Gedanken im
Zusammenhange mit Alexis de Tocqueville:
Freiheit, Demokratie, Allmacht der Mehrheit
Festrede zur
Verabschiedung von Abiturienten
Alsfeld 1966
[Abschiedsrede
an die Abiturienten des Jahrganges 1965/66,
gehalten von Herrn Studienrat Marcieniec am
26.2.1966]
Sehr
verehrte Damen und Herren!
Sehr
verehrte, liebe Eltern, insbesondere aber Sie,
liebe
Abiturientinnen und Abiturienten!
Am 29.
Juli 1805 wurde in Verneuil, Departement Seine et
Oise, Alexis Clérel de Tocqueville geboren. Er
wurde später Jurist, 1826 Richter in Versailles
und ging 1831 im Auftrage der französischen
Regierung nach Amerika, um das Strafsystem in den
Vereinigten Staaten zu studieren. Von dieser
Reise brachte er weit mehr nach Europa zurück,
als sein Auftrag von ihm gefordert hatte,
nämlich nicht weniger als eine einlässige
Analyse der amerikanischen Staats- und
Herrschaftsform. Sie wurde unter dem Titel
"De la Démokratie en Amerique"
veröffentlicht. Ihr erster Teil erschien im
Jahre 1835 und erhielt 1836 den Preis Montyon der
Akademie, deren Mitglied Tocqueville 1841 wurde.
Der zweite Teil des auch in Deutschland unter dem
Titel "Die Demokratie in Amerika"
erschienenen Werkes folgte im Jahre 1840. Sein
Verfasser stand bis zu seinem
Tode -1859 in Cannes-
im öffentlichen Leben.
Nach der Februarrevolution im Jahre 1848 wurde er
Außenminister der Republik, trat jedoch von
seinem Amte zurück, als der inzwischen zum
Präsidenten der Republik gewählte Prinz Louis
Napoleon durch die Art seiner Regierungsführung
erkennen ließ, daß es ihm um die Ablösung der
republikanischen Staatsform zu tun war.
Tocqueville hat bis zum Jahre 1851 als
Parlamentarier gegen den Präsidenten Louis
Napoleon offen opponiert, ohne dessen
erfolgreichen Staatsstreich im Dezember 1851
verhindern zu können, der Napoleon eine
Machtkonzentration einbrachte und die Institution
seines Kaisertums vorbereiten half. Tocqueville
wurde im Zusammenhang mit dem Staatsstreich
vorübergehend verhaftet, aber bald wieder auf
freien Fuß gesetzt. Als Privatmann hat er sich
bis zu seinem Tode mit der Abfassung von
historischen und staatstheoretischen Schriften
beschäftigt.
Schon zu
seinen Lebzeiten wegen seiner scharfsinnigen
Schriften berühmt, von dem deutschen Philosophen
Wilhelm Dilthey (1833-1911) als "der
Analytiker unter den geschichtlichen Forschern
seiner Zeit, und zwar unter allen Analytikern der
politischen Welt der größte seit Aristoteles
und Machiavelli" gerühmt, ist Tocqueville
die beinahe sensationell zu nennende
Neuentdeckung in unseren Tagen. Er ist ein
Staatsdenker und Historiker von hohen Graden.
Lange bevor das Wort Soziologie zur Mode geworden
war, war Tocqueville ein Meister dieser
Wissenschaft. Eine ganz einzigartige Methode der
Deduktion führte ihn zu Einsichten und
Erkenntnissen, die, um 1840 ausgesprochen, wie
die Ankündigung einer geistvollen Wette
anmuteten. Die lebende Generation nach dem
zweiten Weltkrieg konnte indes häufig genug die
Richtigkeit seiner historischen, politischen und
soziologischen Voraussagen feststellen. So sagte
er mit Bestimmtheit voraus, daß die
Majoritäts-Demokratie das Schicksal der
europäischen Welt sein und ihre nahe und ferne
Zukunft bestimmen werde. Er ahnte die
zukünftigen Tendenzen der demokratischen Welt
voraus, insbesondere die Entwicklungstendenz der
Gleichheit zur Vermassung. Die beiden
hauptsächlichsten Gefahren der Demokratie hat er
scharfsinnig aus den zu seiner Zeit spürbaren
Tendenzen erschlossen: die Anarchie und die
Diktatur. Die Lage Europas, wie sie sich hundert
Jahre nach der Niederschrift seiner Werke
darstellen würde, erkannte er als eingespannt
zwischen den USA und Rußland.
Stellt
der erste Teil seines Hauptwerkes
"Demokratie in Amerika" eine
soziologische Analyse des amerikanischen Staates
um 1830 dar, so wird im zweiten Teil Amerika zum
Vorwand, die zukünftigen Tendenzen der
demokratischen Welt zu erfassen. "Indem ich
von Ideen ausging, die mir die amerikanische ...
Gesellschaft zur Verfügung stellte", so
schrieb er, "wollte ich allgemeine Züge
demokratischer Gesellschaften zeichnen, von denen
noch kein vollständiges Modell
existiert...". Tocquevilles Untersuchungen
dringen zur universellen Problematik einer
demokratischen Weltordnung vor, wie sie heute vor
uns steht. Von daher erhält das genannte Werk
seine Aktualität für uns, und sie wiederum ist
es, die dazu auffordert, sich mit ihm zu
beschäftigen. Die meisterhafte Betrachtung von
Problemen, die -wie es
scheinen möchte- die
unseren werden könnten oder die es
-von uns noch gar nicht
recht wahrgenommen-
schon seit geraumer Zeit sind, rechtfertigt es,
so will mir scheinen, sich in einer Feierstunde
anläßlich der Verabschiedung von Abiturienten,
denen ein Stück mehr Zukunft auf den Nägeln
brennen könnte als uns, mit einigen Zügen des
Tocquevilleschen Hauptwerkes zu
beschäftigen. Was ein Mensch, der selbst erst an
der Schwelle der demokratisch bestimmten
Geschichte Europas stand, der andererseits noch
die Kräfte des Alten aus eigener Anschauung
kannte, vielleicht gerade deswegen mit der Gabe
hellsichtigen Vorwegnehmens gesehen hat, könnte
uns Heutigen wegen unserer von uns selbst
unbemerkten Befangenheit in uns gewohnt
Gewordenem wertvolle Aufschlüsse geben. Sieht
man von dieser Motivierung einer sog.
"Abitur-Rede" einmal ab, so wäre ein
bedeutender Mensch, als den wir Alexis de
Tocqueville ohne Zweifel zu respektieren haben,
schon Grund genug, Gegenstand feierlichen
Gedenkens zu sein. Diese Feststellung ist kein
Widerspruch zu der Tatsache, daß Sie es sind,
liebe Abiturienten, die heute und an dieser
Stelle gefeiert werden. So wie die Geschichte dem
Menschen unaufhörlich und unabschließbar
aufgegeben ist, so ist es richtig und tut weder
dem eigenen Stolz noch der eigenen
Selbständigkeit Abbruch, sich bei denen, die
sich vor uns mit der gleichen Aufgabe zu
beschäftigen hatten und sich ihr wahrhaftig,
tapfer und klug gestellt haben, Rat und Anregung
zu holen. Eine Besinnung auf derartige Menschen
ist kein Personenkult, sondern letztlich eine
Besinnung auf sich selbst.
Und: im
besonderen Hinblick auf diejenigen unter Ihnen,
die einen wissenschaftlich fundierten Beruf
anstreben, sei auf jene Haltung verwiesen, aus
der heraus Tocqueville lebte und schrieb. Er war
zutiefst davon überzeugt, daß die Demokratie
oder -wie er den Begriff
umschrieb- "die
Gleichheit der gesellschaftlichen
Bedingungen", auch "die soziale
Revolution" genannt, zum unaufhaltbaren
Schicksal Europas, vielleicht der Welt werden
würde. Er beklagt das weder, noch macht er sich
diesbezüglich irgend etwas vor. Er bekennt sich
zur Demokratie, obwohl er wie kaum ein zweiter
die Gefahren sieht, die mit ihr
heraufkommen -aber wo
wäre menschliche Geschichte, wo wäre
menschliche Existenz ohne Gefahr?! "Wer
annimmt", so schreibt er in der Einleitung
zu seinem Hauptwerke, "ich wollte ein
Loblied auf Amerika anstimmen, täuscht sich
sehr; wer dieses Buch liest, wird sich
überzeugen, daß ich das durchaus nicht
beabsichtigte; ebensowenig hatte ich vor, die
Regierungsform der Amerikaner im allgemeinen
anzupreisen; denn ich gehöre zu denen, die
glauben, daß es in den Gesetzen kaum jemals
etwas absolut Gutes gibt; ich habe nicht einmal
daran gedacht, zu entscheiden, ob die soziale
Revolution, die ich für unwiderstehlich halte,
für die Menschheit vorteilhaft oder verderblich
ist; ich habe diese Revolution als eine
vollzogene oder doch sich vollziehende Tatsache
genommen und habe mir unter den Völkern, die sie
bei sich erlebt haben, dasjenige ausgesucht, bei
dem sie die Entwicklung am vollständigsten und
am friedlichsten durchgemacht hat, um hier klar
ihre natürlichen Folgen zu untersuchen und
womöglich die Mittel zu finden, wie man sie für
die Menschen fruchtbar machen kann...". Und
er beendet seine Einleitung mit den folgenden
Worten: "Zum Abschluß möchte ich selbst
darauf aufmerksam machen, was viele Leser für
den Hauptfehler des Werkes halten werden. Das
Buch bekennt sich durchaus zu niemandes
Gefolgschaft; ich hatte, als ich es schrieb,
weder im Sinn, einer Partei gefällig zu sein,
noch eine Partei anzugreifen; ich wollte nichts
anderes, nur weiter als die Parteien; und
während sie sich mit dem Morgen beschäftigen,
galt meine Aufmerksamkeit der Zukunft". In
diesen Sätzen zeigt sich das, was Carl Jacob
Burckhardt die verhaltene Leidenschaft
Tocquevilles genannt hat. Eine Verhaltenheit
gegenüber allem, was ihm geschichtlich begegnet,
eine Verhaltenheit, die dem Ungewohnten und Neuen
gegenüber eine Verhaltensweise ohne Vorurteile
sein will. Deshalb der kritische, scharfe Blick,
unvoreingenommen allem gegenüber, solange es
nicht mit dieser Verhaltenheit analysiert ist.
Die Analyse jedoch erfolgt im Hinblick auf einen
Wert, dem die Leidenschaft Tocquevilles gilt: der
Freiheit! an der er -nach
den Worten eines seiner
Zeitgenossen- "hing
wie Pascal an seinem Kreuz", der Freiheit,
um deren Zukunft er bangte. Eine Verhaltenheit,
die im Dienste der Freiheit auf dem Sprung liegt,
auf der Lauer gleichsam, nichts verdammend,
solange es in seiner möglichen Bedeutung oder
aber auch Gefahr für die Freiheit nicht erkannt
ist.
Gestatten
Sie mir nun, daß ich Ihnen den Analytiker der
Demokratie Alexis de Tocqueville vorstelle an
Hand des 7. Kapitels des zweiten Teiles des
ersten Bandes von "De la Démokratie en
Amerique", in dem der Verfasser die
Omnipotenz der Mehrheit in den Vereinigten
Staaten sowie deren Wirkungen untersucht.
Die
Tendenz zur unumschränkten Herrschaft der
Mehrheit liege im Wesen der Demokratie, so führt
Tocqueville auf Grund seiner
soziologisch-politologischen Studien in den USA
aus; denn außerhalb der Mehrheit könne sich in
der Demokratie nichts behaupten. Diese Herrschaft
sei in der Vorstellung der Amerikaner dadurch
moralisch begründet, daß bei einer Vereinigung
vieler Menschen mehr Bildung und Weisheit zu
finden sei als bei einem einzelnen. Hier habe man
es also mit der Theorie der Gleichheit in ihrer
Anwendung auf den Verstand zu tun. Die
Vorstellung, die Mehrheit habe vermöge ihrer
Einsicht das Recht, im Staate zu herrschen,
hätten schon die ersten Einwohner der USA
dorthin mitgebracht. Sie sei heute in den Sitten
der Amerikaner eingegangen, und man könne sie
bis in deren kleinste Lebensgewohnheiten hinein
verfolgen. Die solcherart moralisch begründete
Herrschaft der Mehrheit fuße ferner auf dem
Grundsatz, daß die Interessen der größeren
Zahl denen der kleineren vorzugehen hätten. Und
letztlich erkannten alle Parteien die Rechte der
Mehrheit willig an, da sie hofften, eines Tages
die gleichen Rechte selber, zu ihrem eigenen
Vorteil, ausüben zu können. "In den
Vereinigten Staaten", so stellt Tocqueville
fest, "hat daher die Mehrheit eine enorme
tatsächliche und eine fast ebenso große Macht
der Überzeugung; und sobald über eine Frage die
Mehrheit erst einmal zustandegekommen ist, gibt
es sozusagen nichts, was ihren Gang hemmen,
geschweige denn zum Stillstand bringen könnte,
nichts was ihr Zeit ließe, die Klagen derer
anzuhören, die sie auf ihrem Wege zermalmt. Die
Folgen dieses Sachverhaltes für die
Zukunft", schreibt Tocqueville, "sind
unheilvoll und gefährlich".
Welches
sind die augenscheinlichsten Folgen?
Mängel,
die auf den Wegen der Demokratie beruhten,
wüchsen zugleich mit der Macht der Mehrheit. Da
es z. B. im Wesen der Demokratie liege, immer
neue Menschen zur Macht gelangen zu lassen, sei
die Unbeständigkeit der Gesetzgebung ein mit der
Demokratie untrennbar verbundener Mangel. Da die
Mehrheit in den USA beinahe allmächtig sei und
ihr Wille sich in einer schnellen und keiner
Rechenschaft bedürftigen Art durchsetze, würden
nicht nur die Gesetze unbeständig, sondern auch
Gesetzesvollziehung und das Handeln der
Verwaltung in der gleichen Weise beeinflußt.
Der
Grundsatz, daß im Bereiche der Herrschaft die
Mehrheit eines Volkes das Recht habe, schlechthin
alles zu tun, sei für gottlos und abscheulich zu
halten. Andererseits könne es in einer
Demokratie nicht anders sein, als daß alle
Gewalt im Staate aus dem Willen der Mehrheit
abgeleitet würde. "Widerspreche ich mir
damit selbst?" fragt sich der Verfasser, um
sogleich die folgende Antwort zu geben: "Es
gibt ein allgemeines Gesetz, das nicht bloß von
der Mehrheit irgendeines Volkes, sondern von der
Mehrheit aller Menschen, wenn nicht aufgestellt,
so doch angenommen worden ist. Dieses Gesetz ist
die Gerechtigkeit." Und er pointiert:
"Das Recht einer jeden Mehrheit findet seine
Grenze an der Gerechtigkeit."
Wenn
daher jemand einem ungerechten Gesetz den
Gehorsam verweigere, so spreche er damit
keineswegs der Mehrheit das Recht ab, zu
befehlen, sondern er appelliere lediglich an die
Souveränität der Menschheit, die alle Rechte,
das der Mehrheit sowohl als auch die der
Minderheiten, einschließe. "Was ist denn
die Mehrheit im ganzen genommen anderes als ein
Individuum mit Ansichten und Interessen, die
meistens denen eines anderen Individuums, genannt
Minderheit, zuwiderlaufen?"
Und nun
erscheint -ohne einen
Versuch zur Verwischung oder gar Aufhebung der
Antinomie zwischen einzelnen und der die Macht
ausübenden Mehrheit-
diejenige Leidenschaft Tocquevilles zur Freiheit,
an der sich Nützlichkeit oder Schädlichkeit
staatlicher Gepflogenheiten für den freien
Menschen zu beweisen haben: "Ich bin der
Meinung, daß man an irgend einer Stelle immer
eine staatliche Gewalt einsetzen muß, die allen
anderen übergeordnet ist, aber ich sehe darin
eine Gefahr für die Freiheit, wenn diese Gewalt
auf kein Hindernis stößt, das ihren Gang
aufhalten und ihr Zeit geben kann, sich selbst zu
mäßigen. Ich halte die Allmacht für in sich
schlecht und gefährlich. Ihre Ausübung scheint
mir die Kräfte jedes Menschen zu übersteigen:
und nur Gott kann, soweit ich sehe, gefahrlos
allmächtig sein, da seine Weisheit und seine
Gerechtigkeit jederzeit groß sind wie seine
Macht. Es gibt auf Erden keine an sich selbst so
ehrwürdige, keine mit so geheiligtem Recht
ausgestattete Macht, daß ich sie unkontrolliert
handeln und ungehindert herrschen lassen wollte.
Sobald ich daher sehe, daß man das Recht und die
Möglichkeit, schlechthin alles zu tun,
irgendeiner Macht zugesteht, man mag sie nun Volk
oder König, Demokratie oder Aristokratie nennen,
man mag sie in einer Monarchie oder in einer
Republik ausüben, sobald ich das sehe, sage ich:
das ist der Keim zur Tyrannei, und ich werde
versuchen, unter anderen Gesetzen zu leben."
Die
Organisation der demokratischen Regierung in den
USA, so führt Tocqueville fort, sei nicht etwa
schwach, wie manche Europäer einwendeten, die
damit die Demokratie überhaupt treffen wollten,
sondern ihre Kraft sei ganz unwiderstehlich. Es
sei der geringe Schutz gegen die Tyrannei, was
ihn, den Berichter, in Amerika am meisten
abstoße. An wen sollte sich z. B. ein Mensch
oder eine Partei wenden, die eine Ungerechtigkeit
erführen? Wenn die staatlichen Instituitionen
von der allmächtigen Mehrheit beherrscht
würden, dann vielleicht an die öffentliche Meinung. Aber auch sie wird von der Mehrheit
gebildet. Überall also die Mehrheit und ihre
Allmacht. Sogar das Militär ist nichts anderes
als die bewaffnete Mehrheit. Wie ungerecht und
unvernünftig eine Maßnahme, die uns treffen
kann, auch sei: unter derartigen Umständen
müssen wir uns fügen.
Und
Alexis de Tocqueville berichtet in Form einer
Anmerkung die folgende Begebenheit, die ich wegen
ihres für mein Thema relevanten Aussagewertes
wörtlich zitiere: "Einen Bürger von
Pennsylvanien habe ich", so heißt es,
"einmal gefragt: 'Bitte, erklären Sie mir
doch, warum in einem Staat, der von den Quäkern
gegründet und der bekannt ist für seine
Toleranz, die freien Neger nicht zur Ausübung
der staatsbürgerlichen Rechte zugelassen sind.
Sie zahlen Steuern, ist es da nicht billig, daß
sie auch wählen?' 'Bitte, beleidigen Sie uns
nicht durch die Annahme', antwortete mein Mann,
'unsere Gesetzgeber würden einen so groben Akt
der Ungerechtigkeit und Intoleranz begangen
haben.' 'So haben also bei Ihnen die Schwarzen
das Wahlrecht?' 'Ohne jeden Zweifel.' 'Aber woher
kommt es dann, daß ich heute morgen unter der
Wählerschaft nicht einen einzigen Neger gesehen
habe?' 'Das ist nicht die Schuld der Gesetze',
sagte mir der Amerikaner, 'die Neger haben schon
das Recht, sich an der Wahl zu beteiligen, aber
sie sehen freiwillig davon ab, dort zu
erscheinen.' 'Das ist aber eigentlich ziemlich
bescheiden von ihnen.' 'Oh, nicht daß sie sich
etwa weigerten, dorthin zu gehen, aber sie haben
Angst, daß man sie mißhandelt. Es kommt
nämlich bei uns manchmal vor, daß ein Gesetz
sich nicht auswirken kann, weil die Mehrheit es
nicht unterstützt. Nun hat aber die Mehrheit die
größten Vorurteile gegen die Neger, und die
Justiz ist nicht imstande, ihnen die Rechte zu
gewährleisten, die ihnen der Gesetzgeber
zugestanden hat.' 'Wie? Die Mehrheit, die das
Vorrecht hat, das Gesetz zu erlassen, will auch
noch das Vorrecht haben, ihm nicht zu
gehorchen?'" -
Die
Allmacht der Mehrheit führe zu einem
"legalen Despotismus" des Gesetzgebers,
Regierte wie Regierende würden von ihr
gleicherweise kontrolliert, die Beamten würden
von ihr als Werkzeuge betrachtet und sie
verließe sich darauf, daß die Beamten
ihre -der Mehrheit-
Absichten unterstützen.
Die verschiedenen im Staate vorhandenen Gewalten
seien in Wahrheit eine einzige in der Hand der
Mehrheit. So bildeten sich im Schoße der
Freiheit Gewohnheiten, die für sie eines Tages
verderblich werden könnten.
Noch
verderblicher als diese Mittel äußerer Despotie
sei jedoch der Einfluß der Mehrheit auf das
Denken. Diese unsichtbare und
-wie Tocqueville
illusionslos nüchtern sagt-
"fast"
ungreifbare Macht habe bisher sogar der äußeren
Macht der Könige gespottet, denn diese hätten
zwar das Handeln der Menschen zu erreichen
vermocht, nicht dagegen ihren Willen. Anders die
Omnipotenz der Mehrheit: sie sei mit einer
äußeren wie zugleich mit einer inneren Macht
ausgestattet, die auf den Willen wie auf das
Handeln einwirke und die Tat wie zugleich das
Wollen der Tat vereitle. Einen drohenden Kreis
ziehe die Mehrheit um das Denken, innerhalb
dessen z. B. ein Schriftsteller frei sei, dessen
Grenzen zu überschreiten er allerdings nicht
wagen könne. Zwar habe er kein Autodafé zu
fürchten, sei aber allen erdenklichen
Unannehmlichkeiten und täglichen Nachstellungen
ausgesetzt. Die politische Laufbahn sei ihm
verschlossen, denn er habe die einzige Gewalt,
die sie ihm eröffnen könnte, beleidigt. Bevor
er seine Ansichten veröffentlichte, habe er
Anhänger gehabt, die sich nun, da er sich allen
entdeckte, zurückzögen und entfernten. Das
Ende: "Er gibt nach", so schreibt
Tocqueville wörtlich, "erliegt schließlich
dem täglichen Ansturm und zieht sich ins
Schweigen zurück, als hätte er ein schlechtes
Gewissen, die Wahrheit gesagt zu haben."
Unter
der absoluten Herrschaft eines Einzelnen habe der
Despotismus, um den Geist zu treffen, den Körper
geschlagen - eine grobe Methode, gewiß; aber der
Geist habe sich nicht selten unter den Schlägen
erhoben und habe über den Despotismus
triumphiert. In den demokratischen Republiken
dagegen gehe die Tyrannei ganz anders zu Werke:
sie kümmere sich nicht um den Körper, sondern
gehe unmittelbar auf den Geist los. Ich zitiere
wieder wörtlich: "Der Machthaber sagt hier
nicht mehr: "Du denkst wie ich, oder du
stirbst", er sagt: "Du hast die
Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben,
Vermögen und alles bleibt dir erhalten: aber von
dem Tage an bist du ein Fremder unter uns. Du
wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird
dir nicht mehr nützen; denn wenn du von deinen
Mitbürgern gewählt werden willst, werden sie
dir ihre Stimme verweigern, ja, wenn du nur ihre
Achtung begehrst, werden sie so tun, als
versagten sie sie dir. Du wirst weiter bei den
Menschen wohnen, aber deine Rechte auf
menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem
unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er
dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst
wer an deine Unschuld glaubt, wird dich
verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in
Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist
schlimmer als der Tod."
In einem
staatlichen Aufbau wie dem der amerikanischen
Staaten, in dem die Mehrheit so unbeschränkt und
unwiderstehlich herrsche, daß man gewissermaßen
auf seine Bürgerrechte, ja auf seine
Menschenqualität verzichten müsse, wolle man
sich dort von dem Weg entfernen, den die Mehrheit
vorgezeichnet habe, treffe man auf mehr
Höflingsgeist als in Despotien der
Vergangenheit. Zwar gäben die Bürger des
demokratischen Staates ihrem Herrscher, der
Mehrheit, nicht ihre Frauen und Töchter preis,
auf daß er sie aus Gnade zum Range seiner
Mätressen erhöbe; aber indem sie ihm ihre
Meinungen zum Opfer brächten, prostituierten sie
sich selbst. Er kenne, so schreibt Tocqueville,
nur einen Weg, zu verhindern, daß die Menschen
sich selbst herabwürdigten: wir dürften niemand
mit der Allmacht zugleich die unbeschränkte
Gewalt einräumen, die Menschen zu erniedrigen.
In der
Allmacht der Mehrheit liege zugleich die größte
Gefahr für den Fortbestand der amerikanischen
Demokratie. Denn wenn in Amerika die Freiheit
jemals verlorengehen sollte, dann wird die
allmächtige Mehrheit schuld daran sein, da sie
die Minderheiten zur Verzweiflung gebracht haben
werde, ihre Zuflucht zur äußeren Gewalt zu
nehmen. Dann werde als Folge des Despotismus die
Anarchie eintreten.
Was
könnte getan werden, um diese erschreckenden
Tendenzen an ihrer weiteren Entwicklung zu
hindern? Wie könnte man die AllgewaIt der
Mehrheit, die die Demokratie und damit die
Freiheit bedrohe, hemmen und einschränken?
Alexis de Tocqueville beruft sich auf ein Wort
des US-Präsidenten James Madison (Amtszeit
1809-17), nach dem es für demokratische
Republiken von großer Wichtigkeit sei, nicht nur
die Gesellschaft vor der Unterdrückung durch die
Regierenden zu bewahren, sondern auch jeweils den
einen Teil der Gesellschaft gegen die
Ungerechtigkeit des anderen zu schützen.
Dasjenige Ziel, auf das die Regierung hinarbeiten
müsse, sei die Gerechtigkeit. Sie sei das Ziel,
das die Menschen sich setzten, wenn sie sich
zusammenschlössen. Die Völker haben dieses Ziel
immer angestrebt und werden es weiter anstreben,
bis sie es entweder erreicht oder ihre Freiheit
verloren haben.
Diese
Gerechtigkeit darf nicht nur eine Idee bleiben,
sondern es muß versucht werden, die Zustände
auf Erden nach ihr zu verwirklichen. Dafür sind
drei Dinge nötig: erstens muß die Gerechtigkeit
als ein Anspruch vernommen werden; zweitens
müssen Recht und Gesetz von ihr her und auf sie
hin gestaltet werden; und drittens muß es
kundige SachwaIter des dermaßen abgeleiteten
positiven Rechts geben.
Tocqueville
sieht denn auch in der amerikanischen
Juristenschaft das zu seiner Zeit mächtigste, ja
sozusagen einzige Gegengewicht gegen die von der
Allmacht der Mehrheit bedrohte Demokratie. Durch
das Recht, Gesetze für verfassungswidrig zu
erklären, so schreibt er, dringe der
amerikanische Richter in einem fort in die
Tagespolitik ein. Zwar könne er das Volk nicht
zwingen, Gesetze zu erlassen, aber er zwinge es
wenigstens dazu, von den bestehenden Gesetzen
nicht abzuweichen und sich selbst treu zu
bleiben. Im Volke gäbe es zwar geheime
Bestrebungen, die richterliche Macht
einzuschränken, aber sicherlich werde man eines
Tages bemerken, daß diese Bestrebungen nicht nur
die richterliche Gewalt, sondern die
demokratische Republik selbst in Frage stellten.
Hier
stellt sich nun die Frage ein, wieso die zur
Ausweitung ihrer Allmacht tendierende Mehrheit
denn einer derartigen Einsicht und Erkenntnis
willig sein sollte, da diese ja doch die
Einschränkung ihrer selbst zur Folge haben müßte.
Die
Antwort auf diese Frage erhalten wir aus einem
Kapitelabschnitt, der überschrieben ist
"Die Geschworenenbank als politische
Institution". Der Juristenschaft, so etwa
gehen die Überlegungen Tocquevilles, komme
weniger die ausschließliche Rolle zu, über die
Rechtmäßigkeit aller Handlungen im Staate zu
wachen, sondern sie habe insbesondere eine
erzieherische Aufgabe. Indem in Amerika alle
wahlberechtigten Bürger Geschworene werden
könnten, teile sich den zur Geschworenenbank
berufenen Bürgern eine Menge von den
Gewohnheiten und von der Geisteshaltung der
Richter mit; und genau diese Gewohnheiten
befähigten das Volk am besten zur Freiheit.
Durch diese Einrichtung werde die Achtung für
den entschiedenen Fall und die Idee des Rechts in
alle "Klassen" getragen; ohne das sei
die Freiheitsliebe nur eine zersetzende
Leidenschaft. Die Geschworenenbank lehre die
Menschen die Praxis der Billigkeit. Jeder, der
über seinen Nachbarn zu Gericht sitze, denke
daran, daß auch er eines Tages verurteilt werden
könnte. So trage diese Institution viel dazu
bei, das Urteil des Volkes zu schärfen und seine
natürliche Bildung zu vermehren; sie sei wie
eine kostenlose und stets offene Schule, in der
die politische Reife erworben werden könne.
"So ist", damit beschließt Tocqueville
diese Untersuchung, "die Geschworenenbank,
die das wirksamste Mittel ist, das Volk regieren
zu lassen, auch das wirksamste Mittel, es das
Regieren zu lehren."
Ich
fasse zusammen: Alexis de Tocqueville sieht in
der Entwicklung zur Demokratie das Schicksal für
die Völker dieser Erde. Diese Entwicklung wird
von ihm bejaht, weil er sich überzeugen konnte,
daß sie vielen Menschen, vielleicht allen, die
Freiheit ermöglicht, nicht nur wenigen, wie in
den absoluten Herrschaften
der -von ihm aus gesehen-
jüngsten europäischen
Geschichte. Dabei ist Tocqueville weit davon
entfernt, aus der Demokratie eine Ideologie oder
einen Glaubensartikel zu machen, ganz im
Gegenteil: er steht ihr außerordentlich
skeptisch und kritisch gegenüber, da er die
Gefahren und Schwächen dieser Staatsform
überaus deutlich wahrnimmt. Denn so wie die
Demokratie die Freiheit in einem bisher
ungekannten Maße ermöglicht hat, hat sie
andererseits die Unfreiheit in bisher ungeahntem
Maße ermöglicht. Wie eine Demokratie einerseits
auf die Teilnahme der Mehrheit an ihren
Geschicken, auf Mehrheitsentscheidungen nicht
verzichten kann, so droht gerade von der Allmacht
dieser Mehrheit eine Tyrannis, die sich nicht nur
auf das Äußere des Menschen auswirkt, sondern
die auch sein Denken in einer totalen,
allumfassenden Weise ergreift. Es wird deutlich,
daß es Tocqueville gar nicht um die Demokratie
als Selbstzweck geht, sondern um sie als das zur
Zeit brauchbarste -wenn
auch gefährlichste-
Mittel, den Menschen zu dem zu verhelfen, was sie
in ihrem Grunde sind: zur Freiheit. Da man es bei
alledem mit der Wirklichkeit zu tun hat, die man
auf die Freiheit hin anzulegen und zu gestalten
hat, und da man dazu Macht benötigt, sollte man
diese Macht auf verschiedene Gewalten im Staate
aufteilen. Aber die Macht
hat -insbesondere in
einer
Majoritäts-Demokratie-
die Tendenz, die zum Zwecke ihrer Teilung
errichteten Trennwände zu durchfressen und in
den Händen der Mehrheit zur Allmacht
zusammenzufließen. Das zu verhindern, da die
Freiheit auf dem Spiel steht, bedürfe es einer
Besinnung auf die Idee der Gerechtigkeit, die
zuerst von der Juristenschaft, später jedoch,
nachdem diese auf das Volk erzieherisch gewirkt
habe, von allen Bürgern geleistet und zur
allgemeinen Richtschnur des politischen Handelns
werden sollte.
Es soll
und kann nun heute nicht darauf eingegangen
werden, wie sich das von Tocqueville
angeschnittene Grundproblem eines möglichst
freiheitlichen Staatslebens im heutigen Amerika
stellt. Es kann auch nicht untersucht werden, was
sich von damals bis heute zum Positiven wie zum
Negativen verändert und gewandelt hat. Es kann
aber wohl behauptet werden, daß die Tatsache
eines nominellen Fortbestehens der amerikanischen
Demokratie bis in unsere Zeit allein noch kein
Beweis dafür ist, daß die Gefahr für die
Freiheit in ihr gebannt wäre. Die Auswirkungen
des technischen Zeitalters auf den Menschen
unserer Tage in Richtung seiner zunehmenden
Verdinglichung und Verfügbarkeit, erleichtert
durch die diffizilen Techniken der Beeinflussung
und Manipulierung, lassen eher das Gegenteil
befürchten.
Erinnern
wir uns daran, worum es Tocqueville ging, als er
seine amerikanischen Studien betrieb und deren
Ergebnisse aufzeichnete: es ging ihm um die
Anwendung der dort zu findenden Tendenzen auf die
staatliche und soziale Welt Frankreichs. Ich
glaube ganz im Sinne dieses Schriftstellers zu
verfahren, wenn ich am Schluß meines Vortrags
versuche, das über die amerikanische Demokratie
ums Jahr 1830 modellhaft Ausgesagte auf unsere
eigene staatliche Wirklichkeit anzuwenden, die
als Demokratie zu bezeichnen wir uns in
mißtrauisch stimmender Selbstverständlichkeit
gewöhnt haben. Ich beschränke mich dabei auf
zwei Fragen:
1. gibt
es in unserer "Demokratie" Tendenzen,
die denen von Tocqueville mit "Allmacht der
Mehrheit" bezeichneten entsprechen?
2. wie
steht es bei uns mit der Idee der Gerechtigkeit?
Ist sie bei uns lebendig? Gibt es Anzeichen
dafür, daß sie den Handlungen der Bürger
unseres Staates zugrundeliegt - oder hat sie
keine Chance gegenüber der Entwicklung zur
unbeschränkten Allmacht der Mehrheit? Kurz: wie
steht es bei uns mit dem Rechtsstaat?
Ich
möchte mit einer Beobachtung beginnen, die auf
den ersten Blick nichts Verfängliches zu haben
scheint, insbesondere deshalb nicht, weil es im
alltäglichen Sprachgebrauch nichts
Ungewöhnliches ist, komplizierte Sachverhalte in
Abbreviaturen zusammenzuziehen und sie dadurch
den Zwecken der Sprache als eines auf Raschheit
angewiesenen Verständigungsmittels verfügbar zu
machen. So bezeichnen wir unsere Staatsform, die
in einer von Völkern mit demokratischer
Tradition als vorbildlich bezeichneten Verfassung
gründet, schlicht und einfach als
"Demokratie". Schaut man in die
Verfassung, das Grundgesetz für die
Bundesrepublik Deutschland, hinein, so findet
man, daß unsere Staatsform dort nicht
"Demokratie" genannt wird,
sondern -nimmt man die
sie kennzeichnenden Stellen
zusammen- zu umschreiben
ist als eine Republik, die "ein
demokratischer und sozialer Bundesstaat" ist
(GG Art. 20, 1). In dieser Definition ist die
"Demokratie" als ein zwar
unerläßliches, aber doch nur als ein
bestimmendes Element, noch dazu in Form eines
Attributs enthalten. Diesem Attribut gleichwertig
nebengeordnet steht das andere Attribut
"sozial", das in der bei uns üblichen
Charakterisierung unserer Staatsform kaum oder
gleich überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Der
als Substantiv in Erscheinung tretende
Hauptbegriff in der Definition des Art. 20, 1 ist
"Bundesstaat" und weist als solcher
eindeutig auf die föderalistische Struktur
unseres Staates hin. Föderalismus aber ist in
weiten Kreisen der bundesdeutschen Bevölkerung
beinahe anrüchig, assoziiert Vorstellungen von
"Uneinigkeit" und - deshalb -
"Schwäche" (die man nicht liebt,
vielleicht weil man sie in sich selbst spürt),
von "mangelnder Einsicht und Harmonie",
ja, steht den Angst und Schauder einflößenden
deutschen Vorstellungen von
"Zersetzung" wohl ziemlich nahe. In
dieser als weit verbreitet zu beobachtenden
Reaktion vermutet der Historiker eine verborgene,
durch die deutsche Geschichte eingelernte,
schließlich ins Emotionale verwurzelte Abneigung
gegen die Mühe der
"Auseinandersetzung" im Sinne eines
Streitens um die möglichst optimale Lösung
eines anstehenden Problems; wobei der Begriff
"Streit" wiederum schon immer in die
Nähe von "Anarchie" und
"Ordnungslosigkeit", vielleicht sogar
einer wutverzerrten Gewalttätigkeit gerät -
wobei anzumerken wäre, daß man vor ihr durchaus
dann nicht zurückschreckte, wenn es galt, sie im
Sinne und zu Nutz und Frommen des beseelten Werts
der "Einigkeit" anzuwenden, deren
wahrer Kern damit als hinlänglich decouvriert
erscheint.
Hinter
derartigen Reaktionen darf man die Furcht
vermuten, sich dem Anderen auszusetzen, und zwar
furchtlos, eher in dem zutiefst begründeten
Vertrauen, daß eine letzte Gemeinsamkeit davor
schützen könnte, verachtungsvoll über einander
hinwegzugehen. Es steckt dahinter die
Bequemlichkeit, eine eigene Gewissensentscheidung
zu treffen oder -wenn man
sie doch getroffen hat-
diese im Miteinanderringen der Gegensätze einer
Prüfung auszusetzen. Diese letztgenannte Haltung
fehlt, sie wurde bei uns bisher auch zu wenig
gelernt. Da mag es uns trösten, daß sie auch in
Gesellschaften mit längerer Tradition
freiheitlichen Staatslebens nicht unbedingt
selbstverständlich ist, sondern immer
unabgeschlossen und aufgegeben bleibt.
Der
Absatz 2 Art. 20 GG besagt: "Alle
Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie (i. e. die
Staatsgewalt) wird vom Volke in Wahlen und
Abstimmungen und durch besondere Organe der
Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der
Rechtsprechung ausgeübt". Das sind höchst
wichtige Festsetzungen. Sie konstituieren nicht
nur die Volkssouveränität, nicht nur den Modus,
wie sich diese Volkssouveränität in bestimmtem
zeitlichen Rhythmus aktualisiert (Wahlen), nicht
nur die sog. Gewaltenteilung in Legislative,
Exekutive und Judikative, sondern sie stellen
wesentlich mehr fest: erstens eine nicht in
festen Zeitabständen erfolgende Aktualisierung
der Volkssouveränität, nämlich in Form einer
je nach Umstand und Lage möglichen
"Abstimmung"; zweitens enthält der
Abs. 2 Art. 20 GG nichts darüber, daß nach
erfolgter Wahl oder Abstimmung die Staatsgewalt
nicht mehr beim Volke läge.
Der Abs.
3 Art. 20 GG besagt: "Die Gesetzgebung ist
an die verfassungsmäßige Ordnung, die
vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind
an Gesetz und Recht gebunden". Dem
korrespondiert Art. 1, 3 GG: "Die
nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung,
vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als
unmittelbar geltendes Recht."
Auch
ohne eingehendere Erläuterungen dieser
Verfassungsartikel wird klar, daß mit ihnen die
Rechtsstaatlichkeit unseres Staates eindeutig
ausgesprochen ist.
Wollte
man daran gehen, die Form unseres Staatswesens
genau zu bestimmen, so müßte man etwa sagen:
unser Staat ist eine Republik, die durch folgende
Merkmale bestimmt wird: Demokratisch, sozial,
föderalistisch; in ihr liegt alle Gewalt beim
Volke und geht alle Gewalt vom Volke aus; die auf
Zeit einzelnen Organen übertragene Gewalt ist
geteilt; die Republik ist ein Rechtsstaat, der im
letzten auf unveräußerlichen, letzte
menschliche Werte umfassenden Grundrechten
beruht, deren keines "in seinem Wesensgehalt
angetastet werden" darf (Art. 19, 2 GG).
Wenn
unser Staat seiner Verfassung nach ein derartig
kompliziertes, aber wohldurchdachtes Gebilde ist,
und wenn man schon einen derartig vielschichtigen
Sachverhalt zum Zwecke der raschen Verständigung
mit einer Abbreviatur bezeichnet, dann ist es
merkwürdig, daß man dafür ausgerechnet das
Wort "Demokratie" verwendet, wo es doch
ebenso das Wort "Rechtsstaat" oder ein
anderes hätte sein können, das für die
Kennzeichnung unseres Staatswesens genauso
richtig und genauso falsch wäre, wie es
"Demokratie" ist. Sieht man einmal von
den Wirkungen einer Tradition
ab -die demokratische
Tradition ist zudem in unserer Geschichte relativ
schwach- so liegt die
Vermutung nahe, daß sich im
Durchschnittsverständnis unserer Bürger unser
Staat im wesentlichen in der
"Demokratie" erschöpft, deren
Verständnis hinwiederum in der wolkigen Form der
"Volksherrschaft"
oder -etwas konkreter-
in der Herrschaft der
Mehrheit gipfelt. Und dieses Verständnis unseres
Staates bewirkt schließlich auch seine
Wirklichkeit, an ihr hält man fest, solange man
zur Mehrheit gehört, unter ihr leidet man,
sofern man einmal nicht zu ihr zählt, wofür die
ein wenig enttäuscht und auch abschätzig
gebrauchte Formulierung "Demokratur"
als Beweis stehen kann.
Die von
Alexis de Tocqueville festgestellte, für die
Demokratie allgemein geltende Gefahr der
Mehrheits-Allmacht erhält in unserem deutschen
Falle einen zusätzlich gefährlichen Akzent und
einen weiteren durch die in unserem, von der
Technik bestimmten Massenzeitalter liegenden
Gefahren für die Freiheit. Viel zu intensiv war
in unserer bisherigen Geschichte die Erziehung zu
Unselbständigkeit und damit
Unverantwortlichkeit. Der Hang zur Autorität, in
Form einer Lehrmeinung oder in anderer Form, ist
noch immer sehr stark. Zwar ist er ein allgemein
menschlicher Hang, insofern in ihm die
Bequemlichkeit -auf eine
ihr selbst eigentlich paradoxe
Art- aktiv ist, und
Tocqueville beobachtete ihn auch in den USA,
deren Bewohner und Bürger ja doch weithin gerade
diejenigen gewesen waren, die Europa wegen ihres
Freiheitsdranges verlassen hatten. Freilich: es
waren die ersten Pioniere nicht mehr, die
Tocqueville auf seinen Reisen durch die USA
antraf, obwohl alter freiheitlicher,
amerikanischer Pioniergeist noch kaum
unvermindert fortlebte und -wirkte. Wie aber
in Europa - oder gar in Deutschland, wo die
"Revolution" zur Freiheit im Jahre 1848
an Schwäche und Auszehrung auf dem Siechbette
endete!?
Unsere
obrigkeitliche Geschichte ist länger als unsere
Geschichte der Freiheit und
Selbstverantwortlichkeit, obwohl es auch diese,
gleichsam im Souterrain, gibt. Unsere
obrigkeitlichen Tugenden sind fester eingewurzelt
als unsere freiheitlichen. Wir gelten geradezu
als ein Ausbund an Ordnungssinn, Disziplin und
hingabewütigem Gehorsam, berühmt dafür in der
Welt, aber auch berüchtigt. Vieles haben wir
damit erreicht, mit einer Hingabe, die etwas von
technischer Perfektion hat. Ausgestattet mit
solchen Sekundärtugenden wie Fleiß,
Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und
Zuverlässigkeit bei allen übertragenen
Arbeiten, sind wir es gewohnt, uns nach
Vorgegebenem zu bewegen, in Sielen und Geschirren
zu gehen, die uns weniger das Gefühl geben,
gefesselt, sondern eher sicher und geschützt zu
sein. Sie zwingen ja nicht nur, sondern man kann
sich auf sie stützen, sich in ihnen hängen
lassen, wenn man müde wird. Zweifellos auch ein
Vorteil.
Auch die
öffentliche Meinung, sofern sie von der Mehrheit
beherrscht wird, ist eine Autorität. Gewöhnt,
der Autorität zu folgen, ihr das Denken zu
überlassen, sich selber darin zu genügen, dabei
zu sein, ist bei uns die Neigung groß, der
Mehrheit eine gleichsam metaphysische Weihe
zuzuschreiben. So bleibt sie nicht nur ein Mittel
der Zweckmäßigkeit, um in einer Gesellschaft
theoretisch Gleicher zu regierungsfähigen
Entscheidungen zu kommen, sondern wird leicht zu
einer Diktatur von für absolut gehaltenen
Meinungen. Das liegt wohl auch daran, daß die
Demokratie bei uns allzu einfach als ein Mittel
angesehen wird, selber in der Mehrheit an der
Herrschaft über die anderen teilzuhaben. Da wir
Deutschen jedoch immer noch eher Mitläufer als
Selbstläufer gewesen sind, ist die Vorstellung
des einzelnen, er sei es, der mit der Mehrheit
herrsche, eine Illusion. Denn die sog.
öffentliche Meinung z. B. ist die geschickte
Manipulation seitens derer, die in Wahrheit die
Herrschenden sind. In ihrem Namen handeln die
Mitläufer eigentlich. Man läßt ihnen diese
Illusion, indem man die Moral verbreitet,
Verantwortung erschöpfe sich darin, übertragene
Aufgaben und Arbeiten möglichst korrekt zu
erledigen - "durchzuführen" ist hier
das treffende Wort. Daß Verantwortung primär
etwas mit dem Gewissen zu tun hat und mit dem,
was man -ohne es völlig
sichtbar machen zu können-
Gerechtigkeit nennt, die
immer wieder mit den prüfenden Kräften des
Gewissens umkreist und umworben sein will - ist
bewußtseinsmäßig weithin unrealisiert. Die
Verantwortung sind wir gewöhnt nicht im Ich,
sondern in einem Über-Ich zu suchen. Ihm
überlassen wir sie gern, selber genügen wir uns
im redlichen Erfüllen des uns Aufgetragenen. Das
Über-Ich kann eine Gruppe, eine Institution, der
Staat, das Volk o. ä. sein, wobei die genannten
Begriffe Schimären sind, Masken des Über-Ichs,
das in Wahrheit in einzelnen besteht, die sich
geschickt hinter solchen Masken verbergen.
Eine
Mehrheit von Gleichen - oder von Gleichgemachten,
die in der schmeichelhaften Illusion leben, zu
herrschen, während sie nur die Sicherheit
erworben haben, ohne eigentliche Verantwortung
leben und korrekt und exakt Aufgebenes erledigen
zu dürfen; durch die Wucht ihrer Masse für den
eigentlichen Herrscher herrschend - sie ist,
obwohl selbst betrogen, doch keine Verheißung
für die Minderheiten und für deren Rechte, die
in der Gerechtigkeit, die für alle gilt,
wurzeln.
Solange
wir es nicht gelernt haben werden, alle
Mitmenschen unter dem Anspruch der Gerechtigkeit,
aber auch unter dem Anspruch auf Gerechtigkeit zu
sehen und unseren Staat als einen Rechtsstaat,
der einzelne und Minderheiten zu schützen hat,
trotz der für die alltägliche politische Praxis
notwendigen Mehrheitsentscheidungen, solange sind
wir nicht der Staat unserer Verfassung, sondern
eben nur eine "Demokratie", die auf dem
Wege zur totalen Diktatur und somit eine Gefahr
für die Freiheit ist.
Wie sehr
unser Denken von rechtsstaatlichen Prinzipien,
die den einzelnen gegenüber der omnipotenten
Mehrheit schützen sollen und die in Form unseres
Grundrechts-Katalogs unveräußerlich sein
sollen, entfernt ist und im Begriff der Mehrheit
das Wesen nicht nur der Demokratie, sondern auch
unseres gegenwärtigen Staates sieht, beweisen
dem Aufmerksamen die täglichen Vorgänge in der
inneren Politik. Es sei mir nicht verübelt, wenn
ich in diesem Zusammenhange auf einen Vorfall zu
sprechen komme, der anfänglich die Wogen der
Erregung hochgehen ließ, dessen Konsequenzen
noch nicht völlig abzusehen sind, der aber
inzwischen erfreulicherweise mit ruhigerem
Temperament diskutiert wird, ich meine den
Schulgebets-Streit in Hessen, den im einzelnen
hier darzulegen ich mir und Ihnen ersparen kann,
da Anlaß, Umstände und Verlauf dieses
Streitfalls zur Genüge bekannt sein dürften.
Ich beabsichtige nicht, Öl in irgend jemands
Feuer zu gießen, nicht, mit Theologen oder mit
im Glauben eifrigen Laien zu hakeln, da ich der
Auffassung bin, dazu bestehe gar keine
Notwendigkeit, weil das so sehr angefeindete
Urteil des Hessischen Staatsgerichtshofes die
Rechte der Kirchen in keiner Weise beschneidet.
Ich beabsichtige auch nicht, in ein sog.
schwebendes Verfahren einzugreifen, wenn ich hier
und heute im Rahmen meines Themas diesen Vorfall
als ein Exempel für das mit Hilfe Tocquevilles
als modellhaft Festgestellte benutze; aber wir
sind schließlich in einer modernen Schule, in
der nicht nur an Stoffen gelernt wird, die zur
Gegenwart nur mehr einen indirekten Bezug haben,
sondern wo die Gegenwart selbst, mit ihren
Problemen und Widersprüchen, zum
interessantesten Stoff kritischer
Auseinandersetzungen wird, deren Ziel es ist,
sich selbst als Mensch in seiner politischen
Dimension zu finden. Um diese politische
Dimension geht es mir auch bei der Erwähnung des
Schulgebetstreits, in die unser Dasein sich
erstreckt, mögen wir uns dessen bewußt sein
oder nicht, mögen wir es bedauern oder nicht.
Wir stehen in ihr, insofern wir nicht für uns
selbst existieren, sondern nolens volens in einem
Gemeinwesen, um dessen für jedermann möglichst
erträgliche Verfassung wir besorgt sein sollten
als dem Rahmen, in dem wir täglich,
erwartungsgemäß viele Jahre lang leben müssen.
Hierbei geht es um einen Rahmen, der für alle
Platz bietet, nicht jedoch darum, wie sich der
einzelne seinen Platz, der ihm sicher ist,
gestaltet.
Mehrheit
in ihrem Streben zur Allmacht sowie die auf
unantastbaren Grundsätzen beruhende
Rechtsstaatlichkeit, beider gespanntes
Verhältnis sowie die Gefahren, die bei einer
einseitigen Auflösung dieser Spannung für die
Freiheit entstehen - sie sind das Thema dieses
Vortrags. Es stimmte bedenklich, als auf dem
ersten - und hoffentlich letzten - Höhepunkt des
Streits um das Schulgebet von höchsten
kirchlichen Stellen, ja von den Kanzeln der
Kirchen herab aus schönstem Mißverständnis des
Sachverhaltes behauptet wurde, durch das Urteil
des Staatsgerichtshofes sei es Minderheiten
möglich geworden, der Mehrheit ihren Willen
aufzuzwingen.
Ich
möchte zum Schluß einige Thesen formulieren aus
der Haltung dessen, der jedem die Freiheit
eingeräumt wissen möchte, seinem Gewissen zu
folgen:
1.
Einzelne Bekenntnischristen reagieren, als habe
das Staatsgerichtshofsurteil ihre Rechte
geschmälert. In Wahrheit ist bestehenden
Verfassungsgrundsätzen zu ihrem Recht verholfen
worden. Diese Grundsätze aber enthalten statt
Angriffen auf Christen nur Garantien,
Sicherheiten, Gewährleistungen. Allerdings nicht
mehr als für sog. Nichtchristen.
2. Durch
diesen Gleichstand im Raume öffentlicher
Einrichtungen sehen sich einzelne Christen
angegriffen. Diese Reaktion erweckt bei
Nichtchristen den Eindruck, als gehe es mehr um
den politischen Willen zur Herrschaft als um den
christlichen Glauben.
3. Die
Christen pochen auf das Recht der Majorität. Sie
vergessen dabei, daß Grundrechte berührt
werden, durch die der einzelne und seine
Gewissens- und Glaubensfreiheit geschützt sind.
Wo es sich um Gewissensentscheidungen handelt,
kann nicht nach der Quantität gemessen werden.
Die Würde eines einzelnen ist nicht geringer als
die Würde vieler. Eine Majorisierung auf dem
Gebiete des Glaubens ist unzulässig.
4. Beim
Glauben geht es nicht nur um den Menschen,
sondern insbesondere um Gott. Er jedoch ist die
ganz andere Qualität. Bei ihm geht es nicht,
daß man ihn addiert oder summiert. Gottes
Gewicht nach der Anzahl derer zu bestimmen, die
an ihn glauben, wäre ein Sakrileg. Man kann Gott
nicht aufteilen, kann ihn nicht achteln,
vierteln, halbieren. Gott ist Gott. Er ist Einer
und immer derselbe. Er ist Einer und immer ein
Ganzer, ob und wie er sich im Gewissen eines
einzelnen meldet oder in den Gewissen von
Millionen.
In
Wahrheit sind durch das Staatsgerichtshofsurteil
im politischen Raum, der allen Bürgern unseres
Staates gleichermaßen offensteht, keine neuen
Vorrechte geschaffen, vielmehr alte, die nach
Maßgabe der in Kraft befindlichen Verfassung als
usurpierte gelten mußten, abgeschafft worden.
Davon sind die verschiedenen Kirchen, Glaubens-
und Weltanschauungsgemeinden innerhalb ihrer
eigenen Bereiche, die ausdrücklich
grundrechtlich geschützt sind, in keiner Weise
betroffen.
Das dem
flüchtigen Blick sehr äußerlich, formal und
inhaltlich unbestimmt erscheinende Grundrecht auf
Glaubens- und Gewissensfreiheit enthüllt sich
bei näherem Zusehen als eine Schöpfung
bewunderungswürdiger humaner Weisheit, die
zugleich den einzelnen in völliger
Zwangslosigkeit dazu aufruft, eine ähnliche
Haltung einzunehmen. Das Wissen um die
Unverletzlichkeit des einzelnen
könnte -trotz des
Pluralismus der nebeneinanderstehenden,
verschiedenen Glaubens- und
Gewissensentscheidungen-
zu einer Duldung erziehen, die die
unangefochtenen Einzelentscheidungen in dem
Wissen um eine sie überwölbende Gemeinsamkeit
"aufhebt". Eine Gemeinsamkeit, um die
es den Wortführern gegen den Individualismus
sonst immer so dringlich zu tun ist. Hier wäre
es nun aber eine Gemeinsamkeit, die trotz und
wegen der Einzelentscheidungen existierte.
Die als
Buchstabe vorhandene Verfassung mit ihren
Grundrechten kann uns dabei helfen, wenn wir uns
für sie verantwortlich fühlen und unseren Staat
nicht nur als eine "Demokratie" im
Sinne einer alle Bereiche des menschlichen Lebens
durchtränkenden und sie in ihrem Eigensein
lähmenden Herrschaft der Mehrheit verstehen.
Betrachten wir die Grundrechte nicht als Fessel
für unsere insgeheimen Neigungen zur
Beherrschung anderer, sondern als eine weise
Stütze unserer menschlichen Schwachheit, die zur
Hervorbringung einer so weitgehenden Duldung aus
sich selber nicht immer imstande wäre. Seien wir
diesbezüglich ganz nüchtern - und wir werden im
Grunde einen Idealismus entdecken, der vor
manchen anderen den Vorzug haben dürfte, nicht
unwahrhaftig zu wirken.
Sie,
meine lieben Abiturienten, die Sie sich nun
anschicken oder anschicken müssen, ihren
Ausbildungskurs des Lebens mit dem Aufstieg in
die Klasse für Fortgeschrittene fortzusetzen,
werden den Zuschauerraum verlassen und sich in
die Kulissen begeben, um zu ergründen, welche
sinnreichen Konstruktionen das von vorn als so
hinreißend erscheinende Wunder des Welttheaters
bewirken. Die Zunahme Ihrer Weisheit wird über
die Phase der Ernüchterung führen. Werden Sie
nicht unwillig angesichts des Gewirres der
Drähte und des Gestänges, dem es an Buntheit
und Lebendigkeit gebricht, sondern denken Sie
daran, daß diese Vorrichtungen dem Menschen das
Spiel ermöglichten, das Sie im Zuschauerraum zu
entzücken vermochte. So sollten wir sinnreiche
Techniken, die im Dienste des Lebendigen stehen,
nicht für gering achten, nicht um sie selbst zu
würdigen, sondern diejenigen, denen sie dienen.
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