Gedanken zum Begriff und
Phänomen "Jubiläum"
Rede anläßlich
des 30. Jubiläums eines Abiturs
Alsfeld 1996
[Ansprache
am 11. Mai 1996 beim Treffen in der Gaststätte
'Am Pranger' in Alsfeld, 30 Jahre nach dem Abitur
am Gymnasium Albert-Schweitzer-Schule in Alsfeld
(Oberhessen)]
Meine
sehr geehrten Damen und Herren,
liebe ehemalige
Schülerinnen und Schüler!
Ich
bitte vorab diejenigen unter Ihnen, die zu
betreuen als Lehrer ich nicht das Glück hatte,
um Vergebung, daß ich
-trotz der naturgemäßen Unvertrautheit zwischen
uns- mir erlaube, das
Wort auch vor Ihnen zu ergreifen.
Es ist
damit keine verspätete Kompetenzanmaßung
beabsichtigt, sondern hat seinen Grund schlicht
und einfach in der Tatsache, daß dieses Treffen
nicht im ehemaligen Klassenverband stattfindet,
sondern den gesamten Abiturjahrgang umfaßt.
Nun
hätte ich ja
-angesichts dieses mir vorab bekannt gewordenen
Faktums- überhaupt
darauf verzichten sollen, hier und heute etwas zu
sagen. Aber: da haben Sie, haben wir alle, mich
eingeschlossen, die Rechnung ohne den Wirt
gemacht, nämlich ohne die schier unbezwingbare
Neigung eines ehemaligen gelernten - und wohl
auch gewordenen - Lehrers, zu reden. Denn
irgendwoher muß halt jeder sein
Selbstwertgefühl beziehen bzw. bestätigen.
Zumal dann, wenn er -aus
Gründen eines leicht fortgeschrittenen
jugendlichen Alters-
keine offiziellen Gelegenheiten mehr dazu hat.
Und auch die beste, wahrlich die beste und
geduldigste Ehefrau alleine vermag dieses Manko
als Zuhörerin nicht zu kompensieren. Zumal sie,
wie jeder Staatsbürger der BRD, unter dem
verfassungsrechtlichen Schutz der Unversehrtheit
und Unverletzlichkeit der Person steht.
Bitte,
seien Sie aus diesen schwerwiegenden Gründen
nachsichtig mit mir und damit, daß ich
überhaupt - und was ich reden werde.
Je
näher dieser heutige Tag rückte, desto öfter
hörte ich das Wort vom '30-jährigen Jubiläum'.
Und irgendwann wars dann, das war gar nicht
aufzuhalten, daß etwas in mir realisierte, in
dem Worte 'Jubiläum' steckten ja 'Jubel' und
'jubeln' - und schon geschah, im Akte des
Stutzens und Erstaunens, die Genesis eines
philosophischen Fragens, das sich schließlich
wie folgt verdichtete: Worüber jubeln wir, wenn
wir uns 30 Jahre nach Ostern 1966 treffen? Und:
Gibt es einen Grund, über dieses Datum 1966
sowie über dessen jährliche, heute nun
30-jährige Wiederkehr zu jubeln?
Es
deucht (es deucht! Sie merken: jetzt wird's
seriös!), es deucht den Philologen, man könnte
einer Antwort auf diese Fragen näherkommen,
indem man sich erst einmal Klarheit darüber
verschaffte, was 'jubeln' und 'Jubel' denn
ursprünglich überhaupt - und dann im Laufe
geschichtlicher Entwicklung bedeuteten.
Einschlägige
Werke, insbesondere Grimms Deutsches Wörterbuch,
geben uns, kurz zusammengefaßt, folgende
Auskünfte: Das Vulgär-Latein, also das
umgangssprachliche Latein des Volkes, kannte die
Wörter 'jubilus, jubilum' als Ableitungen von
der Interjektion (also dem Empfindungswort oder
-laut) 'ju' (interessanterweise die genaue
Entsprechung der deutschen Interjektion 'ju') -
und das Vulgär-Latein meinte damit das
'jau-chzende Geschrei der Hirten und Soldaten'.
(Ich
erspare mir die Zeit für die Begründung,
weshalb gerade diese beiden Gruppen, nennen wir
sie Berufs-Gruppen, als exemplarisch für
jauchzendes Geschrei galten. Aber jeder, der nur
einige Kenntnisse und Phantasie hat, sich in die
Existenz von (zumal jener frühen Zeit in z.T.
noch wilden Gegenden) und in diejenige von
Soldaten (derselben frühen Zeit) zu versetzen,
der findet die Begründung leicht selber.
Im
Mittelalter übernahm das sog. Mittellateinische
'jubilus, jubilum' in die Kirchensprache. Mit
beiden Wörtern bezeichnete man anfangs das
wortlose, langgezogene Frohlocken am Ende eines
Kirchengesangs - und schließlich - um einiges
später, aber nun als inzwischen ausgebildete,
besondere Kunstform- die 'Frohlockung mit
Gesang'.
(An
dieser Stelle dürfte ein kurzer Exkurs zum
Begriff 'frohlocken' angezeigt sein. 'Locken' hat
in diesem Falle nichts mit der Bedeutung
'verlocken' des heute gleichlautenden Verbs
'locken' zu tun, das mit Lüg-e' verwandt
ist (lock-, Lüg-) und bedeutet: 'durch Reize
irgendwelcher, wenn nur effektiver Art jemand zum
Näherkommen zu bewegen suchen', kurz gesagt: 'in
Versuchung führen' - sondern 'lokken' in
'frohlocken' kommt von 'löcken' (bekannt aus der
Redewendung 'wider den Stachel löcken') und ist
verwandt mit 'Leich', dem mittelalterlichen
Tanzlied. Es leitet sich her vom germanischen
'lak' in der Bedeutung 'mit den Füßen arbeiten,
stoßen', auch vom gotischen 'laiks' = Tanz - und
dem, ebenfalls gotischen, Verb 'laikan' =
hüpfen, springen. 'Frohlocken' bedeutet
demzufolge vor Freude springen.
Ein
erklärendes Wort noch zu 'wider den Stachel
löcken': in alten Zeiten wurden beim Pflügen
mit Ochsen- und Pferdegespannen die Tiere mit
einem stachelbewehrten Stab zu rascherer Gangart
angetrieben, gegen den sie sich
-denn wer als Ochse oder
Pferd hat Derartiges schon gern-
mit Ausschlagen der
Hinterbeine zu wehren suchten. 'Löcken' - es
handelte sich um keinen Zungen-, sondern um einen
Beinschlag - hat also nichts mit 'lecken' zu tun,
wie heute, aus Unkenntnis, manchmal und
fälschlich erklärt wird.)
Doch
zurück zum 'Jubel'. Die Mystiker (Stichwörter:
Mystik, deutsche Mystik, Meister E(c)khart, Zeit:
13./14. Jh.) - die Mystiker vertieften die
Bedeutung von 'jubilus, jubilum = Frohlocken mit
Gesang', indem sie ihm die Bedeutung gaben
'Jauchzen der Seele bei der Versenkung in Gott'.
Ins Neuhochdeutsche und - vor allem - für sog.
modernere Ohren Unanstößigere übertragen
vielleicht: 'Das mit Jubel verglichene Wohl- oder
Hochgefühl, das bei gelungener Konzentration,
bei innerer Sammlung auf Wesentliches (schon
wieder so'n Wort!) den Menschen zu erfüllen
vermag'. (Fremdsprachen müßte man können...)
Ein
anderer Strang der Bedeutungsgeschichte des
'Jubels' knüpft an das sog. 'Jubeljahr' der
alten Israeliten an: alle 50 Jahre wurde bei
ihnen, zwecks sozialen Ausgleichs, eine
Neuverteilung des Land-, des Bodenbesitzes
vorgenommen. Der jeweilige Eintritt dieser
Maßnahme wurde im ganzen Lande gewissermaßen
durch Posaunenschall angekündigt, nämlich durch
Blasen mit dem Widderhorn, das hebräisch 'jobel'
heißt.
Im
späten Mittelalter verschmolz das hebräische
'jobel mit dem lateinischen 'jubilus, -um'
zu 'jubilaeus, -um', nachdem die christliche
Kirche um 1300 die jüdische Einrichtung des
Jubeljahres (wegen des Posaunenschalles auch
'Halljahr' genannt) auch bei sich eingeführt
hatte. Jedoch nicht mit einer Neuverteilung des
Bodens, sondern mit einem Ablaß (nicht, wie
später geduldet mißverstanden, Ablaß der
Sünden, sondern der verhängten Sündenstrafen)
- einem Ablaß also, der in gewissen
Zeitabständen gewährt wurde. Ein solches
Jubeljahr sollte nach dem Willen von Papst
Bonifatius, kurz: Bonifaz VIII., als Gnadenjahr
der Kirche alle l00 Jahre wiederkehren, wurde
jedoch, nachdem man seinen
geschäftlich-einträglichen Nutzen erkannt
hatte, von späteren Päpsten auf eine Wiederkehr
von 50, dann 3o und schließlich 25 Jahren
herabgesetzt.
Seit dem
16. Jh. erscheint in der deutschen Sprache
'Jubel' in den Wörtern 'Jubeljahr' und
'Jubiläum' vom kirchlich-sakralen Hintergrunde
losgelöst und bedeutet einfach 'das hundertste,
fünfzigste oder auch fünfundzwanzigste Jahr
nach einer merkwürdigen (= des Merkens
würdigen) Begebenheit' (z.B. Hochzeits-, Amts-,
Regierungsjubiläen).
Hat man
nun so über die Entstehung und die Geschichte
der Wörter 'Jubel' und Jubiläum' einiges
in Erfahrung bringen können, so möchte es einem
trotz alledem, hat sich der erste Rauch der neuen
Informationen verzogen, so gehen wie Faust:
"Da steh' ich nun, ich armer Tor! Und bin so
klug als wie zuvor ..." Denn: es bleibt die
Tatsache, daß Jubiläum etwas mit Jubel, mit
Jauchzen und mit ganz besonderer Freude zu tun
hat. Und so bleibt denn auch, demzufolge, die
Frage offen: Worüber jubeln wir, wenn wir uns 30
Jahre nach dem Abitur treffen? Gibt es einen
Grund, über das Datum Ostern 1966 und über
seine alljährliche, heute nun 3o-jährige
Wiederkehr zu jubeln?
Also:
worüber jubeln wir?
Darüber,
daß wir das Abitur 'geschafft' haben?
Nun, der
Jubel, wenn überhaupt, war bzw. wäre sicherlich
am Tage nach bestandenem Abitur verständlich und
berechtigt, weil das Bezugsereignis noch akut,
noch frisch war. Und das mag auch noch für eine
geraume Zeit danach gegolten haben. Aber Jahr
für Jahr immer noch und immer wieder? Nach 30
Jahren noch?
Ja, wenn
das Abitur einen solchen hohen Stellenwert hätte
wie beispielsweise - die Geburt. Oder wenigstens
wie die wundersame Errettung aus einer akuten
Lebensgefahr. Einer Situation also, der man sein
Leben verdankt. Aber: verdankt man dem Abitur
sein Leben?
Vielleicht
die günstigeren, möglicherweise auch besonders
günstigen Lebensumstände, in die man, durch das
und mittels des Abiturs, gelangt ist.
Doch wir
wissen: nicht jeder der ein Abitur 'machte', ist
in gesellschaftlich, finanziell, materiell
günstige Lebensumstände gelangt. Das Abitur ist
keine generelle Garantie dafür, rechtfertigt
demzufolge auch keinen allgemeinen Jubel. Und
außerdem: es gibt nicht wenige, die ohne Abitur
('Kaiser' Franz u.a.m.) zu günstigen und
günstigeren Lebensumständen gekommen sind.
Einmal ganz davon abgesehen, daß es Menschen
gibt (gepriesen seien sie!), die, ohne sich auch
nur im geringsten um dererlei zu kümmern,
einfach glücklich sind.
Also
worüber jubeln wir?
Vielleicht
darüber, daß man mit ihm, dem Abitur, die
Schule überhaupt hinter sich lassen konnte?
Doch:
abgesehen davon, daß das Abitur nicht die
einzige Form ist, eine schulische Laufbahn zu
beenden - so ist es inzwischen Geschichte.
Zwischen damals und heute
ist -wie man so zu sagen
pflegt- viel Wasser die
Schwalm (oder einen anderen bedeutenden Fluß)
hinabgeflossen. Und da soll man sich noch heute
darüber so freuen, noch so jubeln können wie
damals, als es akut war!? Zumal
es -so die sich zwar
unverständlicherweise, aber hartnäckig haltende
Fama- immer auch solche
gegeben haben und immer wieder geben soll, die es
eher bedauerten als bejubelten, die Schule
verlassen - nicht zu können, sondern zu müssen.
Wie
aber -und vor diesem ganz
anderen, plötzlich aufschießenden Gedanken will
schier der Atem stocken-
wie aber, wenn man sich mit der Bezeichnung
Jubiläum in Verbindung mit dem Abitur einen
hintergründigen, beinahe schon hinterhältigen
Scherz erlaubt hätte? Willentlich einen
sprachlichen Faux-pas begangen, ein formales
Mittel, z.B. das der Ironie, vielleicht sogar die
Stilfigur des Paradoxons ganz bewußt angewendet
hätte, um auf eine tiefere Wahrheit aufmerksam
zu machen, eben die, daß Abitur mit Jubel so
viel oder so wenig zu tun habe wie nun,
vielleicht, das Rrrrindviech mit dem Formulieren
der Relativitätstheorie?
Doch:
diese Befürchtung - oder Hoffnung? - dürfte
jeder Grundlage entbehren. Wird doch kaum jemand
mehr -wie leidvolle
Erfahrungen lehren-
Sprache so ernst nehmen, daß man bei der Formel
'30-stes Jubiläum eines Abiturs' an einen
willentlichen Faux-pas wird denken dürfen. Haben
wir es doch wohl eher, wie so häufig in unseren
Tagen, mit einer schuldunbewußten Harmlosigkeit
unseres in der flachen Dünung des
Alltagssprachgebrauchs mitschwingenden Geistes zu
tun.
Trotzdem
- oder gerade deshalb die Fragen: Was bejubeln
wir anläßlich eines, anläßlich dieses
Jubiläums? Was bejubeln wir mit, was in ihm? Wem
gilt der Jubel unseres Jubiläums?
Bejubeln
wir einen Sieg?
Vielleicht
so wie in der bissig-witzigen Definition des
Begriffes 'Sitzung', die da bekanntlich lautete:
Eine Sitzung sei der Triumph des Hintern über
den Geist!?
Bejubeln
wir also unseren Sieg über die be-standene,
vielleicht auch durch-gestandene Zeit, nämlich
3o Jahre, seit dem Abitur?
Jedoch: wie
bestanden?
Hat
jeder von uns echten Grund, alles, was diese 30
Jahre umfassen, als einen Sieg, als einen Erfolg
o.ä. zu bejubeln? Und überhaupt: wieso sollten
wir den Ablauf -was ja
meint: Verlauf, also: weg,
vergangen!- von 30 Jahren
bejubeln, der uns ja doch unübersehbar und
spürbar näher an den Punkt herangebracht hat,
an dem all unser Jubeln auf natürliche Weise
für immer enden wird?! Was gäbe es angesichts
dieser Realität zu jubeln? (Es sei denn, wir
gehörten zu der schon fast ausgestorbenen
Spezies der Religiösen: Tod bzw. Hölle - wo ist
Dein Stachel!?)
Vielleicht
liegt eine, liegt die Antwort auf alle solche
Fragen in einem Bündel aller möglichen Gründe,
von denen jeder gewissermaßen ein bißchen zu
ihr, der Antwort, beitrüge. Aber dann hätten
wir es noch immer nur mit einem Konglomerat von
Gründen zu tun, von denen jeder für sich einen
Jubel eigentlich nicht zu rechtfertigen
vermöchte. Und wir befänden uns in einer Lage,
ähnlich derjenigen in der Aussage Mephistos in
Goethes Faust: "Dann hält er die Teile in
der Hand fehlt, leider, nur das geistige
Band."
Welches
aber könnte das geistige Band sein, das alle
möglichen einzelnen, auch ganz individuell
bestimmten Gründe zusammennehmen - und alle
zusammen durch einen Sinn überhöhen könnte?
Vielleicht
so: Abitur - als bewußt gewordene Verpflichtung.
Als wahr-genommene Chance. Als vernommener
Anspruch. Als 'challenge', sich immer wieder neu,
wo immer man auch angekommen sein mag, auf den
Weg zu machen. Weg, Richtung ist - Sinn (gotisch
'sin ').
Wo ein Weg gesehen wird, da ist Sinnlosigkeit
nicht. Was gäbe es am Abitur zu bejubeln, wenn
nicht das, daß es dazu verholfen hätte, einen
Sinn für den Sinn aufzuschließen und zu
entwickeln, der nur dort gesucht und nur dadurch
gefunden werden kann, zuvorderst Ansprüche nicht
zu stellen, sondern einen Anspruch zu vernehmen.
Und das Organ für ein solches Vernehmen ist, so
weist es die sprachliche Verwandtschaft aus - die
Vernunft. Ein solcher Anspruch aber erfolgt aus
einem Bereich, der über den hinausliegt, in dem
das Subjekt nur dauernd in sich selbst brütet,
als ein borniertes, also geistig beschränktes,
engstirniges Bewußtsein, wie Hegel das in seiner
'Phänomenologie des Geistes' einst definierte.
Ein
Mensch aber, der einen solchen Anspruch in
-oder mittels seiner
Vernunft vernommen hat-
der hat die reinere, hat die Luft der Freiheit,
wo dem Geiste das Atmen leicht wird, geschnuppert
- und wird dieses eindrückliche Erlebnis,
zumindest als Sehnsucht, nie wieder verlieren.
Freiheit
- nicht wovon (was in bestimmten Fällen für die
Steigerung der materiellen, stoffbezogenen
Lebensqualität ja sehr angenehm sein mag),
sondern Freiheit wozu. Die Fähigkeit, das
geistige Sensorium, Ziele nicht nur zu erkennen,
sondern sie sich auch aus eigener Verantwortung
zu wählen - die den Menschen aus dem
Allzu-Alltäglichen, in das wir stets zu
versinken drohen, hinauszuheben vermögen in den
Bereich eines Denkens und Tuns, in dem allein so
etwas wie Vollendung einer menschlichen Existenz
möglich ist. Einer Vollendung, die jenseits
aller gesellschaftlichen Belobigungen,
Auszeichnungen und Prämierungen geschieht. Das
Gute um seiner selbst willen tun - so sagte der
große (deutsche) Aufklärer, der so auffallend
häufig miß- oder halbverstandene (fast muß man
Absicht dahinter vermuten!) und unterschätzte
Lessing es am Schluß seines philosophischen
Traktats 'Die Erziehung des Menschengeschlechts'
- und drückte damit die Hoffnung aus, der Mensch
würde im Laufe seiner Geschichte 'erwachsen' und
- auf eine ihm gemäße Weise damit vollendet.
Sollten
die Jahrestage einer Prüfung, die eine genuine
schulische Laufbahn, nämlich die gymnasiale,
beschloß - sollten die Jahrestage eines solchen
Ab-iturs neben der Freude des Wiedersehens etc.,
etc. immer auch die Erinnerung an etwas
Besonderes - wie oben angedeutet - mit sich
bringen, dann wären sie Jubiläen - und trügen
diese Bezeichnung zu Recht, denn dann wäre Jubel
am Platze. (Nicht nur animalisches Grunzen.)
Und
käme nun aber einer und zitierte nun, empört
oder ironisch, das Brecht-Wort 'Glotzt nicht so
romantisch!' - was vermöchte das im Grund
dagegen zu sagen?! Die Sache, um die es geht,
zwingt zu keinem Widerspruch - er liegt allein im
Betrachter. Denn: wer oder was hindert uns,
Dinge, die nicht zu wiegen, zu messen oder zu
zählen sind, wohl aber den Menschen in seinem
Wesen ausmachen, unromantisch, mit nüchternem
Ernst zu betrachten, mit 'heiliger
Nüchternheit', wie Hölderlin sagte? Es ist
längst an der Zeit, das zu tun.
Trotzdem
wäre es ganz gegen meine eigentliche Absicht,
sollten meine Worte wirken wie ein Reif in der
Frühlingsnacht - und die zarte Blütenpracht
unschuldiger Feierstimmung frostig verletzen.
Denn: das Sich-besinnen auf Wesentliches bedeutet
nicht, auf die harmlosen Freuden des Lebens
verzichten und ständig nur in
mementomori-Stimmung und mit verdüstertem Blick
durchs Leben gehen zu müssen. Wir wollen kein
Genf à la Calvin. Dieses Auseinanderdividieren
von Wesentlichem hier - und dem sog.
"normalen" Leben auf der anderen Seite
betreiben, viel zu lange schon, diejenigen, die
das Wesentliche wegen seines lästigen Anspruchs
fürchten - wie der Teufel das Weihwasser. Hier
aber soll keiner vernunftlos-lebensfernen Askese
das Wort geredet werden, sondern einer Ordnung
der Werte, innerhalb der
-jeweils an seinem Orte und zu seiner Zeit-
jedes seinen Platz und
sein Recht habe.
Ich
danke Ihnen, daß Sie mich anhörten - und mir
damit die Möglichkeit gaben, etwas von dem
loszuwerden, was Ihr 30-jähriges
Abitur-Jubiläum als Anstoß zu philosophischem
Fragen in mir bewirkte.
Salvete, Amici!
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