Das "ganz
Persönliche" in meiner
Lebens-Tätigkeit als Lehrer
Rede vor den
Gästen anläßlich meines 70. Geburtstages
Alsfeld 1996
[Rede
vor ehemaligen Schülern und Gästen - aus Anlaß
meines 70. Geburtstages am 2o.12.1996 im Hotel
"Zur Erholung" in Alsfeld]
Es hat
mich kürzlich ein im Gespräch fallendes Wort
einer lieben Ehemaligen - und ich bekenne: tief
und nachhaltig - getroffen. Und dabei, dessen
darf ich sicher sein, war es gar nicht mal
negativ, wohl auch kaum absichtlich vorwurfsvoll
gemeint. Schwang doch eher ein Unterton
nachträglichen Verständnisses, von Respekt auch
und Billigung darin mit. Das Wort nämlich: ich
hätte als Lehrer meinen Schülern eigentlich
niemals etwas von meinem ganz Persönlichen
"preisgegeben". Doch dieses Wort - wohl
auch entgegen der Absicht der Sprecherin - wirkte
wie eine Nadel, die, einmal in einen
eingedrungen, feine Widerhäkchen entfaltet, die
sich im Inneren spreizen und verankern, so daß
ich dieses durchaus nicht unlieb gemeinte Wort
nicht wieder vergaß.
Aber:
Was ist das, mein ganz Persönliches?
Sind es
Freuden und Leiden des Alltags? Z.B. der Unmut
übers unerwünschte Klingeln des Weckers - nach,
aus welchen Gründen auch immer, viel zu kurzer
Nacht? Der manchmal schier unüberwindliche
Widerwille, einen neuen Arbeitstag zu beginnen,
weil man einen tiefsitzenden Frust vom
vergangenen Tage noch kaum abzubauen vermochte?
Der Ärger über die tatsächlich oder nur
vermeintlich viel zu hohe Rechnung von der Firma
XY? Oder die immer noch schwelende
Meinungsverschiedenheit mit einem besonders
vertrauten, nahestehenden Menschen - über eine
Lappalie?
Die
Liste solcher Fragen ließe sich - und ich machte
mich anheischig, das zu können - ad infinitum
fortführen. Der ganze, immerwährende, nie
endende Kampf in einer Welt der Sperrigkeiten und
Unvollkommenheiten, in der man dann noch dazu oft
selber das Unvollkommenste ist. Doch - was
brächte das? Vielleicht die kurzfristig
beruhigende Botschaft: dem geht's wie mir, das
ist einer wie ich. Oder: Wos so ist, wie Du
selber bist, da laß Dich ruhig nieder?
Vielleicht also damit eine Affirmation des
ohnehin Bestehenden? Eine indirekte, aber
vertraut anmutende Bestätigung dessen, was das
ohnehin Übliche und Alltägliche ist?
Sozialpsychologisch
gewiß nicht unwichtig, weil es eine gewisse
Lebenssicherheit zu geben vermag, vielleicht
sogar einen Anflug von wohliger Nestwärme. Und
den Anschein zu erwecken vermöchte, es sei, weil
jedermann - auch der Lehrer - so ist wie man
selber, alles in Ordnung. Aber - zu einem
Darüberhinaus, was möglicherweise im Sinne
einer menschlichen Weiterentwicklung, besser:
einer Weiterentwicklung der Menschheit,
wünschenswert sein könnte, vielleicht sogar
notwendig - wörtlich genommen: den Zustand der
Not wendend - zu diesem Zustand über das
Bestehende hinaus vermag das ständige
Einander-vorsagen-und-sich-bestätigen des Tag
für Tag sich unablässig Wiederholenden kaum zu
führen.
Was
wäre mein ganz Persönliches aber dann?
Auf die
Gefahr hin, daß das nach so vielen Jahren bzw.
Jahrzehnten niemanden mehr interessiere, sei es
mir am heutigen Tage nachgesehen, wenn ich dieser
Frage vor Ihnen wenigstens ansatzweise
nachzugehen versuche. Kann es mir doch angesichts
Ihrer Anteilnahme an mir, für die ich Ihre
Anwesenheit als Zeichen nehmen darf, nicht
gleichgültig sein, ob ich mich Menschen
gegenüber, denen ich mich stets freundschaftlich
verbunden gefühlt habe, in einer Weise verhielt,
die ich sowohl früher wie auch heute noch vor
meinem prüfenden Gewissen verantworten könnte -
oder nicht. Und auch Sie haben ein Recht darauf,
irgendwann zu erfahren - und zu wissen, von
welchen Vorstellungen und Überzeugungen ich mich
als Ihr Lehrer habe leiten lassen. Hierüber
Klarheit zu bekommen, das erfordern schon die
allgemeinen Menschenrechte, als da sind: das
Recht auf Menschenwürde, auf freie
Persönlichkeitsentfaltung, auf Leben und die
Freiheit der Person, kurz: das Recht, wahr- und
ernstgenommen zu werden - und deshalb Aufklärung
zu erhalten darüber - und zu wissen, nicht nur
wer Einfluß auf einen genommen hat, sondern was
es mit ihm auf sich hatte, von welchen Kräften
er selber bestimmt wurde.
Ich
jedenfalls habe, in Intention der eben
skizzierten Gedanken, das Bedürfnis, Sie
Einblick nehmen zu lassen in das System der
geistigen Antriebe, die mich - soweit ich selber
meine, das erkennen zu können - bei der Arbeit
mit Ihnen leiteten und - die für mich mein ganz
Persönliches waren - und sind. Das bin ich
Ihnen, das sind wir uns - so empfinde ich es -
schuldig.
Es ist
damit nicht beabsichtigt, irgend jemanden zur
Zustimmung und Akzeptanz zu bewegen, gar zu
überreden. Damit wollen wir es doch bitte so
halten, wie bei uns gewohnt: Jeder ist, für sich
genommen, frei, sich zu entscheiden, wohin und
wozu immer er will, sofern er damit nicht
praktisch das Leben und die persönliche Freiheit
eines anderen bedroht. Es ist das, was zu sagen
ich mir hier und heute erlauben möchte, deshalb
keine missio, sondern eine professio, oder -
eingedeutscht - keine Mission, also keine
gezielte Aktion zur Bekehrung anderer, sondern
eine Profession, ein Bekenntnis mit dem Ziele der
Selbsterkenntnis und - nötigenfalls auch der
Selbstrechtfertigung - wie zugleich der
Rechtfertigung vor anderen, insbesondere vor
Ihnen. Und - es geht auch nicht - wozu die
zählebige Bezeichnung
"Lehrer-Schüler-Verhältnis" leicht
verleiten könnte - um eine gewissermaßen
nachzuholende, verspätete "Belehrung".
Denn, erstens, ist auch eine solche von mir nicht
beabsichtigt, sondern ich folge allenfalls dem
Gebot des Anstands und der Ehrlichkeit Ihnen
gegenüber - und damit mitmenschlicher
Verantwortung, und, zweitens, haben Sie mich an
Kenntnissen, beruflichem Können und Erfolg sowie
gesellschaftlichem Ansehen inzwischen wohl weit
hinter sich gelassen. Des provinziellen Wassers,
das ich Ihnen, wenn überhaupt, jemals zu reichen
vermochte, sind Sie auf dem Ozean Ihrer
Fähigkeiten, Erfolge und Weltläufigkeiten
längst nicht mehr bedürftig. Verglichen mit
Ihnen bin ich in der Situation, die der
frankfurterische Ausspruch so treffend
kennzeichnet: Gib'm was ze drinke, sonst
verdörrtr der.
Also:
übernehmen Sie, möglicherweise nur aus
menschlicher Sympathie, nichts, ebenso wenig wie
Sie einfach ablehnen sollten - sondern prüfen
Sie meine Argumente. Beurteilen Sie letztere
allerdings nicht wie solche aus den
experimentellen Wissenschaften, sondern nach den
Gesetzen der Plausibilität, d.h. der
unmittelbaren Einsichtigkeit. Denn nicht alles,
was für des Menschen Leben von existentieller
Wichtigkeit, was also wesentlich für ihn ist,
läßt sich mittels einer Versuchsanordnung
experimentell beweisen. Das gilt für seelische
Phänomene ebenso wie für ästhetische und ganz
und gar für solche des Glaubens - womit jedoch
über deren Bedeutung für unser menschliches
Leben nicht das geringste ausgesagt ist.
Mein
Selbstverständnis als Lehrer gründete in meinem
Selbstverständnis als Mensch. Es ergibt sich aus
dieser Aussage die Nebenfrage für mich, ob sich
beides überhaupt trennen läßt, ja - ob beides
nicht im Grunde identisch ist, identisch sein
muß, will man als Lehrer überhaupt eine
-aber das sollte sich
von selbst verstehen-
positive Wirkung erzielen. Jedoch: da nichts so
ungewiß und so schwer fixierbar ist wie die
Wirkung eines Lehrers, will ich mich hier und
heute in den Versuch einer Beantwortung dieser
Frage nicht verstricken. Nur soviel: wenn das
Selbstverständnis als Mensch hinter einem
bestimmten Anspruch zurückbleibt - und dafür
gibt es bedauerns- und beklagenswerte Beispiele -
dann muß sich das auch auf die Rolle als Lehrer
auswirken, und zwar negativ. An dieser Wahrheit
führt kein Weg vorbei.
Mein
Selbstverständnis als Lehrer, d.h. wie ich mich
selber in meiner Rolle als Lehrer verstand,
gründete also in meinem Selbstverständnis als
Mensch. Wie aber habe ich mich verstanden - und
wie verstehe ich mich noch heute als Mensch?
Sie
kennen die alte, provokante, aber unausweichlich
notwendige Frage: Wer erzieht die Erzieher?
Antwort - meine Antwort -: Jeder, als freier -
und das heißt auch: verantwortlicher Mensch im
wesentlichen sich selbst. Und zwar als das
Selbst, das er infolge des eigenen Erziehungs-
und Entwicklungsweges - unter Einflußnahme
vieler daran beteiligter Quellen (Personen sowohl
wie Ereignisse) - geworden ist. D.h. also durch
die in die eigene Verantwortung übernommene
Selbsterziehung. Alles andere mag besser sein als
nichts, ist aber kein Ersatz. Vor allem, das gilt
für mich, gehört zur Selbsterziehung des
Lehrers die Suche nach dem letzten Wert (den die
Alten als das "höchste Gut", lat. das
"summum bonum" bezeichneten), unter dem
und auf den hin gesehen jedes einzelne Tun und
Handeln und jeder Gedanke seinen Sinn erhält.
(Marcus
Tullius Cicero - wenn's beliebt: Kikero - 106 -
43 v. Chr., sagt dazu in seinem Buch "De
finibus bonorum et malorum" = Über das
höchste Gut und das größte Übel, im 15.
Kapitel des fünften Buches folgendes: "Wenn
man jedoch das höchste Gut nicht kennt, dann
kennt man notwendigerweise die grundsätzliche
Orientierung seines Lebens nicht. Daraus ergibt
sich aber eine solche Verirrung, daß man nicht
wissen kann, in welchen Hafen man sich retten
soll. Ist aber das letzte Ziel erkannt, indem man
einsieht, was das höchste Gut und was das
schlimmste Übel ist, dann ist der Weg des Lebens
und der Begriff jedweden pflichtgemäßen
Handelns gefunden, indem man fragt, auf welchen
Bezugspunkt etwas jeweils auszurichten
ist.")
Damit
aber haben wir das eigentliche Feld der Didaktik
betreten. Sie ist - entgegen der allgemein
gängigen, aber völlig nichtssagenden
Übersetzung Unterrichtslehre - die
Wissenschaft - also das systematische Beobachten,
Untersuchen und Bedenken - von den Zielen. Ziele
aber sind als Begriffe und Leitbilder des
Handelns sinnlos ohne die Vorstellung von Werten,
die allein sie erst zu auswahlwürdigen Zielen zu
machen vermögen.
Als
unverzichtbar für meine Existenz als Mensch wie
für meine Rolle als Lehrer haben mir stets,
erstens, das ständige Bemühen um selbständiges
und schöpferisches - und, zweitens, um ein
hochgradig wertbezogenes Denken gegolten,
letzteres auf religiöser, aber nicht unbedingt
dogmatisch und konfessionell verfaßter
Grundlage.
Selbstverständlich
gehörte bei meiner Arbeit als Lehrer die
Wissensvermittlung unverzichtbar hinzu. Aber -
nicht um ihrer selbst willen, auch nicht primär
um eines anderen mit ihr zu erreichenden Zweckes
willen, sondern um mit ihr in das genannte
besondere Denken einzuführen - und sich anhand
von Wissensdaten in ihm zu üben. Also: die Welt
der Realien nie als Selbstzweck gesehen, sondern
als Gleichnis für den in ihr verborgenen, zu
entdeckenden Sinn. Daß es ohne Kenntnis des
jeweils Faktischen nicht geht sollte unter
hinreichend verständigen Menschen unbestritten
sein, weshalb ich es mir und Ihnen hier erspare,
dieses Selbstverständliche zu begründen.
Selbständiges,
schöpferisches Denken also. Was unter
selbständigem Denken zu verstehen ist, braucht
ebenfalls nicht groß erläutert zu werden. Nur
soviel: es geht dabei nicht darum,
ausschließlich etwas zu denken, was noch nie
gedacht worden ist, aber wenn etwas Vorgedachtes,
dann doch so, daß das Denken stets auf der Höhe
des Verstehens ist - oder umgekehrt.
Doch:
was verstehe ich unter
"schöpferischem" Denken?
Zunächst
vermeide ich dafür die Bezeichnung, auf die man
heute allenthalben stößt:
"vernetztes" Denken. Nicht wegen des
Wortes an sich, auch nicht weil es im Bereich der
Computer und elektronischen Datenverarbeitung
seinen guten Sinn macht, sondern: wenn es und
weil es kommentarlos auf den Menschen angewendet
wird. Die mittels dieser Technik mögliche
weitgreifende und rasante Vernetzung von Daten
führt zu einer schier unvorstellbaren
Kombinationsfülle und ermöglicht daraus
Ergebnisse, die der Mensch, zudem in einer ihm
nicht möglichen Geschwindigkeit, zu erbringen
nie imstande ist. Gleichwohl ist das Ergebnis
dasjenige einer technischen, noch dazu vom
Menschen selbst geschaffenen Apparatur - und darf
allenfalls als artifizielle, künstliche
Intelligenz, nicht dagegen als Intelligenz
schlechthin, nämlich menschliche Intelligenz,
bezeichnet werden. Es erscheint mir deshalb nicht
nur als gedankenlos, sondern als im letzten
gefährlich, für beide "Intelligenzen"
dieselben Begriffe zu verwenden - und damit den
Unterschied zwischen den beiden
Intelligenzträgern nicht nur sprachlich, sondern
auch im Denken aufzuheben. Weil dadurch der
Mensch nicht nur als auf eine Ebene mit dem
Apparat gestellt zu sein scheint, sondern dieser
auch den Maßstab für jenen abgibt und - so
betrachtet - der Mensch im Vergleich mit dem
Apparat als Verlierer enden muß. Das aber wird
dem Menschen nicht gerecht, da er zwar, was das
quantitative Leistungsvermögen betrifft, hinter
dem Apparat rettungslos zurückbleiben muß, aber
- was die Kreativität angeht - dem Apparat
qualitativ unendlich überlegen ist. Denn -
welcher Apparat wäre in der Lage, z.B. angeregt
durch den Duft einer Rose, ein lyrisches Gedicht
zu schreiben, das den Leser schlagartig in der
Tiefe seines Seins begreifen läßt, was es mit
der Schönheit wie zugleich der Vergänglichkeit
allen irdischen Daseins auf sich hat - einer
unmittelbaren Erkenntnis des Schicksals alles
Vergänglichen, also auch des Menschen selbst. Es
geht bei alledem gar nicht darum, die Leistung
eines Computers zu verkleinern. Oder gar zu
verteufeln. Wir werden die Zukunft ohne diese
Prothese nicht bestehen können. Sondern es geht
nur darum, bei einem Vergleich von Maschine und
Mensch deren Verschiedenheit gedanklich wie auch
sprachlich nicht vergessen zu machen.
Uns ist
vom chinesischen Philosophen Kung-fu-tse, bei uns
bekannter als Konfuzius (geb. 551 v. Chr. in
Shantung, gestorben um 479 v. Chr.) u.a.
folgendes überliefert: "Der chinesische
Weise Meister Kungfutse wurde einst vom Fürsten
des Staates We gefragt, was er für das
Wichtigste im Staatsleben ansehe. Der Meister
sprach: Was vor allem nötig ist, daß man
alle Dinge beim rechten Namen nennen kann.' Der
Fürst Dsi Lu äußerte sich ziemlich absprechend
über diese Äußerung des Meisters. Kungfutse
verwies ihm dies und antwortete: Man darf
das, was man nicht versteht, nicht beiseite
lassen. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so
stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht,
so ist das, was gesagt wird, nicht das, was
gemeint ist; ist das, was gesagt wird, nicht das,
was gemeint ist, so kommen die Werke nicht
zustande; kommen die Werke nicht zustande, so
gedeihen Moral und Kunst nicht; gedeihen Moral
und Kunst nicht, so trifft das Recht nicht;
trifft das Recht nicht, so weiß das Volk nicht,
wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man nicht,
daß in den Worten irgend etwas in Unordnung ist.
Das ist es, worauf alles ankommt."
Einige
unter Ihnen werden sich wahrscheinlich an eine
Reaktion von mir erinnern, die Sie damals
möglicherweise als eine Marotte empfunden haben,
die aber ihren tieferen Grund in dem zuvor
Ausgesagten und Zitierten hatte. Stets monierte
ich die Anwendung des Wortes "Stück"
auf Menschen. Also z.B. auf die Frage, wieviel
Schüler denn am Mitfahren interessiert seien,
die Antwort: "Mindestens 20 Stück."
Menschen sind in der Geschichte nachweislich
immer dann als Stück o.ä. bezeichnet worden,
wenn man abträglich über sie sprechen wollte
oder wenn gar Menschenverachtung herrschte.
So wie
fehlende Denkbemühung eigentlich immer zu einem
sprachlichen Ausdruck führt, der den Dingen
unangemessen ist, so bewirkt ein unangemessener
oder falscher Ausdruck bei denen, die ihn bilden,
übernehmen und gebrauchen, ein falsches
Verständnis des Dings, auf das er sich bezieht.
Handelt es sich nun nicht nur um Dinge, sondern
um Menschen, so ist die Auswirkung derartiger
Unschärfen, Unangemessenheiten und Falschheiten
noch katastrophaler. Das geschieht wohl meist aus
Bequemlichkeit, aber häufiger, als man das
annehmen möchte, aus gezielter, taktischer
Absicht. Es ist eine uralte
Menschheitserfahrung -der
Historiker kennt eine Fülle von Beispielen
dafür, die geradezu "Geschichte gemacht
haben", man denke z.B. an das politische
Kampfmittel der gezielten
"Desinformation", aber auch der
Psychologe weiß davon zu reden-
daß Worte verletzen, ja
- töten können. Und das bei weitem nicht immer
unbeabsichtigt und ungewollt. Das Ding, die
Sache, der Mensch, um die es geht, verwandelt
sich infolge der sprachlichen Mitteilung über
sie in das Ding, die Sache, den Menschen dieser
sprachlichen Mitteilung. Eines der makabersten
Beispiele aus der jüngeren deutschen Geschichte:
der gezielte, aus berechneter Absicht
unaufhörlich wiederholte Vergleich einer
Minorität, nämlich der Deutschen mosaischen
Glaubens, mit Parasiten und Ungeziefer durch die
NS-Propaganda, was bei der deutschen Bevölkerung
zu einem Abbau der Hemmschwelle den Juden
gegenüber führte, zumindest zu innerer Distanz
bis hin zur Gleichgültigkeit.
Solche
Irritationen, wenn nicht gar schlimmere Folgen,
durch unscharfes, unbemühtes Denken, demzufolge
unscharfe Begriffe und - unscharfe Verantwortung
sind, leider, nicht nur historische
Vergangenheit, sondern geschehen immer, solange
es Menschen gibt, die ihrer Welt denkend begegnen
und die gelungenen oder - die mangelhaften
Ergebnisse dieser Begegnung sprachlich
auszudrücken versuchen. Die Aufgabe, sich dabei
verantwortlich zu verhalten, bleibt immer
gestellt. Selbst eine geglückte Lösung gilt nur
so lange, wie man für ihre Entstehung gebraucht
hat. Es gibt bei der damit aufgegebenen
Verantwortung weder ein Verschnaufen noch einen
Ausweg aus ihr.
Ich
zucke jedesmal zusammen, wenn Journalisten oder
Politiker im Zusammenhange mit einer
Auseinandersetzung zwischen Menschen vom
"Knackpunkt" sprechen. Diese auf den
ersten Blick griffige, anschauliche
Wortschöpfung - umso unbedenklicher zur
Nachahmung reizend, je hochkarätiger der
Vorsprecher - stammt aus dem Bereich der
Materialprüfung. Stoffe werden in dafür eigens
entwickelte Vorrichtungen eingespannt,
unausweichlich, und höchsten Druck- oder
Zugbelastungen ausgesetzt, bis sie brechen oder
zerreißen - um abschätzen zu können, welche
Belastungen man später den Produkten (Maschinen
u.ä.) zumuten kann, die aus den zu diesem Zweck
geprüften Materialien hergestellt werden sollen.
Ein höchst sinnvolles Verfahren. Denn
schließlich kann es mir nicht einerlei sein, ob
mein Auto beim Fahren über eine Rüttelstrecke
auseinanderfällt - oder ob es bei einem immer
möglichen Crash für mein Überleben eine Chance
gibt. Was mich daran
stört -vom ersten
Augenblick an, als ich es hörte und es mir ein
geradezu körperliches Unbehagen
bereitete,- das ist,
abgesehen von seinem gewalttätigen
Klangcharakter, die undifferenzierte sprachliche
Übertragung des Wortes von dem so behandelten
Material auf den Menschen bzw. auf Tätigkeiten,
deren Träger er ist. Der Einwand, daß auch
Menschen Höchstbelastungen, ja -
"Zerreißproben" (wieder ein solcher
Ausdruck) ausgesetzt sind, ist zwar zutreffend,
sticht aber nicht im Sinne dessen, worum es hier
geht. Mir paßt, um dieses Wort zu gebrauchen,
dabei "die ganze Richtung nicht". Was
nämlich in bezug auf Stoffe, Materialien und auf
die Technik insgesamt durchaus sinnvoll, gar
notwendig, weil dem Menschen dienlich ist, das
muß, auf den Menschen selbst gerichtet, als
unerlaubt, ungehörig und unangemessen gelten -
und deshalb verboten sein. Allenfalls, nämlich
um eine bewußt herbeigeführte Situation, in der
ein Mensch absichtlich bis zum Zerreißen
belastet wird, zu kritisieren und zu verurteilen,
darf vom "Knackpunkt" im Zusammenhange
mit dem Menschen gesprochen werden, aber dann
eben als ihm unangemessen und deshalb
verurteilungswürdig. Wie hatte doch Cicero so
treffend geurteilt: "Ist aber das letzte
Ziel erkannt, indem man einsieht, was das
höchste Gut und was das schlimmste Übel ist,
dann ist der Weg des Lebens und der Begriff
jedweden pflichtgemäßen Handelns gefunden,
indem man fragt, auf welchen Bezugspunkt etwas
jeweils auszurichten ist." Das heißt für
mich: Der Mensch ist - und muß es bleiben -
(richtig verstanden!!) die Krone der Schöpfung.
Die Krone allerdings ist er, unangefochten
dauernd, nur als Entwurf und Möglichkeit. Er ist
die Krone nicht schon - und gar etwa nur deshalb,
weil er - ohne sein Zutun übrigens - als Mensch
geboren worden ist. Richtiger wäre zu sagen: zum
Menschen geboren worden ist, weil die
Präposition "zu" etwas von dem
Richtungshaften andeutet, das wahrzunehmen und
dann ihm zu folgen dahin, wo er seine Vollendung
erreichen könnte, dem Menschen aufgegeben ist.
Er kann diese Aufgabe annehmen und ihr folgen -
er kann es aber auch lassen. Das ist das uralte
Problem der Willensfreiheit des Menschen, des
ersten Freigelassenen der Schöpfung, wie Herder
und andere die Einmaligkeit des Menschen treffend
charakterisierten. Gleichwohl bleibt er seinem
Entwurfe, bleibt er der Disposition nach die
Krone der Schöpfung. Von hier her hat er seine
Würde, die von unserer Staatsverfassung, dem
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, als
unverletzlich festgeschrieben worden ist.
"Schöpferisches"
Denken, um auf diesen Begriff noch einmal
zurückzukommen, ist eben
nicht -wie manche
Erklärer, deren eigenes Denken verengt und ohne
Sinnbezug geworden ist, sagen-
nur "neues",
noch nie dagewesenes, sensationelles, häufig mit
nichts als damit Aufmerksamkeit erregendes
Denken, sondern ein Denken, das die Welt in die
Richtung zu fördern sucht, in der sie sich -
soweit im Irdischen möglich - zu vollenden
vermag. Der in ihr liegenden Disposition folgend,
die man unmittelbar zu erkennen vermag, wenn man
die Schöpfung - wie Kant es unvergleichlich
formulierte - "mit interesselosem
Wohlgefallen" betrachtet, gleichsam in sie,
und also auch in sich selber, hineinhorcht. Eine
Vollendung, ähnlich der aristotelischen Idee von
der Entelechie, die Goethe in die Worte faßte:
"Geprägte Form, die lebend sich
entwickelt."
Schöpferisches
Denken ist also ein dem inneren Sinn der
Schöpfung folgendes Denken. Es kann, z.B., nicht
der Sinn der Schöpfung sein, den Menschen zu
einem Abhängigen dessen zu machen, was er selber
hervorgebracht hat, z.B. der Technik, eines
technischen Systems, z.B. der Datenverarbeitung.
Deren Mittelhaftigkeit muß bewußt bleiben. Bei
aller Wichtigkeit, die sie für den Menschen
haben mag. Schöpferisches Denken ist ein Denken,
das die Rangfolge des unmittelbar oder mittelbar
Geschaffenen zu erkennen und bewußt zu machen
versucht und - die Ergebnisse dieser Denkarbeit
sprachlich zu formulieren, zeichenhaft in
Erscheinung treten zu lassen sich bemüht.
Schöpferisches Denken ist sinngerichtetes und
sinngeordnetes Denken, das man - je nach
Situation und Ziel - auf verschiedene Weise
praktizieren kann, z.B. als kausales Denken, als
Denken in Zusammenhängen und Relationen, als
Analogie-Denken, als erkundendes,
phantasievolles, utopisches, forschendes,
prüfendes Denken etc. Darüber wäre, ggf.,
gesondert zu handeln.
Die Welt
ergründen wollen, in ihrem Entwurf zur
sinnvollen Geordnetheit. Bis zu den Grenzen
vorstoßen - allerdings nicht mit der Absicht,
sie zu überschreiten, sondern um sie zwar
auszuloten, aber um sie dann zu akzeptieren.
Letztendlich also -ich
wage diese heute, noch, viele befremdende
Aussage-: schöpferisches
Denken ist - religiöses Denken.
Und
damit bin ich bei der zweiten großen Kraft, die
mein Leben als Mensch und - Lehrer bestimmt hat,
und komme damit zum Schlußteil meiner
Profession.
Es wird
nun wahrlich dem Anspruch von Geistigkeit nicht
gerecht, wenn man sich
-wie kürzlich bei einer öffentlichen
Meinungsbefragung des Fernsehens
geschehen- stolz als
Studentin bezeichnet, zugleich aber in Mikrophon
und Kamera hineinspricht: man halte gar nichts
von Religion, insbesondere von der christlichen,
man fühle sich im Widerspruch zu dieser - und
nun kommt's - Ideologie. Deshalb einige kurze,
aber notwendige Überlegungen zu den Begriffen
Religion und Ideologie, zu ihrem Verhältnis und
- ihrer Abgrenzung zueinander.
Eingedenk
der Aussagen Kungfutses, daß die Worte nicht
stimmten, wenn die Begriffe nicht richtig seien.
Und: daß man nicht dulden solle, daß in den
Worten irgend etwas in Unordnung sei, - eingedenk
dieser Aussagen erfolgen die nachstehenden
Informationen und Erläuterungen.
Der
Engländer Francis Bacon resp. Baco von Verulam
(1561 - 1626) wird häufig als Vorfahr, als einer
der Begründer dessen gesehen, was später,
insbesondere im 20. Jh., als Ideologie bekannt
wurde. Bei genauerer Betrachtung ist dieses
Urteil nur richtig hinsichtlich der Namensgebung
und der Problemstellung "Ideologie".
Aber Bacon selbst war kein Ideologe, sondern eher
ein Urahn der Ideologie-Kritik. Denn er sieht in
den Idolen -quasi den
Keimzellen und Bausteinen von
Ideologien- eine Gefahr,
die zu bekämpfen ist.
Unter
Idolen versteht Bacon Vor-urteile und falsche
Vorstellungen. Diese haben ihren Grund und
Ursprung in der mangelhaften Erkenntnisfähigkeit
des Menschen. Diese ihrerseits ergibt sich aus
dem Faktum des endlichen, unvollkommenen
Bewußtseins des Menschen.
Man kann
die Gefahr, Vorurteile und falsche, weil
mangelhafte und vom eigenen Interesse gesteuerte
Vorstellungen zu haben, nicht grundsätzlich und
ein für allemal beseitigen, aber man kann dieser
Gefahr begegnen, indem man sich ihrer als
ständig drohender Fehlerquelle bewußt wird und
dieses Bewußtsein zur dauernd gegenwärtigen
Basis seines Denkens und seiner Urteile zu machen
versucht. Und: indem man jede ursprüngliche
Vorstellung auf ihre allgemeine Gültigkeit hin
überprüft, indem man sie durch präzise
Beobachtung der Wirklichkeit sowie an den
Erfahrungen testet.
Damit
gilt Bacon insbesondere als einer der Begründer
der exakten naturwissenschaftlichen Methode. Aber
damit ist seine allgemeine Bedeutung - über den
Bereich der Naturwissenschaften hinaus - noch
nicht erfaßt. Im Grunde nämlich initiiert er
eine Rückbesinnung auf die existentielle
Befindlichkeit des Menschen schlechthin: auf
seine Mangelhaftigkeit und Begrenztheit. Und in
dieser Rückbesinnung liegt das einzige
wirkungsvolle Mittel, wie man - wenn überhaupt -
den Idolen, Vorurteilen, falschen Vorstellungen
und den daraus oder darauf errichteten Systemen,
kurz: all dem, was man später Ideologien nennen
sollte, - wie man also alledem vorbeugen könne:
indem man nämlich sich das Bewußtsein vom
qualitativen Unterschied zwischen Un-endlichem
und End-lichem, zu dem man selber gehört,
bewahrt - und aus diesem ständig wachzuhaltenden
Bewußtsein heraus beim Urteilen Vorsicht walten
läßt. Insbesondere Vorsicht betreffs der
Gefahr, in Abwesenheit erkennbarer Wahrheit sich
selber, also seine eigenen unvollkommenen, durch
Einmischung eigener Interessen fehlerhaften,
falschen Vorstellungen, zur Wahrheit zu
erklären. Und erst dann, wenn der Mensch
versucht, dem allgemeinen religiösen Gefühl
einen Inhalt zu geben, der seine eigene
unvollkommene, begrenzte Vorstellungswelt für
absolut, ja - für Gott erklärt, entsteht
Ideologie. Aber das ist Menschenwerk, nicht Gott,
und berührt Den sowie das tiefe unmittelbare
Gefühl des Menschen Ihm gegenüber, also die
wahre Religion, in gar keiner Weise. Ja - sogar
jede historisch und umweltlich wie kulturell
bedingte Religion - selbst in einer ganz eigenen
Formensprache und Idiomatik -, die sich ihrer
Endlichkeit bewußt bleibt, entgeht der Gefahr,
zur Ideologie zu werden. Und spätestens jetzt
sollte unmittelbar einsichtig geworden sein, wie
absolut verfehlt es ist, eine echte Religion
Ideologie zu nennen. Zwischen beiden Begriffen -
und dem, was sie meinen, liegen Welten. Und man
sollte hier - wie überall, aber besonders hier -
alles tun, um zu verhindern, daß die Begriffe
verschwimmen oder - wie Kungfutse es so
meisterlich formulierte - daß das, was gesagt
wird, nicht das ist, was gemeint ist.
Ein
bereits rascher Blick in ein wahrlich nicht allzu
anspruchsvolles Informationsmittel, wie Kröners
Philosophisches Wörterbuch, zeigt, daß der
Begriff "Ideologie" durchaus längst
präzise im Sinne meiner obigen Anmerkungen
definiert ist. Aber viele, selbst solche, die
sich auf ihre Bildung viel zugute halten, wissen
das anscheinend nicht. Gebrauchen diesen Begriff
aber - und das ist nicht nur gedanken-, sondern
im Grunde bedenkenlos, - so, als ob sie es
wüßten. Und erst das ist das eigentliche
Ärgernis: denn nicht etwas nicht zu wissen ist
das Übel, sondern etwas nicht zu wissen, aber so
zu tun als ob. Leute, die sich so verhalten,
benehmen sich bei der Ablehnung von etwas, was
sie für ideologisch halten, z.B. der Religion,
wegen ihrer unberechtigten Vorgabe, Bescheid zu
wissen, im selben Moment eigentlich selber -
ideologisch.
Religion
- Opium fürs Volk?! Nein, nicht die Religion,
sondern das durch Verfälschung erzeugte Mittel,
das skrupellose Herrschsüchtige aus ihr zu
machen verstanden. Die Religion selbst ist von
dererlei Manipulationen völlig unbetroffen.
Nicht sie, sondern nur das verfälschte Bild von
ihr ist mit Recht in die Kritik geraten. Und hier
kommen wir nun an den Punkt, an dem selbst
überzeugte Atheisten aufhorchen müßten und der
sie interessieren müßte, wenn sie denn nicht
wollten, daß die Welt - und sie selbst mit - im
Chaos versinkt. Nämlich: für
Lessing -einer der ganz
Großen unserer deutschen Geistesgeschichte und
von einer Bedeutung menschheitlichen Ausmaßes-
für Lessing also, so
vermag man es manchmal zwischen seinen Zeilen zu
lesen, ist es im letzten gar nicht so
entscheidend, ob es Gott wirklich gibt (obwohl er
selber, Lessing, schon davon überzeugt war),
sondern für ihn ist entscheidend, daß der von
Natur her zwar höchst begabte, aber infolge
seiner vergänglichen Natur eben auch ständig
schwache Mensch sich mit Hilfe seiner Begabung
etwas schaffe, was gegen seine Schwäche, die er
selber klar sieht, ein Halt sein kann. Und
insofern kommt er, Lessing, zu der geradezu
revolutionär wirkenden Aussage, daß der Mensch
seine Aufgeklärtheit erst dann vollendet haben
wird, also erst dann als wahrhaft aufgeklärt
gelten kann, wenn er aus ganz klarer Erkenntnis,
aus hellsichtiger Selbsterkenntnis seiner
existentiellen Befindlichkeit - sich die
Religion, die gläubige Bindung an den
"einigen Gott" und an die
Unsterblichkeit der Seele, gewissermaßen selber
und wissentlich "verordnet" haben wird.
Damit einen höchsten Wert setzend, der ihn stets
an seine eigene Mangelhaftigkeit und Begrenztheit
erinnert - und niemanden niemals mehr aus der
Pflicht zur Verantwortung entläßt; sich selber
aus tiefster Einsicht in seine stets latenten
Schwächen und in seine Neigung, bestehende
Ordnungen dann zu manipulieren, wenn das einer
momentanen Interessenlage dienlich wäre, - sich
selber also aus weiser Voraussicht, nötigenfalls
per Gesetz, eine Grenze zu setzen - und diese
für unaufhebbar zu erklären, für
"unveräußerlich und unzerbrechlich wie die
Sterne selbst", wie Schiller das in
"Wilhelm Tell" formulierte. Das wäre
eine Folge dessen, was Lessing "vollendete
Aufklärung" nennt. Geradezu der Nachweis
für den einem Menschen überhaupt möglichen,
höchsten Grad von geistiger Reife. Denn was
könnte es Erwachseneres geben als den Mut, der
Wahrheit über sich selbst ins Gesicht zu sehen,
sie zu akzeptieren und - Wege und Mittel für den
förderlichsten Umgang mit ihr zu entwerfen.
Ganz im
Widerspruch dazu steht die noch vorherrschende
Meinung, daß alles, was Religion betrifft, etwas
für inferiore Menschen sei, das man bei ihnen
mit dem gewissen überlegenen Lächeln quittiert
- wie den Weihnachtsmann. (Der bei Kindern
beobachtete schwindende Glaube an ihn wird ja
dann, üblicherweise und mit kaum verhohlenem
Stolz, als Beweis für Aufgeklärtsein,
Intelligenz und Reife gelobt.) Und doch ist ein
solches Verfahren, nämlich sich selber eine
unangreifbare Grenze zu setzen, nicht so
weltfremd und paradox, wie es auf den ersten
Blick - und zwar unschöpferischem Denken -
scheinen möchte. Denn auch unser gegenwärtiges
Staatswesen lebt auf der Grundlage einer
Verfassung, die es verbietet, die Grundrechte zu
verändern oder gar abzuschaffen, zuvörderst den
Art. 1 des GG, der die Beachtung der Würde des
Menschen gebietet. Noch leben wir alle unter
diesem Schutz, leben gut und profitieren von ihm,
also von der segensreichen Setzung der weisen
Väter unseres Grundgesetzes. Aber wie lange noch
in einer Welt, die von der Erosion eines
lebendigen Glaubens an den höchsten Wert von Tag
zu Tag mehr bedroht ist. So daß vielen Menschen,
zumal vielen jüngeren, zunehmend das
Verständnis für den Sinn solcher Passagen in
unserer Verfassung abgeht. So daß sie aus
Unverständnis und Nichtwissen, nicht einmal aus
gezielter Boshaftigkeit, die Streichung solcher,
in ihren Augen sinnlos gewordener Textpassagen
verlangen und sich dabei sogar in dem Glauben
wiegen, etwas ganz Fortschrittliches, weil
angeblich der Menschheit Dienliches zu verlangen.
Es ist
immer wieder merkwürdig und irritierend, wie
wenig der Mensch dazu bereit ist, das für bare
Münze zu nehmen, was als Realität buchstäblich
auf dem Wege, auf der Straße liegt. Fast jeder
ist heute Autofahrer. Und als solchem ist es ihm
absolut geläufig, daß die Bodenhaftung der
Reifen - und damit seines Wagens - unter anderem,
aber sehr entscheidend von der Profiltiefe der
ersteren abhängt. Bei abgefahrenen Reifen droht
das Rutschen, Schleudern, droht Unfall, evtl. der
Tod. Man verstößt zwar ab und an gegen dieses
Wissen, aber kaum jemandem käme es in den Sinn,
die Wahrheit dieses Wissens zu bestreiten. Wenn
es aber darauf ankommt, dieses Wissen für einen
anderen Lebensbereich, ja - für die gesamte
Existenz nutzbar zu machen (man brauchte es nur
von einem Bereich auf einen anderen zu
übertragen , also - schöpferisch zu denken),
dann erweist sich ein und derselbe Mensch als
merkwürdig starr, als geistig unbeweglich, ja -
als begriffsstutzig. Aus der Übertragung von
einem Erfahrungsbereich auf einen anderen aber
ergäbe sich die folgende - den Menschen nicht
gefährdende, sondern ihn erhaltende -
Erkenntnis: Dort, wo im Menschen die Eindrücke
in seinem Wertbewußtsein, also - vergleichsweise
- die Profile, abgeflacht sind, droht ihm, viel
schlimmer und folgenschwerer als einem
seelenlosen mechanischen Wagen, das
unkontrollierte und unkontrollierbare Rutschen,
Schleudern und Verunfallen. Auf die
immerwährende Sicherheit der "Profile"
eines Wertbewußtseins
-im Irrglauben, sie seien von Natur aus einfach
da, für immer vorhanden und bedürften nicht der
sensibelsten, sorgsamsten Pflege,-
auf eine solche
immerwährende, gleichsam
"pflegeleichte" Sicherheit der
"Profile" des Wertbewußtseins also
kann man sich eben nicht verlassen, denn - um
diesen bildlichen Vergleich zu bemühen - sie
fahren sich in den unaufhörlich heftigen
Reibungen des Lebens ständig ab, ohne sich von
selbst zu regenerieren - wenn sie nicht aus der
Tiefe eines lebendig erhaltenen Wertbewußtseins
dauernd nachgeschnitten und neu geschärft werden
-.
Ich
komme zum Schluß: Wenn ich des überwiegend
guten Verhältnisses gedenke, das uns miteinander
beschieden war, dann erscheint es sicherlich, da
vergangen, in der Erinnerung beglänzter, als es
in der realen Gegenwart war. Hätte also einen
Teil seiner Ursachen in der allen Menschen seit
je einwohnenden Neigung, erlebte Gegenwart in der
Vergangenheit zu verklären. Doch sicherlich ist
das erinnerte gute Verhältnis zwischen uns nicht
allein damit erklärt. Ich hatte einfach Glück
mit Ihnen. Sie waren schon als Schüler
mindestens so liebe Menschen, wie Sie es heute
immer noch sind. Sie haben mir das Dasein als
Lehrer leicht gemacht. Und ein bißchen mag es ja
auch an mir gelegen haben. Denn eines zu sagen
gestatte ich mir guten Gewissens, nämlich:
leicht gemacht habe ichs mir nie, bemüht
war ich, so oft und so viel ich nur irgend
vermochte.
Trotzdem:
meine zuvor erwähnten Hauptantriebskräfte, das
möglichst kreative Denken und die religiös
begründeten Wertvorstellungen, veranlassen mich
zu Bescheidenheit und Demut bei einer
Selbstbewertung. So habe ich schon manches Mal
gedacht, wie es wohl gewesen wäre, hätte mich
das Leben an einen anderen Schulort verschlagen,
an dem eine wesentlich bunter gewürfelte
Schülerschaft mit wesentlich mehr
Lebensproblemen mich vor ganz andere Aufgaben
gestellt haben würde. Möglicherweise hätte ich
da einfach versagt. Ich weiß es nicht.
Möglicherweise hätte ich auch diese Situation
nach dem Prinzip von "challenge and
response" bewältigt. Doch - das sind
akademische Erwägungen - die allerdings zur
Folge haben, daß man gegen die Versuchung zur
Überheblichkeit gefeiter wird. Wir jedenfalls
dürfen, ja müssen von der Situation ausgehen,
wie sie für uns bestand. Stellen wir also fest,
daß wir mit uns einiges Glück gehabt haben -
und seien wir dankbar dafür.
Und
seien wir im Gefühle dieser Dankbarkeit eine
Gemeinschaft von freien, verantwortungsvollen
Menschen, die sich - ohne jegliche verpflichtende
Satzungen - miteinander verbunden fühlen -
einfach im Gedanken an die Humanität. An eine
Menschlichkeit, die den Namen verdient, weil sie
sich ihres Menschseins dauernd bewußt ist, d.h.
seiner existentiellen wie essentiellen Grenzen,
die wir bewußt akzeptieren und annehmen - und
damit den Ursprung allen Seins, der zugleich
unsere Abhängigkeit wie auch unsere Freiheit
begründet - um aus diesem Bewußtsein das tiefe
Verständnis für den jeweils Anderen zu
gewinnen. Für die Duldung nicht nur, sondern
für den unwiderstehlichen Antrieb zur Hilfe,
wenn wir spüren, daß der Andere dieser bedarf,
um sich zum Menschen mit Würde und dem
Bewußtsein dieser Würde entwickeln zu können.
Und fühlen wir uns als eine Gemeinschaft von
Freien unter dem Anspruch, den wir, wenn auch nur
in seltenen Stunden, in unserem Geiste vernehmen,
und dem wir, wenigstens ab und an, in der
Wirklichkeit Geltung zu verschaffen versuchen
sollten, um damit verhindern zu helfen, daß wir
selber - und mit uns die Welt - in der grauen
Beliebigkeit, Flachheit und Fadheit des
Alltäglichen versinken. Seien wir Menschen - mit
einer Ahnung von der Tiefendimension, die dieser
Begriff in jahrtausendealter Denktradition
erhalten hat.
Wer da
nun gemeint haben sollte, mein ganz Persönliches
sei etwas schamhaft zu Verheimlichendes,
gewissermaßen unter der seelischen Unterwäsche
Verborgenes, dem sei gesagt, daß dieses einer
Aufdeckung oder Preisgabe weder bedarf noch wert
ist, einfach deshalb nicht, weil es nicht das
Aller-persönlichste, sondern das Allgemeinste,
um nicht zu sagen: Allergemeinste ist. Denn wir
haben es alle, jeder von uns. Um darüber
Bescheid zu wissen, genügt es, bei Schiller
nachzulesen: "Willst du dich selber erkennen
- sieh, wie die andern es treiben. Willst
du die andern erkennen - blick in dein
eigenes Herz."
Das
Persönlichste kann nur etwas sein, was uns über
das Allgemeine hinaus charakterisiert und
kennzeichnet. Und dazu glaube ich, was mich
betrifft, nach bestem Wissen und Gewissen, wenn
auch unterm dauernden Zwang, kürzen zu müssen,
einiges hier gesagt zu haben.
Was ich
hier angerissen habe, das ist zugleich mein
Bekenntnis zu dem, wonach ich immer gestrebt habe
und - wovon ich mich während meines Lebens als
Mensch wie als Lehrer habe leiten lassen. Es ist
auch das, was ich heute für gültig und
notwendig erachte. Die Vorbereitungen auf dieses
Bekenntnis am heutigen Tage waren die jüngste
Gelegenheit für mich, die in ihm vertretenen
Thesen wieder einmal zu überprüfen. Sie haben
der Überprüfung standgehalten.
Sollte
es mir dagegen in den Jahren der schulischen
Zusammenarbeit mit Ihnen nicht immer oder nur
sehr eingeschränkt gelungen sein, diese
Überzeugungen deutlich werden zu lassen und
umzusetzen - so bitte ich Sie nachträglich um
Nachsicht und Vergebung für Ihre verschwendete
Zeit und Geduld. Sagen dürfte ich jedoch auch
für diesen Fall: es war keine böse Absicht
meinerseits, sondern eine Folge meiner
menschlichen Mängel.
Und nun
sehen Sie mir am Schluß diese eine
Vertraulichkeit nach, die ich mir - was sonst
nicht unbedingt meine Art war - heute
herausnehme, wenn ich sage: Ich danke Euch für
Eure Treue und Zuwendung, die Ihr mir erwiesen
habt - und heute so überwältigend erweist. Ich
danke Euch für die lieben Worte, die Ihr für
mich gefunden habt, und für alles, worin sich
Eure Sympathie ausdrückte. Ich will mich - so
lange wie es mir noch beschieden sein wird -
bemühen, dessen würdig zu sein. Und ich weiß,
daß sich darin zugleich Eure Sympathie für
meine liebe Frau ausdrückt, ohne die ich nicht
hätte das sein können, was ich war. Und ich
danke Euch, daß Ihr mir durch Euer
liebenswürdig-höfliches Zuhören die
Gelegenheit gabt, das als Professio abzulegen,
was mir auf dem Herzen lag. Ich danke Euch.
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