Goethes Hymne
"Das Göttliche"
Rede anläßlich
des 40-jährigen Jubiläums einer Schulentlassung
Weißensee 1990
[Ansprache
vor ehemaligen Schülern und Schülerinnen (und
ihren Angehörigen) der ehemaligen
"Einheitsschule" in Weißensee
(Thüringen), bis 1989 DDR, anläßlich des
40-jährigen Jubiläums ihrer Schulentlassung im
Jahre 1950, gehalten auf einem Treffen nach der
"Wende" im Herbst 1990 in Weißensee.]
Sehr
geehrte Damen und Herren -
liebe
ehemalige Schüler!
Diese
letzte Anrede geht mir
-angesichts der unübersehbaren, augenfälligen
Würdigkeit, von der ich mich hier umgeben
sehe,- nicht gar so
leicht über die Lippen. Denn wir schreiben nicht
mehr die Jahre 1950 und davor. Wer und was sind
Sie heute? und wer und was bin ich heute, daß
ich Sie so dreist und plump vertraulich anreden
dürfte? Nicht nur, daß 40
Jahre -und was für
Jahre!- seit unserer
letzten Begegnung vergangen sind - es hat auch
während dieser Zeit keinerlei Kontakte mehr
zwischen uns gegeben. Es wäre deshalb geradezu
unnormal, wären wir uns
-sofern überhaupt jemals eine wirkliche
Bekanntheit zwischen uns bestanden
hätte- während dieser
langen und ununterbrochenen Trennung nicht fremd
geworden.
Und
dann, ein weiterer Gesichtspunkt, hat der Strom
der Zeit in 40 Jahren alles weggeschliffen, was
uns als Lehrer und Schüler einmal, wenn
überhaupt, unterschied. So scheint es eigentlich
nichts Bekanntes und Vertrautes mehr zwischen uns
zu geben, an dem sich zuverlässig anknüpfen
ließe bei dem Versuch, ein einstmals bestehendes
Verhältnis wieder zu beleben. Und trotzdem haben
Sie es für richtig befunden, mich und meine
liebe Frau -die seit
unseren gemeinsamen Tagen als Lehrer in
Weißensee zu mir gehört wie ich zu ihr-
zu diesem festlichen
Treffen einzuladen, 40 Jahre nach dem Schulabgang
von der früheren Einheitsschule in Weißensee.
Wir sind, zumindest für mich trifft das zu,
nicht völlig unbeklommen, aber im ganzen gesehen
doch gern gekommen. Aber: haben Sie richtig
gehandelt? Wußten Sie, ja, wissen Sie, wen Sie
da einluden? Ob derjenige, den Sie vor über 40
Jahren zu kennen glaubten, wenn er denn
überhaupt jemals Ihrem Bilde von ihm entsprochen
hätte, das auch heute noch tut? Das noch vermag?
Die Zeit hat uns alle, jeden von uns, auf unseren
von unterschiedlichen Umständen bestimmten Wegen
geformt. Wer sind wir heute eigentlich, wenn wir
uns so treffen, als wäre inzwischen nichts - und
besonders nichts mit uns geschehen. Ihre
Einladung, fast noch mit dem Ende meines
Berufslebens (im Jahre 89) zusammenfallend,
zwingt meine Gedanken zu dessen Anfängen hier in
Weißensee zurück. Die Vergangenheit hat
begonnen, meine Gegenwart einzuholen. Ich will
mich für meine Person dieser Vergangenheit zu
stellen versuchen. Ich halte Ausschau nach einem
Anknüpfungspunkt in ihr, von dem aus sich
Vertrautheit zwischen uns nach einer solch langen
Zeit einigermaßen sinnvoll herstellen ließe.
Ich suche -um mit Goethe
zu sprechen- nach der
"Dauer im Wechsel". Nach etwas,
das -zumindest was meine
Person angeht-
einigermaßen Bestand gehabt haben könnte, in
welchem Sie mich, auch nach 40 Jahren sehr
verschiedener Entwicklungen, wiederzuerkennen
vermöchten. Und ich suche nach etwas, auf das
ich Sie vor 40 Jahren und mehr meinte aufmerksam
machen zu sollen und von dem ich möglicherweise
auch heute noch meine, es habe sich, wenn auch
nicht immer und überall erkannt und anerkannt,
durch manche Umstände in den Hintergrund geraten
oder verdrängt, vielleicht sogar vergessen, im
wesentlichen doch als dauerhaft und gültig
erwiesen und habe sich für uns Menschen als
wesentlich bewährt - so daß es sich lohnen
könnte, ins Bewußtsein zurückgeholt und in
Gedanken und im Herzen überprüft und bewegt zu
werden. Ich werde es versuchen auf die Art und
Weise, die mir durch mein ganzes bisheriges Leben
zur zweiten Natur geworden ist. Ich erbitte
dafür Ihre Nachsicht. Aber jeder ist nun mal so,
wie er durch Umstände, Interessen, Bildung und
Ausbildung und lange berufliche Tätigkeit
geworden ist. Stoßen Sie sich bitte nicht an
meiner Art zu denken und zu sprechen. Achten Sie
stattdessen auf den Kern dessen, was ich sagen
möchte.
In
"unserem" Klassenzimmer (so beweist es
ein altes, wenn auch nicht scharfes, nicht
großes und nicht gutes, aber unzweideutig
belegendes Foto)

- in
diesem Klassenzimmer also hingen an der
rückwärtigen, weiß gekalkten Wand zwei aus
schlichtem weisslichen Nachkriegs-Papier
gefertigte Plakate. Auf ihnen befanden
sich -von mir
eigenhändig in einfacher, nur ansatzweise
kunstvoller Schrift
geschrieben- zwei Zitate.
Eines aus einem Gedicht von Friedrich von
Schiller, betitelt "Sehnsucht", das
andere aus Goethes Hymne "Das
Göttliche". Beide Zitate bestanden aus je
zwei Verszeilen. Das Schiller'sche lautete:
"Du mußt glauben, du mußt wagen, / Denn
die Götter leihn kein Pfand; ... ";
das Goethe'sche: "Edel sei der Mensch, /
Hilfreich und gut!" Ich widerstehe, aus
Zeitgründen, der Versuchung, Ihnen beide
Gedichte vorzustellen. Beiden ist gemeinsam das
idealistische Weltbild, wonach es für den
Menschen Ideen gibt, die, "nicht von dieser
Welt", den Menschen unter einen
unüberhörbaren Anspruch stellen, dem er unter
Anspannung seiner Kräfte zu entsprechen versucht
und dabei, sich selbst und äußere Widerstände
überwindend, der immer drohenden Gefahr des
Versinkens im Kleinlich-Alltäglichen entkommt.
Das Ganze nicht als einmalige Unternehmung
verstanden, auf deren möglichem Erfolg man sich
danach für länger oder immer ausruhen dürfte,
sondern als Bewährung an jedem neuen Tag. Der
Unterschied zwischen beiden Gedichten gründet in
den -bei allem
Gleichklang-
verschiedenen Persönlichkeiten ihrer Autoren,
von Schiller selbst in einer seiner großen
theoretischen Schriften als die "naive"
Art (Goethe) und als die
"sentimentalische" (Schiller selbst)
bezeichnet, wobei er der
ersteren -geistig
vornehm, wie er war- als
der in sich geschlosseneren und ungebrocheneren
bezüglich des künstlerischen Wertes den Vorrang
einräumte.
Das
Zitat aus der Goethe-Hymne ist
-wie dasjenige aus
Schillers Gedicht auch-
aus dem Zusammenhang gerissen und vermag als
solches, für sich allein, die Bedeutung der
ganzen Hymne in ihrem Zusammenhange nicht
wiederzugeben, obwohl es als Zitat häufig und
überall genannt zu werden pflegt und zum sog.
geflügelten Wort geworden ist.
Goethes
ganze Hymne lautet:
Das
Göttliche
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch,
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben!
Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.
Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.
Auch so das Glück
Tappt unter die Menge.
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.
Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.
Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.
Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen.
(1783)
Ohne
hier auf formale Details einzugehen, nur ein paar
notwendige Anmerkungen zur äußeren Gestalt der
Hymne: Zehn Strophen, von denen die ersten beiden
und die zwei letzten sich im
wesentlichen -trotz
einiger bedeutsamer Veränderungen im
einzelnen- entsprechen.
Die anderen sechs Strophen sind in die
umschließenden zwei ersten und zwei letzten wie
in zwei tragende Säulenpaare eingehängt, womit
unterstrichen wird, daß die wesentliche Aussage
der Hymne in den Anfangs- und Schlußstrophen
erfolgt, von denen die mittleren Strophen ihren
gleichsam höheren Sinn erhalten. Diese bereits
in den beiden ersten Strophen erfolgende Aussage
ist dem Dichter selbst so wichtig, daß er sie,
wenn auch bedeutungsvoll variierend, in den
beiden Schlußstrophen wiederholt. Außerdem
häuft sich in den vier Strophen die
appellativ-imperative Aussageweise, äußerlich
kenntlich an den nicht weniger als fünf
Ausrufezeichen, während es in den mittleren
sechs Strophen nicht ein einziges davon gibt.
Aber nun
erst einmal zu den sechs mittleren Strophen, zu
dem, was sie dem Leser aussagen, was sie ihm be-deuten wollen, zu ihrem, wie der Fachmann sich
auszudrücken pflegt, Gehalt.
Wie
großartig, majestätisch und beeindruckend die
Natur auch sein mag und für das Leben des
Menschen, der ja ein Teil von ihr ist, unerläßlich: ihre großen Gesetze, denen unser
vergängliches Dasein unterworfen ist, sind ehern
und gefühllos. Sie gehen wie ein Hobel über
alles gleichmäßig und unaufhaltsam hinweg, sie
machen weder Unterschied noch Ausnahme. Und wenn
doch Unterschiede, dann so, daß wir darin weder
Sinn noch Gerechtigkeit zu erkennen vermögen.
"Wir sind", so formulierte es Goethe
drei Jahre vor der Hymne "Das
Göttliche" an anderer Stelle, "wir
sind von ihr (der Natur) umgeben und umschlungen
- unvermögend aus ihr herauszutreten, und
unvermögend tiefer in sie hineinzukommen.
Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den
Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit
uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm
entfallen ... Sie scheint alles auf
Individualität angelegt zu haben - und macht
sich nichts aus Individuen. Sie baut immer und
zerstört immer, und ihre Werkstätte ist
unzugänglich ... Sie spritzt ihre Geschöpfe aus
dem Nichts hervor und sagt ihnen nicht, woher sie
kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur
laufen; die Bahn kennt sie ... Leben ist ihre
schönste Erfindung, und der Tod ist ihr
Kunstgriff, viel Leben zu haben...".
Die
Natur mit ihren Gesetzen, so großartig und
lebenswichtig für den Menschen, vermag wegen
ihrer Fühllosigkeit für den mit Gefühl
begabten Menschen nicht Ordnungs- und Sinnprinzip
seiner Menschenwelt zu sein. Und obwohl durch
Geburt und Tod in ihr Gesetz der Vergänglichkeit
unlösbar eingebunden, schafft sich der Mensch
für die Zeit, die ihm hier gegeben ist, eine
sinnvoll gegliederte und gerecht geordnete
eigene, von ihm überschaubare Welt. Nur ihm allein, als einzigem Wesen, ist es gegeben,
unterscheiden, wählen und richten zu können. Er
macht dadurch die Welt, seine Welt, für sich und
seinesgleichen versteh- und begreifbar. Er setzt
sinnvolle Ziele und achtet darauf, daß sie
beachtet und angestrebt werden.
Aber:
wonach richtet er sich, wovon läßt er sich
leiten, wenn er daran geht, eine solche
Menschenwelt, eine solche Ordnung zu entwerfen?
Der
Menschen gibt es viele. Viele Köpfe, viele
Sinne. Wer von ihnen allen bestimmt, nach wessen
und welchen Vorstellungen, Prinzipien und Werten
die Menschenwelt eingerichtet, geordnet und
ausgerichtet sein soll? Um über diese Frage
nicht in den Zustand von Mord und Totschlag zu
geraten -und nun bekommen
die umklammernden beiden ersten und beiden
letzten Strophen der Hymne ihren übergreifenden
Sinn- ergeht der Aufruf
des Dichters an die Menschen, vor allen
Detail-Entscheidungen sich eine grundlegende
Einstellung und Verhaltensweise zu eigen zu
machen, nämlich - edel, hilfreich und gut zu
sein. Dieser Aufruf des Dichters ist nicht an
besondere Menschen gerichtet, nicht an
Regierende, Mächtige, Heilige oder sonstwie
Herausgehobene, sondern an alle ohne Ausnahme :
"Edel sei der Mensch..."; mit
"der" Mensch ist die ganze Gattung,
nicht ein einzelner angesprochen, also alle,
jeder ohne Ausnahme. Was den Menschen von allen
Wesen unterscheidet ist nicht, daß er edel etc. ist,
sondern daß er potentiell die Gabe der
Möglichkeit hat (Edel sei...), es sein zu können. Die schwierige Aufgabe, diese
Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen, wird
ihm nicht abgenommen, sondern ist ihm, jeden Tag
neu, dauernd aufgegeben.
Was aber
ist das: edel? Abgesehen von den Bedeutungen für
das Wort "edel", die jedem besseren
Wörterbuch mit semantischen, also Hinweisen zur
Wortbedeutung entnommen werden können (wie :
vornehm, ritterlich, menschenfreundlich,
hilfsbereit, großherzig etc.), gibt der Dichter
selbst eine Erläuterung dazu in Vers 2 der 1.
Strophe : "hilfreich und gut!" Die
beiden Verse "Edel sei der Mensch, /
Hilfreich und gut" sind also keine
Aufzählung von drei gleichwertigen
Eigenschaften, sondern "hilfreich und
gut" sind nachgestellte Erläuterungen zum
Begriff "edel", etwa in dem Sinne :
Edel sei der Mensch, das heißt hilfreich und
gut. Diese Deutung wird durch die zehnte Strophe
bestätigt, in der die zitierten Verse der 1.
Strophe nicht wörtlich, aber sinngemäß
wiederholt werden : "Der edle Mensch / Sei
hilfreich und gut!" Also : wann darf man
einen Menschen als edel bezeichnen? Antwort: wenn
er hilfreich und gut ist.
Die
Bedeutung des Begriffs "hilfreich" ist
aus sich selbst heraus hinreichend klar, aber -
was ist "gut"? Wörterbücher geben den
Umfang der Bedeutung etwa mit "sittlich
einwandfrei, edel, hilfreich, liebevoll,
selbstlos", aber sie reichen nicht aus, um
die Bedeutungstiefe von "gut"
auszuloten. Nicht von ungefähr lautet der Titel
der Hymne, der vor der ersten Strophe steht,
"Das Göttliche" - und ebenso wenig von
ungefähr folgt der ersten Strophe die
eigentümlich wirkende zweite, in der die
"höheren Wesen" angerufen werden, die
wir Menschen "ahnen". Zum guten
Menschen gehört es, daß er die unbekannten
höheren Wesen ahnt. Zwar nicht
"unzweifelhaft weiß", auch nicht
"experimentell oder auf irgend eine andere
Weise zu beweisen vermag", aber ahnt. Das
genügt, um einen Anspruch zu vernehmen, nämlich
den höheren Wesen, die man ahnt, zu gleichen.
Und jetzt kommt das Aufregendste: Indem der
Mensch, die höheren Wesen ahnend, ihnen zu
gleichen versucht, wird er für andere, die ihn
beobachten, zu einem Beispiel, zu einem
überzeugenden Beleg für die Existenz der
höheren Wesen, was die Beobachter dieses guten
Menschen dazu zu bringen vermag, an diese
höheren Wesen zu glauben.
Diese
eigenartig formulierte zweite Strophe führt bis
ganz nahe an die Schlußfolgerung: Die
"höheren Wesen" existieren für die
Menschen nur, weil das edle, nämlich hilfreiche
und gute Verhalten einiger Menschen auf eine
solche Existenz schließen läßt. Götter, so
wird es später sinngemäß der Philosoph Ludwig
Feuerbach sagen, sind die an oder in den Himmel
projizierten (besten) Eigenschaften der Menschen.
So weit geht Goethe nun beileibe nicht. Die
vorletzte Strophe seiner Hymne, welche die zweite
Strophe variiert, spricht unzweideutig und ohne
zu zweifeln von der Existenz der höheren Wesen :
"Und wir verehren / Die Unsterblichen, / Als
wären sie Menschen....", und dreht dann den
Beweisgang der zweiten Strophe um: indem der
Mensch die Unsterblichen verehrt, bekommt er
Gespür, Verständnis und Sinn für Menschen, die
sich nach Kräften bemühen.
Ich
widerstehe der Versuchung, dem wohl ewigen Streit
um die Frage, ob es höhere Wesen, Unsterbliche,
Götter, Gott gibt oder nicht, hier weiter
nachzugehen. Zumal das für das Problem einer
möglichst optimal verfaßten und geordneten
menschlichen Welt von untergeordneter Wichtigkeit
ist. Wichtig allein, und zwar von existentieller
Wichtigkeit für jeden Menschen ist es, daß in
unserer Menschenwelt etwas anerkannt und
respektiert wird, und zwar bei Verstoß unter
Strafe für jedermann, das dem Zugriff eines
jeden Menschen entzogen ist. Der Mensch vermag
nämlich nur deshalb das Unmögliche, nämlich
edel, d.h. hilfreich, menschlich, gerecht, gut
etc. zu sein, zu unterscheiden, zu wählen, zu
richten etc., weil er Wertvorstellungen zu
entwickeln vermag, die alles Menschliche und
alles Menschenmaß übersteigen. Damit, und nur
damit allein, wird die Gefahr gebannt, andere
Menschen von den eigenen kleinen Maßstäben des
Alltags und der in ihm vorherrschenden
selbstbezogenen Interessen abhängig zu machen,
ja, sie diesen zu unterwerfen. Die Entscheidung,
den höchsten Ansprüchen zu folgen, nur für
sich selbst und im täglichen Leben, zwar
ständig hinter ihnen zurückbleibend, aber es
doch immer wieder versuchend - eine solche
Entscheidung kann nur von freien Menschen in
einer größtmöglich freien Welt getroffen
werden, der Versuch zu ihrer Realisierung kann
nur dort wirklich erfolgen, wo wirklicher
Freiraum vorhanden ist.
Die
Hymne "Das Göttliche" von Goethe, die
mich vor 40 Jahren und mehr so im Kerne meiner
personalen Existenz betroffen hat, daß ich,
sicherlich damals noch eher ahnend als voll verstehend, gemeint hatte, auch andere Menschen,
für die ich damals über die Vermittlung bloßen
Fachwissens hinaus in gewissen Grenzen mich
verantwortlich fühlte, mit ihr bekanntmachen zu
sollen - diese Hymne hat die Faszination ihrer
Wahrheit auch heute, nach mehr als 40 Jahren,
für mich nicht verloren. Im Gegenteil ich halte
sie für so frisch, wahr und bedeutend, daß ich
sie heute mehr denn je der gründlichsten
Aufmerksamkeit empfehlen möchte. Und in ihr
haben Sie einen Schlüssel zum Verständnis
meiner Person. Zum Verständnis der geistigen
Kräfte, die mich prägten, und die das heute
noch tun.
Wenn Sie
sich nach mehr als 40 Jahren an mich erinnerten,
dann hat -wenn auch
vielleicht Ihnen nicht bewußt-
auf jeden Fall auch
diese Hymne daran mitgewirkt, daß Sie sich
meiner erinnerten. Und dann wären wir uns gar
nicht so fremd geworden, wie es 40 Jahre
absoluten Getrenntseins normalerweise befürchten
lassen müssen. Und wir hätten den
Anknüpfungspunkt gefunden, von dem aus immer
eine gemeinsame menschenwürdige Zukunft möglich
ist. Ich wünsche sie Ihnen und mir.
Danke
für Ihre Geduld, mit der Sie mir und dem, was
ich Ihnen zumutete, zugehört haben.
Und
danke dafür, daß wir, meine Frau und ich, heute
hier bei Ihnen sein dürfen.
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