Phänomenologische Anmerkungen
zum "Gymnasium"
Beitrag in der
Festschrift zum 125-jährigen Bestehen einer
Schule
Alsfeld 1986
[AUS
ANLASS EINES JUBILÄUMS, PHÄNOMENOLOGISCHE
ANMERKUNGEN ZUM 125. JAHRESTAG DER GRÜNDUNG DES
GYMNASIUMS IN ALSFELD (OBERHESSEN)]
Die
nachstehenden Überlegungen erfolgen aus der
Sicht eines Lehrers, der während des letzten
Fünftels der 125 Jahre ohne Unterbrechung an der
Albert-Schweitzer-Schule tätig gewesen ist, seit
vielen Jahren zudem als Leiter ihres
Schulseminars und Fachleiter mit erziehungs-
und gesellschaftswissenschaftlichem
Arbeitsschwerpunkt am Studienseminar fürs
Lehramt an Gymnasien in
Fulda -als Ausbilder für
Studienreferendare, für künftige
Gymnasiallehrer also-,
und der das Ende seiner beruflichen Laufbahn
bereits bequem abzusehen vermag.
Ein
Vierteljahrhundert - das ist etwa ein Drittel der
Gesamtlebenszeit für den, dem es gegeben sein
sollte, das für Männer in unseren Breiten
errechnete statistische Mittel von etwa 75 Jahren
zu vollenden.
Diese
Gegebenheiten haben allein durch sich selbst
Gewicht. Sie legitimieren die folgenden
Anmerkungen, die immer unter dem Aspekt gesehen
werden wollen: Was tut dem Gymnasium, was tut
seinen Schülern, was seinen Lehrern not. Wer
anderen dabei helfen soll, in die
Eigentümlichkeiten einer spezifischen
beruflichen Tätigkeit hineinzuwachsen, der muß
selber mit ihnen hinreichend vertraut sein, muß
mit ihnen in gewissermaßen dauernder Reflexion
umgehen. Und: wer die besten Jahre seines Lebens
und damit sich selbst in eine berufliche
Tätigkeit unentwegt und rückhaltlos eingesetzt
und darin hochgradig verbraucht hat, der hat auch
unter diesem Aspekt das Recht zu fragen, ob und
inwieweit diejenige Schule, an der das geschah,
es zuließ, der zu werden, der er gemäß
Neigung, Ausbildung und Berufswahl werden wollte.
Kurz:
Jubiläum der Schule, eigene Tätigkeiten in ihr
sowie der Anspruch auf die eigene Persönlichkeit
verquicken sich zu einer einzigen Frage: der nach
der Identität. Genauer: der Identität des
Gymnasiums wie seiner Lehrer, gegenwärtiger wie
künftiger.
Diese
Frage ist jedesmal gemeint, wenn sich folgende
Fragen unausgesprochen durch die nachfolgenden
Anmerkungen und Überlegungen ziehen: Ist das
Gymnasium, dessen wir heute gedenken, noch
Gymnasium? Können ausgebildete, approbierte
Gymnasiallehrer noch angemessen arbeiten? Und:
Was ist den jungen Kollegen, die sich anschicken,
den gleichen beruflichen Weg zu gehen, den man
selber einst erwartungsvoll und mit besten
Vorsätzen begann, zu raten, auf daß sie gemäß
Neigung, Ausbildung und Berufswahl auf ihm ihre
eigene Identität zu gewinnen vermögen?
Gymnasium
- das war im antiken Griechenland, einer der
wesentlichen Wurzeln unserer abendländischen
Kultur, nicht nur eine Schule für
Leibesübungen, sondern sehr bald der
hauptsächlichste Versammlungsort der
Philosophenschulen. Platon verlangte zum Zwecke
einer harmonischen Ausbildung des Menschen in
seiner Schrift "Politeia" (Der Staat)
das Zusammenwirken von Übungen des Körpers mit
solchen des Geistes. Letztere als
"mousikè" (lat. musica) bezeichnend,
womit unsere heutige, verengte Bedeutung von
Musik = Tonkunst weit überstiegen wurde, und
zwar im Sinne von "Musenkunst"
(mousikè téchne). Die Muse (Plural: die Musen)
galt den Griechen als Tochter des Zeus und der
Mnemosyne, der Göttin der "geschauten
Erinnerung". Und so ermittelte denn die
klassische Altertumswissenschaft als Bedeutung
für "Muse": "die Sinnende"
und "die Erinnernde".
Damit
wurde dem Gymnasium wohl erstmals die ganz
besondere umfassende Aufgabe zugewiesen, die es
durch die Schwankungen der Geschichte hindurch im
wesentlichen immer als die seine betrachtet hat:
nämlich im Umgang mit der Welt, wie sie
existiert, nach dem Sinn in ihr zu suchen; die
Dinge dieser Welt, modisch ausgedrückt, zu
"hinterfragen", aber nicht auf die
platte Weise, wobei der Hinterfragende nicht den
Grund der Dinge, sondern auf dem Grunde seiner
Frage immer wieder nur sich selbst schaut;
sondern um in ihnen (in den Körpern, in den
Seelen, in den Lebenshaltungen, in den Gesetzen,
in den Erkenntnissen) das zu entdecken, das sie
übersteigt, von dem her alles und jedes erst
seinen wahren Sinn erhält.
Das
alles nun gerade nicht, um vor der Realität in
die Welt des Wahren, Guten und Schönen zu
entfliehen, sondern um das im Aufschwung der
unter Anstrengung gewonnenen philosophischen
Erkenntnis geschaute Wahre, das auch das Gute
ist, nach Kräften in der realen Welt zu
verwirklichen.
Mit
deutlichem Bezug auf die antike griechische
Tradition nannte man seit dem 16. Jahrhundert die
humanistischen Gelehrtenschulen
"Gymnasien".
Philologe
- den Lehrer am Gymnasium meinend, noch heute ein
Reizwort für viele, für andere nicht einmal
mehr das, sondern ungekannt oder bedeutungslos,
erledigt und abgelegt. Heruntergekommen und
korrumpiert, zum einen objektiv zu Recht. Durch
Famulus-Wagner-Typen. Durch Menschen, die
Bedeutung und Anspruch des Begriffs
"Philologe" weder zu erjagen noch zu
erfühlen vermochten. Durch Fehlgeleitete, denen
jeder andere Beruf besser angestanden haben
würde und die - deshalb - das dauernd
frustrierende Gefühl ihres Ungeeignetseins mit
wortklauberischer Besserwisserei und anderen
Unformen von Scheinautorität kompensieren mußten.
Andererseits
eine zutreffende Benennung für diejenigen,
die -nach dem trefflichen
Urteil Jakob Grimms- die
"worte um der sachen", nicht aber
"die sachen um der worte willen
treiben". Sprachkundige, namentlich in den
klassischen Sprachen, aber nicht nur in ihnen. Um
historisches Wissen bemüht (ad fontes gehen),
die Rede und das (gelehrte) Gespräch liebend und
insofern den Kreis der im engeren Sinne
Sprachkundigen erweiternd, als die
"Philologie"
-wie es August Wilhelm Schlegel
formulierte- die als
"liberales Studium" auf "Übung
und Bildung des Geistes im allgemeinen
abzweckt". Damit auch die Vertreter der
nicht unmittelbar sprachlichen Fächer
einschließend, wie Mathematiker und
Naturwissenschaftler, sofern sie sich im Umgang
mit ihren Fächern als "Philo-logen", d. i. Freunde des
Logos, verstehen.
Das
griechische Wort lógos bezeichnete ursprünglich
sowohl Tätigkeit wie Inhalt des Sprechens und
hat wohl die Bedeutung "Rede" gehabt.
Es ist von légein (lat. legere) abgeleitet und
gehört damit in das Bedeutungsumfeld
"erzählen, berichten; zusammenlesen,
sammeln; auslesen, auswählen; mustern, der Reihe
nach durchgehen; lesen".
Im 5.
und 6. Jahrhundert v. Chr. erfuhr lógos eine
wertpositive Bedeutungserweiterung. Im
Unterschied zu ursprünglich synonymen
Wörtern -insbesondere zu
mythos- bezeichnete
lógos nun eine sprachliche Darstellung von
beglaubigter Wahrheit, die zudem durch das
Merkmal der Nachprüfbarkeit gekennzeichnet war.
Unwahres wird mittels kritischen Nachprüfens
(das ist nun auch lógos) als solches erkannt.
Sokrates, Platon und Aristoteles haben lógos zu
einem absoluten und zentralen Wertbegriff werden
lassen. Er ist der vernünftigen, richtigen
Einsicht zugeordnet und drückt diese aus, d. h.
auch die Form des durch Prüfung als wahr
Erwiesenen entspricht dem lógos, ist ihm
angemessen, nämlich geordnet, gegliedert,
überlegen, sachlich.
"Philia"
ist in der Philosophie des
Empedokles -als
Gegenkraft zum trennenden-
das anziehende,
vereinigende Prinzip: Freundschaft, Liebe. Der
Philologe ist demzufolge derjenige, der eine
innere Affinität zur Wahrheit, zu ihrer
Erkenntnis hat. Der in den Dingen der Wahrheit
auf die Spur zu kommen sucht. Dem die Welt mehr
ist als eine Summe von Fakten, aber auch mehr als
ein für wahr ausgegebenes Ergebnis, das an den
Fakten nicht überprüft wurde. Und das alles im
allerengsten Verhältnis und Umgang mit der Rede,
der Sprache. Und in größtmöglicher
Verantwortung ihr gegenüber, da die
Sprache -in welcher
Gestalt auch immer: z. B. auch
in Form mathematischer
Sprache- ein
Zeichensystem ist, das die auf Wahrheit zu
prüfenden Dinge, Verhältnisse, Beziehungen etc.
meint und bedeutet, demzufolge nicht anders zu
behandeln ist als diese selbst.
Verantwortungslosigkeit gegenüber der Sprache
wäre eine solche gegenüber den Dingen -
widerspräche dem im lógos verstandenen
zentralen Wertbegriff.
Wilhelm
von Humboldt - einer der großen, auf
vielfältige Weise Mißverstandenen: er arbeitete
das Substantielle des Gymnasiums, eben das
Gymnasiale, besonders klar heraus, indem auch er
an den Humanismus des antiken Griechenland
anknüpfte und dessen Wesentliches sich selbst
und seiner Zeit, dem Übergang vom 18. zum 19.
Jahrhundert, anverwandelte.
Humboldt,
so beschreibt es der bedeutende Humanist und
Pädagoge Heinrich Weinstock, habe sich gefragt,
welche übermenschliche Kraft das im
unzulänglichen Menschen zu leisten vermöge,
daß er sich vervollkommne, daß er "die
einzelne Besonderheit sich allgemeingültig
macht, die Individualität sich idealisiert, ohne
dabei ihre Originalität aufzugeben?" Und
Weinstock fährt fort, daß Humboldt geglaubt
habe, die Antwort auf diese Frage bei den
Griechen gefunden zu haben. Sie lautete:
"Die Idealität eines Charakters hängt von
nichts so sehr ab als der Tiefe und Art der
Sehnsucht, die ihn begeistert." Diese
Sehnsucht ist nach Humboldt derjenige Grundtrieb
des Individuums, der die "Eigentümlichkeit
und Kraft der Bildung" bestimmt, die den
Menschen davor bewahren könne, sich mit seinem
bloßen realen Dasein und Sosein abzufinden.
"Ach, was für ein verächtlich Ding ist
doch der Mensch, falls er sich nicht über das
bloß Menschliche hinausreckt!" sagt Seneca,
der als einer der einflußreichsten antiken
Verkünder der humanistischen Bildungslehre gilt.
Humboldts "Sehnsucht" und das
"Hinausrecken" Senecas sind nur
Umschreibungen für eines der Kernwörter des
platonischen Humanismus: die Schwungkraft des
philosophischen Eros.
Nähert
man sich den sprachlichen Verlautbarungen anderer
Menschen aus anderen Zeiten, Ländern oder
Kulturen mit derjenigen konzentrierten
Behutsamkeit, die erforderlich ist, um hinter, um
in der Fremdheit das menschlich Vertraute zu
vernehmen (so wäre z. B. die nach Humboldts Zeit
in einigen Verruf gekommene
"Begeisterung" auf ihren
ursprünglichen Begriff zu bringen!), so fragt
man sich betroffen und, je länger man in diesen
Zustand hineingenötigt wird, schließlich
verständnislos: Was an der Idee des vom
Humanismus geleiteten Gymnasiums ist derart, daß
es die permanenten Schwierigkeiten und
Anfeindungen, die ihm bereitet werden, rational
und sachlich zu erklären, ja - zu rechtfertigen
vermöchte?
Ist es
die Berufung auf die historische Tradition? Aber
es kann ja doch eigentlich nichts Schlechtes
daran sein, etwas zu bewahren, in dialektischem
Sinne "aufzuheben", das sich in seinem
Wesentlichen durch die Zeiten hindurch bewährt
hat.
Ist es
der Inhalt der Tradition? Aber ist es nicht eher
ein Vorteil, ja uns Heutigen geradezu eine
Notwendigkeit, die Maßstäbe für unser
menschliches Leben, für seine Gestaltung nicht
nur aus uns selbst zu nehmen, jedenfalls nicht
unvermittelt, sondern uns unter den Anspruch
einer Transzendenz zu stellen, die unserer
Mangelhaftigkeit und Interessenblindheit und der
aus ihnen immer entspringenden Versuchung,
Maßstäbe in Richtung persönlicher
Annehmlichkeit zu manipulieren, entzogen ist?
Ist es
die Forderung, die Dinge des realen Lebens auf
ihre Wahrheit hin zu prüfen? Und die Prüfung
selbst auf geordnete, gegliederte, überlegte,
sachliche und ihrerseits nachprüfbare Weise
vorzunehmen und sprachlich angemessen
darzustellen?
Solche
Fragen zu stellen müßte eigentlich bedeuten, so
möchte man meinen, rhetorisch zu fragen, also im
Grunde gar keine Antwort zu erwarten, weil es
darauf wohl kaum eine vernünftige gibt.
Blieben
etwa als Erklärung fürs Ungeliebtsein des
Gymnasiums, ja für die oft zwischen Liebe und
Haß merkwürdig schwankende und changierende
Einstellung und Haltung ihm gegenüber die
negativen Erfahrungen mit ihm in der Geschichte?
Sein gesellschaftlich unausgewogenes
Selbstverständnis? Seine Funktion als
Auslese-Institution im Sinne einer
gesellschaftlichen Elite? Seine als Anmaßung und
Unehrlichkeit empfundenen Forderungen und
Ansprüche, denen kaum jemand, oft die Vertreter
des Gymnasiums selbst nicht, zu entsprechen
vermochten?
Sicher
bestehen solche Vorwürfe zu Recht. Aber wie kein
Verständiger daran dächte, das Licht um des
Schattens willen, mit dem zusammen es in der
Körperwelt immer auftritt, abzuschaffen, so kann
alles Fehlverhalten des Gymnasiums in der
Geschichte nicht seine realen Verdienste, schon
gar nicht die es leitende Idee verdunkeln.
Und: wie
steht es mit solchen Vorwürfen gegen das
Gymnasium in unserer eigenen Zeit? Ebensowenig
wie die Gymnasiallehrer selber zur Elite zählen,
zählt -auf Grund
sozialer Herkunft- die
Majorität seiner Schüler dazu, und ebensowenig
werden die meisten seiner Schüler zur Elite
gehören, nachdem sie es verlassen haben werden.
Der
Begriff der Elite, das weiß man aus der
Soziologie, ist außerordentlich schwer zu
fassen. Beim Versuch, Elite auf den Begriff zu
bringen, sind immer diejenigen Kriterien
mitentscheidend, die der Definierende meint dabei
berücksichtigen zu müssen und in seine
Definition mit einbringt. Auf Grund ganz
bestimmter persönlicher Prämissen ist es ebenso
beliebt, sich
-wenigstens insgeheim-
selbst zur Elite zu zählen, wie die bewußte
Abgrenzung zu ihr. Abgesehen davon, daß es in
einer entwickelten, modernen Gesellschaft eine
regional bestimmte Schichtung, gewissermaßen
eine Hierarchie von Eliten gibt, wird die
faktische Elite oft an ganz anderen Orten
gebildet als an Gymnasien. Man braucht nur einmal
die Lebensläufe von Spitzensportlern,
Show-Stars, Star-Entertainern, Schauspielern, von
anderen Mitgliedern der sog. High
Society -auch Politikern,
Wirtschaftsbossen etc.-
anzusehen, die unser aller Leben direkt oder
indirekt, bemerkt oder unbemerkt beeinflussen,
gar bestimmen. Der sog. Besuch eines Gymnasiums
verhindert ggf. die Zugehörigkeit zur Elite so
wenig, wie er diese zu garantieren vermag.
Die
gymnasialen Forderungen und Ansprüche
können -vorausgesetzt,
sie werden von Verständigen erhoben-
eigentlich nur von dem
als überzogen empfunden werden, der von Anlagen
und Interessen her nicht dafür geeignet und
gemacht ist, dessen inneres Ohr, dessen
Bedürfnisse sie nicht zu vernehmen vermögen.
Fehlt das (innere) Verständnis für eine
Forderung, vermag ihr (tieferer) Sinn nicht
gesehen zu werden, so entsteht auch kein Antrieb,
ihr zu folgen.
Wer z.
B. noch in höheren Schuljahren nicht zu
begreifen vermag, daß die Interpunktion nicht um
ihrer selbst willen entwickelt worden ist,
sondern als ein Hilfsmittel für die möglichst
klare, somit vom Leser nachprüfbare sprachliche
Darstellung eines Sachverhalts (übrigens ein
Abbild jener humanistisch-philologischen
Grundfigur: im Konkreten durch sein Verhältnis
zum es Übersteigenden Sinn und Bedeutung zu
entdecken) - wer also solches nicht zu begreifen
vermag, der sollte sich an einem ihm nicht
angemessenen Ort nicht weiter quälen müssen,
sich und andere nicht unglücklich machen,
sondern eine Lehranstalt anderer Art aufsuchen,
die es ihm ermöglicht, mit dem ihm gegebenen
Pfunde zu wuchern. (Die Zeichensetzung als in
einem bestimmten Sinne notwendig zu begreifen ist
übrigens nicht mit ihrer sofort perfekten
Beherrschung gleichzusetzen. Die Einsicht einer
Notwendigkeit ist in jedem Falle höherwertig,
als ihr immer perfekt zu entsprechen.)
Sollten
gymnasiale Forderungen deshalb Unwillen
provozieren, weil sie möglicherweise von
jemandem erhoben worden wären, der sie im
Innersten selbst gar nicht begriffen haben
sollte, so hätte man es mit einem
bedauernswerten Paradefall einer beruflichen
Fehl-Existenz zu tun, möglicherweise mit der
faulen Frucht eines als abgelebt zu erkennenden
Prestigedenkens, nach dem man unbedingt aufs
Gymnasium gegangen sein müsse, wolle man wer
sein, besser: als wer gelten.
Derartiges
sollte es in Zukunft zu vermeiden gelten. Die
Voraussetzung dafür: unser Bewußtsein auf den
Stand des politischen Werte-Systems unseres
Grundgesetzes zu bringen, nach dem wir,
angeblich, seit über dreißig Jahren leben. Das
Grundrecht der Gleichheit setzt nicht und
nirgends voraus, daß jemand Wissen und
Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die
ihn zu einem für die Gesellschaft wertvollen
Vollbürger zu machen vermögen, an einem
Gymnasium erworben haben muß. Aber das
Grundrecht der Gleichheit verlangt, und zwar in
Verbindung mit dem Grundrecht der Freiheit, dem
auf Persönlichkeit und dem auf besondere Denk-
und Lebensweise, daß die Vielfalt der nicht
gleichgeschalteten Einzelnen in wechselseitiger
Achtung und Anerkennung des Rechts auf ihre
Eigenarten miteinander leben soll.
Das
Gymnasium ist eine Bildungsstätte besonderer Art
- neben anderen Bildungsinstituten, die anderen
Wertes sind, nicht höheren oder niedrigeren.
Geben wir das Bewußtsein, das Gymnasium
repräsentiere innerhalb unseres beneidenswert
differenzierten Bildungssystems einen Eckwert,
von dem aus alle anderen Bildungsinstitute
hierarchisch entweder ab- oder aufgestuft zu
sehen seien, nicht auf, so werden wir aus einem
völlig überflüssigen, weil letztlich sinnlosen
Konkurrenzverhalten nie herauskommen, das die
Kräfte im bloßen Überlebenskampf verzehrt,
anstatt sie im Prozeß der jeweiligen optimalen
Selbstvollendung wirksam werden zu lassen. Nur
wer sich selber findet, sich bei seinem Tun als
mit sich identisch zu erleben vermag, dient auch
der Allgemeinheit optimal. Die Frage des
Gymnasiums nach seiner Identität ist somit keine
individuelle, private, sondern mindestens ebenso
eine, die die ganze Gesellschaft angeht. Sie als
die organisierte Gesamtheit aller besonderen
Einzelnen müßte aus existentiellem Interesse
darauf dringen, daß es, neben anderen
Bildungsinstituten, Gymnasien gibt.
In
diesem Zusammenhang gesehen: Ein fataler (im
wahren Sinne des Wortes) und bis in die Gegenwart
wirkender Irrtum war die zur unbestrittenen
öffentlichen Meinung gemachte Auffassung, alle
in der Gesellschaft existierenden Lehrämter, die
sich im Laufe der Geschichte entwickelten,
stünden zu- und untereinander im Verhältnis der
Hierarchie. Diese begönne etwa beim
Grundschullehrer und setze sich über den Haupt-,
Realschul- und Gymnasiallehrer (um nur die
bekanntesten zu nennen) in gerader Linie bis zum
Hochschul- und Universitätslehrer fort.
Die
unbestreitbare Tatsache, daß es sich bei allen
um Lehrer handelt, sie gewissermaßen unter einem
Oberbegriff subsumierbar sind, erzwingt nicht,
sie untereinander in hierarchischer Relation zu
sehen, selbst dann nicht, wenn einzelne
Lehrämter mehr oder weniger aufeinander
verwiesen sind, wie z. B. das Lehramt der
Grundschule auf die Ämter der Haupt- oder
Realschule oder des Gymnasiums. Oder wie der
Gymnasiallehrer auf den Hochschul- oder
Universitätslehrer. Jedes Lehramt ist neben
seiner Gemeinsamkeit mit den anderen ein Amt sui
generis. Die gebräuchliche Formulierung z. B.,
daß das Lehramt an Gymnasien die Lehrämter der
Grund-, Haupt- und Realschule
"einschlösse", muß in praxi nicht
bedeuten, ein guter Gymnasiallehrer sei
automatisch z. B. ein guter Grundschullehrer.
Vielleicht könnte er es werden. Aber selbst wenn
das nicht, so änderte das nichts an seiner
ausgewiesenen Eignung und Qualität. Oder: der
Hauptschullehrer, der nicht Gymnasiallehrer
werden wollte, obschon er es hätte werden
können, ist deshalb nicht in seinem Wert als
Lehrer reduziert. Oder: die Tatsache, daß
Gymnasium und Universität deshalb in einem
Zusammenhang gesehen werden, weil das Gymnasium
die allgemeine Hochschulreife verleiht, bedeutet
nicht, daß Gymnasial- und Universitätslehrer
ihre Lehrämter wechseln könnten.
Unterschiedliche
Lehr-, Bildungs- und Erziehungsziele, zudem
untereinander jeweils unterschiedlich gewichtet
und miteinander ganz unverwechselbare
Beziehungsgeflechte hervorbringend, machen
unmittelbare und gleitende Übergänge von einem
Lehramt in ein anderes im allgemeinen unmöglich.
Gegenteilige Auffassungen sind irrig und falsch,
weil an der Realität vorbeigehend, und zeitigen,
auch wenn ungewollt, nichts als unselige Folgen.
Es wäre an der Zeit, sie als das zu erkennen,
was sie ihrem Ursprunge nach wohl sind: in eine
aufgeklärte, demokratische Zeit unkritisch
mitgeschlepptes Bewußtsein von einer
menschlichen Welt, die nur im Verhältnis von
Unter- und Überordnung zu existieren vermag.
Den von
Schul- und Bildungsreformern unternommenen
Versuchen, optimale Ausbildung für alle,
angemessenste Ausbildung für jeden,
größtmögliche soziale Integration, kann im
einzelnen nur zugestimmt werden. Jedem einzelnen
von ihnen zu widersprechen, ob öffentlich oder
insgeheim, setzte Unvernunft, Arroganz oder
Dummheit voraus.
Anders
dagegen, wenn versucht wird, die drei oben
genannten Ziele in einem einzigen Verfahren, zu
gleicher Zeit, an einem einzigen Ort für alle
Schüler gemeinsam zu erreichen. Vorliegende
Erfahrungen bestätigen, was auf Kenntnis der
Wirklichkeit basierendes Denken immer zu
antizipieren vermochte: jeder einzelne vermag die
ihm angemessene Bildung nicht in Gemeinschaft mit
allen, undifferenziert nach Anlagen, Prägungen
und Interessen, zu erreichen. Was allenfalls
erreicht wird ist die Einebnung auf ein sog.
mittleres Niveau. Die dieses "Niveau"
umgebenden Randgruppen erhalten dabei die ihnen
jeweils angemessenen Ausbildungsmöglichkeiten
nicht. Zum Teil aus dieser, mit besonderen
Frustrationen verbundenen Situation, aber schon
aus dem Miteinander von nur schlecht zu
vereinbarenden Interessenlagen überhaupt,
entstehen Animositäten und
Aggressions-Potentiale, die eine erstrebte
soziale Integration eher erschweren als
erreichen. Jeder Mensch, der junge zumal,
verlangt zuerst einmal nach einer möglichst
überschaubaren Gruppe, die, bei allen
Unterschieden der einzelnen auch hier, doch über
ein ausreichendes Minimum von Gemeinsamkeiten
verfügt, mit dem er sich zu identifizieren
vermag.
Mit
wachsender Zahl der Gruppenmitglieder und damit
sich vervielfachenden Unterschieden zwischen
ihnen, müssen die Gemeinsamkeiten notwendig
abstrakter werden, womit die Möglichkeiten des
einzelnen, sich mit ihnen zu identifizieren,
abnehmen.
Die
soziale Integration bleibt in einer freien und
gleichen demokratischen Gesellschaft gleichwohl
ein dauernd aufgegebenes Ziel. Aber man erreicht
es besser, nämlich unter Respektierung der
Würde jedes Beteiligten, von der Basis in sich
gereifter persönlicher Entwicklungsstadien aus,
in denen jeder einzelne in sich ausreichend
gefestigt ist, um auf den Anderen ohne
übermäßige Furcht zugehen und sich mit ihm
auseinandersetzen zu können: eine Voraussetzung
für jede freie, verantwortliche und auf Dauer
gerichtete Kommunikation.
Der
derzeitige schwedische Ministerpräsident faßte
bei Verhandlungen mit Vertretern der
Sowjet-Regierung über die Respektierung der
schwedischen Staatsgrenze in der Ostsee seine
Argumentation in dem Satz zusammen: Nur ein guter
Zaun garantiert eine gute Nachbarschaft.
Die
vielfältigen Schwankungen in der Behandlung,
denen besonders das Gymnasium seit Jahrzehnten
zunehmend ausgesetzt ist, die Irritationen, die
es nach seiner Identität suchen lassen, könnten
sich dann als sinnvoll erweisen, wenn es
gelänge, die in einer langen Geschichte des
Gymnasiums geprägte Form lebend zu entwickeln
(um mit Goethe zu sprechen), im notwendigen
Wechsel den seit der griechischen Antike
bewährten Grundgedanken dauern zu lassen.
Es muß
wieder möglich werden, mit einer als
durchschnittlich homogen geltenden Schülergruppe
so arbeiten zu können, daß die dem Gymnasium
eigenen Ziele dabei erreichbar sind. Es darf
nicht länger so sein, daß, gewissermaßen aus
sozialer Indikation, die gymnasialen
Leistungsanforderungen gesenkt werden müssen.
Der gymnasiale Anspruch richtet sich zuerst auf
Umfeld und Bedingungen des Lernens: ohne sich an
Pünktlichkeit, Regelmäßigkeit,
Zuverlässigkeit zu gewöhnen, bleiben Leistungen
auf den Zufall gestellt.
Wer es
während der langen Schulzeit nicht lernt
(möglicherweise deshalb nicht, weil er nicht
dazu angehalten wird!), sich zur geistigen Arbeit
zu disziplinieren, wird kaum dahin gelangen, sich
über sich selbst hinauszurecken (wie Seneca es
ausdrückte).
Wer es
nicht lernt, sich auf den jeweiligen Gegenstand
seiner Arbeit zu konzentrieren, seine volle
Aufmerksamkeit auf ihn zu spannen, seine Kräfte
auf einen Punkt hin zu sammeln, der wird nie die
existentiell beglückende Erfahrung des
Grenzübertritts, des dialektischen Sprungs von
der mühsamen Vorbereitung in die erhellende
Erkenntnis machen - sei diese noch so klein und
von nur persönlichem Wert.
Wer es
nicht lernt, wenigstens ein Stück der Welt, in
der er lebt, die ihn umgibt und auf vielfältige
Weise zu ihm spricht, begrifflich zu fassen und
sprachlich annähernd adäquat auszudrücken, dem
bleiben die Wesen und Dinge dieser Welt
möglicherweise äußerlich.
So ist
es, um das Gesagte mit einem Beispiel von
vermeintlich geringfügiger Bedeutsamkeit zu
veranschaulichen, an einem Gymnasium eigentlich
untragbar, wenn junge Menschen von achtzehn und
mehr Lebensjahren ihrer Muttersprache so wenig
mächtig sind, daß sie die Präpositionen falsch
gebrauchen, weil sie ihre Bedeutung nicht oder
nur vage kennen. Das Deutsche kennt für die
lateinische Bezeichnung die Übertragung
"Verhältniswort". Es gibt treffend
wieder, was diese kleinen Wörtchen, von denen
man auf Grund ihrer Winzigkeit irrtümlicherweise
meint, man dürfe ungestraft nachlässig mit
ihnen umgehen, für die Sprache leisten. Sie
geben nämlich an, in welchem Verhältnis die
Dinge unserer Welt in jeweils bestimmten
Situationen sich zueinander befinden. Es ist ein
erheblicher Unterschied, ob ich sage,
"A" befinde sich an, bei oder neben
"B", ob ich etwas "in" oder
"zwischen" stelle. Das ist nicht nur
eine Angelegenheit der Sprache, sondern eine
solche des Denkens und des Erkenntniswillens.
Wer es
nicht lernt, im Umgang mit Menschen, anderen
Lebewesen, mit der Natur überhaupt, mit den
Dingen auf sie zu hören, sich mit ihnen
fühlend, denkend, sprechend auseinanderzusetzen,
indem er sich auf sie einläßt, der wird kaum
dahin kommen, das Fremde am Anderen wegzuarbeiten
und in ihm Vertrautes zu entdecken. Das
Vergängliche wird ihm so wohl kaum zum
Gleichnis. Und auch die große Kraft, von der die
widersprüchliche Welt sich Erlösung verspricht,
die Liebe, und zwar die im umfassenden Sinne,
wird sich ohne Opfer und Arbeit nicht einstellen:
denn der Sinn einer Begegnung, so sagt Max
Picard, sei es, dem Objekt, das vor einem ist,
Zeit, und das heiße Liebe, zu geben.
Dazu
gehört auch, daß man sich für ein Objekt, wenn
erforderlich, Zeit zu lassen vermag. Daß man die
pädagogische und methodische Freiheit wagt, aus
dem unter Umständen drückenden Zwang eines
Curriculums auszusteigen, wenn durch längeres
Verweilen bei einem bestimmten Gegenstand ein
Erkenntnisgewinn winkt.
Ein
Curriculum, das der besonderen Art des
Bildungsinstituts Gymnasium gerecht werden will,
muß einen für alle Schüler (auch in der
Oberstufe!) verbindlichen Kanon von
grundständigen (Kern-, Haupt-) Fächern
vorschreiben (Deutsch, Mathematik, Sprachen, eine
Naturwissenschaft, Gesellschaftswissenschaften,
Religion, ein musisches Fach), die, nicht nach
Grund- und Leistungsfächern differenziert, alle
Schüler unter die gleichen Ansprüche stellen.
Schwerpunktbildungen sollten durch nur wenige
zusätzliche, vom einzelnen Schüler wählbare
Fächer möglich sein. Die Zahl der sprachlichen
Pflichtfächer sollte für keinen Schüler
weniger als zwei betragen, weil der
Erkenntnisgewinn, der sich aus der Kenntnis
einzelner Sprachen wie insbesondere aus deren
sich irgendwann einstellenden Querverbindungen
und wechselseitigen Erhellungen zu ergeben
vermag, für das gymnasiale Bildungsziel gar
nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Es ist
auch ernsthaft zu überlegen, ob nicht Latein
wieder stärker gefördert werden müßte,
nötigenfalls in einem minimalen Umfang für alle
Schüler wieder verbindlich zu machen wäre. Die
Erfahrungen im Unterrichtsalltag beweisen
stellenweise erschreckende Hilflosigkeiten
gegenüber denjenigen Teilen des deutschen
Wortschatzes (auch gegenüber denen des
englischen und französischen), die in einer
langen Geschichte aus dem Lateinischen entlehnt
worden sind. Die erkenntnisvertiefende
Auseinandersetzung mit anspruchsvolleren Texten,
z. B. philosophischen, wissenschaftlichen,
theologischen, scheitert nicht selten bereits an
deren Schwelle: dem verstehenden Lesen.
Es
müssen, ohne das zum Selbstzweck zu machen, in
manchen Fächern wieder mehr Fakten zur Kenntnis
genommen werden: aus ihnen besteht unsere Welt.
Ohne sie gibt es, wie immer zu Recht gefordert,
keine Kenntnis von Zusammenhängen (was sollte
wohl ohne sie zusammenhängen?). Da nicht
unbegrenzte Zeit zur Verfügung steht und Stoffe,
Themen und Ziele reduziert werden müssen, bietet
sich die Form des exemplarischen Lehrens an. An
ausgewählten Exempla kann das
Aufeinanderangewiesensein, das Kontinuum von
Fakten und Sinnzusammenhang gezeigt werden. Wer
nicht aus der Weite schöpft, der vermag nicht
erkennend in die Tiefe zu gehen, weil er in sie
nichts mitzunehmen hat, das sie ihm als Sinntiefe
offenbart. Auch der Begriff und das Phänomen der
Konzentration sind nicht möglich ohne das weite
Umfeld der Dinge. Ohne es in die Tiefe zu gehen,
das ist allenfalls in Form des quantitativ
Meßbaren (z. B. als Länge und Durchmesser),
nicht aber als qualitative, sinnerhellende
Erkenntnis möglich.
Man
sollte sich von dem veralteten, unserer modernen
Gesellschaft nicht mehr angemessenen Vorurteil
freimachen, wer nur irgend begabt sei, der müsse
aufs Gymnasium. Es gibt neben ihm andere
Bildungsinstitute, über die man zu höchstem
gesellschaftlichen Prestige gelangen kann.
Geeignet fürs Gymnasium kann jeder
durchschnittlich Begabte sein, sofern er, das
allerdings ist unerläßlich, den Willen erkennen
läßt, in angemessener Zeit eine Arbeitshaltung
zu entwickeln, die gymnasialem Anspruch zu
entsprechen vermag. Die Entwicklung dahin kann
schwierig, sie darf nicht hoffnungslos sein. Sie
fordert dem Gymnasiallehrer viel Geduld
besonderer Art ab. Er darf sich, wie der Sämann,
nicht entmutigen lassen, wenn die meisten
Körner, die er ausstreut, auf zuerst dürren
Boden fallen. Es ist wie beim Versuch, feuchtes
Holz zu entzünden. Schon ein Glimmen wirkt als
Erfolg. Aber wie oft muß es glimmen, bis daraus
ein Flämmchen wird. Der hohe Intelligenzquotient
allein entscheidet also über die Eignung fürs
Gymnasium nicht, noch weniger bloßes
Prestigedenken. Auch die nicht vorhandene sog.
Bildungstradition im Elternhause ist, sofern der
Schüler die dem Gymnasium angemessene
Arbeitshaltung zu entwickeln vermag, im letzten
ein vernachlässigbarer Faktor.
Wechsel
und Durchlässigkeit zwischen den
Bildungsanstalten mit unterschiedlichen Zielen
müssen, wie bisher schon praktiziert,
grundsätzlich, vor allem ohne den gefürchteten
Prestigeverlust möglich sein. Entscheidend
dafür, ob er entsteht oder nicht, ist keine wie
immer geartete Organisation des Bildungssystems,
sondern das Bewußtsein aller Beteiligten.
Verspätete
Eintritte in den gymnasialen Bildungsprozeß
werden immer dann möglich sein, wenn der
Schüler, ausreichende Begabung vorausgesetzt, es
will.
Zu der
fürs Gymnasium als unerläßlich in Anspruch
genommenen Arbeitshaltung, ja selbst zu einigen
der als gymnasial bezeichneten Ziele könnte man
einwenden, sie seien auch außerhalb dieser
Schulform anzutreffen, rechtfertigten daher ihre
Existenz nicht.
Aber wie
gemäß Emil Staigers genialer Deutung "das
Lyrische" in einem epischen wie auch einem
dramatischen Werk durchaus aufzutreten vermag, so
ist es doch wohl vom Kontext organisch (oder
funktional) vereinnahmt, und: es bedarf im
letzten doch des lyrischen Gedichts, um sich als
Lyrisches, als eine unverwechselbare Art, das
Verhältnis von Ich und Welt zu erleben und
auszusagen, zu vollenden.
So auch
das Gymnasiale: nirgendwo sonst als im Gymnasium
kann es so systematisch geübt und getrieben
werden. Ja, es vermag sich hier selber zum Thema
zu machen, um auf dem Wege der kritischen,
erhebenden Reflexion sich seiner bewußt zu
werden und zu sich selbst zu kommen. Die
Voraussetzung für die arbeitsteilig übernommene
und verantwortlich ausgeübte Funktion in der
Gesellschaft.
Man wird
es nicht der Interessenlage eines jeden Menschen
abverlangen dürfen, sich auf den langen, viel
Selbstdisziplin und geistige Konzentration
erfordernden Weg zu den gymnasialen
Bildungszielen zu begeben und auf ihm nicht müde
zu werden. Deshalb wäre es ein Akt von sozialer
und mentaler Selbstverstümmelung, wollte die
Gesellschaft jener Gruppe von Menschen, Schülern
wie Lehrern, die bereit und willens sind, diesen
Weg zu gehen, ja, die dabei ihre persönliche
Identität zu finden hoffen, das Existenzrecht
verweigern.
Gäbe es
diese Schule, deren 125jähriges Jubiläum wir in
diesem Jahre feiern, nicht - sie müßte erfunden
und gegründet werden. Keine kleine Aufgabe, wenn
man bedenkt, welcher bedeutenden Menschen es in
der Geschichte bedurfte, die Idee fürs Gymnasium
zu haben, sie zu realisieren und uns zu
überliefern. Es stünde uns gut an, das
Vorhandene in jedem Sinne unvoreingenommen auf
das hin zu prüfen, was bewahrenswert ist. Tun
wir es, dann kann es keinen Zweifel geben: unser
Gymnasium hat Zukunft.
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