Denken und Danken
Ansprache
anläßlich des 20. Jubiläums eines Abiturs
Alsfeld 1992
[Worte
beim Treffen anläßlich der 20. Wiederkehr des
Abiturs der Klasse 13s1 (1972) des
Gymnasiums Albert-Schweitzer-Schule in Alsfeld,
Weinkeller Ramspeck am Markt, Alsfeld, Samstag, 28. März 1992]
Liebe
Ehemalige - und alle sehr geehrten hier
anwesenden Lebensgefährten, die Ihren Wert,
liebe Ehemalige, unterstreichen und erhöhen!
Soll
ich? - Soll ich nicht? - nämlich das
berüchtigte sog. Wort nehmen - und an Sie
richten?
Vielleicht
wirds erwartet, von dem und jenem -
vielleicht auch gerade nicht? und wenn: was wäre
zu sagen? Wo doch schon immer fast alles, früher
wie heute, von irgendjemandem bereits gesagt
worden ist. Und das immer wieder. Auch mag man
keinen Krampf. Aber es ist so schwierig, dem zu
entgehen. Denn - wenn man ihn, sehr bewußt, zu
vermeiden versucht, ist er, durch die Hintertür
gewissermaßen, schon wiederda ....
Es ist
auch kein Fazit zu ziehen, hier und heute, in
dieser Runde. Die zurückgelegten 20 Jahre
können bei dieser Gelegenheit kaum abgerechnet
werden. Von Ihnen und auch von mir nicht.
Und das,
was vor diesen 20 Jahren war? Geht das Davor uns
überhaupt noch etwas an?
Ich
vermag solche Fragen, wenn überhaupt, dann
allenfalls nur für mich selbst zu beantworten.
(Vielleicht sollte ich, die Sprache beim Wort
nehmend, zutreffender von ver-antworten sprechen ....)
Wir
sind -mit einigen
länger, mit anderen etwas weniger
lange- während unserer
gemeinsamen Schulzeit recht und schlecht
miteinander umgegangen und haben, nolens volens,
miteinander zu arbeiten versucht.
Über das durch Pläne Vorgeschriebene hinaus
haben wir versucht, menschlich angemessen
miteinander (manchmal auch gegeneinander), also
ganz normal, umzugehen
-vielleicht, aber das läßt sich nur schlecht
oder gar nicht messen (was letztlich wohl ein
Segen ist!?)- vielleicht
war unser Umgang miteinander ab und an sogar gedeihlich ....
Jedenfalls
möchte ich Ihnen, um nicht allzu langatmig zu
werden, sagen:
Ich habe
gern mit Ihnen zusammen gearbeitet. Bin gern mit
Ihnen umgegangen. Ich habe viel profitiert davon,
habe viel gelernt. Für mich - und überhaupt.
(Vielleicht, in Form der Rückkoppelung, auch
wieder für Sie - aber, wie bereits gesagt: das
läßt sich nicht oder kaum - und dann nur
unzuverlässig messen.)
Ich habe
vieles dabei gelernt, was den Menschen, was uns
Menschen, also - mich, betrifft. Das meiste war
einfach normal, manches freudvoll, anderes
schmerzlich, weniges deprimierend, einiges
erhebend. Alles hat mir jedenfalls entscheidend
dabei geholfen, den orbis terrarum,
unsere Menschenwelt also,
auszuschreiten, seelisch und geistig
zu er-fahren, und dabei, ganz am
Grunde, im Anderen immer wieder mich selber zu
erkennen.
Ich habe
Ihnen zu danken dafür. Auch wenn einige sich
jetzt verwundert fragen sollten: Wofür denn? Was
hätten wir denn getan ...?
So - wie
es im Verkehrsrecht (auch anderswo ähnlich) das
Phänomen und den Begriff der
Mithaftung gibt, nach dem u.U.
Zugriff auf mich genommen werden kann - nicht
weil ich ein direkter Verursacher gewesen wäre,
sondern schlicht und einfach nur Teilnehmer am
Verkehr; weil ich in dem Netzwerk von Verhaltens-
und Handlungszusammenhang
-das den als Verursacher Erkannten umgab, ihn
trug- auf dessen
Verhalten und Handeln vielleicht, indirekt,
Einfluß nahm, es unbeabsichtigt und
unwillentlich, aber eben doch mitbestimmte ....
So auch
ist das sog. bürgerliche Leben, also das
eigentlich menschliche, überall (auch am Ort
Schule) ein von solcher Mithaftung bestimmtes.
In
diesem Sinne also habe ich Ihnen für die vielen
ungewollten und gewollten Einflüsse, für die
daraus gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zu
danken. Ohne sie -und das
ist fürs erste keine Wertung, sondern eine
einfache Feststellung-
ohne sie wäre ich nicht der, der ich heute bin.
Danken
- ist das Konsekutivum zu denken:
durch das Faktitivum bzw. Kausativum denken
gelangt man (vielleicht! hoffentlich!) zum
Danken. Das Denken, wenn es denn durchgehalten
wird, vermag danken zu machen.
Im
Danken jedoch ist nicht nur der Bezug zur es
auslösenden Situation mitgemeint, nicht nur der
Bezug zu den Menschen, die es auszulösen
vermögen, sondern, darüber hinaus, zu dem, das
alles übersteigt: zur Transzendenz.
Danken
macht, so verstanden, frei, weil es von
sich selbst, vom Eigeninteresse, vom
Relativen abzusehen vermag. Es lehrt mich, meiner
Grenzen innezuwerden. Oder andersherum: indem ich
meiner Grenzen inne werde, lerne ich zu danken.
Und die Erkenntnis dieser
Abhängigkeit macht mich allen relativen
Abhängigkeiten gegenüber wahrhaft frei. Und nur
aus dieser Freiheit, sagen wir bescheidener: aus
dem Wissen darum, daß ich mich um sie, auf sie
hin bemühe - nur daraus vermag ich im jeweiligen
Tun, das der Alltag mir abfordert, etwas von dem,
was mich erfüllt, bescheidener: was mich bewegt,
Andere (vielleicht!) spürbar werden zu lassen.
Denken -
danken also - und dann: das, was not ist, tun und
- es, nach besten Kräften, verantworten - von
diesen Haltungen und Verhaltensweisen habe ich -
zunehmend - gewünscht, daß sie mich, mein Leben
und Arbeiten bestimmen möchten. Und auch Sie
haben das Ihre dazu getan, daß ich lernte, mich
in diese Richtung zu entwickeln.
Zu mehr
aber reicht es in unserem menschlichen Leben wohl
nicht, wenigstens nicht in meinem. Aber mehr ist
für mich auch nicht denkbar, gar nicht möglich.
Wähnte man mehr erreichen zu können, wäre das
Vermessenheit, ein Nichterkennen - oder
Nicht-Anerkennen der eigenen Grenzen - und damit
gerade das Verfehlen der Freiheit - dieses erst
ließe uns dann, in dauernder Qual, zu Sklaven
des Alltags werden.
Im Sinne
des bisher Ausgeführten, richtiger: Angedeuteten
habe ich mich bisher in meinem Leben bemüht. Oft
genug habe ich dabei versagt. Sollte ich jemanden
dabei, wider besseres Wissen und Wollen, verletzt
haben: ich bitte, mir das zu vergeben.
Und ich
habe - nach unserer gemeinsamen Zeit - gelernt,
daß dieser Weg, den immer klarer zu sehen auch
Sie mich, direkt oder indirekt, gelehrt haben -
daß dieser Weg nie ans Ende kommt. Ihm zu folgen
überdauert solche Einschnitte im Curriculum
vitae, wie z.B. die Beendigung offiziellen
Arbeitslebens und den Eintritt in den sog.
Ruhestand - den es auf diesem Wege nicht gibt.
Hat man ihn gewählt, bemüht man sich immer -
die Tage bleiben voller Herausforderungen. Sie
seien dafür gesegnet. Auch ist dem existenziell
begründeten Versagen mit dem Älterwerden nicht
zu entkommen. Aber: letztlich - auch das habe ich
inzwischen gelernt - ist das Versagen im
einzelnen Falle nicht das Entscheidende (so
bedauerlich es auch immer sein mag) -
entscheidend ist vielmehr, sich zu ihm zu
bekennen und sich immer wieder (so man es
physisch-psychisch irgend vermag) zu erheben -
und einen Ansatz zum Besseren zu suchen.
Ich habe
gelernt, das Denken - Danken - sowie das Tun des
Notwendigen und es zu verantworten ist ein nie
endender, nie abschließbarer Prozeß. Gesegnet
der, der ihn offenzuhalten vermag, der nicht der
Täuschung seiner Vollendbarkeit verfällt.
Ich
danke Ihnen, daß Sie, mich betreffend, zu dieser
Erkenntnis beigetragen haben. Nur zu hoffen wage
ich, daß mir ähnliches in bezug auf Sie, ab und
an, hie und da, wenigstens im Ansatz, gelungen
sein möge. Oder bescheidener: daß ich niemals
willentlich bewirkt haben möge, Sie gegen Denken
- Danken und Tun und Verantworten einzunehmen.
Ende des
Wortes zum Samstag!
Nachdem
ich nun mit den grauen Spinnweben des Ernstes das
zaghafte Aufkeimen möglicher Wiedersehensfreude
bereits wieder erstickt haben mag, rufe ich, Bert
Brecht frei zitierend, Ihnen zu: Trotz
alledem - glotzt nicht so romantisch!!! Und
mich gewohnheitsgemäß an das Muß schulischen
Alltags erinnernd, frage ich: Was ist denn
heut dran? ..... Ach so! - na, dann nehmt
mal die Gläser hoch! Prosit - möge es uns allen
nützen!
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