Erich Kästner
und seine Jugendbücher
Festrede
anläßlich der Namensgebung einer Schule
Alsfeld 1984
[Erich
Kästner und seine Jugendbücher, Vortrag in der
Festveranstaltung anläßlich der Namensgebung
der Erich-Kästner-Schule in Alsfeld am 28. Mai
1984]
Aus:
Erich Kästner, Hymnus an die Zeit
(mit einer Kindertrompete zu singen)
Wem
Gott ein Amt gibt, raubt er den Verstand.
Im Geist ist kein Geschäft. Macht
Ausverkauf!
Nehmt euren Kopf und haut ihn an die
Wand!
Wenn dort kein Platz ist, setzt ihn
wieder auf.
...
Macht einen Buckel. Denn die Welt ist
rund.
Wir wollen leise miteinander sprechen.
Das Beste ist totaler Knochenschwund.
Das Rückgrat gilt moralisch als
Verbrechen.
Nehmt dreimal täglich eine Frau zum
Weib.
Pro Jahr ein Kind. Und Urlaub. Sonst die
Pflicht.
Das Leben ist ein sanfter Zeitvertreib.
Spuckt euch vorm Spiegel manchmal ins
Gesicht.
...
Aus:
Erich Kästner, Die Welt ist rund
Die
Welt ist rund. Denn dazu ist sie da.
Ein Vorn und Hinten gibt es nicht.
Und wer die Welt von hinten sah,
der sah ihr ins Gesicht!
...
Mensch, werde rund, Direktor und
borniert.
Trag sonntags Frack und Esse. (=Zylinder)
Und wenn dich wer nicht respektiert,
dann hau ihm in die Fresse.
Sei
dumm, doch sei es mit Verstand.
Je dümmer, desto klüger.
Tritt morgen in den Schutzverband.
Duz dich mit Schulz und Krüger.
Nimm
ihre Frauen oft zum Übernachten.
Das ist so üblich. Und heißt
Freiverkehr.
Es lohnt sich nicht, die Menschen zu
verachten.
Und weil die Welt bewohnt wird, ist sie
leer.
Aus:
Erich Kästner, Die Tretmühle
(Nach der Melodie: "Frisch auf mein Volk!
Die Flammenzeichen rauchen!")
Rumpf
vorwärts beugt! Es will dich einer
treten!
Und wenn du dich nicht bückst, trifft er
den Bauch.
Du sollst nicht fragen, was die andern
täten!
Im übrigen: die andern tun es auch.
So
bück dich, Mensch! Er tritt ja nicht zum
Spaße!
Er wird dafür bezahlt. Es ist ihm ernst.
Tief! Tiefer! Auf die Knie mit deiner
Nase!
Das Vaterland erwartet, daß du's lernst.
...
Aus:
Erich Kästner, Die Entwicklung der
Menschheit
Einst
haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreißigsten Etage.
Da
saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie
hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne, Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
...
Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen
fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So
haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit
geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
Sollte
der Name des Mannes, der solche Verse geschrieben
hat, sehr geehrte Damen und Herren und liebe
Schüler dieser heutigen Festversammlung, von
einer Schule überhaupt, zumal von einer so
besonderen Schule, wie es diese ist, guten
Gewissens gewählt werden können?
Der
Verweis auf die aufklärerische Haltung und auf
den kritischen Ton Kästners als Begründung für
die Wahl gerade seines Namens wäre doch wohl ein
allzu konstruierter Umweg über die Abstraktion,
als daß man zwischen ihm und dem, was man in
dieser Schule tut, einen unmittelbaren Bezug
entdecken könnte. Wählt man einen Namen
üblicherweise doch nicht, um zu ihm und zu dem,
was er bedeutet, dauernd in einem äußerlich
bleibenden Verhältnis zu sein, sondern um sich
in ihm zu erkennen, mit dem, wofür er steht,
möglichst zu identifizieren.
Bleibt
zu fragen, ob er, Erich Kästner, ein besonderes
Verhältnis zur Schule gehabt hat, um in diesem
Verhältnis vielleicht die Brücke zu erkennen,
über die man die Wahl seines Namens für diese
besondere Schule als sinnvoll begründen könnte.
Dazu ist festzustellen, daß Erich Kästner sehr
wohl ein besonderes Verhältnis zur Schule
schlechthin hatte: er war zeitlebens ein
interessierter, ja ein begeisterter Schüler. Er,
der diese Liebe zur Schule zeitweilig dahingehend
mißverstand, daß er Lehrer werden müßte,
stellte, nachdem er's geworden war, fest, daß er
von Natur aus ein Lerner, aber kein Lehrer sei.
Aber damit ist er mit Sicherheit kein Einzelfall
unter den Menschen, auch nicht unter denen, die
Bücher geschrieben haben und damit bekannt oder
gar berühmt geworden sind: Weshalb sollte man
dann gerade seinen Namen wählen?!
Und:
Zwar gibt es in fast allen seinen Kinderbüchern
Schulen, und fast alle Kinder, die in diesen
Büchern auftreten, sind Schüler, eifrige, wie
er, und weniger eifrige (das allerdings meistens
mit schlechtem Gewissen), und sie besuchen die
verschiedensten Schulen
-die Palette enthält Volks- und Realschulen,
Gymnasien und Internatsschulen, Kinder- und
Ferienheime-: aber alle
stehen nicht im Mittelpunkte dessen, was in den
Büchern eigentlich geschieht, sie geben
allenfalls den Rahmen dafür ab, oft nur den
fernen Hintergrund. Kästners Verhältnis zur
Schule wie auch seine persönliche Auffassung vom
Schüler können nicht als dermaßen originell
oder signifikant gelten, daß man sich für die
Wahl gerade seines Namens überzeugend darauf
berufen könnte.
Dagegen
fällt bereits bei oberflächlicher Kenntnisnahme
des Werkes Erich Kästners auf, daß ein großer
Teil von ihm (vielleicht sogar der bedeutendste
Teil) zur Sparte der Kinder- und Jugendliteratur
gehört. Und die meisten seiner Kinderbücher
werden von ihm selbst im Untertitel als 'Romane
für Kinder' bezeichnet. Gehen wir deshalb einmal
der Frage nach, ob uns die Begriffe 'Kind' und
'Kindheit' Schlüssel zu liefern vermöchten, mit
denen sich die Frage nach dem Zusammenhang
zwischen dieser Schule und Erich Kästner
zufriedenstellend beantworten und die Wahl gerade
seines Namens als innerlich logisch erweisen
ließe.
"Pünktchen",
so heißt es in Erich Kästners 1931 erschienenem
'Roman für Kinder' "Pünktchen und
Anton", hieß eigentlich Luise. Aber weil
sie in den ersten Jahren gar nicht hatte wachsen
wollen, war sie Pünktchen genannt worden. Und so
hieß sie auch jetzt noch, obwohl sie längst zur
Schule ging und gar nicht mehr klein war. Ihr
Vater, der Herr Pogge, war Direktor einer
Spazierstockfabrik. Er verdiente viel Geld, und
viel zu tun hatte er auch. Seine Frau,
Pünktchens Mutter, war allerdings anderer
Meinung. Sie fand, er verdiene viel zu wenig Geld
und arbeite viel zuviel.
Sie
wohnten in einer großen Wohnung, nicht weit vom
Reichstagsufer. Die Wohnung bestand aus zehn
Zimmern und war so groß, daß Pünktchen, wenn
sie nach dem Essen ins Kinderzimmer zurückkam,
meist schon wieder Hunger hatte. So lang war der
Weg!
''Meine
Tochter sieht blaß aus", sagte Herr Pogge
besorgt (am Mittagstisch zu Fräulein Andacht,
dem Kinderfräulein). "Finden Sie nicht
auch?" "Nein", erwiderte Fräulein
Andacht. Dann brachte Berta die Suppe und lachte.
Fräulein Andacht schielte zu dem Dienstmädchen
hinüber. "Was lachen Sie denn so
dämlich?" fragte der Hausherr und
löffelte; als kriege er es bezahlt. Aber
plötzlich ließ er den Löffel mitten in die
Suppe fallen, preßte die Serviette vor den Mund,
verschluckte sich, hustete entsetzlich und zeigte
zur Tür. Dort stand Pünktchen. Aber, du grüne
Neune, wie sah sie aus!
Sie
hatte die rote Morgenjacke ihres Vaters angezogen
und ein Kopfkissen darunter gewürgt, so daß sie
einer runden verbeulten Teekanne glich. Die
dünnen nackten Beine, die unter der Jacke
hervorlugten, wirkten wie Trommelstöcke. Auf dem
Kopf schaukelte Bertas Sonntagshut. Das war ein
tolles Ding aus buntem Stroh. In der einen Hand
hielt Pünktchen das Nudelholz und einen
aufgespannten Regenschirm, in der anderen einen
Bindfaden. An dem Bindfaden war eine Bratpfanne
festgebunden, und in der Bratpfanne, die
klappernd hinter dem Kind hergondelte, saß
Piefke, der Dackel, und runzelte die Stirn.
Übrigens runzelte er die Stirn nicht etwa, weil
er verstimmt war, sondern er hatte zuviel Haut am
Kopf. Und weil die Haut nicht wußte wohin,
schlug sie Dauerwellen.
Pünktchen
spazierte einmal rund um den Tisch, blieb dann
vor ihrem Vater stehen, betrachtete ihn prüfend
und fragte ernsthaft: "Kann ich mal die
Fahrscheine sehen?" "Nein", sagte
der Vater. "Erkennen Sie mich denn nicht?
Ich bin doch der Eisenbahnminister".
"Ach so", sagte sie.
Fräulein
Andacht stand auf, packte Pünktchen am Kragen
und rüstete sie ab, bis sie wieder wie ein
normales Kind aussah...
"Wie
war's in der Schule?" fragte der Vater, und
weil Pünktchen nicht antwortete, sondern in der
Suppe herumplanschte, fragte er gleich weiter:
"Wieviel ist drei mal acht?" "Drei
mal acht? Drei mal acht ist einhundertzwanzig
durch fünf", sagte sie. Herr Direktor Pogge
wunderte sich über gar nichts mehr. Er rechnete
heimlich nach, und weil's stimmte, aß er weiter.
Piefke war auf einen leeren Stuhl geklettert,
stützte die Vorderpfoten auf den Tisch und gab
stirnrunzelnd Obacht, daß alle ihre Suppe aßen.
Es sah aus, als wolle er eine Rede halten. Berta
(das Dienstmädchen) brachte Huhn mit Reis und
gab Piefke einen Klaps. Der Dackel verstand das
falsch und kroch völlig auf den Tisch.
Pünktchen setzte ihn auf die Erde hinunter und
sagte: "Am liebsten möchte ich ein Zwilling
sein".
Der
Vater hob bedauernd die Schultern. "Das
wäre großartig", sagte das Kind. "Wir
gingen dann beide gleich angezogen und hätten
die gleiche Haarfarbe und die gleiche Schuhnummer
und gleiche Kleider und ganz, ganz gleiche
Gesichter". "Na, und?" fragte
Fräulein Andacht.
Pünktchen
stöhnte vor Vergnügen, während sie sich die
Sache mit den Zwillingen ausmalte. "Keiner
wüßte, wer ich bin und wer sie ist. Und wenn
man dächte, ich bin es, ist sie es. Und wenn man
dächte, sie ist es, dann bin ich's. Hach, das
wäre blendend". "Nicht zum
Aushalten", meinte der Vater.
"Und
wenn die Lehrerin 'Luise' riefe, dann würde ich
aufstehen und sagen: "Nein, ich bin die
andere". Und dann würde die Lehrerin
'Setzen!' sagen und die andere aufrufen und
schreien: "Warum stehst du nicht auf,
Luise?", und die würde sagen: "Ich bin
doch Karlinchen". Und nach drei Tagen
bekäme die Lehrerin Krämpfe und Erholungsurlaub
fürs Sanatorium, und wir hätten Ferien".
"Zwillinge sehen meist sehr verschieden
aus", behauptete Fräulein Andacht.
"Karlinchen und ich jedenfalls nicht",
widersprach Pünktchen. "So was von
Ähnlichkeit habt ihr noch nicht gesehen. Nicht
mal der Direktor könnte uns unterscheiden".
Der Direktor, das war ihr Vater. "Ich habe
schon an dir genug", sagte der Direktor und
nahm sich die zweite Portion Huhn. "Was hast
du gegen Karlinchen?" fragte Pünktchen.
"Luise!" rief er laut. Wenn er
"Luise" sagte, dann hieß das, jetzt
wird pariert, oder es setzt was. Pünktchen
schwieg also, aß Huhn mit Reis und schnitt
Piefke, der neben ihr kauerte, heimlich
Grimassen, bis der sich vor Entsetzen schüttelte
und in die Küche sauste ...".
Welche
Veränderung der Sprache! - im Vergleich zu den
eingangs zitierten Strophen. Zwar, das
erschließt sich dem nicht einmal so genauen
Blick, dem nur einigermaßen sensiblen Ohr
unmittelbar: es ist unverkennbar Kästner, mit
seiner Freude an witzigen Bildern und
überraschenden, einprägsamen Vergleichen. Aber
was in jenen Strophen zur Satire, ja zur Groteske
geworden ist, zu ätzender Absage, Aburteilung
und Unversöhnlichkeit, ja zur Geste des
absoluten Negierens ("... meist lohnt es
nicht, sich damit zu befassen..."), das
erscheint hier eingehüllt in einen behutsamen
Humor des Erzählers, der seine fiktiven Figuren,
indem er sich gleichsam schützend über sie
beugt, dabei genau beobachtet und liebevoll eine
Fülle von Einzelheiten an ihnen entdeckt, die er
mit Vergnügen ausspricht. Manchmal derart
hineingezogen in die Gestalten seiner eigenen
Phantasie, daß er, wohl fürchtend, sentimental
zu werden, dieser Bedrohlichkeit mit einer
schnoddrigen Bemerkung vorderhand entgeht.
Da ist
dieses Mädchen Luise, das Pünktchen: ein Kind
aus sog. gutem, wohlhabenden Hause. Pfiffig,
drollig, von origineller Intelligenz. In
Verhältnissen lebend, die aus ihr eigentlich ein
rundherum glückliches Kind machen müßten. Aber
da gibt es ihre Mutter, von der Berta, das zwar
gutherzige, aber realistische, mit beiden Beinen
und gar nicht zimperlich in dieser Welt stehende
Dienstmädchen, zu einer Kollegin sagt:
"Meine Gnädige, die sollte man mit ´nem
nassen Lappen erschlagen. Hat so ein nettes,
ulkiges Kind und so einen reizenden Mann, aber
denkst du vielleicht, sie kümmert sich um die
zwei? Nicht die Tüte...".
Und der
Direktor, Pünktchens Vater, wie der zitierte
Text erkennen ließ, ein Mensch mit Sinn für
Humor und Situationskomik, begabt mit der Güte
des Herzens und mit der Fähigkeit, andere zu
verstehen, von innen her, und in ihrer Art
anzunehmen - dieser Vater steht, hauptsächlich
um des lieben Ehefriedens willen, unterm Diktat
seiner andauernd umhergetriebenen,
partysüchtigen Frau, die, unerlöst, in dem
endlosen Circulus vitiosus kreist: nämlich
innerlich in dem Maße immer leerer zu werden,
wie sie ihre erfolglosen Versuche, einen Halt -
und damit sich selbst - in äußeren
Zerstreuungen zu finden, verzweifelt verdoppelt.
Direktor Pogge, tagsüber von seiner beruflichen Arbeit
voll beansprucht und abends, oft bis in die Nacht
hinein, wenn auch innerlich widerstrebend, seine
Frau auf diverse Einladungen begleitend, weiß
schon gar nicht mehr
-wie er zu seiner Frau bedauernd und leis
anklagend sagt-,
"...wie es abends bei uns zu Hause ist
...".
Und
dabei, wie sein spontanes Eingehen auf
Pünktchens Fahrscheinkontroll-Spiel bewies,
steht er innerlich der Welt seiner Tochter viel
näher als der Welt der mannigfaltigen
Unechtheiten und leeren Eitelkeiten seiner Frau.
Während er sich nach der ersteren sehnt, aber
der letzteren folgen zu müssen meint, gerät er
in einen andauernden Leidenskonflikt, der sich,
vom Unterbewußtsein gesteuert, einen
psychosomatischen Ausweg sucht: "Er
schluckte Tabletten, so oft sich dazu Gelegenheit
bot. Vor dem Essen, nach dem Essen, vorm
Schlafengehen, nach dem Aufstehen, manchmal waren
es kreisrunde Tabletten, manchmal kugelrunde,
manchmal viereckige. Man hätte vermuten können,
es mache ihm Spaß. Er hatte es aber nur mit dem
Magen ...".
Pünktchen,
das nette, ulkige Kind, wie Berta sich drastisch
treffend ausdrückte, leidet ebenfalls unter
diesen Verhältnissen. Aber zum Glück für sie
verfügt sie nicht nur über kreative Phantasie,
sondern hat auch keine Scheu, diese im Spiel, in
manchmal sehr originellen Spielen auszuleben.
Ihre Verkleidungen, die verschiedenen Rollen, in
die sie, spielend, schlüpft, beweisen jedoch
nicht nur Phantasie und sind nicht nur unbewußt
unternommene Versuche zur Selbstheilung, sondern
haben zugleich appellativen Charakter: sie macht
aufmerksam auf sich, meldet, verhüllt, aber
eigentlich umso unübersehbarer, ihr Bedürfnis
an, als Mensch zur Kenntnis genommen und
akzeptiert zu werden. ("Das charakterisiert
den Menschen von heute"', so zitiert der
Pädagoge Martin Wagenschein seinen Kollegen Max
Picard: "Es findet keine Begegnung mehr
statt zwischen ihm und dem Objekt (sei dieses nun
Mensch oder Sache) ... Der Sinn einer Begegnung
aber ist, dem Objekt, das vor einem ist, Zeit,
und das heißt Liebe, zu geben..."). Da das,
bei aller erkennbaren potentiellen Liebe ihres
Vaters, des Direktors Pogge, zu ihr, Pünktchen,
wegen der Zwänge, in denen er steckt, in nicht
ausreichendem Maße geschieht und von seiten
ihrer Mutter gar nicht, entsteht in ihr der
Wunsch nach Verdoppelung in Gestalt praktisch
ununterscheidbarer Zwillinge (welches Motiv
übrigens von Kästner 18 Jahre später, 1949, in
seinem Roman 'Das doppelte Lottchen' entfaltet
werden sollte).
In
dieser Wunschvorstellung erlebt sich Pünktchen
nicht nur als ein und dieselbe doppelt - und
vermehrt dadurch die derzeit ihr zu sparsam
erwiesenen Liebesbeweise, sie fühlt sich nicht
nur als doppelt so stark und geschätzt
gegenüber jeder Unbill des Lebens und sie
empfindet sich nicht nur
-eine in der andren, die andre in der einen und
beide zusammen in ihr, Pünktchen,
selbst- als doppelt
getröstet, sondern (sie stöhnt vor Vergnügen,
während sie sich diese Sache ausmalt!) man kann
auch alle Welt -sofern
man das will- in
Verwirrung stürzen, sie gewissermaßen zwischen
sich selbst -wie den
Hasen zwischen den zwei Igeln-
hin und her jagen und
sich für all den Kummer aus ungestillter Liebe
rächen.
Was
hier -wörtlich
unausgesprochen, aber in poetischer
Vergegenwärtigung immer vorhanden-
in Gefahr steht, ist die
Kindheit. Um sie wird gebangt und gelitten, um
sie wird von Kästner und seinen fiktiven Figuren
-jeweils auf ihre Art
und mit ihren Mitteln-
gekämpft. Und wo auch immer Erich Kästner von
Kindern oder von der Kindheit spricht, wird seine
Sprache zart und beschwörend zugleich, selbst
ergriffen und wieder ergreifend, und Wärme, ja
Liebe färben sie, und alle ironisch-satirische
Distanz schwindet dahin, als würde Gewölk von
der Sonne gezogen.
In
seinem 1952 erschienenen Sammelbändchen mit
Chansons und Prosa unter dem Titel 'Die kleine
Freiheit' hält Erich Kästner eine 'Kleine
Neujahrs-Ansprache vor jungen Leuten: 'Die vier
archimedischen Punkte'. Punkt 3 lautet so:
"Jeder
Mensch gedenke immer seiner Kindheit! Das ist
möglich. Denn er hat ein Gedächtnis. Die
Kindheit ist das stille, reine Licht, das aus der
eigenen Vergangenheit tröstlich in die Gegenwart
und Zukunft hinüberleuchtet. Sich der Kindheit
wahrhaft erinnern, das heißt: plötzlich und
ohne langes Überlegen wieder wissen, was echt
und falsch, was gut und böse ist. Die meisten
vergessen ihre Kindheit wie einen Schirm und
lassen sie irgendwo in der Vergangenheit stehen.
Und doch können nicht vierzig, nicht fünfzig
spätere Jahre des Lernens und Erfahrens den
seelischen Feingehalt des ersten Jahrzehnts
aufwiegen. Die Kindheit ist unser
Leuchtturm...".
Da
man -durchaus
zutreffend- daran
gewöhnt ist, die Wurzeln des Kästner'schen
Denkens als aufklärerisch-kritisch und
moralistisch zu bezeichnen, ist der Hinweis, daß
zentrale Aussagen in dem soeben Zitierten an die
Anamnesis Platos - und daß das Wort
"er-inn-ern' an einen von Meister Eckhart
erfundenen Zentralbegriff seiner Mystik rühren,
sicher nicht uninteressant im Sinne eines
differenzierteren und umfassenderen
Verständnisses Erich Kästners.
Und in
dem leider viel zu wenig ge-kannten Text unter
dem wohl be-kannteren Titel "Ansprache zum
Schulbeginn" (aus demselben Sammelbändchen
'Die kleine Freiheit') heißt es u.a.:
"Laßt
euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die
meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen
alten Hut. Sie vergessen sie wie eine
Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben
kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie
allmählich aufessen, und was gegessen worden
ist, existiert nicht mehr... Müßte man nicht in
seinem Leben wie in einem Hause treppauf und
treppab gehen können? Was soll die schönste
erste Etage ohne den Keller mit den duftenden
Obstborden und ohne das Erdgeschoß mit der
knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel?
Nun - die meisten leben so! Sie stehen auf der
obersten Stufe, ohne Treppe und ohne Haus, und
machen sich wichtig. Früher waren sie Kinder,
dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie
nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist
ein Mensch! ..."
Kindheit
ist also, das ist den Zitaten unschwer zu
entnehmen, für Erich Kästner nicht nur ein
Lebensabschnitt, ein begrenzter, meßbarer
Zeitraum, auch nicht nur eine
entwicklungspsychologische Kategorie und auch
nicht etwas anderes, das man in klugen
Büchern -in seinen
jeweiligen Grenzen sicherlich
richtig- erfaßt hat:
Kindheit ist eine Qualität, eine Substanz, eben
das stille, reine Licht, das tröstlich in
Gegenwart und Zukunft hinüberleuchtet. Nur durch
Bewahrung wenigstens eines Fünkchens dieser
Substanz der Kindheit wird der Mensch zum
Menschen.
Wer an
dieser Substanz teilhat bzw. in wem sie so
wahrhaftig lebt, daß seine Haltung und sein
Verhalten erkennbar von ihr bestimmt sind, der
wird als Mensch erkannt, mag ihn seine
gesellschaftliche Position, ein Rang oder etwas
anderes auch von anderen deutlich distanzieren.
So heißt es in dem autobiographischen
Erinnerungsbuch 'Als ich ein kleiner Junge war'
aus dem Jahre 1957 vom letzten König von
Sachsen, den Erich Kästner noch in Dresden
erlebte:
"Manchmal
fuhr er mit seinen Kindern durch die
Residenzstadt... Und aus dem offenen Wagen
winkten die kleinen Prinzen und Prinzessinnen uns
andern Kindern zu. Der König winkte auch. Und er
lächelte freundlich. Wir winkten zurück und
bedauerten ihn ein bißchen. Denn wir und alle
Welt wußten ja, daß ihm seine Frau, die
Königin von Sachsen, davongelaufen war. Mit
Signore Toselli, einem italienischen Geiger. So
war der König eine lächerliche Figur geworden,
und die Prinzen hatten keine Mutter mehr... Er
war einsam. Er liebte seine Kinder. Und deshalb
liebte ihn die Bevölkerung...".
Auch
Direktor Pogge zählt zu denjenigen, die zwar
erwachsen geworden (und er ist es, wenn auch mit
deutlich erkennbarem Konflikt), die aber
gleichwohl Kinder geblieben sind.
So wie
derartige Menschen selber, indem sie an der
Substanz der Kindheit teilhaben, die einzig
wahren Menschen
-entweder tatsächlich oder zumindest potentiell-
sind, so sind sie in
dieser Welt, in der wir alle leben, für die
Bewahrung der Kindheit und - damit für die
Entstehung von Menschlichkeit in anderen von
allergrößtem Wert.
Den
Kindern nämlich ist es nicht vergönnt, in ihrem
Zustand zu verbleiben. Sie unterliegen, wie alle
und alles, den Gesetzen von Zeit und
Vergänglichkeit. Sie müssen, ob sie oder ob
andere das wollen oder nicht, ihre Kindheit in
deren reinster Form verlassen und in die
gefährdete (und gefährdende) Welt der
Erwachsenen hinüberwechseln. Und da ist es nun
von allergrößter Wichtigkeit, daß sie jemanden
bei sich haben, der ihnen beim Hinüberwechseln
hilft. Wachsen, sagt Kästner an die Kinder
gewendet sinngemäß, müßt ihr selber! Aber:
hegen und pflegen sollte und kann man euch dabei.
Solche
Heger und Pfleger sind in Kästners Romanen und
Büchern vorzugsweise die Mütter, selten die
Väter. So z.B. in 'Emil und die Detektive', so
die Mutter Antons in "Pünktchen und
Anton". Es können aber auch Lehrer sein, so
insbesondere der Doktor Bökh genannt Justus in
'Das fliegende Klassenzimmer'. Es kann auch ein
naher Verwandter sein, wie z.B. Konrads
unverheirateter Onkel Ringelhuth, der Apotheker,
im Kinderbuch "Der 35. Mai oder Konrad
reitet in die Südsee". In dem Buch 'Der
kleine Mann' von 1963 wie auch in dem Folgeband
"Der kleine Mann und die kleine Miss"
von 1967, in denen Kästner das Kindliche in der
Gestalt des nur fünf Zentimeter 'großen'
Mäxchen Pichelsteiner aufs sinnenfälligste
veranschaulicht, nimmt sich der "berühmte
Zauberkünstler Professor Jokus von Pokus",
ein Kollege der vom Pariser Eiffelturm gewehten
Eltern Pichelsteiner, des verwaisten Jungen an.
Wer auch
immer als Heger und Pfleger von ins Leben hinein-
(oder aus dem eigentlichen Leben hinaus-)
wachsender Kinder tätig wird, (da gibt es
außerdem noch die Selbsthilfe unter Kindern, so
z.B. Pünktchen und Anton wechselseitig, am
bekanntesten die aus 'Emil und die Detektive'
bekannte Gruppe Berliner Jungen, fortgesetzt in
'Emil und die drei Zwillinge'; oder die beiden
Zwillingsschwestern Lotte und Luise in 'Das
doppelte Lottchen') - wer also auch immer Kinder
hegt oder ihnen anders hilft: über Wert und
Wirkung solchen Tuns entscheidet jeweils und
einzig und allein die in diesem Tun anwesende und
es tragende Liebe.
Wie sehr
Erich Kästner diese von liebendem Eingehen auf
den Bezugspartner bestimmten Verhältnisse als
unerläßliche Bedingungen angesehen hat, das
Licht der Kindheit in der von ihm nicht immer
freundlich betrachteten Welt am Leuchten zu
erhalten, das beweisen diejenigen Partien seiner
Bücher, in denen er solche
Mensch-Mensch-Beziehungen, vornehmlich in Form
von Kind-Erwachsene-Beziehungen, insbesondere in
ihrer Bewährung darstellt. Da ist alle
satirisch-ironische Distanz weg, da läßt er die
Qualität schriftstellerischer Literatur hinter
sich.
Anton,
der Freund Pünktchens, der in armseligen
Verhältnissen ohne Vater, allein mit der Mutter
lebt, dessen Tage von der doppelten Last
bedrückt sind, zum Lebensunterhalt durch
bezahlte Gelegenheitsarbeiten beizutragen und
zugleich in der Schule ein guter Schüler zu sein
- dieser Anton könnte, wäre sie ihm nicht in
mitmenschlicher Liebe verbunden, Pünktchens Neid
wegen des Verhältnisses erregen, das zwischen
ihm und seiner Mutter besteht. Eines
Verhältnisses, das sie, Pünktchen selber, bei
sich zu Hause so schmerzlich vermißt. Als Antons
Mutter schwer erkrankt, operiert werden muß und
nach dem nicht ungefährlichen Eingriff sich in
der ärmlichen Zwei-Räume-Wohnung, bettlägerig,
nur mühsam wieder zu erholen vermag, übernimmt
Anton nicht nur die Sorge für ihrer beider
gesamten materiellen Unterhalt, sondern ganz
selbstverständlich auch noch alle anfallenden
hauswirtschaftlichen Arbeiten. Als sich infolge
seiner fortwährend übermäßig angespannten
Kräfte, aus Erschöpfung, seine schulischen
Leistungen bedenklich verschlechtern, übernimmt
es Pünktchen, ohne daß Anton darum weiß, seine
Lehrer über die Ursachen aufzuklären und dem
sonst so beliebten und angesehenen Schüler eine
Schonzeit zu erwirken, die ihn davor bewahrt, in
der Schule und, infolge dieses
Selbstwertverlusts, in seiner hochangespannten
Lebenssituation überhaupt zu scheitern. Als er
eines Tages, den Kopf voller Sorgen, das Herz
schwer, nach Hause kommt, findet er seine Mutter
nicht im Bett, sondern in der Küche vor. Sie hat
es, obwohl noch lange nicht gesund, nicht mehr
ausgehalten, ihren Jungen mit der steten Sorge um
sie zu belasten. Aus Liebe zu ihm hat sie
Willenskraft und Energie an die Stelle der noch
mangelnden Gesundheit gesetzt. Anton merkt das
erst nicht, die spontane Freude, seine Mutter
wieder auf den Beinen zu sehen, löscht in ihm
alle anderen Wahrnehmungen und Gedanken aus. Mit
einem Riesenappetit macht er sich über die
Linsen mit Würstchen her, die, seit Wochen zum
erstenmal, nun wieder die Mutter gekocht hat. Als
er aber, nachdem die erste Aufwallung der Freude
verebbt und der erste Hunger gestillt sind,
wieder klarer zu beobachten vermag und demzufolge
bemerkt, daß die Mutter ihre Portion noch gar
nicht angerührt hat und voller stummer Trauer zu
sein scheint, senkt sich für ihn die
Schweigsamkeit "wie ein drohender Nebel aufs
Zimmer". Und als ihm plötzlich schlagartig
einfällt, heute, am 9. April, hat seine geliebte
Mutter Geburtstag und daß er ihn in der Fülle
seiner Tätigkeiten und Sorgen vergessen hat und
damit die Mutter sehr traurig gemacht haben muß,
hält er die auf diese Erkenntnis folgende
seelische Belastung nicht länger aus: er
verläßt die Wohnung, um der Mutter als
nachträgliches Geburtstagsgeschenk eine Tafel
Schokolade zu kaufen, diese, zusammen mit einer
Gratulationskarte mit der Aufschrift 'Von Deinem
tiefunglücklichen Sohn Anton', in den
Briefkasten zu werfen und dann fortzulaufen, um
'nie mehr' wiederzukommen.
Der
Mutter, ausgezehrt und erschöpft von der
Krankheit, stärker als normal auf sich selbst
bezogen, scheint die Tatsache, daß ihr Junge
ihren Geburtstag vergessen hat, von heimlicher
Bedeutung. "Auch er ging ihr allmählich
verloren wie alles vorher, und so verlor ihr
Leben den letzten Sinn. Als sie operiert worden
war, hatte sie gedacht: Ich muß leben bleiben,
was soll aus Anton werden, wenn ich jetzt sterbe?
Und nun vergaß er ihren Geburtstag ...".
Aber nach einer kurzen Phase durchaus
verständlichen Selbstmitleids setzt sich das
liebende Verstehen für den wochenlang
überanstrengten kleinen Kerl in ihr wieder
durch. "Sie durfte nicht hart sein. Er war
so erschrocken gewesen. Sie durfte nicht streng
sein, er hatte in den letzten Wochen ihretwegen
viel ausgestanden. Erst hatte er sie jeden Tag im
Krankenhaus besucht. In der Volksküche hatte er
essen müssen, und Tag und Nacht war er
mutterseelenallein in der Wohnung gewesen. Dann
war sie nach Haus gebracht worden. Seit vierzehn
Tagen lag sie im Bett, und er kochte und holte
ein, und ein paarmal hatte er sogar die Zimmer
mit einem nassen Lappen aufgewischt..".
Plötzlich beginnt sie ihn zu vermissen, sie ruft
ihn - aber er ist fort. Da springt Unruhe in ihr
auf. Sie reißt die Wohnungstür auf und rennt
die Treppe hinunter, ihren Jungen zu suchen.
Anton
hat inzwischen die Schokolade gekauft, ist zur
Wohnung hinaufgeschlichen, hat die Schokolade,
wie vorgesehen, durch die Klappe des Briefkastens
geworfen, bemerkt, schon sich entfernend, daß
sich auf den im Briefkasten entstandenen Lärm
nichts in der Wohnung regt, auch auf zaghaftes
Klingeln, selbst auf heftiges Klopfen nicht. Da
springt ihn die Angst an, die Mutter könnte
wieder krank geworden sein, wehrlos in der Küche
liegen, könnte sich, aus Kummer um ihn, gar was
angetan haben...
So
findet ihn schließlich die Mutter, die nach
ergebnisloser Suche verzweifelt zur Wohnung
zurückkehrt, in ratlosem Kummer auf der Treppe
sitzen...
Die
Erlösung dieser beiden Menschen aus der Angst,
die sie umeinander ausgestanden haben, wird
jedem, der diese Stellen gelesen hat,
unvergeßlich bleiben.
Den
Kindern in den besten Büchern Erich Kästners
wird bei ihrem Hineinwachsen in diese Welt nichts
geschenkt und erspart. Da gibt es weder ein
Laissez faire noch für sie ausgesparte und
künstlich kindlich gehaltene Schutznischen. Ihre
Welt ist die der Erwachsenen und dort, wo sie
ganz auf sich selber gestellt und unter sich
sind, ahmen sie die Erwachsenenwelt - wie z.B. in
'Emil und die Detektive' - nach. Auf dererlei
kommt es auch gar nicht an. Pflichten, wie sie
auch für die Erwachsenen gelten, werden klaglos
übernommen, wenn sie, die Kinder, nur von
irgendwo eine Liebe verspüren, die sie begleitet
und leitet und trägt und annimmt und hält und
die, durch alle menschlichen Schwächen hindurch,
in ihrer Wahrhaftigkeit glaubhaft ist. Und wo sie
die Liebe, die sie zum Wachsen und zur
unausweichlichen - Menschwerdung brauchen, als
gefährdet, als in ihrer Kraft nachlassend
spüren, wo dieses besagte Licht nur noch schwach
leuchtet, da kämpfen sie darum, es zu retten, zu
heilen.
Immer
wieder sind es die Kinder in den Büchern Erich
Kästners, die das wieder zu heilen versuchen,
was Risse bekommen hat. So die beiden Zwillinge
in 'Das doppelte Lottchen' die Ehe ihrer beiden
getrennt lebenden Eltern - und somit die
auseinandergerissene Familie. Auf eine etwas
andere Art die beiden befreundeten Kinder
Pünktchen und Anton, deren überzeugende
kindliche Daseinskraft Herrn Direktor Pogge den
Mut gibt, sich zu der in ihm beinahe
verschütteten Substanz der Kindheit zu bekennen,
was zur Folge hat, daß er sich dem sinnleeren
Leben seiner Frau entzieht, dieser einen Halt an
ihm gibt, daß er fortan viel Zeit für
Pünktchen haben will und Frau Gast, Antons
Mutter, als Kinderfrau ins Haus nimmt - und den
Anton natürlich dazu ...
Und so
schließt sich der Kreis meiner Darlegungen. Wir
vermögen vielleicht, sofern die in der
begrenzten Zeit möglichen Hinweise das
anzudeuten vermochten, den Schriftsteller und
Dichter Erich Kästner als eine Ganzheit zu
verstehen. Die satirischen Teile seines
Gesamtwerks stehen zu seinen Kinderbüchern nicht
im unvereinbaren Widerspruch, sondern richten
sich gegen eine Welt, die er, vermöchte er es,
im Namen der Kindheit, seiner realen Utopie, am
liebsten retten würde. Aber da er, ein Realist,
weiß, daß sie nicht zu retten ist, muß er die
Kindheit, wo sie existiert, vor dieser Welt
schützen - um einer letzten Hoffnung willen.
(Hier
ergibt sich, auch wenn man Erich Kästner in
dieser, manche irritierenden, Haltung aus den
Prämissen seiner besonderen existenziellen
Welterfahrung als Ganzheit zu verstehen vermag,
eine Frage, nämlich die nach der Toleranz. Oder
andersherum gesehen: die Frage nach der
Unduldsamkeit gegenüber denen, die ihre Kindheit
vergessen haben, und ihren möglichen praktischen
Konsequenzen. Aber da ist er wohl jenseits jeden
Verdachts, bedenkt man seine glaubhaft
entschiedenen Aussagen für den Frieden in aller
Welt, insbesondere in seinem unentwegt nur dieses
eine Motiv entfaltende Kinderbuch 'Die Konferenz
der Tiere' von 1949.)
Und
schließlich vermögen wir
-und damit wurden wir
dem heutigen festlichen Tage einer Namensgebung
gerecht- jetzt wenigstens
andeutungsweise zu sehen, wo der tiefere Bezug
zwischen einer Schule, einer solchen besonderen
Schule wie dieser neuen Erich-Kästner-Schule
zumal, und dem, was der Name Erich Kästner
bedeutet, zu finden ist.
Bedenke
ich alles, was ich vorgetragen habe, so weiß
ich: Sie haben gut gewählt. Möge es Ihnen und
Ihren Kindern im Umgang miteinander gelingen, das
Licht am Leuchten zu erhalten, das gemäß der
Überzeugung Ihres Namensgebers darüber
entscheidet, ob wir - Menschen bleiben.
Und
mögen Sie unter diesem Anspruche durch Ihre
verantwortungsvolle Arbeit diejenige Identität
finden und Ihren Kindern zu einer ihnen
angemessenen verhelfen können, die wir als
Menschen brauchen, um unsere Welt zu bestehen.
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