Lessings Traktat
"Die Erziehung des Menschengeschlechts"
Geplanter Vortrag anläßlich des 25.
Jubiläums eines Abiturs
Alsfeld 1991
[Die
Erziehung des Menschengeschlechts, Ein
philosophischer Traktat von Gotthold Ephraim
Lessing, Darstellung, d. h. Zusammenfassung des
Inhalts, verflochten mit deutendem Kommentar
(1991)]
Als sich
die ehemaligen Schüler und Schülerinnen, die zu
Ostern 1966 als Klasse 13 s1 des
Albert-Schweitzer-Gymnasiums zu Alsfeld ihr
Abitur bestanden hatten, aus Anlaß des 20.
Jahrestages ihres Abiturs trafen, kam eine der
Anwesenden in vorgerückter
Stunde -im Beisein des
damaligen Klassen-,
Deutsch-, Geschichts- und Sozialkundelehrers- auf
den Gedanken, man sollte, wenn man sich
anläßlich des 25. Jahrestages wieder träfe,
doch nochmal eine Deutschstunde halten. Es sei
früher zu so manchem keine Zeit gewesen, was man
gern betrieben hätte, z.B. zu philosophischen
Themen.
Der
anwesende ehemalige Deutschlehrer widersprach dem
nicht, hütete sich aber auch, Öl ins Feuer zu
gießen - sah er doch erhebliche Arbeit auf sich
zukommen. Als aber alle Anwesenden dem Vorschlage
Beifall bekundeten, wollte er kein Spielverderber
sein (es waren ja auch noch fünf Jahre Zeit!) -
und erklärte sich grundsätzlich einverstanden.
Auf seine Frage, woran man denn bei einer
Philosophiestunde denke, kristallisierte sich
sehr rasch als Thema heraus: etwas aus der
Hegelschen Philosophie. Das war ihm sogar
ganz recht, hatte er sich doch während seines
Philosophie-Studiums recht eingehend mit Hegel
beschäftigt.
So weit,
so gut.
Nun
sollte man nie die während eines Zeitraumes von
fünf Jahren unvermeidlich eintretenden
Reibungsverluste und Verschleißerscheinungen
unterschätzen, die einst sehr forsch
beschlossene Vorhaben anzunagen und zu
zerbröseln vermögen. Als man sich jedenfalls
anläßlich des 25. Abiturs wieder zu treffen
beabsichtigte, hatten die Organisatoren die
Absprache von vor fünf Jahren längst vergessen.
Nur der ehemalige Lehrer nicht. Allerdings hatte
sich im Verlauf der fünf Jahre auch bei ihm
einiges verändert: ihm war
inzwischen -durch die
Entwicklungen in der Welt, in der wir leben,
veranlaßt- Lessing viel
wichtiger, weil in einem ganz bestimmten Sinne
"aktueller" geworden als Hegel. Und es
lag demzufolge ein fertiges Manuskript vor, das
zu seinem Vortrag allerdings mindestens eine
doppelte Zeitstunde am Vormittag des
Jubiläumstages im alten Klassenzimmer erfordert
haben würde - hätte sich jemand an die alte
Absprache erinnert.
Spät am
Abend dann erlaubte er sich am runden Tische die
ganz vorsichtige Frage, ob sich denn jemand von
den Anwesenden erinnere, was man vor fünf Jahren
für heute eigentlich beschlossen hätte.
Verständnisloses Schweigen. Nur eine Ehemalige
erinnerte sich. Er aber zog aus der Innentasche
seines Sakkos das Manuskript, wies es der Runde
vor, sagte: "Ich jedenfalls war
präpariert" - und steckte es wieder ein.
Rundum leicht betretene Gesichter. Doch - keine
Verstimmung deswegen.
Hier ist
das Manuskript mit der gerafften Darstellung und
den darauf bezogenen Kommentaren von Gotthold
Ephraim Lessings Traktat "Die Erziehung des
Menschengeschlechts".
Es soll
heute um Lessing gehen.
Nimmt
man das Philosophische Wörterbuch von
Schischkoff, erschienen im Verlag Kröner, zur
Hand, so kann man unterm Stichwort
"Lessing" lesen, er habe den
kirchlichen Dogmatismus bekämpft und habe sich
"in der Schrift 'Erziehung des
Menschengeschlechts' ... nach den Zeitaltern des
Genusses und des Ehrgeizes das der
Pflichterfüllung" erhofft.
Was ist
mit einer solchen Aussage anzufangen? Was meint
sie?
Man kann
Lessing in der genannten Schrift nur
mißverstehen, wenn man sich mit dem Urteil des
Wörterbuchs begnügt. Deshalb soll das Thema
meines heutigen Vortrags sein:
Die
Erziehung des Menschengeschlechts - Ein
philosophischer Traktat von Gotthold Ephraim Lessing: Darstellung, d.h. Zusammenfassung des
Inhalts, verflochten mit deutendem Kommentar.
Lessing
stellt seiner Abhandlung ein Motto in Form eines
Zitats aus Augustinus
"Soliloquia" (= Monologe), Buch 2,
Kapitel 10, voran. Es lautet im originalen
Latein:
"Haec
omnis inde esse in quibusdam vera, unde in
quibusdam falsa sunt". Was frei übersetzt
bedeutet: All dies (das Folgende) ist aus
denselben Gründen in gewisser Beziehung wahr,
aus denen es in anderer Beziehung falsch ist.
Die Wahl
eines solchen Mottos ist für Lessing typisch. Er
stellt das, was er vor dem Leser auszubreiten
gedenkt, unter den Vorbehalt der Relativität
menschlichen Denkens. Aus einer theologischen
Kontroverse im Jahre 1777 stammt das oft zitierte
Wort:
"Wenn
Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in
seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach
Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und
ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche
zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine
Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit
ist ja doch nur für dich allein!"
Diese
Relativierung der Ergebnisse menschlichen Denkens
erfolgt nun aber nicht, um sich nach dem Vorbild
des Fuchses und seiner "sauren Trauben"
allen Denkens als im letzten aussichtslos zu
entschlagen, sondern (so Lessing wörtlich):
"Nicht die Wahrheit, in deren Besitz
irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet,
sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt
hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den
Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz,
sondern durch die Nachforschung der Wahrheit
erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine
immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der
Besitz macht ruhig, träge, stolz - ...".
Ich
bitte, die nun folgende Darstellung des
Nachdenkens Lessings im Sinne des ihm
vorangestellten Mottos zu sehen.
In den
§§ 1-5 seines Traktats stellt Lessing als
selbstverständlich, unbezweifelt und
unbestritten fest, daß es Gott gibt.
Bereits
der erste Mensch ist bzw. war mit einem Begriffe
von einem "Einigen Gott"
ausgestattet -d.h. nach
Überzeugung Lessings ist der "Begriff vom
Einigen Gott" dem Menschen
eingeboren-, aber die
sich selbst überlassene menschliche Vernunft
zerlegte in der Frühzeit der
Menschheitsgeschichte den "Einzigen
Unermeßlichen in mehrere Ermeßliche ...",
d.h. in bezug auf die menschliche Vernunft: sie
ist eine Kraft - aber, sich selbst überlassen,
vermag sie den Einen Gott nicht zu erkennen. (§ 6)
Sie
bedarf dazu der göttlichen Subsidiarität,
bedarf eines Stoßes in "eine bessere
Richtung...". (§ 7)
In
dieser Situation beschloß Gott
-gewissermaßen-
einzugreifen. Aber da er sich nicht jedem
einzelnen Menschen offenbaren wollte, wählte er
ein Volk, das er besonders erziehen wollte. Er
wählte sich das ungeschliffenste, verwildertste
dafür, um mit ihm ganz von vorne anfangen zu
können: das israelitische. (§§ 8 und 9)
Das
israelitische Volk befand sich in Ägypten.
Vielleicht hatten die Ägypter es "in den
Glauben gestürzt", "es habe gar keinen
Gott", keine Götter. Gott / Götter zu
haben sei nur ein Vorrecht der besseren Ägypter
- um es (das israelitische Volk) mit "so
viel größerem Anschein von Billigkeit
tyrannisieren zu dürfen...". (§ 10)
Kommentar:
Lessing
spricht von "in den Glauben stürzen".
"Stürzen" bedeutet "heftig
fallen; hin-fallen ...". Etymologisch geht
"stürzen" auf eine indogermanische
Wurzel *(s)ter zurück. Bedeutung:
"star-ren, steif sein", ursprünglich
"auf den Kopf stellen, umstülpen".
Wem
fällt dabei nicht der berühmt-berüchtigte
Ausspruch Karl Marx ein: er habe von G.W.
Friedrich Hegel die Dialektik als brauchbar
übernommen, ansonsten ihn aber vom Kopf auf die
Füße stellen müssen.
Hier -
bei Lessing - werden die Israeliten von den
Ägyptern insofern in den Glauben
"gestürzt", d.h. "auf den Kopf
gestellt", "umgestülpt" - und
"starr", d.h. bewegungslos,
möglicherweise im eigentlichen Sinne "leb-los" gemacht, als sie von
den Ägyptern glauben gemacht werden, es gäbe
keinen Gott!
Im
Umkehrschluß bedeutet diese Aussage: Ein Volk,
eine in sich zusammenhängende Summe, eine
Gemeinschaft also von Menschen, Menschen also,
also: der Mensch im Plural - ist nur dann normal,
es geht, steht, lebt nur dann
"richtig", d.h. ihm selbst gemäß, dem
Menschsein angemessen, wenn es an Gott glaubt!
Die
Ägypter haben die Israeliten in deren Menschsein
nicht nur verroht, sie haben sie sich nicht zu
vollen Menschen entfalten lassen - sie haben
damit auch den Zweck verfolgt, diese
Nicht-voll-Menschen zu Wesen zu machen, die man
ohne schlechtes Gewissen, ja: mit dem
gewissensberuhigenden Gefühl von
"Billigkeit" (bill = Recht), also mit
einem Anschein von Recht, quasi:
berechtigterweise "tyrannisieren" darf.
("tyrannisieren"
von grch. tyrannos = Allein-herrscher,
Gewalt-Herrscher; selbst-herrlich; jd. den eigenen Willen aufzwingen,
beherrschen, unter-drücken)
Meta-Kommentar:
Es geht
wahrscheinlich, mit hoher Wahrscheinlichkeit,
Lessing (ob bewußt oder unbewußt) gar nicht
einmal darum, ob es Gott -unabhängig vom Glauben des Menschen-
gibt oder nicht. Sondern
es geht um die Frage, ob es Gott im Glauben
des Menschen gibt - oder nicht. Es geht um eine Schau. Um die Schau der sinnstiftenden Mitte
menschlicher Existenz. Um die Idee (grch. eidós
= Bild, lat. videre = sehen, dt. witan, wissen =
wissen auf Grund von Geschaut- und
Verstandenhaben) - um die Idee also Gottes, des
Einigen Gottes.
Mir
fällt dazu Fritz Bauer ein, in den ersten
Nachkriegsjahren Generalstaatsanwalt in Hessen
und großer Jurist mit philosophischem Tiefgang,
der in die damals aktuelle Diskussion um die sog.
"Nazi-Prozesse", insbesondere um das
von Beklagten immer wieder vorgebrachte Argument
ihrer Schuldlosigkeit wegen Befehlsnotstandes,
das Gegenargument einbrachte: selbst wenn man
versucht sein sollte, dem
Befehlsnotstands-Argument zu folgen, dürfe man
das nicht, weil mit Aufgabe der Ideen von
Freiheit der Entscheidung und des Handelns sowie
der persönlichen Verantwortung die Grundlagen
unserer gesamten Kultur einstürzen müßten.
Die
Ägypter tyrannisieren die Israeliten also im
Gefühle guten Gewissens, sie anerkennen sie
nicht in ihrem eigenen Wert, in ihrem Eigensein,
und behandeln sie dementsprechend. Und das
können die Ägypter erst, nachdem sie die
Israeliten geistig so manipuliert haben, daß die
nicht an Gott glauben. Der Nichtglaube an Gott
macht aus den Israeliten Wesen, die als keine
Vollmenschen gelten. Die aber darf man nicht nur
behandeln wie Sachen (römisch-republikanisches
Recht: Sklaven gehören ins Sachenrecht), man ist
nicht nur berechtigt dazu, sie z.B. zu
unterdrücken, man ist geradezu verpflichtet
dazu. Und handelt damit "moralisch".
Und
Lessing fügt (§ 10) nach einem Gedankenstrich,
nein: zwischen zwei Gedankenstrichen (als
Parenthese also, als Einschub, Zusatz, als vom
Haupttext assoziierten Gedanken, der zugleich das
im Haupttext Gesagte "aktualisiert", es
als etwas erscheinen läßt, was ihn, Lessing
selbst, und seine Mitmenschen in der eigenen
Gegenwart etwas angeht!) - er schiebt also den
Gedanken in Form eines einzigen Fragesatzes ein:
"Machen Christen es mit ihren Sklaven noch
itzt viel anders?"
Kommentar:
Wer sind
die "Sklaven" der Christen - zu
Lessings Zeit? Er selbst gibt darauf, zumindest
in diesem Text, keine Antwort. Aber Aussagen und
Andeutungen in anderen Texten, die gesamte
Denkrichtung Lessings, die bei ihm überall
waltet, legen die Antwort nahe: sog.
"christliche" Herrscher im Umgang mit
ihren Untertanen; Christen mit anderen Völkern,
mit Menschen anderer Kulturen, Religionen etc.,
über die sie irgendwie Macht haben ... Die
Aufzählung von Belegen ließe sich leicht
bewerkstelligen.
Das
israelitische Volk im Zustand der Gottlosigkeit,
der Versklavtheit, der geistigen Unentwickeltheit
- ist "roh". (§ 11)
Kommentar:
Die
Semantik / Bedeutung von "roh" ist:
nicht zu-bereitet; noch nicht ver-arbeitet; nicht behauen;
ungeschliffen; un-ge-bildet; gewalt-tätig, rücksichts-los, grausam.
Die
Etymologie: ahd. (h)rao, engl.
raw - aus idg. *krouo, kreu = gerinnen (vom Blut); Grundbedeutung:
"blutig".
Dazu:
rüde = rauh - aus frz. rude = roh, rauh, grob -
aus lat. crudus = blutend; crudelis = grausam,
schrecklich. D.h. also: der Zustand der
Israeliten ist zu dieser Zeit derjenige des
Blutes. Blut aber gilt
-nach dem Lexikon der traditionellen Symbole von
J.C. Cooper- als
"Lebensprinzip des Leibes". Die
Israeliten leben, ohne über sich selbst zu
Bewußtsein zu kommen, ohne von sich selbst ein
Bewußtsein zu gewinnen, im dauernden Werden und
Vergehen hinfließend, sinnlos. Es fehlt ihnen
der Bezugspunkt, von dem her alles um sie
herum -und sie in ihm-
seinen Ort, Sinn, seine
Bedeutung erhielte.
Gott
verfährt in bezug auf das israelitische Volk wie
ein guter Erzieher - der den ihm anvertrauten
Zögling mit seinen Maßnahmen nie überfordert
(obwohl er ihn fordert!): indem er langsam,
Schritt für Schritt vorgeht, nie das jeweilige
Verstehens-Niveau des Zöglings überfordernd:
- er
erscheint den Israeliten zuerst als "Gott
seiner Väter", damit
Israel -von den Ägyptern
an Gott-losigkeit gewöhnt und infolgedessen
un-menschlich behandelt-
begreift: auch ihm steht (ein) Gott zu. (§ 11)
- Gott
führt -auf wunder-volle
Weise- Israel aus
Ägypten - und setzt es in Kanaan ein. Damit
macht er Israel unmittelbar einsichtig, daß er
mächtiger ist als jeder andere Gott. (§ 12)
- Er
fährt fort, sich Israel als der Mächtigste zu
zeigen - gewöhnt Israel damit an den Begriff des
EINIGEN. D.h. Israel erhält einen Begriff
(be-greifen, anschaulich, sinnenhaft begreifen -
die einzig eindrücklich unvergeßliche Art zu
begreifen) - Israel erhält also einen Begriff
von dem EINEN, EINIGEN Gott: Mono-Theismus. (§ 13)
- Aber
dieser Begriff vom "einigen Gott" war
noch nicht "der wahre transzendentale
Begriff des Einigen", war noch nicht die
Idee des Einigen. Wenn auch die
"Besseren" des Volkes ab und an schon
eine Ahnung davon hatten.
Die
Vernunft, so sagt Lessing, lernt den Begriff des
Einigen erst spät aus dem Begriff des
Unendlichen zu schließen. (§ 14)
Kommentar:
Die
Vernunft ist -als die
Fähigkeit des
"Vernehmens"-
im Grunde an diese materielle, körperliche Welt
des Jetzt und Hier gekoppelt. Sie ist eine Kraft,
die die Umwelt des Menschen wahrzunehmen, zu
deuten, zu verstehen hilft. Die dadurch dem
Menschen einen Weg, einen Sinn (got. sin < Anmerkung
> = der Weg) zu zeigen vermag. Aber dieser Weg
ordnet zwar die Fülle alles Wahrgenommenen,
bleibt jedoch immer in der Gesetzmäßigkeit
dieser Welt befangen. Der Sinn ist innerweltlich.
Ist insofern immer von den selbst-bezogenen
Interessen des Trägers der Vernunft bestimmt.
Die Vernunft vernimmt, so gesehen, letztlich
immer wieder den, der sie trägt und bestimmt,
selbst. Sie bleibt Ich-, bleibt Subjekt- (nicht
nur bezogen, sondern) befangen.
Die Idee
(die Schau, die geistige Schau, das geistige
Bild, das, was "mit den Augen des
Geistes" gesehen wird) - die Idee des Einen
Gottes - ist ein "Gesicht", das von dem
innerweltlich Sichtbaren abstrahiert. Ist etwas,
dem hier, in dieser körperlichen,
materieabhängigen Welt nichts entspricht. Die
Welt der "Götter" ist hier
überwunden. Göt-ter sind, obwohl als
Überhöhungen des in der Welt Erfahrbaren,
Erfahrenen, immer noch zu stark die Schöpfungen
der Subjekte, die sie erkennen. Deshalb gibt es
so viele - und so viele verschiedene Götter, die
immer auch noch in Widerspruch zueinander
geraten.
Alle
diese Widersprüche sind erst aufgehoben in der
Idee des Einen Gottes - mit dem die Welt der
Widersprüche überwunden ist. Und womit zugleich
eine Ebene gefunden, von der befreiten Vernunft
vernommen ist, die dem Zugriff des Subjektiven
entzogen ist. Als entzogen gedacht, geschaut ist.
Womit gleichzeitig die Unmöglichkeit gesehen
ist, über diesen Einen Gott etwas Bestimmtes
aussagen zu können: Deus abscondidus! Das ganz
Andere! Die "negative" Theologie ...
Vorgriff:
Lessing
wird gegen Ende seiner Abhandlung die Hoffnung
aussprechen (§ 85), daß
im Endzustand der Erziehung des
Menschengeschlechts der Mensch alle stufenweisen
Erkenntnisse aus seiner Geschichte
"verinnerlicht" haben wird, so daß er
die in metaphorischer, bildlicher Form gehabten
Erkenntnisse in ihrem "Sinngehalt"
verstanden, vernommen haben - und die Metaphern
und Bilder selbst, mit denen sie ihm vermittelt
wurden, nicht mehr benötigen wird: Er wird
"das Gute um des Guten willen" tun.
Aber selbst dann wird es nicht angehen, z.B. die
Idee vom Einen Gott zu ver-gessen, sie quasi im
Unterbewußtsein deponiert zu haben und sich
darauf zu verlassen, daß sie sein Handeln und
Verhalten von dort aus schon steuern werde. Denn
zu sehr ist der Mensch immer in
Versuchung -zu jeder
Stunde, an jedem Tag-
seinen eigenen Interessen nachzugeben, seine
besten Vorsätze davon, häufig ihm unbemerkt,
beeinflussen zu lassen. Um das Gute um des Guten
willen nicht nur zu tun, sondern tun zu können,
muß der Mensch auch im Endzustand seiner
Erziehung durch Offenbarung sich die Idee vom
Einen Gott im Bewußtsein wach und lebendig
erhalten. Er wird nie ein "Engel" sein
können, in dem die göttliche Seins-Weise und
-Fülle direkt leben. Jedenfalls stärker und
unmittelbarer als im
Menschen -obwohl selbst
der Engel, zwar existenziell abgesicherter als
der Mensch, die Freiheit der Entscheidung für -
oder gegen Gott hat- wie
es der Mythos vom Abfall und Sturz der finsteren,
schwarzen Engel (voran Luzifer, als der
Lichtträger, nun als Satanas, der Widersacher)
ausdrückt.
Aber
zurück zum Text. Zum beschwerlichen zwar, aber
sicheren Nachzeichnen des Erziehungs- bzw.
Offenbarungsweges, den die Menschheit
-nach der
phantasievollen, einfühlenden Schau Lessings-
unter Gottes Führung
geht.
Welcher,
so fragt er, moralischen Erziehung war dieses
rohe israelitische Volk fähig? (§ 16)
Seine
Antwort: Keiner anderen als derjenigen, die dem
Alter der Kindheit entspricht - nämlich der
Erziehung durch unmittelbare sinnliche Strafen
und Belohnungen. (Eine derartige Ausdrucksweise
bzw. Wortwahl vermag uns, die wir für Gewalt
überhaupt, insbesondere aber in der Erziehung,
sensibel geworden sind, zu erschrecken, weshalb
später ein Einschub erfolgen soll als Versuch,
den Begriff "Strafe" in einer Lessing
angemessenen Weise zu erläutern).
Kommentar:
Was in
der Erziehung auf der Stufe der Kindheit gilt,
das gilt in der besonderen Art der Erziehung, die
Gott als Offenbarung dem israelitischen Volk
angedeihen läßt:
Die
Blicke Israels gingen zu dieser Zeit nicht weiter
als "auf dieses Leben". Es hoffte,
"hier auf Erden" glücklich zu werden,
wenn es das Gesetz Gottes beachtete und einhielt
(ohne es im Grunde zu verstehen). Es fürchtete,
unglücklich zu werden, wenn es das Gesetz Gottes
nicht einhielte.
Über
das, was ein irdisches Leben zu bieten vermag,
gingen sein Denken und Fühlen nicht hinaus. Es
war beschränkt in den Grenzen
leiblich-materieller Existenz. Es kannte die Idee
von einem künftigen Leben, die Idee von einer
Unsterblichkeit der Seele noch nicht. Es kreiste
mit seinem Denken und Fühlen ausschließlich in
seiner irdischen Existenz. In sich selbst. Es war
noch nicht fähig, über sich selbst
hinauszudenken - es hatte noch nicht diejenige
Fähigkeit entwickelt, die den Menschen als
wesentlich auszeichnet. Und über die seine
Gattung nicht von Beginn der Geschichte an in
entfalteter, aktualisierter Form verfügt,
sondern die sie "nur" in Gestalt einer
potentiellen Anlage hat, die konkret zu entfalten
- und auf dem Wege der Tradition von einer
Generation zur jeweils nächsten auf Dauer zu
sichern ist (wobei diese Art der Sicherung stets
fragil bleibt - und das auf diese Art Gesicherte
immer und immer wieder, und zwar zumindest
zeitweilig, verlorengehen kann).
Das
israelitische Volk auf dieser frühen
Entwicklungsstufe "sehnte sich nach keinem
künftigen Leben". (§ 17)
Gott
wählte ein so rohes Volk, das israelitische,
weil er mit ihm ganz von vorne anfangen mußte. (§ 18)
Kommentar:
Mußte?
Nein - konnte. Denn nach einem alten
Handwerkersprichwort
-Ausdruck tausendfach bewährter Erfahrung im
Alltag- ist es viel
einfacher -und
erfolgreicher- einen Gegenstand
von Grund auf, ganz neu herzustellen, als einen
bereits vorhandenen zu ändern, zu reparieren
o.ä.
Gott
erzog in ihm, dem israelitischen Volk, "die
künftigen Erzieher des
Menschengeschlechts". Denn das konnten nur
Juden werden, nur Männer bzw. Menschen aus einem
so erzogenen Volke. (§ 18)
"Unter
Schlägen und Liebkosungen" war Israel
schließlich zu Verstand gekommen - da stieß
Gott es "auf einmal in die Fremde, und hier
erkannte es auf einmal das Gute, das es in seines
Vaters Hause gehabt und nicht erkannt
hatte".
Kommentar:
Schon in
§ 16 war von "unmittelbaren sinnlichen
Strafen und Belohnungen" die Rede gewesen.
Daß es sich hierbei nicht um
eine -unter uns Heutigen
zu Recht verpönte-
platte Prügel-Pädagogik handelt, sollte man
Lessings geistigem Zuschnitt und Profil zumuten,
es wird außerdem aus der Situation klar. Es
handelt sich eben nicht um ein Erzieher-Kind-
oder Vater-Kind-Verhältnis direkt, sondern um
einen Vergleich, um übertragenes Sprechen also.
In Wahrheit geht es um das Verhältnis Gottes zum
Volke Israel, das Lessing mit Erziehung
vergleicht, aber als Offenbarung versteht.
Es kann
eigentlich gar keine Frage sein, daß Erfahrungen
von "Völkern", die sie im
wechselseitigen Beziehungsgeflecht von eigenem
mit fremdem Handeln machen - daß also solche
Erfahrungen von solch schmerzlicher, leidvoller
Art sein können (man denke nur an alle
Erfahrungen des deutschen Volkes mit dem
Nationalsozialismus), daß sie sich
nachbereitender, aufarbeitender Reflexion wie
"Strafen" darstellen.
Der
qualitative Unterschied dieser Art von
"unmittelbarer sinnlicher Strafe" zu
Schlägen in der Prügel-Pädagogik ist aber,
daß "Schläge", die ein Volk, eine
Gruppe von Menschen bekommt", von ihm selbst
verursacht sind, daß also kein
strafend-schlagendes Subjekt beteiligt ist, das
möglicherweise eine Situation, die ihm das
vermeintlich moralische Recht gibt zum Schlagen,
noch sadistisch -eigene
Ich-Schwächen kompensierend-
genießt. Man spricht ja
deshalb bei Völkern, Menschengruppen, aber auch
einzelnen Menschen, von
"Schicksals-Schlägen", von denen sie
getroffen wurden.
Abgesehen
von dieser Überlegung ist
"Strafe" -das
zeigt die Etymologie des Wortes-
nicht immer mit
körperlicher Züchtigung (mit nachfolgend
psychologisch relevanter Tiefen- und
Langzeitwirkung) identisch, sondern die Bedeutung
z.B. des mhd. Verbs "straf(f)en" ist:
mit Worten tadeln. Das mhd. Substantiv
"straf(f)e" kennt die
"Züchtigung"
-neben "Verweis, Schelte,
Tadel"- nur als eine
von mehreren Bedeutungsnuancen. (Wobei übrigens
"Züchtigung" nicht ausschließlich
"körperliche Züchtigung", also
"Schläge" bedeuten muß, sondern
andere Strafmaßnahmen meinen kann, deren Zweck
im "Ziehen" besteht, im
"Erziehen" ("er" von
"ur" = "von ... heraus" = ein
"Ziehen" aus einem Ausgangszustand
heraus - zu einem "Erziehungsziel" hin,
das der "Zögling", da ihm die Kenntnis
gesellschaftlicher Normen etc. noch fehlt, nicht
kennt, weshalb er der helfenden, u.U. starken
Hand bedarf).
Von
Interesse dürfte auch sein, daß
"straf(f)e", das im Mhd. noch mit
Konsonanten-Verdoppelung erscheint, auch dem
Nichtphilologen äußerlich sofort erkennbar, mit
"straff" verwandt ist. Beide Wörter
sind wiederum mit "streben" verwandt,
dessen Bedeutungsumfang ("ragen, sich
strecken; sich angestrengt bewegen;
kämpfen") auf einen umfassenden
Entwicklungsprozeß des Individuums verweist, den
es -ein Einzelnes in
seiner vielgestaltigen Umwelt-
zu seiner
En-Kulturisierung benötigt. Soziologen sprechen
in diesem Zusammenhang etwas vereinseitigend
(weil z.B. der ökologische Aspekt, z.B. die
Erziehung des Subjekts durch die von ihm selbst
ausgelösten Rück-"Schläge" der Natur
auf ihn selber, in diesem soziologischen Begriff
fehlt) - Soziologen sprechen im oben angerissenen
Zusammenhang bekanntlich von
"Sozialisation".
Bedenkt
man diese Gesichtspunkte im Zusammenhang der von
Lessing (für die zum Ziele der Selbstfindung
begonnene menschliche Entwicklung des Volkes
Israel) verwendeten Wörter / Begriffe
"Strafe" und "Schläge", so
wird wohl jedem deutlich, daß man
differenzierter sehen muß, anstatt sich den
Blick auf das rasche Urteil "entwürdigende
Prügel-Pädagogik" zu verengen.
(Ganz
abgesehen von der Überlegung, ob ein
"Schlag", eine "unmittelbare
sinnliche Strafe" also, auch im
inner-menschlichen Erziehungsverhältnis von
Eltern / Erzieher - Kind in jedem Falle als
verwerflich zu gelten hat, in jedem Falle mit
Entwürdigung und Selbstwertverlust gekoppelt
sein muß - zumal dann, wenn solche
Strafe -wie bei
Lessing- mit Belohnung
und Liebkosung gekoppelt ist. Selbst der
liebevollste, ganz auf das persönliche Wohl
seines "Zöglings" bedachte Erzieher
wird in bestimmten, für die Entwicklung seines
Zöglings problematischen Situationen einen
"Schlag" als "Strafe" für
die wirkungsvollste Maßnahme halten -
vorausgesetzt, er läßt den so Gestraften sehr
bald danach spüren, daß diese Strafe nicht
gegen, sondern für ihn erfolgte, um seinetwillen
also. Die liebende, erklärende, erläuternde
Anteilnahme am Schmerz durch Strafe läßt
schädliche Wirkungen nicht entstehen.
Zurück
zum Text.
Aber
Israel war nicht das einzige Volk auf Erden. Die
anderen waren inzwischen
-ohne Gottes direktes Eingreifen-
"bei dem Lichte der
Vernunft ihren Weg fortgegangen". Erfuhren
sie auch nicht den Vorzug der Offenbarung, so
besaßen sie doch in der Vernunft ein geistiges
Organ, sinnweisende Zeichen zu
"vernehmen" (Ver-nunft). (Goethe, Faust
I, Prolog im Himmel, der Herr zu Mephisto:
"Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange /
Ist sich des rechten Weges wohl
bewußt...".).
Die
meisten Völker waren hinter Israel zurück, nur
einige waren ihm zuvorgekommen. Erklärender
Kommentar Lessings dazu (mit einem Vergleich aus
der menschlichen Erziehung): "Und auch das
geschieht bei Kindern, die man für sich
aufwachsen läßt, viele bleiben ganz roh; einige
bilden sich zum Erstaunen selbst". (§ 20)
Aber
letztere Beobachtung besagt nichts gegen Sinn und
Zweck, gar gegen die Existenzberechtigung von
Erziehung. "Das Kind der Erziehung fängt
mit langsamen, aber sichern Schritten an; es holt
manches glücklicher organisierte Kind der Natur
spät ein; aber es holt es doch ein, und ist
alsdann nie wieder von ihm einzuholen". (§ 21)
So, auf
der Ebene der Offenbarung, das Verhältnis der
Entwicklung Israels zu derjenigen der anderen
Völker, derer Gott sich nicht unmittelbar
angenommen hatte. Aber diese Bevorzugung Israels
galt nicht nur den besonders herausgehobenen
Juden, denen Gott sich besonders und direkt
mitteilte, sondern dem ganzen jüdischen Volke.
Und nicht nur diesem allein, sondern mittels
seiner dem ganzen Menschengeschlecht. (§ 22)
In den §§ 23-25 geht Lessing auf
verschiedene Einwände ein gegen die von ihm
behauptete Göttlichkeit der Lehren von der
Einheit Gottes und der Unsterblichkeit der Seele
sowie der damit verbundenen Lehre von Strafe und
Belohnung in einem künftigen Leben. Diese Lehren
versuchte Gott -nach
Lessing- den Israeliten
zu vermitteln. Diese Lehren (Ideen) sind dazu
angetan, die Menschheit in den Zustand der wahren
Aufgeklärtheit zu versetzen,
Die
Tatsache, daß sie sich nicht expressis verbis in
den Büchern des Alten Testaments (A.T.) finden
lassen, spricht nicht gegen ihre Göttlichkeit.
Nicht dagegegen, daß sie im Sinne einer
übermenschlichen Ordnung sind, die die
Vollendung der menschlichen Existenz erst
ermöglichen.
Die
Erklärung dafür, daß sich von den o.g. Lehren
(Einheit Gottes, Unsterblichkeit der Seele +
Strafe und Belohnung in einem künftigen Leben)
in den Büchern des A.T. expressis verbis nichts
findet - bzw. daß diese Lehren darin nicht
zusammenhängend, lückenlos ausgeführt sind -
die Erklärung dafür gibt Lessing mit einem
Vergleich: Ein Elementarbuch für Kinder dürfe
das mit Stillschweigen übergehen, dem die
jeweiligen Fähigkeiten der Kinder noch nicht zu
entsprechen vermögen. Andererseits dürfte das
Elementarbuch "nichts enthalten, was den
Kindern den Weg zu den zurückbehaltenen
wichtigen Stücken versperre oder verlege" (§ 26).
So
gesehen durften in den Schriften des A.T. die
Lehre von der Unsterblichkeit der Seele verbunden
mit der von der künftigen Vergeltung zwar fehlen. Aber enthalten durften die Schriften
nichts, was dem rohen israelitischen Volke den
Weg zu dieser "großen Wahrheit"
verstellt haben würde. (§ 27)
Es gibt
für den menschlichen Verstand in diesem Leben
einen "Knoten", ein schier
unauflösbares Problem, einen ärgerniserregenden
Widerspruch: die ungleiche Verteilung der Güter
dieses Lebens, "bei der auf Tugend und
Laster so wenig Rücksicht genommen zu sein
scheinet". Leicht hätte sich aus der
täglichen Beobachtung und Erfahrung dieser
Realität die bequeme Ansicht, der
"Glaube" entwickeln können, materielle
Begünstigung und Glück seien die Belohnung für
ein gottesfürchtiges Leben; Armut und Unglück
die Strafe für Missetaten. Solange ein Volk in
seinem Denken und Fühlen aufs Diesseits
beschränkt ist, lassen sich andere Erklärungen
und Deutungen kaum finden. Hätten die Schriften
des A.T. etwas enthalten, was diese Erklärungen
gestützt hätte, wären sie untaugliche
Elementarbücher für die Entwicklung der
Israeliten (und damit der Menschheit) gewesen.
(Hätten sie dagegen die Lehren von der
Unsterblichkeit der Seele plus derjenigen der
künftigen Vergeltung enthalten, hätten sie das
damalige Verständnis Israels überfordert).
So
mußte also "jener Knoten" vorläufig
unerklärt, aber in seiner beunruhigenden,
ärgerniserregenden täglichen Existenz erfahrbar
bleiben. "Und es ist doch wohl gewiß, daß
der menschliche Verstand ohne jenen Knoten noch
lange nicht - und vielleicht auch nie - auf
bessere und strengere Beweise gekommen wäre.
Denn was sollte ihn antreiben können, diese
besseren Beweise zu suchen?...". (§§ 27-31)
Kommentar:
Mit
anderen Worten: der besagte "Knoten"
blieb für die Israeliten ein "offenes
Problem", dessen Offensein ständig zu einer
Suche nach "besseren und strengeren
Beweisen" reizte und antrieb. Zwar gab es im
A.T. einzelne Ansätze, das Problem des
Zusammenhangs von Glück / Unglück mit Tugend /
Laster im Sinne eines innerweltlich begründeten
Kausalzusammenhangs zu sehen und zu verstehen (so
im Buch Hiob), aber der Ausgang der
Hiob-Geschichte ist eine Absage an platte
Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.
Wir
fügen hinzu, daß es viel späterer Zeit
vorbehalten war, nämlich dem Calvinismus mit
seiner Prädestinationslehre, den
Kausalzusammenhang zwischen irdischem Glück und
Frömmigkeit bis in die Unsterblichkeit zu
projizieren - um sie von dort her, nun
gewissermaßen göttlich legitimiert, für die
Deutung irdischen Glücks oder Unglücks zu
mißbrauchen. Denn um einen Mißbrauch dessen,
was z.B. Lessing für die Menschheit gewonnen
sehen möchte, handelt es sich dabei.
Zurück
zum Text.
Noch
waren die Israeliten nicht im Besitze der Lehren
von der Unsterblichkeit der Seele plus derjenigen
künftiger Vergeltung. Aber sie waren weiterhin -
mit Gottes helfender Offenbarung - für die
Erkenntnis dieser Lehren offen.
Lehren,
die eines "heroischen Gehorsams"
bedürfen: "die Gesetze Gottes beachten,
bloß weil es Gottes Gesetze sind" - aber
nicht deshalb, weil Gott etwa die Beachter seiner
Gesetze hier auf Erden zu belohnen verheißen
hätte.
Ein
Volk, das zu diesem heroischen Gehorsam erzogen
werden könnte, wäre dazu berufen,
"besondere göttliche Absichten
auszuführen", die Gott in bezug auf die
ganze Menschheit hat. (§§ 32, 33)
Aber
Israel war noch nicht so weit - wohl aber
weiterhin offen dafür. Während der
Babylonischen Gefangenschaft (historisch 587 bis
ca. 520 / 515 v. Chr.) hatten die
Israeliten die Lehre vom Einen, Einzigen Gott zu
begreifen nahezu vollendet. Zu dieser Zeit hatten
die Perser eine reinere Lehre von Gott als die
Israeliten. "Das in die Fremde geschickte
Kind (Israel) sahe andere Kinder, die mehr
wußten, die anständiger lebten, und fragte sich
beschämt: warum weiß ich das nicht auch? warum
lebe ich nicht auch so?...". Israel erkannte - unter dem Einfluß der
persischen Religion - in seinem Jehova
"nicht bloß den größten aller
Nationalgötter, sondern Gott...". "So erleuchtet
.. kamen sie zurück" in ihre jüdische
Heimat "und wurden ein ganz anderes Volk,
dessen erste Sorge es war, diese Erleuchtung
unter sich dauerhaft zu machen. Bald war an
Abfall und Abgötterei unter ihm nicht mehr zu
denken. Denn man kann einem Nationalgott wohl
untreu werden, aber nie Gott, sobald man ihn
einmal erkannt hat".
Zwar
hatten die Juden während ihres Zwangsaufenthalts
bei den Persern "auch mit der Lehre von der
Unsterblichkeit der Seele" Bekanntschaft
gemacht, ohne daß sie von ihnen schon voll
innerlich akzeptiert worden wäre. Eine größere
Vertrautheit mit dieser Lehre erhielten sie erst
durch die Schulen der griechischen Philosophen.
Aber der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele
blieb zu dieser Zeit "nur der Glaube einer
gewissen Sekte" im Volke Israel.
Kommentar:
Die
erwähnten griechischen Philosophen wurden den
Juden über Ägypten vermittelt. Während große
Teile der jüdischen Bevölkerung nach der
Niederlage gegen die Perser von diesen gewaltsam
in persische Provinzen ausgesiedelt worden waren,
war ein anderer Teil mit Jeremia 586 nach
Ägypten geflohen, wo schon etwas früher
jüdische Söldnerkolonien entstanden waren.
Gemeint
sind mit den griechischen Philosophen wohl
insbesondere Pythagoras und, von diesem in
bestimmten Zügen seines Denkens beeinflußt,
Plato. Damit ist ein starker idealistischer
Grundzug angesprochen, der sich am stärksten in
der jüdischen Sekte der Essener (auch Essäer)
manifestierte (etwa) Mitte des 2. Jahrhunderts v.
Chr. bis Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.). Die
Essener zogen sich aus den Städten, insbesondere
Jerusalem, die sie für gottlos hielten, zurück,
lebten in unzugänglichen Gegenden in
klosterähnlichen Gemeinschaften.
(Schriftrollen-Funde von Qumran / Rotes Meer).
Sie versuchten, verstärkt durch asketische
Übungen, in Reinheit und Zucht zu leben. Ihre
Vorstellungen und Erwartungen waren
eschatologischer und apokalyptischer Art.
(Eschatologie:
aus grch. eschaton = das Äußerste, Letzte - und
logos = Kunde; Apokalypse: aus grch. apokalyptein
= enthüllen - das ist: die Aufdeckung des
bevorstehenden Weltendes).
Will
alles zusammen heißen: die Essener begriffen
ihre Gegenwart bereits als "letzte
Zeit". Ihr Denken, Verhalten und Handeln
richtete sich daher nicht auf diese Welt, sondern
auf das Danach, auf ein - schließlich und
letztendlich - "ewiges Leben". So:
Friedrich Heiler, Die Religionen der Menschheit,
Stuttgart 1980, 3. Auflage.
Zum Text
zurück.
Es gab
neben den Einflüssen aus Persien und Ägypten
sog. "Vorübungen" auf die Lehre von
der Unsterblichkeit der Seele. Z.B. "die
göttliche Androhung, die Missetat des Vaters an
seinen Kindern bis ins dritte und vierte Glied zu
strafen". Dies, so sagt Lessing,
"gewöhnte die Väter in Gedanken mit ihren
späteren Nachkommen zu leben" und von dem
Unglück, das sie über diese unschuldigen
Nachfahren bringen könnten, in ihren Gewissen
bedrückt zu werden. (§ 44)
"Aber
jedes Elementarbuch ist nur für ein gewisses
Alter. Das ihm entwachsene Kind länger ... dabei
zu verweilen, ist schädlich". Die Schriften
bzw. Bücher des A.T., dazu die Anregungen von
außen, die in der bisherigen Welt vorhandenen
Beispiele anderer - sie alle hatten die
Israeliten vorangebracht (immer mit helfender
Offenbarung Gottes), aber eben nur bis dicht vor
die Schwelle des Durchbruchs zur vollen
Erkenntnis der transzendentalen, das Jetzt und
Hier überschreitenden Ideen. Vor allem aber den
Glauben an sie, so daß die Israeliten, und durch
sie das ganze Menschengeschlecht, entschlossen
wären, in diesem Leben Ernst mit ihnen zu
machen. "Ein beßrer Pädagog muß kommen,
und dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus
den Händen reißen. - Christus kam" (§§ 45-53).
Damit
war derjenige Teil des Menschengeschlechts, dem
Gott qua helfende Offenbarung seine Erziehung
hatte angedeihen lassen wollen, "zu dem
zweiten großen Schritte der Erziehung
reif".
Dieser
Teil der Menschheit war "in Ausübung seiner
Vernunft so weit gekommen", daß er nicht
mehr deshalb moralisch (d.h. im Hinblick und mit
Rücksicht auf andere "gut") handelte,
weil er sich dafür Belohnungen erhoffte oder,
bei Unterlassung, Strafen fürchtete, sondern
weil er "edlere, würdigere
Beweggründe" dafür erkannt hatte. Solche
edleren Beweggründe nahmen jene Menschen nicht
mehr aus dem Bereich des rein selbst bezogenen
Nutz- und Zweckdenkens, sondern aus einem von den
diesseitigen Interessen befreiten. Es gab auch
hierfür Vorformen. Z.B. "tat der Grieche
und Römer alles", um nach diesem Leben
wenigstens "in dem Andenken seiner
Mitbürger fortzuleben". Zwar war hierbei
das vom eigenen Interesse bestimmte Zweckdenken
noch nicht abgestreift - aber man genoß den
Erfolg, den Ruhm seines Handelns doch nicht mehr
zu eigenen Lebzeiten. Hier war also bereits
zumindest vom unmittelbaren Nutzen des eigenen
Handelns abstrahiert.
Damit
sowie mittels anderer Vorformen war vorbereitet,
daß menschliches Handeln sich vom Gedanken eines
wahren Lebens bestimmen ließ, das nach diesem
Leben hier zu gewärtigen sei. (§§ 54-57)
Gott
griff nun, in der Person seines Sohnes Christus,
ein und wurde als dieser "der erste zuverlässige, praktische Lehrer der
Unsterblichkeit der Seele".
Zuverlässig
(semantisch: sich darauf verlassen könnend;
Vertrauen verdienend; seine Versprechungen
haltend; glaubwürdig
...) - zuverlässig also
"durch die Weissagungen, die in ihm erfüllt
schienen; durch die Wunder, die er verrichtete;
... durch seine eigene Wiederbelebung nach seinem
Tode, durch den er seine Lehre versiegelt (d.h.
beglaubigt, glaubwürdig gemacht) hatte".
Und nun sagt Lessing etwas, das mehr zu denken
geben sollte, als es dem sog. modernen, sog.
aufgeklärten Menschen unserer
Tage -also weitgehend
uns, mir selbst-
erträglich erscheint, den es, besonders vor
anderen, geniert, solche Mythen und Märchen
einer wundergläubigen Zeit anzuhören, gar
auszusprechen. Lessing also sagt: "Ob wir
noch itzt diese Wiederbelebung (Christi) beweisen
können: das lasse ich dahingestellt sein. So,
wie ich es dahingestellt sein lasse, wer die
Person dieses Christus gewesen. Alles das kann
damals zur Annehmung seiner Lehre wichtig gewesen
sein: itzt ist es zur Erkennung der Wahrheit
dieser Lehre so wichtig nicht mehr". (§§ 58,59)
Kommentar:
Welche
Ungeheuerlichkeit eines wahrhaft radikalen,
nämlich auf Erkenntnis der Wahrheit gerichteten
Denkens!!
Lessing
unterscheidet zwischen den Umständen
(historischen, glaubensmäßigen etc.) - und der
Wahrheit, die er in jenen verkörpert sieht.
Monteverdis
Musik, so urteilte ein Musikwissenschaftler, habe
mit Wirklichkeit kaum etwas zu tun, dafür aber
umso mehr mit der Wahrheit. Damit nahm er ein
Urteil Goethes auf, das dieser gegenüber
Eckermann aussprach, als dieser ihm Bilder des
Malers Claude Lorrain (frz., 1600-1682) zeigte: "Die
Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine
Spur von Wirklichkeit".
Ahd.
war, wari: aus idg. *uero (lat. verus) = urspr. "achtbar".
Während, wie einschlägige Wörterbücher
ausweisen, die Alltagssprache (demzufolge auch
das sog. normale Denken) kaum mehr zwischen
Wirklichkeit und Wahrheit unterscheidet (ein
interessantes, aber bedenkliches Symptom! Z.B.
umschreibt der Wahrig die Bedeutung des
Stichworts "Wahrheit" mit:
"richtiger Sachverhalt, Übereinstimmung mit
den Tatsachen", ja: als "Tatsache"
selbst - und erläutert die idiomatische Wendung
"in Wahrheit verhält es sich so" mit
"in Wirklichkeit
....") -
sagt das Philosophische Wörterbuch (s.o.),
Wahrheit sei "das Sein desjenigen Seienden,
das wahr genannt wird"; und es erläutert
die Bedeutung des Begriffs "Sein"
zunächst als "Dasein, Existenz,
In-der-Welt-sein, Gegebensein", macht dann
auf den Unterschied zwischen "realem"
Sein und "idealem Sein" aufmerksam,
wobei das reale Sein als Dasein, Existenz zu
verstehen ist, das ideale Sein als "Essenz
bzw. Essentia = Wesen". Das ideale Sein
entbehre der Zeitlichkeit, Wirklichkeit,
Erfahrbarkeit, hat nie den Charakter des
Einzelfalles. Ideales Sein haben die Werte,
Ideen, mathematischen und logischen Begriffe. Sie
sind das Beharrende, Bleibende, in allem
Identische - gegenüber dem Mannigfaltigen,
Wechselnden, Werdenden.
Lessing
also geht es nicht so sehr um die durch die
Tradition überlieferte Geschichte Christi,
sondern um die Wahrheit seiner Lehre von der
Unsterblichkeit der Seele. Was, ist also seine
Frage, kann uns, kann mir diese Lehre als
Wesentliches vermitteln? Etwas, das in
unserem -vom Gesetz der
Vergänglichkeit, des Mannigfaltigen,
Wechselnden, dauernd Werdenden bestimmten-
Leben als das Bleibende,
in allem Identische gelten kann.
Es
zeichnet -man denke an
das von ihm gewählte
Motto- Lessing aus, daß
er keine Antwort zu geben versucht, sondern daß
er es beim Stellen der Frage nach der Wahrheit
beläßt. Aber mit ihr benennt er das, was ihm
wesentlich ist.
Zurück
zum Text:
Christus,
so sagte Lessing, sei nicht nur der erste
gewesen, der die Lehre von der Unsterblichkeit
der Seele zuverlässig gelehrt habe, nämlich
durch sein gesamtes Leben, sondern er sei auch
der "erste praktische Lehrer" dieser
Unsterblichkeitslehre gewesen. Denn er habe die
Unsterblichkeit der Seele nicht nur "als
eine philosophische Spekulation" vermutet,
gewünscht, geglaubt -er
habe "seine inneren und äußeren Handlungen
(grch. praxis = Tätigkeit) darnach"
eingerichtet. Ihm war es vorbehalten,
"innere Reinigkeit des Herzens in Hinsicht
auf ein anderes Leben zu empfehlen". (§§ 54-63)
Die
neutestamentlichen Schriften, die das Geschehen
um und durch Christus aufbewahrten, lösten
diejenigen des A.T. als "Elementarbuch für
das Menschengeschlecht" ab. Seit
"siebzehnhundert Jahren" haben die
Schriften des Neuen Testaments (N.T.) "den
menschlichen Verstand mehr als alle andere
Bücher beschäftigt; mehr als alle andere
Bücher erleuchtet, sollte es auch nur durch das
Licht sein, welches der menschliche Verstand
selbst hineintrug" (§§ 60-65).
Kommentar:
Wieder
eine Aussage, die man leicht überliest
-liest man so, wie heute
vielerorts und oft "gelesen" wird.
Schaut man jedoch genau hin und realisiert,
vergegenwärtigt sich, was da steht - dann gerät
man -wegen der Kühnheit
des Gedankens- in
Zweifel, ob man sich nicht getäuscht hat.
Wenn
meine geistige Kompetenz ausreicht, das richtig
zu verstehen, was Lessing hier sagt (eigentlich
möchte ich nicht daran zweifeln), dann heißt
das mit anderen Worten:
das N.T.
hat deshalb den menschlichen Verstand
"erleuchtet" (d.h. ja nun, synonymisch
gesprochen, "aufgeklärt"), weil dieser
sein eigenes Licht hineingetragen hat. Oder
anders herum: es hätte sein können, daß das
N.T. selber, durch sich selber, nie in der Lage
gewesen wäre, den menschlichen Verstand zu erleuchten, wenn der denn nicht zuvor ihm das
Licht dazu verliehen hätte. D.h. doch, auf eine
ganz kurze Formel gebracht: es war der
menschliche Verstand selber, der sich erleuchtet
hat, allerdings mittels des Umwegs über das
N.T.- Indem sich der menschliche Verstand auf
dieses richtete (man könnte hier ergänzend
denken: durch Anstoß seitens des sich
offenbarenden Gottes! - diesen Gedanken läßt
das Kontinuum des Textes der gesamten Abhandlung
eher zu, als daß es ihn ausschlösse) - indem
sich also der menschliche Verstand auf das N.T.
richtete, sich um es unter Aufbietung all seiner
Kraft bemühte, verlieh er ihm diejenige
Aussagekraft, die nun ihrerseits den menschlichen
Verstand, gewissermaßen rückkoppelnd, zu
erleuchten vermochte. Man könnte für einen
kurzen Augenblick versucht sein, an das Bild vom
Manne zu denken, der sich am eigenen Zopfe aus
dem Sumpf zieht - aber dieser Blasphemie einer
Selbstzeugung oder Selbsterschaffung ist Lessing
doch wieder fern (weltenfern). Andererseits
stellt er auch mit dieser Aussage unter Beweis,
welch unglaublicher Realist dieser Aufklärer
dadurch ist, daß er die reale Kraft der Ideen
und der Transzendenz ins Nachdenken über die
rechte menschliche Existenz und das, was sie zu
begründen vermag, mit einbezieht.
Zum Text
zurück:
Das A.T.
war das Elementarbuch für die Kindheit des
Menschengeschlechts, aus dem es die Lehre von der
Einheit Gottes entnahm. Aus dem N.T., dem
Elementarbuch für das Knabenalter des
Menschengeschlechts, entnimmt dieses die Lehre
von der Unsterblichkeit der Seele.
Inzwischen
braucht die Menschheit das Elementarbuch A.T.
nicht mehr, um die Lehre von der Einheit Gottes
als unbestritten zu begreifen. Allmählich werden
wir Menschen auch des N.T. nicht mehr bedürfen,
um die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele zu
begreifen: sie wird uns eine
Selbstverständlichkeit sein.
Es geht
bei alledem um die Überführung
"geoffenbarter Wahrheiten in
Vernunftwahrheiten". Diese Überführung ist
"schlechterdings notwendig, wenn dem
menschlichen Geschlechte damit geholfen sein
soll". (§§ 66-76)
Kommentar:
Lessing
- der so nicht bekannte Aufklärer? Lessing - der
zu Unrecht "Aufklärer" Genannte? - Ein
Mann, messerscharf in Denken und Sprache bei
seinen mannigfachen Auseinandersetzungen mit
Pastoren, Geistlichen, Vertretern der Kirche, der
nun hier, mit seinem Traktat, beweist, daß alle
seine Philippiken gegen selbsternannte
Siegelbewahrer des Jenseits im Grunde genommen
nur Schattenboxen gewesen sein sollen!?
Mitnichten!
Lessing übersteigt jedes platte Aufkläricht
nicht quanti-, sondern qualitativ dadurch, daß
er kein Rationalist des Sinnes ist, die Ratio als
das Non plus ultra zu sehen (wodurch sie sich ja
im Grunde selber disqualifiziert), sondern daß
er ein wahrer "Realist" ist, der um die
Bedeutung der Transzendenz für die
Geschöpflichkeit weiß.
Mit
anderen Worten: Lessing sieht die existenzielle
Gegebenheit des Menschen, nämlich ein im letzten
abhängiges Wesen zu sein - und er akzeptiert
das. Aber: er gewinnt aus dieser Akzeptanz der
eigenen Endlichkeit (und aus der, damit
verbunden, zwingend zu folgernden Un-Endlichkeit,
die eben nicht die Natur des Menschen ist) eine
ungeahnte, unterm Anspruch des verantwortlichen
(d.h. sich der eigenen Grenzen immer bewußt
bleibenden) Selbsttuns - er gewinnt also daraus
eine Freiheit, die, paradox klingend, die
Unendlichkeit fühlend zu streifen vermag. Dies
der Menschheit (und also jedem Menschen in ihr)
im Laufe einer langen Entwicklungsgeschichte -
mit vielen Rückschlägen und Umwegen -
begreifbar werden zu lassen, das ist Lessings
leidenschaftliches Anliegen. Er hat es damals
schon gewußt - und formuliert, was uns Heutigen
zunehmend als Wahrheit aufgeht: dem menschlichen
Geschlechte ist nur damit zu helfen, daß es die
Notwendigkeit begreift, die Wahrheiten aus der
Geschichte der menschlichen Erfahrungen mit sich
selbst zu verstehen, zu vernehmen (Vernunft), sie
nicht mehr als von außen ihm auferlegte
Forderungen zu begreifen, sondern als seinem
eigenen Wesen entsprechend und zugehörig, ja -
dieses eigentlich erst begründend und
vollendend.
Zum Text
zurück:
Und so
fragt denn Lessing ganz folgerichtig: "Und
warum sollten wir nicht auch durch eine Religion,
mit deren historischen Wahrheit, wenn man will,
es so mißlich aussieht, gleichwohl auf nähere
und bessere Begriffe vom göttlichen Wesen, von
unsrer Natur, von unsren Verhältnissen zu Gott,
geleitet werden können, auf welche die
menschliche Vernunft von selbst nimmermehr
gekommen wäre?". (§ 77)
Und
immer wieder diese Überraschungen mit Lessing:
diese Inkongruenz der Eindrücke, der frischen,
unmittelbaren, beim Lesen - mit den aus zweiter,
dritter, n-ter Hand übernommenen
Halbwahrheiten, Mißverständnissen und
heterotypischen Vorurteilen -: Lessing fährt
nämlich fort: "Es ist nicht wahr, daß
Spekulationen über diese Dinge (gemeint sind:
das göttliche Wesen, die menschliche Natur, das
Verhältnis zwischen beiden) jemals Unheil
gestiftet, und der bürgerlichen Gesellschaft
nachteilig geworden".
-
Nachteile
und Schäden habe die bürgerliche Gesellschaft
also nie durch Spekulationen über "diese
Dinge" erlitten, sondern immer nur durch
Tyrannen, die das Nachdenken darüber zu steuern
oder zu unterbinden versucht hätten. Weil
nämlich jeder
Gewaltherrscher -wissend,
meistens instinktiv- mit
sich im klaren ist, daß über solche Dinge
nachzudenken die Menschen zu ihrem
Grenzbewußtsein, aber damit eben auch zu ihrem
Wesen, Ihrem Wert, ihrer Würde bringt, sie damit
in wachsendem Maße für Fremdbestimmung,
gegängelt und beherrscht zu werden, ungeeignet
macht. (Ich verweise auf den Beginn des Traktats,
auf die Versuche der Ägypter, die Juden glauben
zu machen, Sklaven hätten keine Götter).
Spekulationen
über "diese Dinge" seien
"unstreitig die schicklichsten Übungen des
menschlichen Verstandes überhaupt".
Kommentar:
Die
Semantik von "schicklich" = was sich
schickt; was in Ordnung ist; passend; geziemend.
Etymologie
und Semantik von "Ordnung" = ahd.
ordinunga; mhd. ordenunge - aus lat. ordo =
Reihe, Ordnung; Rang, Stand; (göttliche)
Weltordnung.
Über
die Grenzen der eigenen, der menschlichen
Existenz nachzudenken, zu spekulieren, um an
ihnen den ahnenden Blick ins Un-endliche und
-nun zurückgewendet ins
Endliche- den Weit-Blick
zu gewinnen und den Blick für die Relativität
allen eigenen Tuns, das gleichwohl
lebensnotwendig bleibt, - das entspricht nach
Lessing der Bestimmung des Menschen, ist ihr
angemessen, ist für ihn schicklich. Und Lessing
verwendet den Superlativ
"schicklichst", um damit auszudrücken,
daß es, bei allen Übungen und Verrichtungen,
die der menschliche Verstand zu absolvieren und
zu leisten hat, nichts gibt, was wichtiger wäre
als das Nachdenken über "diese Dinge".
Zurück
zum Text:
Diese
Übungen ordnet Lessing unter den bedeutenden
Kräften des Menschen dem Verstand zu. Das
menschliche Herz z.B. sei nur vermögend,
"die Tugend wegen ihrer ... glückseligen
Folgen zu lieben". Das menschliche Herz sei
eigennützig. Wollte man "auch den Verstand
allein an dem üben wollen, was unsere
körperlichen Bedürfnisse betrifft", so
würde man ihn eher "stumpfen" als
"wetzen". Dem Verstande angemessen ist
es, sich "an geistigen Gegenständen"
zu üben. Nur so vermöge er die ihm eigenen
Fähigkeiten zu entfalten und "zu seiner
völligen Aufklärung" zu gelangen. Und nur
dadurch vermag er "diejenige Reinigkeit des
Herzens" (die durch die körperlichen
Bedürfnisse immer in Gefahr ist, korrumpiert zu
werden) hervorzubringen, die uns Menschen fähig
macht, "die Tugend um ihrer selbst willen zu
lieben". (§§ 78-80)
Ohne
diese Fähigkeit aber wird das menschliche
Geschlecht die höchsten Stufen der Aufklärung
nie erreichen.
Diese
Möglichkeit läßt Lessing
-man merkt das dem
Ausdruck seiner Sprache an-
schaudern. Jede
Erziehung habe ihr Ziel. Das, was für jeden
Einzelnen gelte, müsse doch auch für die
Menschheit insgesamt gelten. Die menschliche
Erziehung z.B. versuche, den jungen Menschen mit
Zielen wie Ehre, Wohlstand etc. dazu zu bewegen,
alle seine Kräfte darauf hinzuordnen. Mit
solchen Mitteln erziehe man junge Menschen zu
erwachsenen, reifen, die auch dann ihre Pflichten
zu tun in der Lage sein werden, wenn nicht alle
ursprünglich gesetzten Ziele von ihnen erreicht
worden sein sollten.
Wenn die
menschliche Erziehung auf solche Ziele abzwecke -
dann sollte der göttlichen Erziehung, der
Offenbarung, mit dem ganzen Menschengeschlechte
Ähnliches nicht gelingen?? Lessing sagt,
Derartiges zu denken sei eine
"Lästerung". (§§ 81-84)
Und so
bleibt Lessing voller Hoffnung, daß die
"Zeit der Vollendung", wie er die
höchste Stufe der "Erziehung des
Menschengeschlechts" nennt, gewiß kommen
werde. Dann werden die Menschen es nicht mehr
nötig haben, sich für ihre vernünftigen
Handlungen Beweggründe aus
Zukunftsversprechungen oder -hoffnungen zu
erborgen, sondern sie werden "das Gute tun
..., weil es das Gute ist, nicht weil
willkürliche Belohnungen darauf gesetzt
sind". Das wird dann "die Zeit eines
neuen ewigen Evangeliums" sein. (§§ 85-86)
Lessing
hält es für möglich, daß "gewisse
Schwärmer" des 13. / 14. Jahrhunderts eine Vorahnung von diesem
"neuen ewigen Evangelium" hatten. Ihr
Irrtum habe nur darin bestanden, daß sie seinen
Anbruch als nah verkündigten.
Aber
richtig an ihren Verkündigungen sei sicherlich
gewesen, daß sie von drei Zeitaltern der Welt
gesprochen hätten. Und daß sie lehrten, der
Neue Bund (Gottes mit dem Menschengeschlecht, die
Schriften des N.T.) müßte genauso veralten,
sich überleben, wie der Alte Bund (die Schriften
des A.T.). Und auch darin hätten sie sicher
recht gehabt, daß sie hinter allem den
"Plan der allgemeinen Erziehung des
Menschengeschlechts" erkannten. Ihr
Kardinalfehler: sie übereilten die Geschichte -
und überforderten die Menschen. Das habe sie zu
Schwärmern gemacht. "Der Schwärmer tut oft
sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann
die Zukunft nur nicht erwarten". Wozu sich
die Natur Jahrtausende Zeit nähme, solle im
Augenblicke des Daseins des Schwärmers reifen. (§§ 87-90)
Kommentar:
Zu den
von Lessing genannten Schwärmern: Infolge der
Erstarrung und Verweltlichung des christlichen
Lebens, durch Hierarchentum und Paganisierung
(paganus = der Heide) sind im Mittelalter in
Europa immer wieder urchristliche
Erneuerungsbewegungen entstanden. Es gab sie
einmal innerhalb von Ordensgemeinschaften
(Cluniazenser, Dominikaner, Franziskaner), zum
andern in Form von Gemeinschaften, die von der
hierarchischen Kirche ausgestoßen und verfolgt
wurden. (Also, cum grano salis, Realos und Fundis
im organisierten Christentum des Mittelalters)
Eine geistige Bewegung von geradezu ungeheurer
Wirksamkeit wurde durch den kalabresischen
Zisterzienserabt (seit 1183) Joachim von Fiore
(Floris) (gestorben 1201 oder 1202), Stifter der
Ordenskongregation der Floriacenser, entfesselt.
Diese gewaltige Seher-Gestalt weissagte auf Grund
der Offenbarung Johannis, 14, 6, das Kommen einer
neuen Epoche der Heilsgeschichte, des sog.
"Dritten Reiches", nämlich des Reiches
des Heiligen Geistes, durch welches das
alttestamentliche Reich des Vaters (1. Reich) und
das neutestamentliche Reich des Sohnes (2. Reich)
abgelöst werden sollten . Eine neue Kirche
sollte an die Stelle der bisherigen
hierarchisch-sakramentalen Kirche treten, die
"ecclesia spiritualis".
Die
spiritualistische Bewegung verband sich mit einer
Reihe anderer evangelischer Bewegungen (z.B. die
des Petrus Valdes von Lyon um 1180, als Ketzer in
die Kirchengeschichte eingegangen. Oder die
Prediger des Evangelium aeternum (13. / 14.
Jahrhundert). Die Antichrist-Polemik des John
Wiclif (1320-84) bis zu Johannes Hus
in Böhmen (1369-1415) und den
bilderstürmerischen Taboriten).
Zurück
zum Text:
Lessing
-der vernünftige Aufklärer, der Realist mit
Visionen- ist weit
entfernt davon, selber ein solcher
"Schwärmer" zu sein. Er weiß, daß
"die ewige Vorsehung", gemessen an dem
Zeitgefühl des vergänglichen Menschen, eine
Schrittgeschwindigkeit, ein Entwicklungstempo
hat, die für das menschliche
Wahrnehmungsvermögen, aber insbesondere für die
menschliche Geduld, "un-merklich" sind.
Er weiß
das, stellt es in Rechnung - aber er bittet: "... laß mich dieser
Unmerklichkeit wegen an dir nicht
verzweifeln".
Ja, er
ist sich im klaren darüber, daß die Entwicklung
der gesamten Menschheit für das menschliche Auge
und die menschliche Ungeduld oft so verlaufen
wird, daß der Eindruck entsteht, es ginge eher
zurück.
Er ruft,
um sich gegen die Ungeduld und mögliche
Verzweiflung zu wappnen, sich die oft bestätigte
Erfahrung in Erinnerung, "daß die kürzeste
Linie" nicht "immer die gerade
ist".
Denn
sie, die Vorsehung, habe auf ihrem "ewigen
Wege so viel mitzunehmen, so viele Seitenschritte
zu tun!" Und, so überlegt Lessing, es
könnte ja sein, daß das "große langsame
Rad", welches die Menschheit ihrer
"Vollkommenheit (vielleicht besser: der ihr
vorbestimmten Selbstverwirklichung) näher bringt, ... durch kleinere
schnellere Räder in Bewegung gesetzt
würde", von denen jedes seine eigene
Entwicklungsbewegung in die des übergeordneten
großen Rades einbrächte.
Mit
einer Spekulation, nämlich daß der Einzelne,
der innerhalb dieses komplexen Räderwerks seine
einzelne Entwicklung hat und das Ergebnis dieser
Entwicklung in die Bewegung des "großen
langsamen Rades" einzubringen hat - daß
dieser Einzelne die ganze Bewegung vielleicht
stärker zu befördern vermöchte, wenn er öfter
lebte, wenn er wiedergeboren würde, um die im
jeweils vorangegangenen Leben erlangten neuen
Kenntnisse und Fertigkeiten der Gesamtentwicklung
der Menschheit und Menschenwelt nutzbar machen zu
können - mit dieser Spekulation, die das innere
Engagement Lessings in sein Thema ausdrückt,
schließt der Traktat. (§§ 91-100)
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