betont widersprach, was aber
- der antiken griechischen Weltsicht entsprechend -
Geschichte nicht als linearen Prozeß, sondern als
immer wiederkehrendes, kreisförmiges Geschehen verstand.
Griewank
hörte geduldig, dabei leicht lächelnd und ohne mich zu
unterbrechen, zu. Offensichtlich schwankend zwischen
sympathischer Zustimmung, nämlich wegen des deutlich
herauszuhörenden Affronts gegen die in der DDR herrschende
Geschichts-Ideologie, andererseits mit einem von leichtem
Kopfschütteln begleiteten Widerspruch
- wegen
der vorgetragenen Geschichtssicht als einer Kreisbewegung, in
der immer alles wiederkehrte, damit eher die Typologie, die
Herrschaft ewiger archaischer Formen -
als die Einmaligkeit und Freiheit des Individuums
betonend.
Es
gab kein etwa scharfes Streitgespräch
- dagegen
sprachen die Atmosphäre und die Umstände, seine mir bewußte
größere geistige Reife und sein Wissensvorsprung
- und
wohl auch bei beiden das untergründige Gefühl, es bei allen
momentanen Unterschieden doch mit einer gemeinsamen Ablehnung
der materialistischen Ideologie zu tun zu haben. Nur war bei
ihm dieses einerseits zustimmend belustigte, andererseits das
durch feines Kopfschütteln, allerdings dauernd und
entschieden, bekundete Nichteinverständnis unverkennbar, das
mich damals irritierte,
Diese
kleine und einmalige Szene hatte keinerlei Folgen. Aber sie
zeigt doch zweierlei: erstens die Grundposition Griewanks als
Historiker, zweitens aber eine Schicht seiner Persönlichkeit,
die im Alltag normalerweise verdeckt blieb: nämlich ein
gewisses Behagen, sich in wohltuender Entspanntheit als umschwärmter
Mittelpunkt zu fühlen und dabei auch reizvoller weiblicher
Anwesenheit durchaus nicht abgeneigt zu sein.
Letztere
Beobachtung rührt jedoch an ein sehr persönliches,
psychologisches, wohl eher schon tiefenpsychologisches
Problem, bezüglich dessen ich mich nur im Zustande einer
vermuteten Wahrscheinlichkeit befinde, das jedoch bei den
Ursachen für den tragischen Selbstmord Griewanks eine Rolle
gespielt haben mag.
Daß
Griewank in seiner Jugend literarisch tätig gewesen sei,
vielleicht Gedichte geschrieben hat, wußte ich bis zu dem
oben genannten Briefe aus Jena nicht. Das, was man meine
eigenen „literarischen Arbeiten“ nennt, war nicht nur Karl
Griewank unbekannt. Ich habe mein ganzes Leben lang
- bis zur Einstellung einer Auswahl meiner lyrischen
Gedichte und einiger Prosa-Texte ins Internet seit etwa 1998,
die übrigens noch nicht abgeschlossen ist -
nie für die Öffentlichkeit geschrieben. Und auch zu
dieser Art von Veröffentlichung, selbst zu der ich ursprünglich
keinen Ehrgeiz hatte, hat mich erst ein ehemaliger Schüler
und lieber Freund, der selber eine Firma für digitale
Information betreibt, etwas mühsam überreden und überzeugen
müssen.
Was
wieder Griewank betrifft, so ist interessant und eigentlich
aufschlußreich, daß er wahrscheinlich mit der Beendigung
seiner literarischen Arbeiten eine Sphäre der Freiheit, der
Sehnsüchte, des Traums in sich unterdrückte, was sich
einesteils an seinem oben geschilderten, sehr
selbstdisziplinierten alltäglichen Auftreten und Verhalten zu
zeigen schien, zum anderen bei solchen seltenen Gelegenheiten
wie dem erwähnten Seminarfest, wo man, von seinen
unverkennbaren körperlichen Charakteristika einmal abgesehen,
fast hätte meinen können, einen ganz anderen als den
gewohnten Menschen vor sich zu haben.
Das
Ende meiner Zeit in Jena und in der DDR - und die mir
bekannten Ursachen dafür
Die
an mich gerichtete Frage, wie Griewank zu meiner
„politischen Tätigkeit“ gestanden habe, ist einmal so zu
beantworten: außer den eher verdeckt geäußerten
geschichtsphilosophischen Grundfragen, die in jenem
geschilderten Gespräch während des Seminarfestes anklangen
- und
von denen man höchstens indirekt auf meine wie auch auf seine
gegenwartspolitische Einstellung schließen konnte, außer
diesem eher spielerischen Austausch verschlüsselter Ansichten
hat es nie ein längeres Gespräch zwischen mir und Griewank
gegeben, schon gar kein „politisches“.
Zum
andern muß eine möglicherweise falsche Vorstellung von
meiner „politischen Tätigkeit“ korrigiert werden. Ich bin
- außer in Ansätzen dazu während meiner Weißenseer Zeit,
also vor meinem Studium in Jena - nie in der
Weise praktischer Aktionen politisch tätig geworden. Es mag
sich einiges von meinem tiefgehenden Ungenügen an den Zuständen
in der DDR in meinen Gedichten niedergeschlagen haben
- diese blieben jedoch in meiner Schublade.
In jenem damals bestehenden System genügte es, n i c h t tätig
zu sein, insbesondere nicht im Sinne des Systems, um als
politischer Gegner zu gelten. So bin ich zweimal nicht zum
Studium zugelassen worden. Einfach deshalb nicht, weil ich, so
beim ersten Male, keiner der dem „sozialistischen
Fortschritt“ dienlichen bzw. dienstbaren Parteien oder
Organisationen angehörte. Die Ablehnung der beantragten
Zulassung zum Studium wurde etwa so begründet: „hat sich
gesellschaftspolitisch nicht verdient gemacht“ (man kennt ja
die zahlreichen Fälle, in denen der sog. „Jugendweihe“
fernbleibende Schüler nicht zum Abitur zugelassen wurden).
Beim
zweiten Versuch hatte ich mich für die Beantragung der
Zulassung zum Studium zeitig genug vorher mit allen möglichen
„Persil-Scheinen“ versorgt, gehörte sogar einer dem
Antifa-Block hinzugefügten, besser: indirekt zwangsweise
angeschlossenen Partei, der LDP, an. Aber eben doch wohl immer
noch der falschen. Zudem beargwöhnte man meine
„Persil-Scheine“ (z.B. Empfehlungen von FDJ, FDGB u.a.)
als Freundschaftsdienste mir persönlich bekannter und
wohlgesonnener Funktionäre (was sogar stimmte). Deshalb die
Begründung der Ablehnung meines Zulassungs-Antrags mit den
Worten: „gesellschaftspolitisch unzuverlässig“.
Diese
Ablehnung konnte nach meinem Einspruch durch Intervention von
Ruth Fabisch, der damaligen Staatssekretärin im
Kultusministerium in Ost-Berlin und LDP-Funktionärin, zwar
erst einmal aufgehoben werden. Aber es ist anzunehmen, daß
man mich weiter auf der Liste der zumindest zu Beobachtenden
behielt. Meine „gesellschaftspolitisch“ passive Haltung
wird, ohne daß ich jemals direkt etwas davon gemerkt habe,
weiter beobachtet worden sein und hat mein Konto schwarzer
Striche weiter anwachsen lassen. So gesehen ist das, was nicht
lange vor meiner „Flucht“ aus Jena und damit zugleich aus
der DDR geschah und dem ich damals keine größere Bedeutung
beilegte, nur ein jeweils logischer Schritt innerhalb einer
permanent zielgerichteten Überwachung gewesen. Ein Beispiel
dafür: auf dem Wege vom Universitäts-Hauptgebäude zur
damaligen Mensa (es könnte im Steinweg gewesen sein) traten
mir aus dem Gewühl hin- und herflutender Studenten plötzlich
zwei junge Männer, dem Anscheine nach Studenten wie ich, in
den Weg, hinderten mich so am Weitergehen und „schossen“
mir als Erklärung für ihr Tun die Worte ins Gesicht:
„Jugendfreund - wir agitieren Dich“
- so als wäre das eine amtliche Erklärung, der
widerspruchslos Folge zu leisten wäre -
„wie hältst Du‘s mit dem Frieden?!“ Mit diesen
oder ähnlichen Worten, so verdutzt und überrumpelt ich mich
auch immer fühlte, wie: „Ich bin f ü r den Frieden, wie
jeder vernünftige Mensch
- was
soll eigentlich diese Frage?“ drängte ich die beiden
beiseite und schloß wieder zu meinen Kommilitonen auf, die,
kopfschüttelnd, den Zwischenfall beobachtet und ihren Schritt
etwas verhalten hatten.
Möglicherweise
ist meine ganz allgemein bleibende Antwort als Ausflucht
verstanden und gewertet worden (was sie ja in gewisser Weise
auch war) und hat die mir unbekannten Überwachungsgremien
dazu veranlaßt, mich auf die Liste derer zu setzen, die demnächst
zwangsweise zu exmatrikulieren seien, um die Universität von
politisch unsicheren, den Fortschritt des Sozialismus
hemmenden Elementen zu reinigen.
Über
das Gesamtklima an der Universität kann ich keine sicheren,
verläßlichen Angaben machen, weil ich nur einen relativ
kleinen Ausschnitt von ihr kenne, auch nur mit einer sehr
begrenzten Zahl von Studenten Kontakt hatte
- und
selbst den nur locker. Daß es zu keiner intensiv
freundschaftlichen Beziehung zu anderen Studenten gekommen
ist, das lag zum einen sicherlich an meiner ganz persönlichen
Art, meiner durch Umwelt geprägten Individualität. Unter
anderem, wohl vorzugsweise daran, seit meiner frühen Kindheit
eigentlich ein sog. Einzelgänger zu sein, und zwar im wörtlichen
Sinne. Nicht etwa daß ich ungesellig wäre, daß mir gar die
Fähigkeit zum sozialen Kontakt mangelte, daß ich wahre
Geselligkeit, wo sie sich mir bietet, fliehe
- aber
ich habe, wo und wann immer es ging, das Alleinsein
vorgezogen, weil ich immer über genügend Interessen und Fähigkeiten
verfügte, mich mit mir selbst bzw. mit der Welt, dafür genügt
ein kleiner Ausschnitt, und meiner persönlichen,
individuellen Auseinandersetzung m i t ihr zu beschäftigen.
Und in der DDR trugen außerdem die Zustände dieses
Ausspionier- und Überwachungsstaates nicht dazu bei, mich
anderen mehr zu öffnen, als ich es früher schon sehr zurückhaltend
getan hatte, sondern veranlaßten mich im Gegenteil eher immer
stärker zum Rückzug auf mich und in mich selbst.
Und
somit habe ich selber, von den, von meinem Standpunkt aus
gesehen, verständlichen Vorsichtsmaßnahmen gegenüber einem
das Individuelle bekämpfenden Überwachungsstaat abgesehen
- habe
ich also selber dazu beigetragen, daß es weder zu einer
intensiveren Bekanntschaft mit Griewank noch zu intensiveren
Kontakten mit Kommilitonen, noch zu irgendwelchen
Organisationen kam. So bestanden auch zur Evangelischen
Studentengemeinde keinerlei Verbindungen. Wie und wann erfuhr
ich nun von der über mich verhängten Zwangs-Exmatrikulation?
Die
Angehörigen der bereits weiter oben genannten lockeren Gruppe
von fünf Studenten, zu der ich mich zählte, stimmten außer
in den oben erwähnten Gemeinsamkeiten noch darin überein, daß
wir Gegner des durch eine sog. Studien-Reform zwangsweise
verordneten „Ein-Fach-Studiums“ (Einfach-Studiums?) waren.
Jeder von uns hatte zuvor neben Geschichte auch Germanistik
und Philosophie studiert, dazu noch Kunstgeschichte. Wir
hatten uns dann, nolens volens, für die Geschichte
entschieden, weil z. B. die Germanistik dozentenmäßig nicht
nur quantitativ, sondern auch qualitativ außerordentlich
schlecht besetzt war, Geschichte dagegen, insbesondere mit
Griewank, den qualitativ unvergleichlich größeren Anreiz
bot. Doch hatten wir uns, damit selbstherrlich gegen den
Stachel der verordneten Reform löckend, den Luxus erlaubt,
doch wenigstens einen Rest der Idee von der universalen
Bildung, von der universitas literarum dadurch zu verteidigen,
indem wir alle, gewissermaßen zum Privatvergnügen, auch
weiterhin Kunstgeschichte studierten, vorzugsweise bei der
damals noch aktiven Professorin Lottlisa Behling. Eines Tages,
wohl im Frühsommer 1952, standen wir in der Pause einer
Seminar-Doppelstunde im Gang des Kunstgeschichtlichen Seminars
beisammen, als einer von uns Fünfen uns andere mit außergewöhnlich
ernstem Gesicht aufforderte, ihm bis in den hintersten Winkel
des Ganges zu folgen, bis in eine möglichst große Hörweite
von den anderen Studenten. Wir Vier hatten sofort das untrügliche
Gefühl, daß hier etwas Besonderes vorliege, und folgten
deshalb seinen Aufforderungen ernst und ohne auch nur eine
einzige Frage zu stellen.
Dieser
Kommilitone war, im Unterschied zu uns anderen, politisch
organisiert. Er war SED-Mitglied und gehörte der
Hochschulgruppe dieser Partei an. Zwar wußten wir anderen
das, doch wir wußten auch
- oder meinten jedenfalls, das zu wissen - daß er innerlich sowohl der SED wie dem gesamten
Herrschafts-System der DDR kritisch gegenüberstand, wenn
nicht sogar ablehnend. Was ihn dazu bewogen haben mochte,
offizielles Mitglied der Partei zu werden, das war zumindest
mir unbekannt.
Dieser
Kommilitone also - ich weiß seinen Namen leider nicht mehr zu
erinnern - zog
uns also in die entfernteste Ecke des Ganges, vergewisserte
sich dabei ständig, ob wir nicht unerwünschte Zuhörer hätten,
und eröffnete uns schließlich mit gedämpfter Stimme
folgendes: er habe am vergangenen Tage an einer Sitzung der
SED-Hochschulgruppe teilgenommen, in der es um die nächste
„Säuberungs-Aktion“ der Studentenschaft von sog.
sozialismus- bzw. staatsfeindlichen Elementen gegangen
sei. Dabei sei eine Namensliste der zu Exmatrikulierenden
vorgelegt worden. Eure Namen, so sagte er, stehen auf dieser
Liste. Er beschwor uns, ihn um Gottes willen nicht als
Preisgeber eines partei-internen Beschlusses zu desavouieren,
weil das gar nicht abzusehende Folgen für ihn haben würde.
Er habe aber, dessen ungeachtet, es für seine Pflicht, für
seine menschliche Pflicht erachtet, uns so zeitig wie möglich
von dem zu unterrichten, was demnächst auf uns zukomme, damit
wir die Möglichkeit hätten, uns darauf einzustellen und ggf.
Entscheidungen treffen könnten, die uns vor den aus der
Exmatrikulation drohenden Folgen schützen könnten.
Ein
anständiger, hochanständiger Mensch also, dessen Namen ich,
wie schon erwähnt, vergessen habe. Später kam mir plötzlich
der Gedanke, ob das Ganze nicht eine gezielte Aktion gewesen
sein könnte, uns auf diese elegante Weise, für beide Seiten
mit minimierten Problemfolgen, einfach loszuwerden. Wie auch
immer - schon am Tag darauf saß ich im Zug nach
Ostberlin, kam dort, unter peinlichster Achtsamkeit, keiner
Vopo-Streife zu begegnen oder aufzufallen, unbehelligt in die
S‑Bahn, die damals, Jahre vorm Bau der Mauer, noch dem
sog. Vier-Mächte-Statut unterlag und diesem zufolge in ganz
Berlin, und zwar frei und unkontrolliert verkehren durfte,
fuhr nach Dahlem zur bereits bestehenden FU, durchlief dort
die Überprüfungen durch die Sicherheitsdienste der drei
West-Alliierten sowie der Bundesrepublik (wobei der
US‑Vertreter zu meiner nicht geringen Verblüffung,
nachdem ich Namen und Herkunfts-Universität genannt hatte,
nach einem Blick in eine Akte sagte: Stimmt!) und wurde nach
wenigen Tagen Aufenthalt, als anerkannter politischer Flüchtling
„aus zwingenden Gründen“, mit einer BEA-Maschine nach
Hannover ausgeflogen, fuhr von dort per Zug nach Frankfurt am
Main, wo ich an der Johann Wolfgang Goethe-Universität mein
Studium fortzusetzen gedachte.
Professor
Griewank wurde von mir über diese Vorgänge nicht
unterrichtet. Erstens wegen des überstürzten Ablaufs der
Ereignisse. Zweitens wegen des oben erwähnten Fehlens eines
engeren Verhältnisses zwischen uns. Drittens hätte ich eine
Unterrichtung in jedem Falle unterlassen, um ihn, von dem man
dunkel mehr ahnte als wußte, daß er sich ohnehin in einem
dauernd schwelenden Konflikt mit dem System befand, durch
Mitwisserschaft nicht noch zusätzlich zu belasten. (Der
einzige unserer sog. Gruppe, der sich wegen seiner Examensnähe
entschlossen hatte zu bleiben, wurde schon wenig später wegen
Mitwisserschaft einer sog. Republikflucht und deren
unterlassener Meldung zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe
verurteilt.)
Das
tragische Ende eines bedeutenden Historikers
Auf
dem Universitäts-Sekretariat der Goethe-Universität wurde
mir bei meiner Anmeldung und der Vorlage meines Studienbuches
dann, mit dem Ausdruck echten Bedauerns, mitgeteilt, daß mir
die vier Semester in Jena nicht anerkannt werden könnten, und
zwar auf Grund geltender Rechtsbestimmungen. Denn erstens gab
es in der BRD kein sog. Ein-Fach-Studium, sondern es wurde das
ordentliche Vollstudium von mindestens zwei wissenschaftlichen
Disziplinen plus dem eines sog. allgemeinbildenden Faches (in
der Regel Philosophie) verlangt. So gesehen hatte ich
eindeutige Defizite. Zum zweiten, und diese Begründung wog
noch schwerer, galten geisteswissenschaftliche Fächer als
„ideologieverdächtig“. Selbst wenn man die bei Griewank
absolvierten Lehrveranstaltungen von diesem Verdacht ausnehmen
durfte, wären sie allein zahlenmäßig nicht in der Lage
gewesen, die in Jena absolvierten Semester als vollgültig
anzuerkennen. Und was die in Jena gehörte „Philosophie“
anging, so standen statt einer überkommenen klassischen
Philosophie Themen des Marxismus im Vordergrunde.
Ich
habe nicht lange gehadert, sondern diese Entscheidung als zwar
für mich bedauerlich, aber unter bestimmten, mir durchaus
einleuchtenden Gesichtspunkten als vertretbar und im letzten
auch gerecht akzeptiert.
Was
nun des weiteren Karl Griewank angeht, so kann ich mich gut
des Ausmaßes tiefen Entsetzens und
- einer
maßlosen, aber hilflosen Wut erinnern, als mich, das Jahr ist
mir nicht mehr zuverlässig im Gedächtnis, es muß aber um
die Mitte der fünfziger Jahre gewesen sein, mitten in
Frankfurt die Balkenüberschrift einer irgendwo aushängenden
Zeitung förmlich ansprang, die den Freitod dieses anerkannten
ostdeutschen Historikers vermeldete. Er hatte sich demnach
wohl vor einen fahrenden Zug geworfen.
Soweit
mir bekannt geworden ist, waren tiefe Zerwürfnisse zwischen
ihm und den dafür zuständigen staatlichen Zensur-Stellen
wegen eines seiner Bücher die Ursache bzw. der Auslöser. Ein
Buch, das die deutschen Befreiungskriege und die Völkerschlacht
bei Leipzig behandelte. Die Darstellung der russischen Rolle
und Mitwirkung dabei war wohl in den Augen der marxistischen
Zensoren nicht so beherrschend und positiv, wie man es aus
devoter Rücksicht auf den „großen Bruder“ gern gehabt hätte.
Der deshalb erhobenen Forderung, ganze Passagen des Buches zu
ändern und umzuschreiben, hatte Griewank wohl mit dem
berechtigten Hinweis auf die Quellen‑ und Forschungslage
und auf das Ethos der um Objektivität verantwortlich bemühten
klassischen Wissenschaft zurückgewiesen. Dem stand die
marxistische Glaubensvorschrift von der grundsätzlichen
Verpflichtung zur Parteilichkeit, a u c h der Wissenschaft,
schroff entgegen. Letztendlich habe man die gerügten Teile
seines Buches g e g e n seinen erklärten Willen und ohne
seine Zustimmung geändert. Das öffentliche Erscheinen eines
von ihm s o
weder gewollten noch zu verantwortenden Buches, dazu
noch unter seinem Namen
- das
kann er nicht anders wie eine geistige Vergewaltigung erlebt
haben. Wenn man bedenkt, daß dieser unglaubliche Vorfall nur
der absolut extreme Gipfel eines über Jahre hinweg
bestehenden Dauerzustandes ständig stattfindender Reibungen
gewesen ist, dann mag man leicht verstehen, daß Griewank für
sich keine Möglichkeit zu einem Leben mehr gesehen haben mag,
das seinen Vorstellungen von einem Dasein als
wissenschaftlicher Historiker
- und
damit seiner ihm entsprechenden und von ihm gewählten
Existenz entsprach. Mag zudem sein, aber davon raunte man nur,
daß sein Leben auch im privaten Bereich nicht glücklich
gewesen ist. Es mag sein, daß in ihm, der sich ein Leben lang
zur wissenschaftlichen Leistung diszipliniert hatte, eine
Sehnsucht nach demjenigen auf der Strecke und unerfüllt
geblieben sein mochte, das sich in seinen - mir durch Augenschein unbekannten - frühen poetischen Arbeiten auszudrücken
versucht hatte. Mag sein, das dieses alles zusammen, private
Enttäuschungen, unerfüllt gebliebene Sehnsüchte, die ständige
geistige Hochspannung eines hoch disziplinierten Lebens u n d
- das
Erlebenmüssen der oben erwähnten geistigen Vergewaltigung
und des geradezu Mordanschlag zu nennenden Brechens seiner
persönlichen Identität und seines Selbst - w e r t - bewußtseins
- das
d a s alles
zusammen seine Lebenskraft und seinen Lebenswillen gebrochen
hat, so daß er als letzten Ausweg nur noch die große Erlösung,
den Tod nämlich, gesehen haben mag.
Karl
Griewank ist, soweit mir bekannt, als Gegner des DDR-Regimes,
der er zweifellos war, nie offen aufgetreten. Der politische
Tageskampf, der revolutionäre Barrikadenkampf, die flammende
Anklage eines Volkstribunen
- s
i e waren nicht sein Stil, nicht seine Sache.
S o gesehen
war er für das System sowohl ungefährlich als auch
unangreifbar, bot ihm keine Angriffspunkte. Was aber auf Dauer
viel wirkungsvoller war als offene Opposition, auch viel gefährlicher,
das war die Art seiner stillen, unentwegt sich vollziehenden
wissenschaftlichen Arbeit. Das unbedingte Befolgen einer um
Objektivität bemühten historischen Wissenschaft
- d
a s mußte der marxistisch-ideologischen Geschichtsklitterei,
je länger desto mehr, von einem Stein zu einem Fels des Anstoßes
werden. In dieser Art von Konflikt war aber auch das tragische
Ende vom Beginn seines Bestehens an vorherbestimmt, und dabei
war es auch klar, wer körperlich-materiell untergehen würde:
der in diesem Falle Schwächere, der Einzelne gegen ein
totalitäres Machtsystem.
Abgesehen
von der Leistung Karl Griewanks als historischer Forscher,
Historiograph und studentischer Lehrer ist sein unbedingtes
Festhalten an seiner wissenschaftlichen Ethik und Integrität - unabhängig von anderen Beweggründen, die
seinen Freitod mitverursacht haben mögen -
ein beispielhaftes Vorbild für eine Zeit, in der man
sich in und bei allem immer mehr von Spaß und Vergnügen
leiten läßt.
Schlußbemerkung
Wie
eingangs bereits gesagt, entschloß ich mich, die mir aus dem
heutigen Jena gestellten Fragen zu Karl Griewank und meinen
Erfahrungen mit meinem Studium in der DDR aus meiner
Erinnerung nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.
Nicht zum wenigsten auch deshalb, weil ich die mir bekundete
Absicht, Karl Griewank dem Vergessen zu entreißen und
verdientermaßen zu würdigen, aus Überzeugung und vollem
Herzen unterstütze.
Der
Anfragende wurde von mir ermächtigt, im Falle der
Brauchbarkeit meiner Mitteilungen für seine Arbeit, jene für
diese zu verwenden
- unter
der Bedingung, daß er das als Quelle auf eine angemessene,
den laufenden Text seiner Schrift nicht störende Weise
kenntlich mache. Auf diese Weise falle die Verantwortung dafür
auf mich und er sei davon befreit. Möglicherweise würde ich
die wichtigsten Teile meiner Mitteilungen in einer geeigneten
Form zu meiner Homepage ins Internet stellen lassen, was
hiermit geschehen ist, so daß er bei der Quellenangabe darauf
verweisen könne.
(01.10.2001)
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Marcieniec
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